Sonntag, 29. April 2012

Redux




Auf der Treppe zur Galerie Klosterfelde kommt mir die mir unbekannte Inga Likšaité entgegen, sie gibt mir eine Karte und sagt, das sei in der Pohlstraße und da soll ich hinkommen, to see my art. Das sagt sie mit einer so unwiderstehlichen Freundlichkeit, dass es völlig klar ist, dass ich das tun werde, obwohl ich gerade in die vierte Galerie gehe an diesem Nachmittag und noch drei vor mir habe. Wenn ich nicht fotografieren würde, wäre es jetzt langsam an der Zeit, um mich davon zu schleichen aus dem Programm, das ich mir vorgenommen habe. Bei sieben Galerien in zwei Stunden ist Kunst betrachten nicht mehr möglich. Das ist es auch noch aus anderen Gründen nicht, doch darüber Stillschweigen. Denn es ist so, wie ich zu Tanja Wagner sage, als ich ihr erkläre, wie ich über Kunst schreiben will: erzählend, nicht kritisch urteilend. Wenn ich urteilen muss, manchmal kann ich nicht anders, dann geht es mir drei Tage lang schlecht danach, weil Urteilen so vulgär ist. Es geht mir schlecht, weil ich auf keinen Fall vulgär sein will. Wie sehr ich es dennoch bin, zeigt sich mir aber jedes Mal wieder, wenn ich urteile. So dass ich, mich lieber in Vorstellungen versteige wie der von der gekauften Ausstellung, nur um ein negatives Urteil und seine Vulgarität zu vermeiden. - Das würde die Gilla nie machen! hat Johannes gestern gesagt und ich habe dumm dagestanden mit meiner Unterstellung, sie habe mehr bekommen vom aktuell ausstellenden Künstler als nur seine Kunst. Trotzdem wollte ich keinen Rückzieher machen. Stattdessen sage ich mir nun, dass das eben meine Methode hysterisch-paranoischer Kunstkritik ist, was ich geschrieben habe über die vom Künstler gekaufte Ausstellung. Das geht. Das ist nicht vulgär. Es ist bizarr und geht nicht anders.


Redux steht auf der Karte, die mir die junge Künstlerin gegeben hat. Pohlstraße 70, das ist gleich neben dem Haus, in dem sich die Galerie Tanja Wagner befindet. Die Künstlerin kommt from Lithonia, draußen neben dem Eingang sitzt ihre Schwester, die heißt Dalia und sagt, ich brauche mein Fahrrad nicht abzuschließen, sie passt schon auf. Drinnen gibt es einen Tresen und dahinter ein Regal mit Spirituosen. Der Ort ist eine private bar, die Verwandten gehört, die sie Inga für ihre improvisierte Ausstellung überlassen haben. Ich verfluche die sieben Galerien, in denen ich zuvor gewesen bin, die von Tanja Wagner nicht mitgezählt. Ich kann nicht mehr und es ist kompliziert, was mir Inga erzählt: sie näht mit der Hand und mit der Maschine, Muster näht sie. Embroider, sagt sie. Das heißt Sticken. Ich kapiere nicht, was das mit der Videokunst zu tun hat, die auch noch im Spiel ist, und im Hintergrund läuft Musik, die habe ich einmal wunderbar gefunden, aber ich weiß nicht mehr, wann und wo. Ich schaue nach, woher die Musik kommt und bemerke jetzt erst die Videoprojektion hinter der Bar. Zu sehen sind kurze Takes aus Wong Kar Wai, In the Mood for Love. Inga hat die Takes kopiert, bearbeitet (abgemischt?) mit ihren Stickmustern und sie neu montiert. The movie of Wong Kar Wai is my material and my inspiration. Jetzt verstehe ich, was Inga macht, und ich beneide sie um die Einfachheit und Schönheit ihres Ansatzes und um die Reinheit ihrer künstlerischen Aktion. Es ist, was jeder DJ in einem Club macht, aber da sie es nicht mit Platten und Musik, da sie es mit Filmmaterial und Nadel und Faden macht, ist es noch einmal etwas ganz anderes und etwas ganz Eigenes.





