Samstag, 30. Juni 2012

Straße des 17. Juni



Sonnenbrand



Mit träumerischem Blick schaue ich auf der Straße des 17. Juni Urlaubern aus aller Welt hinterher und wäre zum ersten Mal in meinem Leben gerne ein Tourist. Das kommt entweder von meinem tapsigen Bedürfnis, auch mal irgendwo dazugehören. Vielleicht beneide ich die Urlauber aber auch nur darum, dass sie irgendwann wieder zu Hause sein werden, und das ist nicht Berlin. Ich habe keine Idee, wie ich einen weiteren Sommer in dieser Stadt durchstehen soll. Und prompt hole ich mir dann noch einen Sonnenbrand, weil ich eine Frau, die ich auf dem Rückweg treffe, nicht unterbrechen will in ihrer aufgeregten Erzählung, indem ich sage, was ich in diesen Momenten immer sage: Können wir uns bitte in den Schatten stellen? Ich hatte nämlich schon einmal Hautkrebs.

Freitag, 29. Juni 2012

Welserstraße



Gleich neben dem Haus, wo einmal das Kino Arsenal  war. Ich fotografiere die schlapp vom Mast hängenden Fahnen, da ich schon ahne, dass ich das Bild brauchen werde nach dem Spiel gegen Italien. Die Fahnen gehören zu dem Laden, der Tische und Stühle rausgestellt hat. An einem der Tische sitzt eine blonde Frau Mitte Vierzig mit zwei Männern im etwa gleichen Alter, beide glatzköpfig und beide haben sie die gleiche bleiche Gesichtsfarbe, die auch die Farbe ihrer kahlen Schädel ist. Einer der beiden ist ein Schweizer und erklärt mit lauter, durchdringender Stimme gerade, warum die Deutschen überall in der Welt so unbeliebt sind. Es hat etwas damit zu tun, dass ein Deutscher, wenn er in eine Bäckerei kommt, einfach nur sagt: Ein Weißbrot! Während ein Schweizer noch alles mögliche andere sagt, wenn er ein Weißbrot will. Ich höre nicht richtig hin. Ich warte darauf, dass der leichte Wind, der von der Motzstraße her kommt, die Fahnen aufbläht, damit ich auch ein Foto habe für den Fall, dass das deutsche Team wider Erwarten gewinnt. Ganz weghören kann ich aber auch nicht von dem Gespräch am wenige Meter entfernten Tisch. So kriege ich nun mit, wie der andere Mann, ein Deutscher, erzählt, dass er einmal in Tel Aviv war, und da hat er mit einer Frau so ein Ich-habe-gesagt-und-dann-hat-sie-gesagt-Erlebnis gehabt und danach hat er sich gedacht: Du dumme Bitch, du! Und jetzt, wenn er sich daran erinnert, muss er es gerade noch mal sagen: So eine blöde, dumme Bitch war das! Worauf der Schweizer sagt, er habe mehrere Juden kennengelernt in Zürich, da gäbe es ja genug von ihnen. Und dann erzählt er, dass das bei Hochzeiten war, dass er in Zürich Juden kennengelernt hat, und dabei wird sein Schweizer Tonfall so abfällig und verächtlich, dass ich lieber weggehe, statt weiter auf den Wind zu warten und mir anzuhören, was der Mann von seinen Erlebnissen mit Juden auf Hochzeiten in Zürich berichtet.

Dass die beiden Männer ein Paar sind, habe ich auf dem Rückweg gesehen. Da sind sie vom Tisch aufgestanden und haben sich herzlich von einer älteren Frau und einem älteren Mann am Nebentisch verabschiedet; die blonde Frau mit dem kleinen Hund war nicht mehr da. Und als sie weggegangen sind, hat der deutsche Mann einen Arm um die Hüften des Schweizers gelegt und der Schweizer hat dem Deutschen einen Kuss auf die Wange gegeben. Wenn Verliebtheit gezeigt wird, dann immer nur bei attraktiven Menschen, wo doch bei hässlichen Menschen die Liebe das viel größere Wunder ist. 

