Sonntag, 31. Juli 2011

Van Hanegem 2

cyclotron 2    acrylic on canvas    152 x 242 cm    2004 

An der Wand das Bild, mit dem er noch fertig werden will, bevor er am Freitag zurück nach Amsterdam fährt. Dort hat er das schönere, größere Atelier. Aber hier, in Berlin, kann er besser, konzentrierter arbeiten. Das Bild ist zusammengesetzt aus vier Leinwänden. Am Anfang hatte er sie auf den Boden gelegt (siehe Foto unten). Er zeigt mir den Fensterwischer, mit dem er die Farbe aufgetragen und die Struktur entworfen hat. Meine Worte. Er spricht von Handlung: Die ganze Handlung hat nur eine halbe Stunde gedauert, sagt er. Dann hat er das  Bild an der Wand befestigt und es ausgearbeitet, durchgearbeitet. Wieder meine Worte. Auf dem Boden grüne Schläuche, sie führen zu einer Druckluftflasche, die draußen auf dem Balkon steht; für die Spritzpistole, die er benutzt für das Sprühen der großen Flächen. Ein Föhn liegt da, zum schnellen Trocknen der Farbe. Lappen, Pappbecher mit Acrylfarbe und tatsächlich, das ist mir vorhin gleich beim Reinkommen aufgefallen: nur zwei Pinsel. Die feinen Pinsel für das Erzeugen der Illusion, für den Spaß an der Verräumlichung.

Atelier in Berlin: 25.05.2011

Am Abend wird Ab seinen besten Freund treffen. Maler wie er und deshalb ein scharfer Kritiker. Zu wissen, dass der Freund ein Bild sehen wird, ist ein zusätzlicher Grund sich anzustrengen, sich keine Nachlässigkeit durchgehen zu lassen. Denn er weiß, Joachim sieht alles. Ihm entgeht nichts. Joachim Grommek. – Gleich zu Anfang meines Besuchs hatte ich Ab gefragt, ob er mir ein Foto von dem fast vollendeten Bild macht für den Blog, und dabei hatte ich zu der Spiegelreflexkamera auf dem Tisch und zu dem bereits aufgestellten Stativ geschielt. Alles da. Jetzt, als ich auf meinen Wunsch zurück komme, meint Ab: Das Licht ist gerade ganz gut. – Doch er sagt es wie: Eigentlich ganz gut, aber … .  Er macht es, wenn ich ihn dazu dränge, aber recht ist es ihm nicht, und ich kann es mir auch denken, warum. Nicht, weil die Feinarbeit am Bild noch nicht abgeschlossen ist. Denn selbst dann wäre das Bild noch nicht fertig. – Erst, wenn er es Marja gezeigt hat, ist ein Bild fertig, hatte er vorhin mal gesagt. Kein Bild verlässt sein Atelier, bevor Marja es gesehen und es für gut befunden hat. Marja, seine Frau und: Kuratorin am Centraal Museum Utrecht. Fachkundig. Autorität. Und trotzdem hat es mich überrascht, als er das sagte, stolz sagte. - Dass er sich so vom Urteil einer anderen Person abhängig macht! - Andererseits: Er hat fast zwei Monate an dem Bild gearbeitet; Ideenphase und Vorbereitungen nicht berücksichtigt. Er wird das Bild im Kunsthandel zum Preis von 16.000 Euro anbieten. Ist es nicht verständlich, dass er sich da absichern will? Und ist er nicht darum zu beneiden, dass er jemanden hat, auf dessen Urteil er sich so verlassen kann? Aber damit ist nun auch klar, warum es ihm nicht recht ist, mir ein Foto des fast fertigen Bildes zur Veröffentlichung zu geben. Also Schluss! Kein Foto. Erst muss Marja das Bild sehen. Vorher wird es nicht der Öffentlichkeit präsentiert.

untitled    acrylic on wall   500 x 650 cm    2010

Soll ich es ansprechen? Oder soll ich es lieber lassen, weil es vielleicht nur ein Missverständnis war? So oder so bedeutungslos. Aber warum fällt es mir dann jedes Mal wieder ein, wenn ich Ab sehe? Ich stecke meine Brille, mein Notizbuch und das kleine Sony Aufnahmegerät ein, dessen Akku-Batterien nach fünf Minuten leer waren. Warum nehme ich das Ding überhaupt noch mit? – Ich spreche es an. Umständlich. Denn genau weiß ich nur noch, was in dem Moment passiert ist damals, sechs, sieben Jahre liegt das zurück. Als er mich hat auflaufen lassen, als ich sagte, wir hätten mehr Gemeinsamkeiten, als es zunächst den Anschein hatte. Oder habe ich nur gesagt, dass ich ihn schätze, und er hat geantwortet, dass er das von sich umgekehrt nicht sagen kann? Noch während ich rede, verfluche ich mich, dass ich davon angefangen habe. Und als ich fertig bin, schaut er mich so traurig an wie bei dem anderen, späteren Gespräch, als ich ihn ärgern wollte, indem ich seine Bilder mit Tapetenmustern verglichen habe. - Jetzt weiß Ab nicht, worauf ich hinaus will. Er kann sich nicht erinnern daran, sich je so ablehnend mir gegenüber geäußert zu haben. Er wüsste auch gar nicht, warum. – Sprachliches Missverständnis? – Könnte sein. – Vielleicht bin ich Dir ja auch einfach nur auf die Nerven gegangen mit meinem vielen Gequassele. – Er merkt, dass ich es ihm nicht nachtrage. Grinst. Wir Holländer sind sehr direkt und ehrlich, sagt er. – Ist doch gut, antworte ich und denke, wenn nur alle so wären.

Ausstellung: long time no sea   Breda   2011

Mehr Bilder auf der Website von Ab van Hanegem.
Bilder: © Ab van Hanegem

Samstag, 30. Juli 2011

Van Hanegem 1

carrera 1    acrylic on canvas    172 x 242 cm    2005

Ab van Hanegem. Ab wie Abraham. A.B., wie ihn seine Freunde nennen, ausgesprochen wie die Abkürzung von Anrufbeantworter. A.B., so nennt er sich auch selbst, sagt Wendela, als ich sie nach seiner Festnetznummer frage. Aber am Telefon meldet er sich dann mit Ab. So wie ich ihn nenne, weil mir das besser gefällt, mich entfernt an Kapitän Ahab erinnert, schöner Name, aber sonst keine Parallelen zu Ab. Kein Besessener, kein Maniac. Das Gegenteil davon. Erster Eindruck, zehn Jahre her, wie er im Felsenkeller steht am Tresen, Cowboystiefel, Kragen der Jeansjacke hochgeschlagen. Raucher, Biertrinker und er unterhält sich mit dem Kind aus Bullerbü, mit Boel; die Schwedin und der Holländer reden Englisch. Guter Typ. Gestandener Mann. Kerl. Der Eindruck bestätigt sich, als ich mit ihm ins Gespräch komme. Auf Deutsch. Englisch kann er besser. Er, Jahrgang 1960. Seine Frau, Marja, Jahrgang 1956. Er hat die Bücher gelesen, die sie gelesen hat und ich auch. Namedropping: Tom Wolfe, Hunter S. Thompson, Tama Janowitz, Jay McInerney, Bret Easton Ellis. Über seine Malerei redet er nicht. Es ist nur klar, wenn er in die  Kneipe kommt, dann kommt er aus seinem Atelier. Einmal kriege ich mit, wie er die Kunstmarkt-Seite der FAZ liest. Da reden wir kurz über Kunsthandel; er kennt sich aus. Und dann bin ich nachts mal in seiner Wohnung und sehe zum ersten Mal ein Bild von ihm, bin überrascht, was für eine Malerei das ist und zugleich bestätigt in dem Eindruck, den ich von Anfang an von ihm hatte. Es ist Malerei, die für sich selbst steht. Auftritt eines Kerls. Gestanden. Kraftvoll. Abgeklärt. Weltläufig.

