Freitag, 4. März 2011

Adriana

Der Auftrag kam von der Askania Media, von Martin Hofmann: Entwickle ein Konzept für eine 7teilige Fernsehserie, die im gegenwärtigen jüdischen Leben in Berlin angesiedelt ist. – Meine Idee war, die Geschichte einer Konvertitin zu erzählen, einer jungen Berlinerin, die sich in einen jungen jüdischen Mann verliebt und seinetwegen zum Judentum übertritt. Der Grundgedanke war: Mit der Konvertitin/der jungen Frau das Publikum an die Hand zu nehmen und es hinein zu führen in die Lebenswelt einer jüdischen Familie. Ich hatte den Auftrag angenommen unter der Bedingung, dass ich ausreichend Zeit und genug Honorar bekomme, um ausführlich recherchieren zu können. Meine erste Gesprächspartnerin bei den Recherchen war Adriana Altaras. Die damals bei Askania beschäftigte Producerin Michaela von Unger, die das Projekt initiiert hatte, kannte sie von Veranstaltungen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Und so hatte Michaela es sich auch gedacht: Ich sollte mit Adriana reden als einer Exponentin des jüdischen Lebens. Dass sie nicht nur Regisseurin, sondern auch Schauspielerin ist, war nebensächlich; so weit waren wir noch lange nicht, um an Besetzungen zu denken. Wir trafen uns im Café Einstein. Mitte Januar 2007 war das. Später Nachmittag. Adriana inszenierte gerade in Potsdam Zar und Zimmermann. Sie kam von einer Probe und musste erst mal dringend was essen. Ich erklärte ihr meine Grundidee. Sie aß einen Salat und konzentriert kauend hörte sie sich das an mit der nicht-jüdischen jungen Frau, und dass die dann konvertiert, aus Liebe. Es war für mich nicht zu erkennen, was sie von diesem Ansatz hielt. Bis sie ihre Gabel auf den Teller legte, nach dem letzten Stück Baguette griff und, ohne eine Miene zu verziehen, sagte: Wie kann man nur freiwillig jüdisch sein wollen. - Michaela und ich lachten - und ich hatte meine Hauptperson gefunden. Es sollte dabei bleiben, dass die Geschichte aus der Sicht der jungen Frau erzählt wird. Aber in den Mittelpunkt wollte ich die Mutter des jungen jüdischen Mannes stellen. Die sollte, das konnte gar nicht anders sein, die musste Adriana spielen. Und den Charakter der Mutter, ihren lakonischen Humor, ihr komplexes Verhältnis zum Judentum und ihr Verhältnis zu der Schickse, der nicht-jüdischen jungen Frau, die sich ihren über alles geliebten Sohn schnappen will – all das wollte ich aus diesem einen Satz entwickeln: Wie kann man nur freiwillig jüdisch sein wollen. Und das hat dann auch tatsächlich geklappt. Ich hatte bei dem Gespräch mein kleines Sony-Aufnahmegerät eingeschaltet. Doch ich habe mir die Aufzeichnung nie angehört. Das musste ich nicht. Denn ich hatte die Stimme Adrianas, ihren Tonfall fortan im Ohr. So wie ich ihr energisches Auftreten, ihre Lebhaftigkeit, ihre zierliche Gestalt und ihr Gesicht immer vor Augen hatte beim Schreiben. - Ich hatte dann noch mal Glück bei meinen Recherchen, als ich auf einen Rabbi traf, dem wenige Tage zuvor die Frau weggelaufen war, der nun alleine dasaß mit seinen vier  Kindern und bei unserem Gespräch noch ganz unter dem Eindruck der Trennung stand. Von ihm habe ich mir den Rabbi abgeschaut, bei dem die junge Frau, wie es der Brauch will, dreimal vorsprechen muss, bis er sie zur Konversion annimmt. – Aus dem schönen Projekt ist dann nichts geworden. Mein Serienkonzept wurde abgelehnt vom zuständigen Gremium der ARD und ein anderer Sender kam dafür nicht in Frage. Danach habe ich den Stoff umgearbeitet zu einem Exposé für einen 90minütigen Fernsehfilm. Nachdem wir alles versucht und auch dafür keinen Abnehmer gefunden hatten, habe ich beschlossen nicht mehr fürs Fernsehen zu arbeiten. Wenn ich es mit dieser Geschichte nicht schaffe, mit was dann, habe ich mir gedacht. – Mein Erfolgserlebnis habe ich trotzdem gehabt. Zwei Erfolgserlebnisse. Das erste, als beim Schreiben die von Adriana inspirierte Figur der Mutter plötzlich von sich aus zu sprechen anfing und Sätze gesagt hat, auf die ich von mir aus nie gekommen wäre. Und nachdem ich den ersten Entwurf geschrieben hatte: Noch bevor ich ihm jemandem bei Askania zeigte, habe ich Adriana den Text gemailt. Keine Stunde später rief sie mich an und sagte: Diese Rolle würde ich unheimlich gerne spielen. – Dazu ist es nicht gekommen. Blöd. Bitter. Schade. Aber mittlerweile egal. Ich habe Adriana kennengelernt und ich konnte mit ihr beim Schreiben arbeiten. Das war den Fehlschlag wert. Vielleicht ist die Geschichte auch gar nicht so gut, wie ich damals dachte. Wir werden es sehen. In den nächsten Tagen werde ich den Exposé-Text formatieren und ihn im Laufe der kommenden Wochen in mehreren Teilen hier veröffentlichen.