Donnerstag, 28. Juni 2012

Trotz tragisch


Muss ich es erklären? – Nach drei Tagen war der Trotz vorbei. Da habe ich mir gedacht, sobald ich wieder in der Ecke unterwegs bin, gehe ich noch mal bei Johann König vorbei und gucke mir die Ausstellung an. Ohne darüber zu schreiben. Hinter dem Rücken des Blogs. – Mache ich so etwas öfter? – Ich wünschte, ja. Nein. – Es hätte aber auch gut sein können, dass es sich nicht ergeben hätte. Es sah auch schon danach aus, dass es sich nicht ergeben würde, als ich Brigitte treffe, die es tragisch nennt, dass ich die Ydessa-Hendeles-Ausstellung nicht angeschaut habe, nachdem ich schon mal dort war. Doch da fange ich nur an, über Brigittes Wortgebrauch von tragisch nachzudenken: ein Trendwort wie episch und ebenso falsch gebraucht? Aber es beeindruckt mich so wenig wie ihre Begründung, weshalb mein Trotz tragisch war: die Ydessa-Hendeles-Ausstellung sei derzeit die wichtigste Ausstellung in der Stadt. Mit solchen Superlativen habe ich es selber und unterdrücke sie seit Jahren erfolglos. Brigitte erwähnt noch, dass sie auch nicht fotografieren durfte. Und das ist es. Brigitte vormals von der wichtigen taz und neuerdings vom wichtigen Interview durfte auch nicht fotografieren. Schon fühle ich mich nicht mehr diskriminiert. Und war es Brigitte oder war es der kommunikative Mann von der Galerie, der gesagt hat, dass die Künstlerin nicht will, dass fotografiert wird. Na dann - dann ist ein Fotografieverbot kulturtechnisch immer noch so reaktionär wie etwa gegen E-Books zu sein, aber vielleicht werde ich es verstehen, wenn ich die Ausstellung sehe. Am Samstag war ich da. Verstanden habe ich es nicht. Es gibt einen umfangreichen Satz Fotos auf der Galerie-Website, sagt der kommunikative Mann. Besser als nichts, aber ich hätte bessere Fotos gemacht, denke ich, als ich sie sehe, und komme mir vor wie die Hausfrau, die im Restaurant von einem Gericht sagt, bei ihr zu Hause schmecke es ihr besser, und der dafür die Nase ins Zitronensorbet getunkt gehört.   

Brigittes Interview mit Ydessa Hendeles endlich online:  hier. Ich verlinke blind. Muss los: Deutschland - Italia! 

Mittwoch, 27. Juni 2012

Hendeles


Die Vitrine hat die Form eines Tropfens. Einer Träne, sagt der kommunikative Mann von der Galerie. Eine Träne ist ein Tropfen, sage ich und könnte doch auch einfach mal die Klappe halten. 


In der Vitrine zu sehen ist die vergrößerte Nachbildung eines aufziehbaren Spielzeugautos, made in the U.S. Zone, West-Germany, 1945-1952. Ein Exemplar des Originals ist im Besitz - in the collection of the artist, in der Sammlung der Künstlerin. Und so wie Ydessa Hendeles sich als Künstlerin bezeichnet, so bezeichnet sie die stark vergrößerte Nachbildung, die sie von dem Spielzeug hat anfertigen lassen, als Skulptur: sculpture based on a toy made in the US.Zone … .


Am meisten beeindruckt mich der Teil der Skulptur, der eine Nachbildung des Schlüssels ist, mit dem man das Original-Spielzeugauto aufziehen kann, allerdings nicht die Skulptur. Sie hat statt einer aufziehbaren Mechanik zwei Elektromotoren eingebaut, mittels derer sich an den Seiten Flügel ausfahren und an der Kühlerhaube ein Propeller drehen lassen. Das Auto ist nämlich ein Aero Car, ein Flugzeugauto.


Ähnlich gerne gesehen wie den Aufziehschlüssel habe ich die vergrößerte Nachbildung einer Fahrradklingel, die mich wie der überdimensionierte Schlüssel an Arbeiten von Jeff Koons erinnert. Was aber überhaupt nichts zu sagen hat.


Die längste Zeit habe ich in dem kleinen hinteren Raum verbracht, der ganz der Tragödie des Elefanten Jumbo gewidmet ist. – Jumbo? – Wenn wir Jumbo-Jet sagen, dann kommt das vom Namen dieses zu seiner Zeit als riesengroß empfundenen Zoo- und Zirkuselefanten afrikanischer Herkunft, der als erstes lebendes Tier zum Superstar aufstieg und bei einem Zusammenprall mit einer Güterzug-Lokomotive zu Tode kam. 1885 war das. Ein auf drei Plakate verteilter Text aus Harper´s Weekly vom 26. September 1885 ist viel zu lang, um ihn zu lesen beim Gang durch eine Ausstellung, aber dann lese ich die ersten Sätze von The Death of Jumbo und kann nicht mehr aufhören.


Ydessa Hendeles. 1948 in Marburg geboren, als Kind jüdischer Eltern, Shoa-Überlebender, 1951 ausgewandert nach Kanada. Sammlerin vermutlich schon als kleines Mädchen gewesen. International tätige Kuratorin. Als Ausstellungsmacherin eine Geschichtenerzählerin. Am wundersamsten ihre Adaption von Samuel Taylor Coleridge´s romantischem Gedicht The Rime of the Ancient Mariner und Gustave Dorés Illustrationen zu der Ballade vom Seemann, der einen Albatros tötet und damit sich und die Besatzung seines Schiffes ins Unheil stürzt. Der Albatros ist The Bird that Made the Breeze to Blow. Titelerzählung der Ausstellung bei Johann König. Die Formulierung von Ydessa Hendeles. Schreiben kann sie auch. In einem kleinen Buch, das jeder Besucher der Ausstellung als Geschenk mit nach Hause nehmen kann, erzählt sie von jedem Exponat, woher es kommt, was sie alles darüber weiß, welche Assoziationen sie mit dem Gegenstand verknüpft. Und wenn sich jemand fragt, was das alles soll, der Spielzeughund, der auf den Jumbo-Nachruf blickt, die Miniatur des Gynäkologenstuhls mit den Modellpuppen, die winzige Blecheisenbahn oder  Minnie Mouse mit dem Bild von Kater Felix auf ihren Koffern, auch der findet Antworten in dem zugleich sehr sachlichen und sehr persönlichen Text: This seems like a good place to note that while my artistic practice is informed by my life, I do not make or curate art to illustrate my ideas or my life. I am a storyteller staging parallel worlds for audiences. I think with objects and images to develop narratives. The same object will tell one story in one context but quite another when installed somewhere else. (…)


Ausstellung verlängert bis  zum 11. August 2012. Hingehen!