haus am fluss 1    acrylic on canvas    152 x 242 cm    2003

Aufgewachsen ist er in Vlissingen, kleine Stadt mit großem Nordseehafen. Von 1979 bis 1985 Academie voor Beeldende Kunsten St. Joost Breda. Danach zwei Jahre als Postgraduierter an der Rijksacademie van Beeldende Kunsten in Amsterdam, wo er seit Mitte der 80er Jahre lebt und arbeitet. 1995 kommt er zum ersten Mal nach Berlin, erlebt eine Stadt im Aufbruch und ist beeindruckt von der Kunst-Szene. Eigentlich ist sein Ziel New York, aber das Leben dort ist zu teuer: vier Tage in der Woche Umzug-Jobs machen müssen, um drei Tage malen zu können, das kann es nicht sein. Er entscheidet sich für Berlin, wo er seit 2001 jedes Jahr mehrere Monate verbringt; Wohnung und Atelier in Schöneberg.

untitled (2320 A 2)   acrylic on canvas    230 x 200 cm   2010

Er hat nicht viel von mir gehalten und es mir gezeigt. Trotzdem hatten wir uns viel zu sagen. Auf Deutsch. Hätten wir Englisch miteinander gesprochen, hätten wir die gleichen Startbedingungen gehabt. Vielleicht hat es daran gelegen. Vielleicht habe ich ihm zu viel geredet. An dem Abend, an dem es um amerikanische Literatur ging, sagte ich zu ihm, wir hätten doch mehr Gemeinsamkeiten als gedacht. Da hat er geantwortet: Für mich ist das nicht so. – Oh! – Gekränkt, beleidigt, eingeschnappt war ich nicht. Dazu war die Zurückweisung zu direkt, zu offen, zu ehrlich. Hart war sie trotzdem. Von da an habe ich ihm meinen Respekt nicht mehr so zuvorkommend gezeigt. Einmal habe ich zu ihm gesagt, dass seine Bilder, wenn man sie böswillig betrachtet, etwas von Musterentwürfen für Tapeten haben – Tapetenmuster aus den 60 Jahren. Da hat er mich traurig angeguckt und geantwortet: Das habe ich auch schon von anderen gehört. – Jetzt komme ich auf eine freundlichere Art auf die Bemerkung von damals zurück, indem ich einen Begriff benutze, den ich vor kurzem gelernt habe: Pattern Painting, frage ich, ist das eine Strömung, die dich beeinflusst hat? – Pattern Painting? Kennt er nicht. Op-Art. Da kommt er her. – Wir sitzen an seinem Schreibtisch. Apple Powerbook. Er schaut sich Beispiele von Pattern Painting an. Nicht sein Fall: Paul Klee, hat der nicht auch Pattern Painting gemacht? – Klee mag er nicht. – Und Mondrian? frage ich. Auch ein Vorläufer von Pattern Painting? – Nein! Auf keinen Fall. – Mondrian verehrt er. Seine Welt: Mein Hintergrund ist das Exakte und Technische. – Was hast du als Kind eigentlich für Bilder gemalt, Ab? – Na, wie alle Kinder meiner Generation: surrealistisch. Dalí. Aber dann bald für ihn wichtiger: Escher. Das surreale Spiel mit der Räumlichkeit, das Architektonische. Abs Vater war Ingenieur: Er hat mir schon sehr früh beigebracht, perspektivisch zu zeichnen. Das hat mich geprägt. Es ist immer noch das Räumliche, das mich begeistert.

folly 5     acrylic on canvas     172 x 242 m    2004

Ab spricht von Handlungen, Handlungen in einem Bild. Zwei Arten des Handelns. Zwei Sprachen: Gestaltend, architektonisch. Und die gestische, die expressionistische Malerei. Zwei Richtungen, in denen er arbeitet. Mal nur die eine, dann wieder die andere Richtung, manchmal das Gestaltende und das Gestische nebeneinander verfolgend. Und wenn es gelingt, beides mischend. Die Mischung ist das Ziel. - Expressionistisches räumlich zu machen, das macht Spaß, sagt er und zeigt mir an dem Bild, das er gerade fertigstellt, wie das geht: wie er mit einem feinen Pinsel und schwarzer oder grauer Farbe Schattenwirkungen erzeugt. –  Eigentlich ist das Betrug, meint er grinsend. Täuschung. Illusion. - Ich zucke mit den Achseln: Nennt man das nicht Trompe-l´œil? Und dann ist es okay, wenn man es so fein ausdrückt? – Aber nicht bei gestischer Malerei. Das höre ich immer wieder, dass mir die Leute sagen, das geht doch nicht. Das darfst du nicht machen. Aber das ist doch das Schöne an der Kunst, dass man alles machen kann. Ich muss nur aufpassen, dass es nicht kitschig wird. – Inwiefern? – Wenn es nur noch Tricks sind, dann wird es kitschig.

untitled (multiple. 12 parts)    acrylic on canvas    50 x 40 cm   2009
Bilder: © Ab van Hanegem

Freitag, 29. Juli 2011

Schwierigkeiten

Mit Bezug auf mein Posting von gestern, und weil es ohnehin verregnet worden wäre, hat die Frau aus dem Posting unser Treffen morgen auf der Terrasse vor dem Puppentheater abgesagt mit einer Mail, auf die ich eben nur geantwortet habe: Ich antworte Dir morgen. W. - So kurz geantwortet, weil ich da noch angenommen habe, ich würde heute Abend den Textentwurf über Ab van Hanegem überarbeiten und veröffentlichen zusammen mit den Bildern, die ich noch hätte auswählen müssen. Jetzt geht mir aber die Mail der Frau durch den Kopf, und weil ich morgen nun kein Treffen mit ihr haben werde und ich mir den freien Tag, den ich mir morgen endlich mal nehmen wollte, lieber an einem Tag nehme, an dem die Sonne scheint, bearbeite ich den Text über Ab morgen. Und jetzt? - Antworte ich der Frau hier, mit dem Risiko, dass sie mich dafür hassen wird. Enttäuscht ist sie ohnehin schon. Denn sie wäre gerne Künstlerin der Woche geworden, schreibt sie. Aber was damit alles verbunden gewesen wäre, das kann sie nicht auf sich nehmen. Sie will nicht meiner Interpretation ihrer Bewegungen und Äußerungen im Alltag ausgesetzt sein. Wir könnten kein privates Wort miteinander sprechen, unbefangen, absichtslos. Und deshalb ihre Entscheidung, jetzt zitiere ich (Frau, es geht nicht anders): ich möchte mich Deinem Blick auf mich freiwillig nicht öffentlich aussetzen. Warum, wozu? - Weil es schade ist, die gerade begonnene Auseinandersetzung mit mir aufzugeben? - Das bedauert sie nämlich am Ende der Mail: dass die Auseinandersetzung mit mir und meiner Arbeit, die gerade angefangen hat, ihr Spaß zu machen, nun nicht fortgesetzt wird.  - Antwort: Das bedauere ich auch. - Was kann ich noch antworten?  -  Regen wäre keine Hindernis gewesen für ein Treffen morgen, wir hätten uns auch irgendwo drinnen zusammensetzen können.  Und private Worte hätte es dabei auch geben können. Viele. -  Denn es ist doch nicht so, dass ich einfach nur abschreibe, was geschieht. Ungefiltert und rücksichtslos übernehme ich nur meinen Text.  Den Text der anderen filtere ich mit Rücksicht auf ihre Person, selbst dann noch, wenn es sich um Feinde handelt. Ein Beispiel, Frau: Ich habe gestern geschrieben, dass Du gesagt hast, dass Du jemand bist, der an sich arbeitet und sich verändert. Du erinnerst Dich bestimmt, was Du tatsächlich gesagt hast. Und ist an dem Unterschied zwischen dem von Dir Gesagten und dem von mir Geschriebenen nicht zu erkennen, dass ich nicht rücksichtslos draufhalte, dass ich diskret bin, und dass es mir nicht darum geht, jemanden einfach nur platt abzubilden, sondern darum, zu erzählen, was ich mit jemandem erlebe, zum Beispiel, wenn ich mit der Person an einer Straßenecke stehe und mit ihr rede. Und kann man zu diesem Erzählen nicht ebenso Vertrauen haben, wie man zu mir Vertrauen haben kann, wenn man sich mit mir an eine Straßenecke stellt und mit mir redet?  - Du kannst es nicht, Du willst es nicht. Du willst es nicht mal ausprobieren. Du bist vorsichtig. Vielleicht bist Du auch feige. Oder Du denkst Dir nur zu viel. Kenne ich. Mache ich auch. Ständig. Heute Morgen habe ich notiert: Person, die sich mitteilt über die Schwierigkeiten, die sie macht. - Die Person, die ich damit meinte, bist Du. Vollständig lautet die Notiz: Person, die sich mitteilt über die Schwierigkeiten, die sie macht. Bin ich auch so? Antwort: Ich bin auch so.