Blog: Textiles by Inga Liksaite

Kunst: ã Inga Likšaité
Fotos: ã w.g.

Next Stop Art 3


Tanja Leighthon. - Alejandro Cesarco, The Early Years:


Klosterfelde. - Matt Mullican, Two Into One becomes Three:


Esther Schipper. - Dominique Gonzalez-Foerster, Return to Noreturn:






Galerie Tanja Wagner. - Paula Doepfner, try my dear:



Kunst: ã die ausstellenden Künstler 
Fotos. ã w.g. 

4Steve



Samstag, 28. April 2012

Next Stop Art 2

Die für uns wichtigsten Aspekte der Dinge sind durch Einfachheit und Alltäglichkeit verborgen. (Man kann es nicht bemerken, - weil man es immer vor Augen hat.)
Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen. Zitiert an einer Wand im Vorraum der maerzgalerie. Motto der Galerie oder der aktuellen Ausstellung? - Ausstellung Wahrheit oder Pflicht mit Arbeiten von Hans Aichinger.


Galerien angucken. 401contemporary:









Bei Thomas Fischer halte ich den Mann, der mir das Elektrokardiogramm von Marcel Duchamp zeigt, für den Galeristen und muss mich korrigieren (2.05.12): Der Mann ist Boris Hars-Tschachotin, der Initiator und Ko-Kurator der Ausstellung.



In dem Kasten ist es drin: 57 Herzschläge pro Minute, das EKG von Marcel Duchamp. Gemacht kurz vor seinem Tod von Brian O'Doherty für sein Portrait of Marcel Duchamp. Zu sehen in der O´Doherty-Schau: From Electrocardiogram to Rope Drawing.

Titelidee: Henry Anno.


Kunst: ã die aussstellenden Künstler
Fotos: ã w.g.

Next Stop Art 1

Gallery Weekend. Der Gallery Cluster im Innenhof des ehemaligen Tagesspiegel-Gebäudes.


Two Kindred Spirits bei Florent Tosin.


Zwei verwandte Geister.





Drama by Kent Monkman (ã).

Freitag, 27. April 2012

Nettigkeit

T-Shirt-Wetter! Ich komme von Innenaufnahmen mit Jenny und will noch nicht nach Hause. Imad fotografiere ich nur, um den Mann, der neben ihm sitzt an meine Kamera zu gewöhnen. Aber dann sagt der Mann, dass er sich erst von mir fotografieren lässt, wenn er wieder dünn ist. Ich schaue ihn an, schaue das Besteck an, das ihm der Kellner bringt: Essen kommt gleich. Ob der noch mal dünn wird? Ich freue mich über das Foto von Imad. Titel: Händler der vier Jahreszeiten.



Und was ist das mit dem Kunstpreis? fragt sie, noch bevor wir uns begrüßt haben, und ich kann nicht mehr darüber sagen, als im Blog steht und dass ich da mein Zeug hinschicken würde, wenn ich Bildender Künstler wäre. Dann noch Reden im Vertrauen über die Frau, die mir den Hinweis gegeben hat, und dass es zuletzt bei der künstlerisch nicht so gelaufen ist, das kann sich auch schnell ändern, da sind Uliane und ich uns einig. Dann legt die vielleicht eine Schaffensperiode hin, dass die Welt wackelt, sage ich, weil ich mich menschlich dazu verpflichtet fühle. 



Gut gelaunt. Nur so erreiche ich etwas bei ihr. Doch nach nur dreimal Abdrücken geht es schon wieder los mit dem Widerstand: Das muss reichen für heute, sagt sie. – Ich: Rede nicht so mit mir, ich bin älter als du. – Das heißt gar nichts. – Oh doch! (Klick-Klack) Jetzt habe ich es, Michaela. Das ist es, was ich wollte. – Neulich habe ich mal zu ihr gesagt: Es ist mir egal, was du über mich denkst. Bei dir habe ich einfach ein gutes Gefühl. – Als Nettigkeit dahergeredet, um sie einzuwickeln, damit sie sich fotografieren lässt, und hinterher gemerkt, dass es stimmt. Genau so ist es, wie ich es gesagt habe. 