Galerie Johann König
Dessauer Straße 6-7
10963 Berlin
info@johannkoenig.de


Auf Wunsch von Ydessa Hendeles darf in der Ausstellung nicht fotografiert werden. 

Kunst: Ó Ydessa Hendeles
Fotos: Ó Galerie Johann König

Dienstag, 26. Juni 2012

Negative Vibrationen


Das Gute an schlechten Gefühlen: siehe Überstürzt 4. Hier geht es weiter gedanklich, nicht autobiografisch, denn eine Liebe habe ich nicht und eine Person, die mich mag so wie ich sie, die gibt es nicht.  
Nur weil ich jemanden nicht mag, muss ich die Person nicht schlecht machen und damit alles noch schlimmer. Besser, ich nehme die negative Empfindung als Warnung und halte mich fern von der Person. Aber wenn das nicht geht, weil die Person zum Beispiel mein Auftraggeber ist oder jemand, mit dem ich zusammenarbeiten muss, oder eine geliebte Person? Dann kann mir mein Leiden unter ihr die Kraft geben, mich so unabhängig zu machen, dass ich der Person nicht mehr ausgeliefert bin, wenn sie ein Auftraggeber oder ein Kollege ist. Und wenn sie eine geliebte Person ist, dann werde ich zuallererst einmal einsehen müssen, dass es das gibt, eine Person zu lieben, zugleich aber eine Abneigung zu haben gegen sie oder dagegen, wie diese Person ist. Habe ich mir das einmal klar gemacht, werde ich offen sein dafür, eine Person zu treffen, die ich mag, und mit einem bisschen Glück mag sie auch mich. Mit der geliebten Person brauche ich mich dann nicht mehr abzugeben. Es wird ausreichen, wenn ich meine Liebe in eine gut ausgeleuchtete Glasvitrine stelle, so dass jeder sie sehen und sich an ihr erfreuen kann. Denn dazu sind all die Liebesgeschichten doch da: dass wir in ihnen Frauen und Männer in einer solchen Wunderbarkeit sehen, dass wir ganz vergessen, was für eine Enttäuschung wir Menschen füreinander sind, alle. 

Tauentzienstraße


Montag, 25. Juni 2012

Bettlerin


Die große junge Frau mit dem karierten Plastikrucksack, die ihre Karte in den Geldautomaten neben mir steckt, ist die Bettlerin aus der Akazienstraße. Jetzt bin ich aber mal gespannt, denke ich, während sie ihre Geheimzahl eingibt. Alleine schon, dass sie als Bettlerin ein Konto hat. – Quatsch! Warum soll eine Bettlerin kein Konto haben? – Mir hat der Automat gegeben, was ich wollte. Ich stecke das Geld und meine Karte weg und beobachte, wie sie wartet und dann enttäuscht ihr Gesicht verzieht, weil der Automat ihr nichts gibt. Ihr Gesicht wie zu oft gewaschen, die  Spitze ihrer kleinen Nase gerötet. Ihre Enttäuschung nicht allzu groß, sie scheint nur wenig Hoffnung gehabt zu haben, dass Geld auf ihrem Konto ist. Raus aus der Sparkasse und schon fängt sie an zu betteln. Der Mann, den sie anspricht, schüttelt den Kopf. Der nächste geht einfach weiter. Sie überquert die Hauptstraße am Fußgängerübergang vor der Post. Rot, als ich zur Ampel komme. In meiner Hand habe ich ein Eurostück, das ich ihr geben möchte, wenn ich an ihr vorbeigehe, wortlos. Ich sehe, wie sie auf der anderen Straßenseite jemanden anspricht und nichts kriegt. Sie geht weiter Richtung Akazienstraße. Obwohl sie immer wieder Leute anbettelt, kommt sie schneller voran als ich. In der Akazienstraße verliere ich sie aus dem Blick. An der Ecke Belziger sehe ich sie wieder. Eine kleine Frau, nicht viel älter als sie, gibt ihr was. Die Bettlerin macht einen Knicks. Als die kleine Frau mir entgegen kommt, strahlt sie vor Freude darüber, dass sie der Bettlerin was gegeben hat. Die Bettlerin spricht jetzt einen jungen Mann an und hat gleich noch mal Erfolg. Er sucht nach Kleingeld. Erst sieht es so aus, als würden die beiden miteinander sprechen. Aber als ich an ihnen vorbeigehe, kramt er schweigend in seinen Taschen und sie wartet schweigend. Ich gebe ihr nicht das Eurostück, wie ich es vorhatte. Warum, ist unklar. Ich stelle mich zu Oleg auf die Treppe vor seinem Laden. Seitenblick der Bettlerin, als sie vorübergeht, doch sie sprich uns nicht an. Oleg hat ihr noch nie etwas gegeben, weil er hat mal gesehen, wie sie Kasse gemacht hat, sagt er. – Wie? Kasse gemacht? – Na, wie sie im U-Bahnhof Eisenacher Straße ihre Einnahmen auf einer Bank ausgebreitet hat. Das waren bestimmt 200 Euro. – Ja und? Man kann ihr doch nicht zum Vorwurf machen, dass sie erfolgreich ist als Bettlerin. Sie tut schließlich auch was dafür. Ich schildere Oleg, wie viele Leute sie eben ansprechen musste, bis zwei Leute ihr was gegeben haben. Dann erzähle ich ihm, wie ich sie vorher auf der Sparkasse beobachtet habe. Für mich ist sie authentisch arm, sage ich. Oleg bezweifelt das nicht, aber er hat andere Leute, die er unterstützt, sagt er. Sie mag er nicht. Das verstehe ich. Ich habe ihr zuletzt auch nichts mehr gegeben. Wir sehen sie auf der anderen Straßenseite zurückkommen und Leute ansprechen. Ich verabschiede mich von Oleg. Während ich den Apostel-Paulus-Kirchplatz überquere, sehe ich schwarze Wolken aufziehen und beeile mich, muss noch zum Bäcker und als ich den Laden betrete, merke ich, dass ich immer noch das Eurostück in der Hand habe, das die Bettlerin nicht gekriegt hat. 