Donnerstag, 28. Juli 2011

Verschleiert

An der Fußgängerampel vor der Commerzbank steht eine Person, mutmaßlich weiblich, die trägt ein bis zu den Knöcheln reichendes, weites schwarzes Gewand und ihr Kopf ist vollständig verhüllt von einem blickdichten schwarzen Tuch. Das Tuch und das Gewand sind nicht improvisiert; es könnte sein, dass sie authentisch – das Gewand einer orientalischen Frau sind. Aber das ist nicht sicher. Deshalb geht von der Gestalt etwas Bedrohliches aus. Alles kann passieren, wenn jemand in einer solchen Vermummung auftritt an einem Mittwochabend gegen 19 Uhr in der Hauptstraße in Schöneberg. Es könnte sein, dass die schwarz verhüllte Gestalt, nachdem es Grün geworden ist und sie die Straße überquert hat, ganz nah an mir und meiner Gesprächspartnerin vorbeigeht, uns dabei streift mit dem Tuch ihres Gewandes und das war es dann für uns. Diese Assoziation haben wir beide, die Frau mit der ich vor dem Kochhaus stehe und ich: dass die Gestalt aussieht wie eine Verkörperung des Todes aus einem alten Schwarzweißfilm. Abend der Gaukler zum Beispiel. Noch während es mich gruselt, denke ich, dass die verhüllte Gestalt wie eine Illustration des Gesprächs ist, das die Frau und ich gerade führen: Ihr kann das nicht passieren, was dir mit mir passiert ist, sage ich mit Blick auf die schwarz verhüllte Gestalt. Sie hat die vollkommene Kontrolle darüber, wie sie erscheint. Wer sie beschreibt, kann über sie gesichert nur aussagen, dass sie verhüllt ist und das in Schwarz. Alles andere ist Unterstellung, Projektion, Phantasie und geht die verhüllte Person nichts an. – Ich sage das zu der Frau, weil sie sich zuvor bei mir darüber beschwert hatte, dass ich sie in meinem Blog habe auftreten lassen. Wir hatten uns zufällig getroffen beim Überqueren der Hauptstraße, waren auf der Verkehrsinsel in der Mitte der Straße stehen geblieben und das Erste, was sie gesagt hat, war: Ich will das nicht, dass du über mich schreibst. Ich habe geantwortet: Akzeptiert. Dann kann ich jetzt aber auch nicht länger mit dir hier stehen bleiben. Denn ich schreibe über mein Leben. Und wenn du nicht willst, dass ich über dich schreibe, dann darfst du nicht in meinem Leben vorkommen. - Das wollte sie nun aber auch wieder nicht. Sie hat mir ihre Gründe erklärt und nach einer Weile wurden wir beide ganz wuschig vom Stehen auf der Verkehrsinsel inmitten des abwechselnd beschleunigenden und anhaltenden Autoverkehrs, und deshalb sind wir auf die Straßenseite vor dem Kochhaus gegangen. Dort hat die Frau schließlich einen Grund für ihre Beschwerde genannt, der mir eingeleuchtet hat: Beschrieben werden heißt, festgelegt werden auf einen Eindruck. Und das will sie nicht, hat sie gesagt. Denn sie ist jemand, der an sich arbeitet. Sie will jederzeit den Eindruck, den andere von ihr haben, korrigieren, und wenn nötig, komplett verändern können. – Also übermalen und neu anfangen wie ein Bild, habe ich ergänzt, um ihr zu zeigen, dass ich sie verstanden hatte. Die Frau ist Malerin. Ich hätte sie gerne als Künstlerin der Woche vorgestellt. Aber da sie sich nicht gleich hatte entscheiden können, ob sie das will, habe ich Kontakt mit Ab van Hanegem aufgenommen, der einfach nur gesagt hat: Das ist Werbung für mich. Wann treffen wir uns? - Vom Atelierbesuch bei ihm komme ich gerade, mit der scheuen Künstlerin bin ich verabredet am Samstag, um sie dazu zu überreden, dass sie sich von mir im Blog vorstellen lässt. Aber wie soll das nun gehen? Am besten gar nicht, denke ich mir. Lassen wir es. Ich bedränge niemanden. Ich schreibe über die Leute, die es wollen oder keine Schwierigkeit darin sehen wie sie. Und wenn es niemanden mehr geben sollte, der sich von mir beschreiben lassen will, dann gehe ich woanders hin. – Sie erzählt darauf von Elke Naters. Gewissermaßen als abschreckendem Beispiel. – Du kennst Elke Naters?! Von der habe ich alles gelesen, sage ich und nenne die Titel ihrer beiden ersten Romane: Königinnen und Lügen. – Die kennt die Frau auch, aber für sie sind die Romane vor allem ein Gegenstand der Beschwerde, weil Elke Naters darin lebende Personen und Schauplätze in Schöneberg beschrieben hat, vor allem lebende Personen. – Naja, worüber soll sie sonst schreiben? Sie hat hier gelebt. Und da sie ein Popliteratur-Konzept hat, hat sie über ihren Alltag geschrieben. Großartig. Verehrungswürdig. – Weil die Frau Elke Naters persönlich kennt und ich neugierig auf Klatsch über sie bin, überlege ich jetzt tatsächlich, ob ich nicht doch einen Kompromiss machen und mich mit der Frau am Samstag treffen soll, obwohl das Treffen im Blog nicht erwähnt werden darf oder wenn, dann nur auf diese verspannte anonymisierte Art, wie ich jetzt gerade schreibe. Was ich allerdings auch nur tue, weil das so abgefahren war, wie an der Ampel vor der Commerzbank diese schwarz verschleierte Gestalt stand. Wie eine Metapher zu unserem Gespräch stand sie da, und als es Grün wurde, hat sie die Straße überquert und ist ganz nah an uns vorbei gegangen. Ohne uns dabei mit ihrem Gewand zu streifen. Wir haben ihr hinterher geblickt und der Frau ist aufgefallen, dass die Gestalt lila Socken trägt. Und das war - Bitte um Verzeihung für den Kalauer - der endgültige Beweis dafür, dass es sich bei der Gestalt nicht um eine aus dem Mittelalter oder der Filmgeschichte entlaufene Verkörperung des Todes gehandelt hat. Denn der Tod trägt keine lila Socken.

Anmerkungen:
Die lila Socken haben mich auf die Idee gebracht, dass es sich bei der Gestalt auch um eine deutsche Feministin handeln könnte, die die Verhüllungspraxis muslimischer Frauen anprangern will. Was dann zwar immer noch eine dumpf-intolerante, also anti-aufklärerische Haltung wäre (anderen Menschen Vorschriften machen zu wollen, wie sie sich anzuziehen haben), aber inspiriert vorgetragen, mit surrealem Charme. 

Treffen am Samstag mit der Frau, die nicht beschrieben werden will? – Am Ende hat die Frau sich versöhnlich gezeigt und zugegeben, dass sie den Konflikt um das Beschriebenwerden ja/nein auch interessant findet. – So interessant, dass sie bereit ist, mit ihrem Namen im Blog aufzutreten? – Denn, siehe oben, noch mal mache ich so was nicht mit.

Wer in meinem Leben ist, der ist auch im Blog. Wer nicht im Blog sein will, der soll mir aus dem Weg gehen. Es gibt nur eine Person, für die ich - wegen Besonderheit der Vorgeschichte - eine Ausnahme machen würde von dieser Regel. Sie weiß schon. 

Mittwoch, 27. Juli 2011

Hut

Geld, Geld, Geld. Warum redest Du ständig von Geld? – Weil ich keins habe?