Donnerstag, 26. April 2012

Selbsternannt

Wir kennen uns seit letzter Woche, haben uns Mails geschrieben wegen einer empfindlichen Reaktion von ihr auf ein Posting von mir. Alles, was ich von ihr weiß: es ist dünn geworden bei ihr künstlerisch in den letzten Jahren (Eindruck von ihrer Website) und sie hat ein sehr großes Ego. Ich kann sie noch nicht einschätzen. Sie mich auch nicht. Am Montag weist sie mich auf die Ausschreibung des Losito Kunstpreises 2012 hin, weil sie meint, dass das gerade ein Thema von mir ist: mit Geld sich Ansehen kaufen oder Anerkennung als Künstler finden. Sie hat offenbar mein Posting Genthiner Straße gelesen mit dem Subplot über den Schweizer Künstler, der zur Zeit bei Gilla Lörcher ausstellt und dessen Arbeiten ich so finde, dass ich es mir nicht anders vorstellen kann, als dass die Galeristin mehr als Kunst von ihm bekommen hat für diese Ausstellung. Mir nicht anders vorstellen kann. Ich weiß es nicht. Ich habe die Frage gestellt, ich werde sie Frau Lörcher stellen, wenn es mir einmal gelingen sollte, sie anzutreffen. Aber ob nun an meiner Mutmaßung was dran ist oder ob ich mich völlig verstiegen habe und dazu noch dem Künstler Unrecht tue, ich kann einen Künstler nur beglückwünschen, wenn er die Mittel hat, sich eine Ausstellung zu kaufen. – Niemand hier in der Straße kann von seiner Galerie leben, hat mir neulich einer gesagt, der es wissen muss. Straße: Pohlstraße. Und irgendwo muss das Geld herkommen für die Miete, den Strom, die Heizkosten, für den patenten aufgeweckten Assistenten oder die aufgeweckte patente Assistenten. So viel zum Thema: Ich kaufe mir eine Ausstellung. Fazit: Ja, warum denn nicht?

Zweiter Teil: Ich errichte eine Stiftung. – Komische Ausdrucksweise. Da sehne ich mich nach der alten Sprache zurück: eine Stiftung ins Leben rufen. Und warum eigentlich nicht eine Stiftung einrichten? Nein, es heißt, eine Stiftung errichten. Die Stiftung ist die  Losito • Kressmann-Zschach FoundationSie lobt dieses Jahr zum ersten Mal einen Kunstpreis aus – 15.000 Euro für maximal drei Arbeiten. Was ist dagegen zu sagen? – Es fängt damit an, dass die Frau mit dem sehr großen Ego sich mokiert darüber, dass Donatello Losito vor seiner Künstlerkarriere und seiner Verbindung mit Frau Kressmann-Zschach von Beruf Stuckateur war. Dann bezeichnet sie die Stiftung als eine selbsternannte und betrachtet das Ganze als einen Fall von Ansehen mit Geld erkaufen und schließlich meint sie, damit könnte ich mich doch mal befassen, aber Vorsicht schreibt sie, die könnten beißen, die haben Geld, das heißt Macht! – Ohne nachzudenken, antworte ich ihr, das Thema sei mir zu zeitungsmäßig, ich befasse mich nur mit dem, was mir über den Weg läuft oder über was ich stolpere. Dazu schicke ich ihr einen Link zur Kolumne des beliebten Internet-Verstehers Sascha Lobo mit einem Exkurs über den Wortgebrauch von selbsternannt. Unterdessen habe ich angefangen zu denken und frage mich, ob es auch noch andere als  selbsternannte Stiftungen gibt, anders gefragt: Wer anders als der Stifter selbst soll eine Stiftung errichten? – Und da ich schon dabei bin, mich über die Frau mit dem sehr großen Ego zu wundern: Was ist das denn für ein Neo-Biedermeier, sich das Maul zu verreißen über die Verbindung eines Stuckateurs mit einer namhaften Berliner Architektin? Und Künstler war der Stuckateur auch noch! Selbsternannt wahrscheinlich. Wie sympathisch! möchte ich laut rufen. Jedenfalls kann ich an der Ausschreibung des Losito Kunstpreises nichts finden, was Berliner oder Brandenburger KünstlerInnen (nur die sind zugelassen) davon abhalten sollte, bis zum 30. Mai ihre Arbeiten einzureichen.