Die Knöpfe gibt es im Laden von Oleg.


Samstag, 23. Juni 2012

Parade






15:50 - 16:00. CSD am Potsdamer Platz.

Siehe auch: Rechts geht es zur Parade.

Überstürzt 2


Das Objekt in der Mitte des Raumes, das mal ein Regal war. Marcel Frey zeigt mir, wie er es bei einer früheren Ausstellung, in der Städtischen Galerie Karlsruhe, aufgebaut hat. So, dass es noch wie ein Regal aussah. Während es jetzt ein für sich selbst stehendes Gebilde ist, an keine bekannte Form erinnernd, zu nichts zu gebrauchen, als hier zu stehen und als ein objet d´art angesehen zu werden. Frage an ihn nun: Was hat ihn geleitet dabei, die Steckmodule so und nicht anders zusammenzusetzen, als wir sie hier zusammengefügt sehen zu diesem Gebilde, das, wenn es einen Mund hätte, ihn weit aufreißen und ununterbrochen schreien würde: KUNST! KUNST! KUNST! - Ich will ihm diese Frage gerade in einer vereinfachten Version stellen: Was leitet Sie, wenn Sie so ein Gebilde arrangieren? Just in dem Moment sieht er jemanden, den er eben mal begrüßen will. Das ist schnell geschehen, doch dann kommt es zu einem längeren Dialog mit dem Mann, der eine modisch knallfarbige Jeans trägt wie er, und gleich danach hat er einen noch längeren Dialog mit einer älteren Frau, die mit Schweizer Akzent spricht, sowie einer jüngeren Frau, die seine Freundin sein könnte, denke ich erst, komme aber wieder davon ab. Vertreibe mir die Wartezeit damit, dass ich ihn fotografiere, ohne dass mir ein brauchbares Foto gelingt, weil ich darauf bedacht bin, ihm nicht zu nahe zu kommen, da ich nicht aufdringlich erscheinen will. Ha-ha! Denn nun geht er in den mittleren Raum zurück und spricht dort mit einem hageren Mann über das zweckentfremdete Regal. 


Zum wiederholten Male höre ich, wie Marcel Frey Inszenierung sagt, und wenn ich es richtig verstehe, dann ist Inszenierung nicht gut: bloß keine Effekte! Das ist so klar, dass er es nicht zu erläutern braucht. Aber was leitet ihn, wenn es nicht eine Wirkung ist, die er erzielen will, würde ich ihn gerne fragen und er könnte mich auch einbeziehen in das Gespräch mit dem hageren Mann. Aber anscheinend will er gerade das nicht. Kein Drumherumgerede. Der junge Künstler ist mir von Anfang an unangenehm gewesen und da brauche ich mich nicht zu wundern, wenn ihm das hinter meiner routinierten Freundlichkeit nicht verborgen geblieben ist und ich ihm auch unangenehm bin. Aber das sagt er nicht, als er sich an mich wendet. Er sagt: Dass es ihm unangenehm ist, dass ich ihn andauernd fotografiere. Ich möge doch bitte damit aufhören. Und ich sage nicht, dass ich unser Gespräch von vorhin fortsetzen möchte und ihn nur aus Langeweile fotografiere, denn ich will kein Foto von ihm in meinem Blog haben, weil sein Gesicht mir nicht gefällt. Ich sage: Mir ist es auch unangenehm. Wie er mit mir redet, meine ich damit. Der hagere Mann will vermitteln: Daran werden Sie sich jetzt gewöhnen müssen, sagt er zu ihm. Fotografiert zu werden als der Jungstar, der Marcel Frey jetzt ist, meint er damit. Aber darum geht es nicht. Es war ihm unangenehm, dass ich fortwährend in seiner Nähe geblieben bin, und da es für ihn anscheinend ausgeschlossen war, das Gespräch mit mir fortzusetzen, konnte er mich nur bitten, endlich zu verschwinden. Er wiederholt, dass es ihm unangenehm ist, andauernd von mir fotografiert zu werden, und erklärt, dass es möglich sein muss, das zu sagen. Statt ihm zu entgegnen, dass ich gar nicht so viele Fotos von ihm gemacht habe (acht), murmele ich, dass er schwer zu fotografieren ist. Was stimmt. Darauf sage ich noch mit leiser Stimme: Das war grob. Dann wende ich mich beleidigt ab und verlasse die Galerie. Während ich durch die Potsdamer Straße gehe, bin ich immer noch beleidigt, weiß aber nicht, was ich damit anfangen soll. Ihm habe ich nichts vorzuwerfen; er ist, wer er ist. Und an seiner Kunst hat es nicht gelegen; über die hätten wir reden können. Also hat es an mir gelegen. Ach, wäre ich doch lieber zu dem Musik- und Mal-Ereignis von Boris Duhm nach Kreuzberg gegangen, denke ich. Doch nicht mal diesen Seufzer des Bedauerns kann ich mir durchgehen lassen. Denn wäre ich Marcel Frey nicht begegnet, hätte ich nicht diese Geschichte zu erzählen gehabt.