Norbert vom Schönebag spricht mich an, als ich an seinem Laden vorbeigehe und Hallo sage. Fragt mich, was ich eigentlich immer mit dem Geld hätte. Wie ich dazu komme, ihm zu unterstellen, ihm als Kaufmann gehe es nur ums Geld. – Um was denn sonst? denke ich, sage aber nichts, möchte abwarten, worauf er hinaus will. und schon kommt es: Ob ich ein Geldproblem hätte? Könne doch nicht sein. Er hat mal im Internet geguckt. Ich habe doch viel fürs Fernsehen gemacht. – Ich könnte ihm jetzt erklären, was Buy-Out ist (Auskauf aller Rechte und Ansprüche). Aber ich bin in Eile. Daher nur: Ab und zu sickert da schon noch was. Sickert, heißt, dass alle Jahre, aber auch nur, wenn ich Glück habe, was kommt von der Verwertungsgesellschaft Wort, was dann aber auch schnell wieder versickert, da ich noch nie in meinem Erwachsenenleben so wenig Geld in der Tasche hatte wie in dieser Lebensphase. – Wie gut, dass das mal gesagt ist, denke ich im Weitergehen und weiß jetzt, dass die Leute sich Gedanken darüber machen, wie ich mir das leisten kann, den Blog zu schreiben. Und sie können es sich nur so erklären, dass ich  so pralle Wiederholungshonorare vom Fernsehen kassiere, dass noch meine Erben was davon haben werden. Schön wär´s!

Ich habe es so eilig, weil das am Montag war und ich um 14 Uhr Frank Sandmann getroffen habe. Der fragt mich als Erstes, warum ich den Blog schreibe. Ich gebe ihm einen Überblick über die vielen Gründe. Nenne unter anderem meine nicht zu stillende Neugier auf Menschen. Spreche über die Schreibweise, die ich entwickeln will für das Erzählen von mir und von den Menschen, auf die ich neugierig bin. Lasse weg, dass ich mich mit dem Blog einmischen will und es ein Ziel ist, Kommunikation zu machen zwischen Leuten, die sonst keine haben, und das so, dass ich ausspreche, was sonst nicht ausgesprochen wird. Und am Schluss sage ich noch verschämt, dass es ein weiteres Ziel ist, mit dem Blog so viel Geld zu verdienen, dass ich es mir leisten kann, den Blog zu schreiben. Sage es verschämt, weil ich mir wünschte, ich wäre damit schon weiter, und: weil ich nicht weiß, wie Frank drauf ist. Könnte ja sein, dass er das anstößig findet, nach wenigen Minuten der Bekanntschaft von so etwas Intimem und Heiklem wie Geld/kein Geld zu sprechen.

Aber er ist kein Erbe, für den Geld deshalb kein Thema ist. Er ist so eine Art Gustav Gans, der Vetter von Donald Duck, der es mit seiner Glückspilz-Existenz allerdings nie zu einem eigenständigen Erzählstrang gebracht hat in Entenhausen. So sind auch die Erfolgsgeschichten von Frank schnell erzählt. Beispiel: Er macht seine erste Talkshow im Café Bilderbuch. Im Publikum sitzt eine führende Frau vom Lette-Verein. Die suchen gerade jemanden für ihre Öffentlichkeitsarbeit, 250 Bewerber gibt es bereits, sie spricht Frank nach der Veranstaltung an: er hätte viel von dem, was sie suchen, er soll sich mal bewerben. Macht er und kriegt den Job. Xxxxxxxxxxxxxx xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx (*). Deshalb macht er noch andere Jobs, damit er sich seine Talkshow leisten kann. Für die verlangt er keinen Eintritt. Das ist Liebhaberei. – Hat er deshalb so einen Erfolg damit, weil er das nur macht zu seinem Spaß und zum Spaß seines Publikums? Geht das gar nicht anders als so? Wie auch ein Blog, wie ich ihn schreibe, nicht anders funktionieren kann als geldfrei? – Zwei kleine  Werbepartner hat Frank bei seiner Talkshow: Haus der guten Blume und CDS Design. Werbepartner suche ich auch. Welche, die nicht lange rumfragen: Wie viele weibliche, wie viele männliche Leser? Alter? Bildung? Zahlungskraft? Werbepartner, die zugleich Sponsoren sind, Sympathisanten des Biests und seiner Leser. Werbepartner/Sponsoren, die es möglich machen wollen, dass ich den Blog schreiben kann bis an mein Lebensende und die Leser ihn lesen können unentgeltlich. Ende Abschweifung. Frank. Er erzählt, dass viele Leute glauben, dass er für seine Talkshow bezahlt wird von Adelheid Gehringer, der Chefin des Café Bilderbuch, der er mit seiner Veranstaltung pro Abend den Getränkeumsatz von bis zu 120 Gästen bringt. Dass die Leute das denken, zeigt, dass sie es sich eigentlich nicht vorstellen können, dass jemand so etwas für umsonst aufzieht. Aber indem sie denken, Adelheid Gehringer würde Frank bezahlen, entlasten sie sich zugleich. Und das ist sicher der Grund, warum in dem Hut, den Frank rumgehen lässt nach der Show, nie mehr als - meine Bewertung, nicht seine - schlappe 250 Euro zusammenkommen. – Frank kennt einen Musiker, der hat das auch so gemacht bei seinen Veranstaltungen: kein Eintritt, aber Hut. Mit dem gleichen mäßigen Ergebnis. Egal, wie gut die Band gespielt hat, egal, wie groß die Begeisterung des Publikums war, immer der gleiche schlappe Betrag. Er hat sich das dann so erklärt, dass es Leute geben muss, die aus dem herumgereichten Hut Geld herausgenommen haben, und deshalb hat er seinem Publikum einen festgesetzten Betrag (14 Euro) zur freiwilligen Bezahlung vorgeschlagen. Und was ist passiert? – Die Mehrheit der Leute zahlt das seither. – Frank hofft nun, dass sein Publikum sich auch nicht lumpen lässt, wenn er ihm ein ähnliches, günstigeres Angebot macht (6 oder 7 Euro). Und ich überlege, ob ich daraus etwas lernen kann. Hut? Wie lasse ich einen Hut rumgehen? Angebot, das Biest mit einem festen Betrag zu unterstützen? – Hey, das ist das Internet. Die Guten im Netz verlangen kein Geld. Also?  

Zu tun: Werbepartner finden, die zugleich Sponsoren sind und dabei sein wollen bei dem Abenteuer, wie aus einem kleinen Biest ein großes Biest wird. - In Das innere Biest einen Erzählstrang beginnen, in dem ich von meinen Erlebnissen bei der Suche nach Werbepartnern / Sponsoren berichte. -  Norbert fragen, aus welchen anderen als aus Geldgründen er seinen Laden macht. - Die Chefin des Café Bilderbuch kennenlernen und vielleicht hier mal vorstellen. - Frank fragen, ob sein wunderschöner Name sein richtiger Name oder ein Künstlername ist. - Die gestern vergessene Website von Frank nennen. Hier ist sie: Frank Sandmann. 

(*) Aus internen Gründen gestrichen. 