Und die Frau mit dem großen Ego? – Wie wird sie die Belehrung von Sascha Lobo aufgenommen haben? - Ich werde sie fragen. 

Gibt es überhaupt ein Wort, das mehr Obrigkeitshörigkeit und Hierarchieunterwerfung ausdrückt als "selbsternannt", wenn man es abfällig verwendet? Wenn man die Selbsternennung als etwas Schlechtes ansieht - ist man dann nicht dazu verdammt, auf die Ernennung durch den Vorgesetzten, hierarchisch Berechtigten zu warten oder auch gleich auf Godot? (...) 

Mittwoch, 25. April 2012

Lieblinge


Christoph Damm o.T. - weiß Acryl auf Leinwand je 0,2 x 0,2 m 2006 - 2009

Kill your darlings. Noch einer der besseren Sprüche, die sich ein Autor in Drehbuchbesprechungen anhören muss. Von Dramaturgen, Produzenten, Redakteuren, Leuten, die noch nie in ihrem Leben eine Idee hatten, auch nie eine haben werden und nun selbstgefällig sich zurücklehnen und den Autor mit erhabenem Grinsen auffordern, sich von einer Lieblingsidee zu trennen, weil sie nicht funktioniert, weil sie meinen, dass der Plot besser funktionieren wird ohne dieses Thema, diesen Charakter, diese überraschende Wendung, diese Szene, diese Macke des  Protagonisten, dieses Love Interest …  – aus was ein Plot eben besteht. Für die Leute, die noch nie eine Idee hatten oder haben werden, nicht mehr als ein Spielplan, für den Autor ein atmender, fühlender Organismus. Um dessen Überleben kämpft er nun, wie um das Leben eines Kindes. Und die Leute ohne die Ideen, die kennen das schon – deshalb reden sie ja auch süffisant von darlings – und überlassen den Autor nun am besten sich selbst. Der geht hasserfüllt nach Hause und ahnt aber schon, dass er es am nächsten Tag ohne seine Lieblingsidee probieren wird und dass sich dann zeigt, dass die Leute ohne Ideen recht hatten, dass der Plot nun besser funktioniert. Oder er denkt gar nicht daran, sich von den Leuten, die immer nur wissen, wie es nicht geht, hineinreden zu lassen in seine Geschichte, und sein Hass und seine Verzweiflung geben ihm die Kraft und den Mut, ihnen zu zeigen, wie es doch geht … . 

Kill Your Darlings. Das ist der Titel meines nächsten längeren Textes. Vorgestern begonnen. Anders, als bei den beiden Geschichten davor, weiß ich dieses Mal nicht jetzt schon, wie es ausgehen wird. - Was ausgehen wird? Der gleiche Konflikt wie in der Drehbuchbesprechung. Einer sagt: kill your darlings, und der Autor tut das oder er rettet seine Lieblinge. – Und was für Lieblinge sind das? – Verrate ich (noch) nicht.