Marcel Frey
Post Function
Bis 4.08.2012

Galerie Thomas Fischer
Potsdamer Straße 77-87, Haus H

Kunst:  Ó Marcel Frey
Foto: Ó w.g.

Freitag, 22. Juni 2012

Überstürzt 1



Die Hose des einen so blau wie die Hose des anderen rot. Rate, rate, wer von beiden ist der Künstler? Kommt aus Mönchengladbach. Jahrgang 1980. Meisterschüler der Kunsthochschule in Karlsruhe. Lebt dort jetzt als freier Künstler. Hat in Kunsthallen und Museen in Stuttgart, Donaueschingen, Basselland, aber schon auch mal in Wien ausgestellt. Jetzt seine erste Ausstellung in Berlin, seine erste Galerieausstellung, in der kleinen, feinen Galerie von Thomas Fischer. Ebenso distinguiert der Galerist selbst: höflich, fundiert, feinsinnig, geschliffen - und engagiert bis zur Euphorie.


Weil ich die Vernissage überstürzt verlassen werde, komme ich nicht mehr dazu, Thomas Fischer zu fragen, wo er Marcel Freys Arbeiten entdeckt hat. Ich weiß nur, welche Arbeit es war, die Thomas Fischer auf ihn hat aufmerksam werden lassen.


Die Teller Fondueteller. Das Gestell eine Blumenetagere. Die Fondueteller nehmen die Stelle von Blumentöpfen ein. Titel des Gebildes: Kreismeister. Ein Ausnahmefall. Die meisten von Marcel Freys Arbeiten sind ohne Titel und es fehlt ihnen deswegen nichts.



Der gestalterische Zugriff ist immer der gleiche bei Marcel Frey. Neu arrangieren, übermalen, umspritzen, verfremden - zweckentfremden. Gebrauchsgegenstände werden zu Objekten ästhetischer Betrachtung gemacht. Und als wäre das noch nicht einfach genug, greift Marcel Frey dazu nicht ins volle Leben, er macht es sich leicht, er sucht sich Gegenstände aus, die bereits vor-auratisiert sind. Sachen vom Trödel, kein Bommel- und Fransen-Trödel, Neo-Trödel, mit dieser Wahl beginnt seine Kunst. Die Umgestaltung des Alltagsmaterials zum Kunstobjekt ist dann aber noch mal etwas anderes und ich würde zu gerne wissen, von was er sich leiten lässt, wenn er zum Beispiel ein aus Steckmodulen bestehendes Regal so zusammensteckt, dass es keine Ähnlichkeit mehr mit einem Regal hat, wie das in einer früheren Ausstellung noch der Fall war.


Wie ich keine Antwort auf meine Frage bekomme und warum ich die Vernissage überstürzt verlassen habe: Fortsetzung folgt  

Kunst:  Ó Marcel Frey
Fotos: Ó w.g.

Donnerstag, 21. Juni 2012

Caty



Caty Schernus. Apfelgalerie in der Goltzstraße. Erdbeer- und Kirschenzeit. Ich bin da wegen der Erdbeeren. Heute komme ich noch mal, weil ich gestern vergessen habe, ein Erdbeerenfoto zu machen. Ich könnte stundenlang Früchte fotografieren. Ich könnte auch stundenlang Caty fotografieren. Aber soviel Geduld hat sie nicht. Deshalb gibt es nur die zwei Bilder von ihr, eins von gestern, eins von heute.


Die Erdbeeren sind nicht so süß, wie Erdbeeren sein können, wenn sie zum Beispiel aus Italien kommen. Diese Erdbeeren kommen aus Brandenburg und sie haben eine leichte Säure und ein sehr feines Aroma. - 500-Gramm-Schale 2 Euro 40. Vortagserdbeeren, 2 Kilo im Spankorb 6 Euro 50.