Dienstag, 26. Juli 2011

Sandmann

Mann mit Hut. Kleinem Hut. Der steht ihm. Mann in Übereinstimmung mit sich selbst. Frank Sandmann. In acht Tagen wird er 45. Lebt in der Akazienstraße seit 1997. Veranstaltet und moderiert eine Talkshow im Café Bilderbuch seit letztem Jahr. Nach der Sommerpause geht es weiter. Vorbereitungen laufen schon. Casting der Gäste. Für den November plant er mit Oguzhan und Serhat vom Kaiser Kiosk und dem Tabak- und Lotto-Laden in der Akazienstr. 2. Dritter Gast soll ich sein. Doch darüber sprechen wir nicht. Das ist klar, dass er das will und ich nicht. - Wir sitzen vor dem Gottlob. Wir sind, seit wir uns die Hand zur Begrüßung gegeben haben, im angeregten Gespräch. Nach fünf Minuten unterbreche ich ihn. Erstens: Lass uns Du sagen. Zweitens: Mir ist es zu kühl hier draußen. Lass uns bitte reingehen. Drinnen setzt er seinen Hut ab. Hellblonde Haare. Schon schütter. Er wird auch noch mit Glatze ein sehr gut aussehender Mann sein. Mädchen drehen sich jedoch vergebens nach ihm um. Er erwähnt mehrfach seinen Mann und nach unserem Treffen geht er mit seiner Sporttasche ins Apollo in der Hauptstraße. Dass er Krafttraining macht, habe ich schon gesehen, als er sein Sakko ausgezogen und mit breitschultriger Bewegung die Ärmel seines hellblauen V-Ausschnitt-Pullovers hochgestreift hat. Als Schauspieler, Sänger, Autor, Comedian hat er gearbeitet, als Moderator von Pressekonferenzen eines Pharmaherstellers gutes Geld verdient, jetzt ist er, wie er es nennt, Xxxxxxxxx des Lette-Vereins und selbst überrascht davon, es zu einer Festanstellung im Öffentlichen Dienst gebracht zu haben, xxxx xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx (*). Das bessert er auf zum Beispiel mit Engagements als Sprecher. Gerade am Morgen hat er so auf die Schnelle 100 Euro verdient. Deshalb lädt er mich ein zu dem Mineralwasser, das ich bestellt habe, und als er seinen Café Macchiato und mein Getränk bezahlt: zusammen 4 Euro 10, gibt er der Bedienung einen 5 Euro-Schein und sagt, stimmt. – Das ist ein übertriebenes Trinkgeld, flüstere ich ihm zu und darüber haben wir im Weggehen eine kleine Diskussion, als würden wir uns schon wer weiß wie lange kennen. Tatsächlich ist es so, dass ich zu viel Trinkgeld zu geben für fast genauso daneben halte, wie beim Trinkgeld knickrig zu sein. – 4 Euro 50 wären angemessen gewesen, sage ich. Das sind knapp zehn Prozent. Und dass ich das überhaupt angesprochen habe, ist Ausdruck der Vertrautheit, die in nur einer Stunde Gespräch zwischen uns entstanden ist. Von meiner Seite wegen der Sympathie, die ich für ihn empfinde, und die empfinde ich deshalb, weil er so ungekünstelt ist und alles, was er macht, so stimmig und lebendig und  klug außerdem. Aber deswegen etwas machen, was ich nie in meinem Leben machen wollte? In einer Talkshow auftreten? Auch wenn es keine im Fernsehen gesendete Talkshow ist, wie ich erst geglaubt habe, sondern ein Kleinbühnen-Ereignis vor einem Publikum von etwa 120 Leuten, versammelt in den hinteren Räumen des Café Bilderbuch. In der Mehrzahl mir bekannte Gesichter aus dem Straßenbild der Akazienstraße. Denn das ist das Thema, das ist die Welt, um die es geht in der Talkshow Franks. Menschen und ihr Leben in der Akazienstraße. Das Thema. Aber es geht um mehr als um ein Thema. Es geht darum, diese Menschen, das Publikum und die Gäste zusammenzubringen, sie sich als Gemeinschaft erleben und in dieser Gemeinschaft sich heimisch fühlen zu lassen. Einfacher gesagt: Es geht darum, den Leuten in der Akazienstraße das Heimatgefühl zu geben, was Gabi dem Frank gegeben hat.


Wer ist Gabi? – Das ist der Titel von Franks Talkshow. Und Gabi ist eine Verkäuferin in der Bäckerei, in der er seine Brötchen kauft, seit er in der Akazienstraße wohnt. Die Verkäuferin kenne ich auch, ja, die ist nett. Für Frank ist sie noch mehr. Er hat bei ihr menschliche Wärme und ein Zuhausegefühl gefunden als frisch Zugezogener. Sie wurde für ihn zur Verkörperung des Akazienstraßen-Kiezes. Sie hat ihn auf die Idee gebracht, eine Talkshow mit all den Alltagsmenschen seiner Umgebung zu machen. Nur mal so eine Idee. Dann hat er sich von Carmen Thomas coachen lassen, um sich als Moderator der Pressekonferenzen für den Pharmahersteller zu verbessern. Carmen Thomas ist die erste Frau, die das Aktuelle Sportstudio im ZDF moderierte, und sie ist in die deutsche Geschichte eingegangen, als sie von Schalke 05 sprach. Danach kam es in Gelsenkirchen und Umgebung tagelang zu schweren Ausschreitungen und Carmen Thomas verlor ihren Job als erste Frau, die das Aktuelle Sportstudio moderiert hat. Was macht sie jetzt? – Zum Beispiel Frank Sandmann coachen. Und als er ihr erzählte von seiner Idee einer Talkshow von, mit und für Menschen in der Schöneberger Akazienstraße, da hat sie ihn dazu ermutigt (**) und ihm einen wichtigen Rat gegeben: Er soll keine Vorgespräche führen. Er dürfe vor dem Auftritt nicht mehr wissen über seine Gäste als sein Publikum. - Muss ich das erklären, was das für ein wertvoller Rat ist? Nur vom Ergebnis her: Dem Publikum wird nichts vorgespielt. Das Gespräch ist ein echtes Gespräch. Und: Der Talkgast hat nur so überhaupt eine Chance, sich zwangfrei und lebendig rüberzubringen, denn er kann sich verhalten wie in jedem anderen Gespräch. Er wird nicht überfordert damit, zum Schauspieler seiner selbst werden zu müssen, indem er mit dem Moderator das Vorgespräch nachspielt (so läuft das nämlich in der Regel bei Fernsehinterviews). Bei Frank hingegen können die Leute sich selbst sein, können sich zeigen, wie sie sind. Ich könnte ich selbst sein, ich könnte mich zeigen, wie ich bin, wenn ich die Einladung von Frank annehme. Das spricht schon mal dafür. Dagegen spricht, dass ich täglich in diesem Blog ich selbst bin und mich zeige, wie ich bin, und mir inzwischen überlege, ob ich wenigstens an einem Tag in der Woche von mir frei nehmen soll. Aber weil Frank mir so sympathisch ist, mache ich es vielleicht, könnte ich jetzt denken. Aber glaube ich das denn wirklich? Halte ich Frank damit nicht nur hin?  - Also? – Nein, Frank. Ich mache es nicht. Ich Blog. Du Talkshow. Über die werde ich bestimmt noch häufiger schreiben. Demnächst vielleicht mal über das Finanzierungsthema. Eintritt bei Franks Talkshow ist nämlich frei und in dem Hut, den er am Ende des Abends rumgehen lässt, kommt nie genug zusammen, um auch nur die Kosten einzuspielen. Frank will das ändern, indem er dazu auffordert, freiwillig einen Eintritt (***) zu zahlen, der dem Preis einer  Kinokarte am Dienstag (Kinotag) entspricht. Mal gespannt, wie sein Publikum darauf reagieren wird. Ich werde darüber berichten. Und wie versprochen, Frank, mit Michaela aus dem Felsenkeller rede ich. Sobald sie aus dem Urlaub zurück ist, werde ich sie fragen, ob sie in Deiner Talkshow mitmacht.  

(*) Aus internen Gründen gestrichen.
(**) Frank legt Wert auf die Feststellung, dass Carmen Thomas ihn nicht nur ermutigt, sondern den Anstoß zur Talkshow gegeben hat. 
(***) Berichtigung: freiwillig gezahlt werden soll nicht am Eingang, sondern beim Rausgehen, also kein Eintritt, sondern ein Austritt. 