Kunst: ã Christoph Damm

Dienstag, 24. April 2012

Genthiner Straße




Wie ist die korrekte Bezeichnung? – Dirne? Hure? Nutte? – Dirne ist antiquiert. Hure klingt so pompös. Ich entscheide mich für Nutte, will aber gleich feststellen, dass ich damit keine Verachtung oder Geringschätzung zum Ausdruck bringe; für mich ist das ein Beruf so ehrenwert wie jeder andere. Soweit überhaupt irgendwas oder -wer noch ehrenwert sein kann in einer Epoche, in der das Arschkriechen so selbstverständlich ist wie die Gewohnheit, sich mindestens zweimal täglich die Zähne zu putzen, wenn man nicht ein Außenseiterdasein fristet wie ich oder ein Schweizer Künstler mit dem Namen eines renommierten Uhrenherstellers ist und in einem Café neben der Galerie sitzt, in der man gerade ausstellt, und die blonde Frau neben einem ist nicht die Galeristin. Die Galerie hat nämlich geschlossen heute. – Ich weiß. Und Sie haben einen Schlüssel und zeigen gleich Ihrer Begleiterin Ihre Ausstellung? – Ja. – Wohnen Sie hier in der Nähe? – Nein. – Sind Sie mit einem Stipendium in Berlin? – Nein. – Ich erzähle dann noch, dass er der Erste in einer Serie von Schweizer Künstlern war, die mir innerhalb weniger Tage begegnet sind. Nach ihm noch Franziska Rutishauser als Initiatorin und Inspiratorin im VBK; mich hat sie auch schon inspiriert, indem sie mir mehr Schalkhaftigkeit gewünscht hat (das kann was werden!). Danach Hans-Jörg Mettler, den verplauderten Plakatwand-Beschrifter. Schließlich die Fotografin Gabriella Hohendahl aus Winterthur, der ich nicht persönlich begegnet bin, nur ihre aufsehenerregende Fotokunst habe ich entdeckt, erzähle ich dem Mann, der mit der blonden Frau vor dem Café sitzt und sich das höflich anhört, obwohl es sich zieht, und was soll er denn auch dazu sagen? Selbst wenn er alles sagen kann, was er will, weil er niemandem in den Arsch kriechen muss, wenn er nicht will, so wie ich auch nicht alles sage, was ich sagen könnte, aus Menschenfreundlichkeit nicht. Aber das von der Nutte in der Genthiner Straße, das kann ich erzählen. Vorderer Teil der Genthiner bei den großen Möbelhäusern, wo Nachmittags schon die Nutten auf dem Bürgersteig auf- und abgehen auf der einen Seite der Straße, immer nur auf der einen Seite, auf der Möbel-Hübner-Seite, nie auf der anderen, wo zum Beispiel der ligne roset-Laden ist. Ich gehe jedenfalls auf der Möbel-Hübner-Seite und auf mich zu kommt die einzige Nutte, die heute um 14:15 da auf und ab geht, und als ich mich ihr auf etwa zehn Meter genähert habe und gerade meinen Blick auf Unendlich stellen will, um nicht von ihr angesprochen zu werden, da macht sie kehrt und als ich an ihr vorbeigehe, schaut sie in die andere Richtung und ich denke: So weit ist es jetzt also gekommen! Nicht mal mehr die Straßennutten interessieren sich für mich. – Eine Ecke weiter überlege ich, ob ich umkehren und die junge Frau fragen soll, ob ich sie fotografieren darf – von hinten, so wie ich sie zuvor wahrgenommen habe – um die eben erlebte Szene zu dokumentieren. Ich rede mir das aus, weil es sein könnte, dass sie oder sonst wer das als ausbeuterisch empfindet und ausbeuterisch bin ich nun wirklich nicht. Außerdem kommt sie bestimmt aus dem hintersten Bulgarien oder Rumänien und würde nicht verstehen, was ich meine, wenn ich sie frage: Darf ich Sie für meinen Blog fotografieren? Ich bin dann froh, dass ich nicht zurückgehen muss, und jetzt erst komme ich darauf, dass sie sich deshalb von mir abgewandt haben könnte, weil sie mit ihrer Nuttenpsychologie mich so eingeordnet hat, dass sie interessanter für mich wird, wenn sie sich abwendet, vielleicht ist das auch generell ihr Vorgehen und das womöglich auch deshalb, weil sie von hinten besser aussieht als von vorne. Oder sie hat sich daran erinnert, wie oft ich da schon vorbei gegangen bin, ohne mich für sie oder eine ihrer Kolleginnen zu interessieren. Oder – und das erscheint mir inzwischen am wahrscheinlichsten: Als sie auf mich zukam, hat sie gesehen, mit welcher kindlichen Gier ich an dem Mokka-Schokoladen-Eis geschleckt habe, das ich mir zuvor am Winterfeldtplatz gekauft hatte, und da hat sie entweder gedacht: Der hat schon alles, was er braucht. Oder: Was soll ich mit dem alten Kind anfangen?  