Apfelgalerie Schöneberg
Goltzstraße 3
10781 Berlin
Öffnungszeiten:
Montag - Freitag 11-19 Uhr
Samstag 11-15 Uhr


Mittwoch, 20. Juni 2012

Mittelmaß


Die Sommerferien beginnen mit einem Regentag. Kurz nach acht treffen die ersten Feriengäste im Hallenbad ein. Eine Gruppe 14jähriger, denen ihre Badehosen bis zu den Kniekehlen reichen. In der Umkleide kommt mir einer von ihnen entgegen und ich denke, wenn ich so einen Sohn hätte, wäre es mir auch nicht recht.

Ein neues Feuilleton-Thema baut sich auf: Besonderheit. Es kommt aus den USA. Der Highschool-Lehrer David McCullough hat bei der Abschlussfeier seiner Schule darüber gesprochen und mittlerweile wurde das Video mit seiner Rede auf YouTube fast eineinhalb Millionen Mal aufgerufen. - Ausschnitt:




You´re not special. Ihr seid nichts Besonderes, wie euch eure Eltern immer eingeredet haben. Etwas Besonderes ist nur jemand, der etwas Besonderes tut. Jemand, der glaubt, er sei etwas Besonderes, weil es ihm immer wieder gesagt wird, ist nur besonders dumm. Und da man auch etwas Besonderes ist, wenn man bewaffnet durch die Klassenzimmer seiner Schule zieht und wie bei einem Computerspiel so viele Mitschüler und Lehrer wie möglich abknallt, ist zu überlegen, ob es in jedem Fall erstrebenswert ist, etwas Besonderes zu sein. Das hat nicht der Lehrer gesagt, das ist ein Hinweis von mir und ganz auf dessen Linie ist ein Artikel auf Spiegel Online mit einem Plädoyer für Durchschnittlichkeit. Mit Mühe schlage ich mich bis zum Schluss des Textes durch und kann danach nur von der Lektüre abraten, denn der Autor hätte das Thema Mittelmäßigkeit anschaulicher nicht darstellen können. Lesenswert allerdings die Zitate-Sammlung. Ich empfehle Aristoteles und Kant.

Dienstag, 19. Juni 2012

Zweite Hand



Rein zu Humana in der Hauptstraße, wo Michaela letzte Woche rausgekommen ist, sonst hätte ich es noch lange nicht bemerkt, dass da jetzt ein Laden der Second Hand-Kette ist, wo vorher Bio Company war.
Du kaufst bei Humana?
Ich kaufe alle meine Sachen Second Hand, sagt Michaela und begründet es damit, dass sie beim Arbeiten in ihrer Kneipe sich immer mal wieder einen Fleck einfängt, der nicht mehr rauszukriegen ist, und dann kann sie Bluse, Hose oder Rock wegwerfen, worüber sie nicht lange nachdenken muss, wenn sie für das Teil nur 2 Euro 50 gezahlt hat.
2 Euro 50?
Ja, und dafür gibt es oftmals beste Markensachen. Du glaubst gar nicht, was die Leute alles wegwerfen, sagt sie und dann sagt sie noch, dass ich gar nicht glaube, wer da alles einkauft.
Alleine schon deshalb mal hin und gerade bin ich von vorn nach hinten gegangen und habe mich umgedreht, da sehe ich eine mir aus meiner Nachbarschaft bekannte sehr großgewachsene Frau, die nicht die ebenfalls sehr großgewachsene Katharina Hacker ist. Die Frau jetzt ist noch größer als die Schriftstellerin. Deshalb wundert es mich, dass sie hier einkauft, heißt: dass sie hier etwas kriegt in ihrer Sondergröße. Sie scheint auch schon etwas gefunden zu haben. Denn sie geht nun zum Anprobieren in eine Kabine. Was mir recht ist, weil ich sie dann nicht grüßen muss, wenn ich gleich den Laden verlasse. Nicht, dass es mir peinlich wäre, hier gesehen zu werden, aber vielleicht ist es ihr peinlich.


Mehr als zwei Drittel des Angebots in dem Humana-Laden in der Hauptstraße ist Frauenbekleidung. Die Männerbekleidung ist im hinteren Teil des Ladens untergebracht, wo es auch Kindersachen und Schuhe gibt. Der ganze Laden hat eine Ausstrahlung von Elend. Aber am deprimierendsten ist die Vorstellung, dass jemand sich hier Schuhe kauft und sich hinterher über die getragenen Schuhe freut wie über ein Paar neue.


Beim Lesen der Etiketten von Sakkos und Hemden finde ich keinen mir bekannten Markennamen und ich kenne viele Markennamen. Preise: Hemden zwischen 2 und 19 Euro, eines der Sakkos 45 Euro. Bei den Schuhen habe ich vergessen, nach den Preisen zu gucken. Ich nehme an, weil ich wegen meiner Aversion gegen den Verkauf getragener Schuhe nicht so nah ran wollte. – Übertreibe ich jetzt nicht? – Während ich den Eingang fotografiere, kommt jemand vorbei, den ich kenne. Er bemerkt den Humana-Laden auch zum ersten Mal.
Waren die nicht früher am Nollendorfplatz?
Weiß ich nicht, die sind überall in Berlin, zum Beispiel auch am Alexanderplatz. Von 22 Humana-Läden sind 14 in Berlin. Woran man wieder einmal sieht, dass Berlin eine Arme-Leute-Stadt ist, sage ich. Und weil ich weiß, dass die Frau mit den viel zu blonden langen Haaren, die ich beim Rausgehen beobachtet habe, mir energisch widersprechen würde, erwähne ich noch das Angebot höherwertiger Bekleidung an der Längsseite rechts, wo die viel zu blonde Frau jetzt steht, die außerdem viel zu große Brüste hat für das enge weiße T-Shirt, das sie trägt zu verwaschenen Designerjeans, beides vermutlich bei Humana gekauft. 