Montag, 25. Juli 2011

Multitasking

Der graue Sommer. Mein zweiter Vorname ist Warten, sagt der Schutzmann. Während ich mit Özgür an einem der vorderen Tische sitze und mit ihm über die Arbeiten spreche, die ich von ihm zeigen werde, füllt sich nach und nach die Bar. Rote Beete. Wir sind hier, weil Özgür das wollte. Ich könnte denken: ist doch gut, den Laden kenne ich noch nicht, mal ein anderer Eindruck. Suzan und Andreas machen den Laden. Er ist gelernter Antiquar. Er hat noch einen Restbestand von seinem Online-Handel mit antiquarischen Büchern, u.a. eine unvollständige Ausgabe von Gibbon, Verfall und Niedergang des römischen Imperiums. Die Bücher sind untergebracht in einem Nebenraum. Dunkelrot gestrichene Decke mit Kronleuchter. Regale an der Wand. Lounge-Atmosphäre. Den Raum mir merken! Guter Platz für ein Treffen mit einem Interviewpartner, zum Vorgespräch, mit einer Art von Person, wie ich sie im Moment nicht im Blick habe, aber gerne hätte. Ganz schnell wieder weg aus dieser Sphäre. Leute, die ich kenne von früher. Alkohol-Bekanntschaften aus meiner Alkohol-Vergangenheit. Gesellschaft und Alkohol. Die Rote Beete hat geöffnet bis vier Uhr morgens. Anfangs, vor zwei Jahren, hatten sie geöffnet bis sechs Uhr. Aber davon sind sie schnell abgekommen, erzählt Andreas. Zwischen vier und sechs hat es ihnen zu viel geschneit. Ganz andere Szene, ganz andere Leute in diesen zwei Stunden. Die wollten sie nicht haben in ihrer Bar. Gesellschaft und Kokain. Drogengewohnheiten und soziales Verhalten. Eine Untersuchung, die es nicht geben wird, und nicht nur deshalb, weil sie zu aufschlussreich wäre: Kokain und Investmentbanking. Und wenn es crasht, finanzieren die dummen Steuerzahler die Kollateralschäden des Drogenmissbrauchs. Kokain und Neoliberalismus? Gesellschaftsveränderung durch Einführung anderer Drogen? Denn ohne Drogen scheint es nicht zu gehen. Alkohol macht locker, umgänglich und gesprächig. Deshalb sind wir in dieser Bar, die sich allmählich füllt in den fast drei Stunden, die wir zusammensitzen. Was für Musik, die hier spielen! sage ich zu Özgür. Der wundert sich, dass ich sie überhaupt höre, während wir reden, und er fragt mich, ob ich  multitaskingfähig sei? – Nein, ich bin kein Multitasker, die Musik dringt nur zwischendurch an mein Ohr. Die extrem verzögerte Fassung von Bang Bang aus Kill Bill. Original von Sonny and Cher. Da standen wir noch am Tresen zusammen mit Suzan und Andreas. Ich sage bestimmt drei Mal Sonny and Cher. Keine Reaktion. Sie könnten wenigstens sagen, kennen wir nicht - Özgür Jahrgang 72, Andreas Jahrgang 68 oder 69, Suzan wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Aber kein Bedarf. Sonny and Cher interessiert die nicht. Mich auch nicht. Obwohl ich dann noch sagen muss: Das war so überraschend, diese verzögerte Minimal-Version des Songs zu hören in dem Tarantino-Film, wenn man das Original kannte aus den 60er Jahren. Später dringt an mein Ohr noch was von den Arctic Monkeys aus dem ersten Album (*). Ach, und auch schon lange nicht mehr gehört: Amy Winehouse. Am Freitag war das. Ausgeh-Abend. Die Frau vom Schuhladen, zu der ich einmal das belastete Verhältnis hatte, kommt herein, sieht sehr hübsch aus und bei ihr ist ein sehr junger Mann. Später kommt einer mit am Kopf angewachsener Basecap, der sonst im Café Romantica residiert, anders ist es nicht zu bezeichnen, denn wie festgeschraubt saß der da immer am Tresen. Jetzt gern gesehener Gast in der Roten Beete. Erfreutes Grüßen von Özgür und ihm. Ich werde nicht gegrüßt und wundere mich, dass Özgür den kennt. Ich sage was über seine erotischen Präferenzen. Klatsch. Verstehe gar nicht, dass ich den erzähle. Was ich nicht erzähle, wie der Typ mich mal verarscht hat mit einer Wichtigtuerei. Hat er deshalb jetzt die Grußhemmung mir gegenüber? Warum denn? War doch mein Fehler, dass ich darauf hereingefallen bin. Nachdem wir alles besprochen haben und ich die Abzüge der Fotos von Özgürs Skulpturen gerade weggesteckt habe, kommt eine Nachbarin (längsseitig, nicht gegenüber) herein mit einer sehr blonden Freundin. Özgür kennt die Freundin. Die Nachbarin und ich sind beide überrascht, hier aufeinander zu treffen. Ich sehe sie seit fast 15 Jahren. Vorletzten Winter, als in der Eisenacherstraße vor dem Blumengeschäft ein Mann beinahe von einem riesigen Eiszapfen erschlagen worden wäre, sind wir zum ersten Mal miteinander ins Gespräch gekommen. Seither sagen wir Hallo, wenn wir uns sehen, und nicht viel mehr. Jetzt erfahre ich, sie heißt Ulla. Und: Als die blonde Frau fragt, ob Özgür und ich eine geschäftliche Besprechung haben oder ob sie sich zu uns setzen können, antworte ich, wir haben über die Arbeiten von Özgür gesprochen, weil ich über sie schreiben will, und hole die Fotos hervor, um sie den beiden Frauen zu zeigen. Ulla deutet auf ein Foto und meint, dass ihr das gefällt. Die anderen nicht? Und dann sagt sie, dass sie auch Künstlerin ist. – Ach! – Malerin. Bilder von ihr stehen im Netz, auf der Website ihres Galeristen. Sind aber ältere Arbeiten. Sie kann mir einen Katalog mit neuen Arbeiten in den Briefkasten werfen. – Ja, mach das! Fließender Übergang: vom Künstler dieser Woche zur Künstlerin der nächsten Woche, denke ich, sage aber erst mal nichts. Muss jetzt auch los. 22 Uhr. Habe noch nichts gegessen, muss noch das Posting des Tages überarbeiten und veröffentlichen. Zahle zwei Mineralwasser. Drei Euro sechzig. Vier Euro mit Trinkgeld für die Bedienung, die mal die Mathe-Nachhilfelehrerin von Özgürs Tochter war. Wir treffen uns hier noch mal in den nächsten Tagen, Özgür. Dann trinke ich ein Bier. Pilsner Urquell vom Fass haben sie. Und im August machen sie Ferien. Aber dann! Unbedingt mal hingehen!
Rote Beete
Café & Raucherbar
Gleditschstraße 71
10781 Berlin
03023635011

(*) Whatever People Say I Am, That´s What I´m Not

Sonntag, 24. Juli 2011

Anteilnahme

Ein Wort sagt alles. Hingerichtet. Kinder haben sich auf den Boden geworfen, haben sich tot gestellt und er ist zu ihnen hingegangen, hat auf sie gezielt und abgedrückt. – Spiegel Online: Ein ganzes Land weint um seine Kinder. – Anteilnahme zeigen wollen. Posting schreiben mit dem Titel Sundvollen. Am besten nur das. Sonst kein Text. Geht technisch nicht. Noch ein Zitat aus dem SPON-Artikel; Passage, an der ich hängengeblieben bin, weil sie auch alles sagt: Am Tag danach liegt der Fjord still und schwarz da. Dabei springen noch immer Taucher in das Wasser, Suchhunde laufen kläffend am Ufer, auf der Straße am Hang reihen sich die Leichenwagen mit den weißen Kreuzen auf dem Dach aneinander. Am Freitag, dem Tag des Attentats, war es skandinavisch kalt am Fjord, am Tag danach ist es tropisch schwül. - Titel: Sundvollen und das Zitat als Ganzes verlinkt zu dem Artikel auf SPON. Anteilnahme gezeigt. Danach das Posting über Özgürs Skulpturen. Die Fotos. Die knappen Texte, die ich am Nachmittag entworfen hatte. So weit habe ich mich noch nie zurückgenommen wie bei diesen Texten. Das ist gut, aber es fehlt etwas. Ergänzendes Posting mit Nachlieferung und Berichtigung zum Text vom Anfang der Woche über den Atelierbesuch bei Özgur. Aber das ist es nicht, was fehlt. Kurz vor 24.00 Uhr werde ich fertig. Ich setze das Posting Sundvollen zurück auf Entwurf. Gefühl, dass es unangemessen ist. Der Blog ist keine Zeitung. Ich lösche das zurückgesetzte Posting Sundvollen. Und ich werde auch nicht über den Tod von Amy Winehouse schreiben, der am Abend gemeldet wurde. Was ist diese Nachricht gegen die Nachrichten aus Norwegen?  Meldung eines angekündigten Todes. Es war nur die Frage, wann. Heute also. Niemand wird von einem Verlust sprechen. Da war nichts mehr und da wäre auch nichts mehr gekommen. Ich werde nicht über sie schreiben. Aber das geht nicht.