Ecke Gleditsch-/Winterfeldtstraße

Montag, 23. April 2012

Tränen



An diesem Laden komme ich vorbei, seit ich von Schöneberg aus Richtung Kudamm oder Zoo gehe. Und genau so lange hat der jetzige Besitzer den Laden. Seit 1997. In den ersten Jahren ein gutes Geschäft. Er hatte die alten Kunden vom Vorbesitzer. Zu denen kamen die jüngeren Kunden, die er gewonnen hat. Doch die kaufen jetzt über das Internet und die alten Kunden machen, was alte Leute immer machen, sie sterben und vorher trinken sie nicht mehr so viel, weil sich der Alkohol nicht verträgt mit den Medikamenten, die sie nehmen müssen. Außerdem darf nicht vergessen werden, in der Zeit, in der er den Laden hat, gab es zweimal Erhöhungen der Mehrwertsteuer, die Einführung des Euro ... . – Und die damit einhergehende Teuerung. – Richtig. Und es gab 2001 den 11. September. – Das hatte Einfluss auf Ihr Geschäft? – Oh ja. Ich habe das damals gar nicht im Fernsehen mitgekriegt. Ein Kunde hat es mir erzählt und der hat dann auch noch eine Flasche kalifornischen Rotwein gekauft. Auf jeden Fall war nach diesem Tag nichts mehr so wie es vorher war. – Aber was war das, was von diesem Ereignis in Ihrem Laden angekommen ist? – Er kann es nicht sagen. Ich überlege, was das gewesen sein könnte, mache mehrere Vorschläge, und dann haben wir es: ein Leichtsinn, den es vorher gegeben hat gesamtgesellschaftlich (und wie schön war der), den gab es danach nicht mehr. Und ist doch klar, dass sich so etwas auswirkt auf das Geschäft in einem Laden, der Internationale Weine und Spirituosen anbietet. Deshalb also die Aufkleber im Schaufenster: Zu vermieten. – Zu verkaufen. Die habe ich bemerkt auf dem Rückweg, als ich heute zum zweiten Mal an dem Laden vorbeikam und noch mal rein bin, um zu fragen, was die Aufkleber zu bedeuten haben, und darauf hat er mir erzählt, dass er mit zwei Monatsmieten im Rückstand ist und wie es dazu kam.


Ganz anderes Gespräch auf dem Hinweg. Da bin ich in den Laden gegangen, nachdem mir die Werbung für Writer´s Tears aufgefallen war, und habe zu dem Mann im Laden gesagt, dass ich auch ein writer bin, ein kleiner, und gerne wissen würde, von wem der auf dem Etikett abgedruckte Satz ist, doch bestimmt von einem berühmten Autor und Whiskey-Trinker. Zu meiner Verwunderung wusste der Mann im Laden das nicht, hat mir dann aber den Whiskey gezeigt, obwohl ich ihm gleich sagte, dass ich ihn mir nicht kaufen wolle. Doppelt schade. Seinetwegen; ich hätte den guten Mann gerne mit einem Kauf unterstützt. Meinetwegen; weil ich beim Trinken des Writer´s Tears-Whiskey mich daran hätte freuen können,  dass er ohne Farbstoffzusatz ist. Das habe ich nun nämlich gelernt, dass selbst teuersten, jahrzehntelang im Fass gereiften Whiskeys Farbstoff (Zuckercouleur) zugesetzt wird, da anders die von den Kunden erwartete gleichbleibende Färbung von einem Naturprodukt wie Whiskey nicht zu kriegen ist. Und außerdem hätte ich mich beim Trinken noch an der Konsistenz von Writer´s Tears erfreuen können – daran, wie der Whiskey im Glas herunterfließt. Schlierig. Wie Tränen. Tears. Writer´s Tears


Beim ersten Mal habe ich dem Mann im Laden noch fröhlich gute Geschäfte gewünscht, als ich weiter ging, und er hat sich ebenso fröhlich dafür bedankt. Beim zweiten Mal habe ich ihm beim Abschied Alles Gute gewünscht wie jemandem, dem eine Operation am offenen Herzen bevorsteht, und so ernst hat er sich für den Wunsch auch bedankt. Mensch! 