Der Gesprächspartner hört sich gleichgültig an, was ich ihm über Humana erzähle und wundert sich nur, dass ich heute kein anderes Thema habe. Erst, als ich auf die ausgelatschten Schuhe komme, die sie in dem Laden verkaufen, da zeigt er spontan Wirkung, indem er sein Gesicht verzieht. Ich will gar nicht wissen, warum. Mir genügt, dass es mindestens eine Person gibt außer mir, der das auch gegen den Strich geht mit den getragenen Schuhen. 
Auch noch von heute: Mauerblümchen

Montag, 18. Juni 2012

Beschwingt


Der Schrecken lächelt. Das Unheil swingt.

Verantwortungslos. Skandalös. Wunderbar!



Ausschreibung


Nach zwei Stunden kann ich nicht mehr zuhören und habe erst mal keine Fragen mehr, obwohl ich so viel gar nicht gefragt habe. Ich habe von mir erzählt, darauf hat sie gesagt, was ihr dazu eingefallen ist von sich und so ist sie ins Erzählen gekommen. Alter Trick, um jemanden zum Reden zu bringen: über sich selbst reden. So lange, bis die andere Person endlich auch mal was sagen will:
Ich dachte, du wolltest etwas von mir hören.
Ja, natürlich. Entschuldige. Ich rede zu viel, weil ich den ganzen Tag allein war.
Das ist der Trick und der liegt mir, weil ich mir dazu nichts auszudenken brauche, da es einfach so aus mir heraussprudelt, wenn ich mich mit jemandem hinsetze zum Reden, weil ich so gut wie immer den ganzen Tag alleine war. Darüber will ich nun auch mit ihr sprechen. Über das Alleinsein. Ihr Alleinsein. Ich will wissen, wie sie lebt, und darüber will ich schreiben. Das Heikle dabei ist, dass sie glauben könnte, dass ich mein Alleinsein in eine Beziehung setzen will zu ihrem Alleinsein. Das kann ich nicht verhindern, sie wird es schon merken, dass das nicht so ist, obwohl sie mir schon gefallen könnte und wir uns gut verstehen und öfter lachen, aber es gibt keine Absicht bei mir außer der, zu erfahren, wie sie ihre Zeit verbringt und wie sie sich dabei fühlt und was sie noch nie jemand anderem erzählt hat, aber mir erzählt sie es.

Ich spreche darüber, dass ich mich allmählich mit dem Alleinsein abfinde, auch wenn es an manchen Tagen sehr schwerfällt. Gerade heute Nachmittag, erzähle ich ihr, da war ich mal an einer Stelle, wo ich mir überlegt habe, ob ich wieder einmal zu viel Rotwein trinken soll, weil das entspannt und das Problem ist dann nicht mehr das Alleinsein, sondern der Rotwein. Darauf will ich noch sagen, dass ich die Idee gleich wieder verworfen habe, und weil ich gerade an Das süße Leben vorbeigekommen bin, mir lieber zwei Negerküsse (korrekt: Schaumküsse) mit doppeltem Schokoladenüberzug gekauft habe. Und in meiner Geschwätzigkeit hätte ich ihr auch noch erzählt, dass die zwei Negerküsse zwei Euro gekostet haben und viel zu teuer waren für mein Budget, aber allemal günstiger, als in meine vor drei Jahren glücklich überwundene Rotweingewohnheit zurückzufallen. Doch dazu komme ich nicht, weil sie mich, kurz nachdem ich zum ersten Mal Rotwein gesagt hatte, unterbricht, um von ihren Weißweingewohnheiten zu erzählen. Als hätte sie nur auf diesen Einstieg gewartet, um nun endlich loslegen zu können. Und so war es auch, sagt sie mir zwei Stunden später, in denen wir über ihr Leben mit ihrem Weißweinproblem gesprochen haben. Denn ein Problem ist es und – gibt sie nun zu -, sie hat mich und das Gespräch mit mir nur benutzt, um auszuprobieren, ob sie offen mit jemandem darüber sprechen kann, der nicht ihre Vertraute oder ihre Suchtberaterin ist, bei der sie auf Anraten ihrer mütterlichen Vertrauten Hilfe gesucht hat, weil sie es allmählich mit der Angst zu tun kriegte vor dem, woran sie sich beim Aufwachen an den Morgen danach erinnert hat.