Blut ist im Schuh
If the Drugs Don´t Kill Her, Amy Winehouse Can Always Rely on Her Husband to Finish the Job
Ein Name in den Schlagzeilen. Je öfter ich ihn lese, desto weniger interessiert er mich.  Bis zu dem Tag im Sommer 2007, als ich diese Fotos sehe. Die Frau mit der drolligen Bienenkorb-Frisur in der Nacht unterwegs in London. Die blutigen Ballerinas. Das Blut ist nicht das Blut ihres Typs; heruntergetropft von den tiefen Kratzern an seinem Hals. Kratzer, die sie ihm beigebracht hat, als sie auf ihn losgegangen ist, und danach ist sie panisch weg gerannt vor ihm, erzählen Leute, die sie gesehen haben und ihn, wie er schreiend hinter ihr her gejagt ist. Aber dann müssen sie sich versöhnt haben. Jetzt gehen sie Arm in Arm. Wie ein Paar, das nur mal kurz sein Hotelzimmer verlassen hat, um Zigaretten zu kaufen. Sie hat eine Packung Camel in der Hand. Und ihre weißen Ballerinas sind blutig an den Stellen, wo sie sich zwischen den Zehen, das Zeug injiziert hat, mit dem sie weiter machen werden, wenn sie zurück sind im Hotelzimmer.

Die wilde nächtliche Szene. Die Kratzer am Hals. Die blutigen Ballerinas. Wer ist sie? Album Back to Black. Die Stimme. Ihr Soul. Ihre Lyrics: He left no time to regret, kept his dick wet / With his same old safe bet / Me and my head high and my tears dry / Get on without my guy. - Back to Black. - Einen English Native Speaker gefragt: He kept his dick wet. Ist das eine englische Redensart oder ist das ihre Poesie? – Das ist ihre Poesie.  – Mehr Poesie: My blood running cold, I stand before him  / It´s all I can do to assure him / When he comes to me, I drip for him tonight / Drowned in me, we bathe under blue light. - Wake up AloneAndere Songs: Tears Dry of Their OwnSome Unholy WarLove Is a Losing Game. – Den ganzen Herbst, den ganzen Winter über Amy Winehouse gehört. Frank, Back to Black und das Bootleg Live in Paradiso. Paradiso in Amsterdan. Die Klatschpresse über sie verfolgt. Mit ihrem Vater, Mitchell Winehouse, dem Taxi-Fahrer, mitgelitten. Erleichterung, als sie sich von dem Verreckling Blake Fielder-Civil getrennt hat. Aber ohne das Drama mit dem Verreckling, dem Sauhund, dem Arschloch Fielder-Civil hätte es die genialen Lyrics des Back to Black-Albuns nicht gegeben. Und ohne den Vodka und den Junk auch nicht. Dann nur noch Vodka und ein Lungenemphysem vom Crack-Rauchen. Wie viel Crack muss man rauchen, um ein Lungenemphysem zu kriegen? Längere Zeit nichts mehr über sie gelesen, auch nichts mehr von ihr gehört. Dann der öffentliche Absturz beim Konzert in Belgrad. Die Absage der Comeback-Tour. Nur noch die Schlagzeilen gelesen. Letzte Schlagzeile: Amy Winehouse ist tot.

Nachruf: Amy Winehouse hatte das Glück, 27 Jahre alt zu werden, ein Meisterwerk zu schaffen und sich selbst zerstören zu können. 

Samstag, 23. Juli 2011

Emeklier

Material habe ich immer vor Augen. Meist ist es nicht  überzeugend. Aber wenn ich etwas sehe und es ist überzeugend, dann kriege ich das auch.

Ein  Paar   Speckstein   22 cm    1996

Frühe Arbeit. Aus der Zeit seiner Ausbildung an der UDK. Thematisch: männlich/weiblich. Miriam und ich. – Einmaliger Ansatz. Nicht weiter verfolgt. Als er im Frühjahr Arbeiten ausgesucht hat für die Ausstellung bei Mini Kapur, hat er die kleine Skulptur wieder einmal in die Hand genommen und gefunden: Sie ist mir gut gelungen. Als Objekt. Unabhängig von der Figuration.


Kopf 1    Birke    28 cm    1997

Eine Holzarbeit aus meiner ersten Steinzeit. Als Özgürs Lehrer, Herr Yoshimi Hashimoto, ihn an das Arbeiten mit Granit herangeführt hat. Porträt: Da sehe ich mich selbst drin. Nicht, wie ich ausgesehen habe. Wie ich mich gefühlt habe. Bewusstseinszustand: Da fühle ich mich voll da. Damals habe ich eine Leere im Kopf gehabt, wie man sie sonst nicht erreicht. Nicht einmal im Schlaf, wo es immer noch die Traumbilder gibt. – Wichtige Arbeit. Ausgangspunkt einer Entwicklung. Unverkäuflich. Er würde die Skulptur in Bronze gießen, aber das Original gibt er nicht her.


Fisch   norwegischer Labrador (Labradorite)  70 cm   1999

Auf dem Foto nicht zu erkennen, das Funkeln der in den Stein eingeschlossenen  Halbedelsteine: Labradorite. Im Sonnenlicht funkelt der Stein, als würde man am Tag die Sterne am Himmel sehen. – Fundstück. Entdeckt, als ich mit Miriam auf Steinsuche auf einem Friedhof war. Sockel eines zur Entsorgung freigegebenen Grabmales. Ein quaderförmiger Klotz. Ungeschliffen. Die funkelnden Labradorite kamen erst beim Schleifen zum Vorschein. Der Lichteffekt hat ihn an das Schimmern von Fischhaut erinnert. 


Raindrop   lackierter Gips   60 cm   2006

Wieso ein englischer Titel? – Internationale Produktion. Entstanden bei einem Symposion des Mosan Museums in Korea. Jedes Jahr werden dorthin Bildhauer aus allen Kontinenten eingeladen. Ich war eingeladen als Türke. Als Asiate (Vertreter Kleinasiens). Die beim Symposion entstehenden Arbeiten gehen in den Besitz des Museums über. Nachdem er seinen Symposionbeitrag beendet hatte – Das Auge, 6 Meter lang, 1,45 m hoch, 6 Tonnen schwer –, blieb Özgür noch eine Woche. In der Zeit hat er einen Findling aus schwarzem Granit bearbeitet, der bereits geschnitten war (gekerbt, noch nicht ausgehöhlt). Als er den Findling entdeckte, hat er darin den Tropfen gesehen. Naheliegende Assoziation: Nachdem in den ersten vier Wochen von morgens bis abends die Sonne auf den Granitsteinbruch gebrannt hatte und es bis zu 45 Grad heiß war, regnete es in der fünften und letzten Woche ununterbrochen. - Die Gips-Lack-Skulptur ist eine Nachbildung. Sie hat mehr Arbeit gemacht als der Stein. Wegen des mehrfachen Lackierens und Schleifens, das notwendig war, um dem Glanz des Originals nahe zu kommen.


Boot   Nussbaum, Sockel: Kiefer   150 cm   2007

Walnuss aus Belgien. Das Holz war zerfressen von Holzwürmern. Es gestalten war zugleich, es von den Würmern befreien. Ein Wurmloch blieb erhalten, am Bug der Boot-Form, für das Piercing mit dem Ring, an dem die Kette hängt, mit der das schwebende Boot am Sockel festgemacht ist. Der Sockel ist ein mehr als 100 Jahre altes Fundstück aus dem Sperrmüll, das jahrelang vor Özgürs Atelier gestanden hatte. - Das Boot ist mein Boot. Wichtig ist, dass es schwebt und dass es festgehalten wird von der Kette, die es mit dem Sockel verbindet. Das Schwebende des Bootes und die Stabilität des Sockels, das sollte zusammenkommen. 