Landsmann
Internationale Spirituosen&Weine
Martin-Luther-Straße 34
(Ecke Hohenstaufenstr.)
10777 Berlin
030 218 41 96

Sonntag, 22. April 2012

Mel et Fel


Honig und Galle. Lust und Bitterkeit. – Von wem ist der Titel? – Na von mir, sagt die Galeristin Helga Maria Bischoff. Erst, als sie den Titel gefunden hatte, hat sie unter acht Künstlern, von denen ihr Arbeiten vorlagen, sich für die drei Frauen entschieden, die sie unter der lateinischen Überschrift Mel et Fel zusammenbringen wollte. Eine Fotografin, zwei Malerinnen. Die Fotografin Gabriella Hohendahl und die Malerin Tijana Titin, beide Anfang 30, beider Thema sind Paare und was Paare zu Paaren macht: Sex.


Die Arbeiten der Malerin Bernadette Rottler dagegen selbstbezogen. Frauenporträts, nicht weniger sinnlich, aber hier ist die Bitterkeit nicht a memory away wie bei Gabriella Hohendahl und die Abgründigkeit ist keine Drohung wie bei Tijana Titin. Die Lust ist einsam, die Bitterkeit ist der Sinnlichkeit ins Gesicht geschrieben und der Abgrund tut sich auf beim Blick in den Spiegel wie in ihrem Selbstporträt Bernadette.



Weiß Gabriella Hohendahl denn nicht, dass inzwischen alle Schweizer KünstlerInnen in Berlin leben? Sie hat es gestern nicht geschafft, zur Ausstellungseröffnung von Winterthur an den Kollwitzplatz zu kommen. Sie wird an einem der nächsten Wochenenden anreisen und ich hoffe, dann mit ihr sprechen zu können. Nicht über He is only a memory away, die erotische Kurzgeschichte, erzählt in zwei Bildern:


Reden möchte ich mit Gabriella Hohendahl über die beiden Serien ohne Titel. Storyboards nennt sie die beiden Sequenzen, von denen die eine ein Paar zeigt beim Sex, und die andere Sequenz zeigt das Paar nach dem Sex. Worauf ich nicht gekommen wäre, wenn die Galeristin es mir nicht gesagt hätte, dass das Melodram, das die zweite Sequenz zeigt, sich gleich nach dem Sex ereignet hat. Aber das ist nicht so wichtig, und es ist auch nicht das, worüber ich mit Gabriella H. reden möchte. Ich will mit ihr ins Gespräch kommen, um zu sehen, was für eine Person sie ist, dass sie es schafft, diese Intimität zuzulassen in ihrer Fotografie, ohne pornografisch zu werden oder, genauso künstlich, die sexuelle Handlung ästhetisch zu überhöhen und ihr damit die Alltäglichkeit und das Selbstverständliche zu nehmen.




Was kann ich über Tijana Titin mehr schreiben, als ich schon geschrieben habe über sie (hier und hier)? – Dass ich mich freue, wie gut sie präsentiert ist in der kleinen feinen Galerie von Helga. M. Bischoff. Dass es gut ist, dass das geklappt hat mit dem Atelier in ihrer Nähe (am Platz der Luftbrücke) und sie nun nicht mehr erst zwei Stunden BVG fahren muss, um malen zu können. Dass es ein Glück für sie ist, so eine Freundin zu haben wie ihre Kollegin Marija Felker, die ich kennengelernt habe gestern. Und: Dass ich es eines Tages schaffen will, in einem Satz gesagt zu kriegen, was es genau ist, was mich an Tijanas Bildern so packt und – zur Zeit ein Leitmotiv bei mir – was sie so gegenwärtig macht und: ihnen den pop impact gibt, von dem ich gesprochen habe, als die Assistentin der Galeristin – Christina, Kunsthistorikerin aus Dänemark -  vom Barock-Einfluss in Tijanas Pieces of Heaven-Zyklus gesprochen hat. 

Christina

Marija







Helga Maria Bischoff



Mel et Fel
Gabriella Hohendahl
Bernadette Rottler
Tijana Titin
Bis 16. Mai 2012

Kollwitzstr. 74
10435 Berlin
galerie@hmbischoff.com
Tel: +49 (30) 25817545
Mobile: +49 (176) 32684113
Opening Hours:
Tuesday - Friday 3 - 7 pm & Saturday 12 - 4 pm

Kunst: ã Hohendahl, Rottler, Titin
Fotos: ã w.g.