Was wird das schon sein, woran sie sich erinnert hat, denke ich. Irgendwelche Mr. Goodbar-Geschichten. Und die interessieren mich nicht. Noch vor vier, fünf Jahren hätte ich gar nicht genug kriegen können davon. Jetzt ist mir das alles zu interessant. Das sage ich auch zu ihr, als es darum geht, ob wir uns noch mal treffen sollen, um das Gespräch fortzusetzen. Sage es mit einem Grinsen, dass mir ihre Geschichte zu interessant ist, merke aber bald, dass es tatsächlich so ist: zu lustig, zu aufregend, zu dramatisch … - eine Geschichte von der Art, von der es viel zu viele gibt. Nicht Suchtgeschichten, meine ich. Geschichten, in denen sich etwas im Leben zuspitzt und dann zerbricht ein Mensch oder er wird gerettet oder, wenn es nach allen Regeln der alten Erzählkunst zugeht: er rettet sich selbst. Sie, die Frau, die Weißwein trinken kann wie Wasser, sie hat schon damit angefangen sich zu retten, indem sie freiwillig zur Suchtberatung gegangen ist. Und ich habe ihr auch gerne zugehört, als sie ihre Aufrichtigkeit an mir ausprobiert hat, aber schreiben will ich darüber nicht. Ich will über ein Leben schreiben, das so uninteressant ist, dass die Frau, die es hat, es gar nicht glauben kann, dass ich das alles wissen will, was sie mir da erzählt. Erst beim zweiten oder dritten Gespräch wird sie Zutrauen fassen zu dem, was sie mir zu erzählen hat, weil sie merkt, wie eine Geschichte daraus wird, während ich ihr zuhöre, und wenn ich sie aufgeschrieben habe, wird sie sehen, wie anders und wie viel interessanter ihre Geschichte ist als die Geschichten, die sie kennt.  

So eine Frau suche ich. Mit einem solchen Leben. Damit ich eine Geschichte darüber schreiben kann, die anders ist als die Geschichten, von denen es viel zu viele gibt. 

Sonntag, 17. Juni 2012

Miami


Stipendiaten in Miami.


Clara Bahlsen, Carla (aus der Serie: "Töchter"); C-Print, 69 x 86 cm; 2012. - Ausschnitt:


Bosse Sudenburg, Die Verlängerung; Baumwolle, Polyester, Metall; 120 x 60 x 10 cm; 201.


Gesucht! Eine Frau, deren Leben ist wie dieser Mantel.

Kunst: Ó Clara Bahlsen, Bosse Sudenburg

Fehrbelliner Platz


13:34



Donnerstag, 14. Juni 2012

Malaktion



Den anderen Maler treffe ich zuvor bei subject object , wo er eine Malaktion vorbereitet. Start: Freitag, 15. Juni, 18 bis 21 Uhr. Dauer: Vier Tage. 16. - 20. Juni (Sa bis Di), täglich 13 bis 18 Uhr. Ich habe nicht ganz verstanden, worum es geht. Nur so viel, dass Leute sich reinstellen sollen in die Installation, fotografiert werden und Gerit Koglin wählt dann abends die Fotos aus, die ihm am besten gefallen, und überträgt sie auf die Wand. Kunst zum Mitmachen.




Während wir reden, verpassen wir nichts und erleben zusammen das 0:2 der deutschen Mannschaft.


Wir sehen uns zum ersten Mal seit letztem Oktober. Ich weiß, dass Liljana vier Bilder von ihm verkauft hat, unter anderem das großformatige Eiscreme, und dass Gerit seinem vorherigen Galeristen mit dem Anwalt gedroht hat, habe ich gehört. Falsch. Ich habe ihm damit gedroht, dass ich zur Polizei gehe und ihn anzeige wegen Betrugs, wenn er mir nicht das Geld zahlt, das er mir schuldet, sagt Gerit. Ihm schuldet für einen Bildverkauf. 6000 Euro beträgt sein 50-Prozent-Anteil, die stottert der Galerist jetzt in 500-Euro-Raten bei ihm ab; vier Monate lief das glatt, jetzt steht die Mai-Überweisung aus. Aber das ist noch nicht alles: Als Gerit Anfang des Jahres die unverkauften Bilder abholte und zwei fehlten, war die Erklärung, die der Galerist dafür gab, so unglaubhaft, dass Gerit vermutet, dass er die beiden Bilder verkauft hat und ihn jetzt hinhält, weil er ihm seinen Anteil nicht zahlen kann oder will. Wenn Gerit sich vorstellt, was das für ein Schreckensjahr war, 2011! Kein Erfolg, kein Bild verkauft, keine Einnahmen, die Krisengespräche mit seiner Frau darüber, wie es weitergehen soll. Und jetzt auf einmal ein ganz anderes Szenario 2011: So wie es aussieht, drei Bilder verkauft. Das ist nicht sensationell, aber es hätte Mut gemacht und gereicht, um finanziell zurechtzukommen. Stattdessen nun Veruntreuung, Unterschlagung, alles mutmaßlich, versteht sich. Auch anderen Künstlern schuldet der Galerist Geld. Das macht es nicht besser, nur unwahrscheinlich, dass Gerit am Ende bekommt, was ihm zusteht. Aber nun wenigstens keine Selbstzweifel mehr und mit Liljana eine Galeristin gefunden, der er vertrauen kann und die sich für ihn engagiert, weil sie begeistert ist von seiner Kunst und seiner Person. Was der Andere wahrscheinlich auch mal war, aber bei dem hat es nichts genutzt.


Kunst: Ó Gerit Koglin