Alle hier abgebildeten Arbeiten sind ausgestellt bis Ende August in der Galerie von Mini Kapur:
UNDER THE MANGO TREE
Merseburger Straße Nr. 14
10823 Berlin
030 787 184 75
mini.kapur@utmt.net

Reliefs Positiv/Negativ und mehr siehe Nachlieferung.
Fotos: © Özgür Emeklier

Freitag, 22. Juli 2011

Dr. Bürger

Hätte mich schon sehr gewundert, wenn er sich nicht wiedergefunden hätte in meinem Text, aber dann freut es mich doch sehr, als er anruft und sich meldet mit den Worten: Hier ist Schutzmann zwei, drei und vier, und er dann erzählt, er habe meine Postings über ihn seiner Frau ausgedruckt und die habe gesagt, dass sie glaubte, ihn reden zu hören, als sie den Text las. Spitzenlob! Und ich reagiere nur deshalb so verklemmt darauf, weil mir normalerweise niemand etwas sagt zum Blog und wenn doch, nichts Gutes. Zweite Überraschung: Schutzmann 2, 3 und 4 hat sich festgelesen, ist ganz begeistert davon, dass ich schreibe über den Kiez, in dem er seit mehr als 20 Jahren unterwegs ist, und er sich bei einem Text wie Hohn die Szenerie so genau vorstellen kann, als habe er daneben gestanden. Jetzt liest er den Blog komplett von Anfang an durch. Und als ich ihn gestern treffe auf dem Abschnitt und er gerade noch was am Recherchieren ist für eine Anzeige, die er schreibt, sagt er: Sie wollten doch mal ins Melderegister gucken und Ihre Daten sehen, und ich antworte: nein, nicht meine Daten, da ist er sofort im Bilde: Ach so, Sie wollen gucken nach der Contessa. – Richtig, sage ich. Die Daten der Wohnung gegenüber interessieren mich. Füge aber gleich hinzu, dass ich weiß, dass das nicht geht, und dass ich auch nie auf die Idee kommen würde, ihn danach zu fragen, weil ich unseren so erfreulichen Kontakt damit nicht belasten möchte. Irgendwann werde ich schon mal jemanden treffen, der mich da reingucken lässt. Und noch besser wird es sein, wenn es mich eines Tages nicht mehr interessiert. So weit ist es allerdings noch nicht. Und das versteht er, weil er gerade den Teil meines Blogs durchliest, in dem es um meine wundersame Contessa-Geschichte und nur um wenig anderes geht. 

Bei der Anzeige, die er gerade schreibt, geht es darum, dass ein Siegel aufgebrochen wurde an der Tür eines behördlich geschlossenen gastronomischen Betriebs. Das kommt häufiger vor. Meist sind es die Betreiber selbst, die das machen, weil sie irgendetwas da liegen haben, was sie brauchen. Sie könnten sich auch an die Polizei wenden, damit ihnen aufgeschlossen wird, aber das wissen sie nicht oder sie wollen es nicht und deshalb brechen sie das Siegel an der Tür auf. Was ihnen aber schwer nachzuweisen ist und deshalb schreibt er die Anzeige im Grunde genommen nur fürs Archiv. Aber geschrieben werden muss sie. Denn es ist nun mal eine Straftat, ein amtliches Siegel aufzubrechen. Und bei Straftaten gilt das Legalitätsprinzip. Im Gegensatz zum Opportunitätsprinzip, das bei Ordnungswidrigkeiten gilt, wie ich nun lerne. Bei Straftaten muss ein Polizist aktiv werden. Bei Ordnungswidrigkeiten kann er – liegt es in seinem Ermessen, ob er eine Ordnungsstrafe verhängt oder es bei einer Ermahnung belässt oder – Beispiel Fahrradfahren auf dem Bürgersteig – zu dem Schluss kommt, dass es reicht, dass der Radfahrer abgestiegen ist, als er den Polizisten hat kommen sehen.

Darüber reden wir im Rausgehen. Schutzmann 2, 3 und 4 muss los zu seinem Kontaktbereich. Vorher will ich noch mit ihm besprechen, wie ich ihn künftig nennen soll im Blog. Wenn es nach mir geht, wird er ab jetzt regelmäßig hier auftreten und Schutzmann 2, 3 und 4 ist als Name nur begrenzt witzig. Aber dann treffen wir einen seiner Kollegen. Der hört nur Opportunitätsprinzip und Ermessensspielraum und schon fällt ihm eine Geschichte ein, in der es auch um einen Fahrradfahrer auf dem Bürgersteig geht und um einen Polizisten (KOB), der ihn nur dadurch, dass er in Erscheinung getreten ist, zum Absteigen gebracht hat, es großzügig dabei belassen wollte, aber das war einem Bürger, der das beobachtet hatte, zu wenig. Er ging hin zu dem KOB und stellte ihn zur Rede, weil  der KOB den Fahrradfahrer ungestraft hatte davon kommen lassen. Worauf der KOB ihm das mit dem Ermessen und der Ermahnung erklärte, der belehrte Bürger erwiderte, von einer Ermahnung habe er nichts gesehen, der KOB sodann keine Lust auf ein Streitgespräch hatte und den Fehler machte zu sagen: Wenn Sie möchten, dann beschweren Sie sich über mich. Darauf dem Bürger seine Visitenkarte gab und den zweiten Fehler machte, indem er hinzufügte: Wenn Sie wollen, können Sie gleich mitkommen, ich gehe jetzt nämlich zurück auf mein Revier. – Mache ich, sagte darauf der Bürger. Und jetzt muss man sich vorstellen, dass der Kontaktbereich des KOBs am Rande des Abschnitts 41 liegt, so dass die beiden einen Fußweg von mehr als 20 Minuten hatten, bis sie in der Gothaer Straße angelangt waren. Schweigemarsch war das. Weiter schweigend saßen sie dann auch noch eine ganze Weile zusammen vor dem Dienstzimmer des Vorgesetzten, bei dem die Beschwerde vorzubringen war. Und das nur, weil der KOB sich damit begnügt hatte, den Fahrradfahrer streng anzugucken, anstatt ihn so zusammenzuscheißen, dass er für den Rest seines Lebens abgeschreckt gewesen wäre davon, auf dem Bürgersteig Fahrrad zu fahren. Was auch immer der Bürger sich vorgestellt haben mag, er hat die Beschwerde durchgezogen. Und wie ich nun heraus höre aus dem Dialog meines Schutzmannes mit seinem Kollegen, zeigte sich dabei, dass der KOB schon in dem Moment verloren hatte, als der Bürger ihn mit dem Fahrradfahrer beobachtete. Bei dem Bürger handelt es sich nämlich um den in Polizeikreisen als Oberster Beschwerdeführer gefürchteten Dr. Bürger. Name von mir erfunden. Doktortitel authentisch. Ein Mann in meinem Alter, wie ich auf Nachfrage erfahre; mehr wollen mir mein Schutzmann und sein Kollege nicht sagen. Viel mehr wissen sie allerdings auch nicht. Weder wer der Mann ist, noch was ihn bewegt: Ein Kreuzzug gegen Fahrradfahren auf dem Bürgersteig? Oder gegen die Polizei? Jedenfalls ist er immer wieder zur richtigen Zeit am richtigen Ort, um Polizeiverhalten zu beobachten, über das er sich beschweren kann? Patrouilliert er auf den Straßen des Abschnitts 41 und der angrenzenden Abschnitte? Hat er nichts anderes zu tun? – Das kann nicht sein. Ich habe seinen im Gespräch aufgeschnappten (richtigen) Namen gegoogelt, und wenn er die Person ist, die ich gefunden habe, geht er einer anspruchsvollen Berufstätigkeit nach. Ich werde versuchen, Kontakt mit ihm aufzunehmen, um seinen Teil der Geschichte zu hören und herauszufinden, wer der Mann ist, der mit seinen Beschwerden zum Schreckgespenst der Polizisten im Abschnitt 41 und der benachbarten Abschnitte geworden ist. 

Donnerstag, 21. Juli 2011

Freundin

Er schaut einer Frau hinterher und bemerkt, dass ich ihn beobachte.
Ich gucke allen Frauen hinterher. Schlimm.
Wenn du nicht mehr Frauen hinterher guckst, dann hast du ein schwerwiegendes Problem.
Stimmt.
Warum verziehst du dein Gesicht?
Schmerzen.
Hey! Was ist los? Kriegst du keine Luft?
Irgendwas ist mit meinen Lungen.
Du rauchst zu viel.
Wahrscheinlich.
Wo tut es denn weh?
Hinten links. Unter der Schulter.
Das ist der Rücken. Wahrscheinlich verspannt. Du bewegst dich zu wenig. Befindlichkeitsstörung.
Du solltest Arzt werden.
Ich bin Anthropologe. Hast du neulich gesagt.
Stimmt.
Wie lange hast du die Schmerzen denn schon?
Halbes Jahr.
Vielleicht doch mal zum Arzt gehen?
Sollte ich mal machen. 
Hast du eine Freundin?
Seit kurzem wieder. Wir waren schon mal zusammen.
Wie lange?
Dreieinhalb Jahre.
Dann ist es die wahrscheinlich.
Sie ist langweilig. Ich kann nicht mit ihr reden. Sie liest BZ und guckt RTL. Hat keine Ahnung. Die weiß nicht mal, wer Goebbels ist.  
Goebbels muss man nicht kennen. Was macht sie beruflich?
Sie hat eine Lehre abgebrochen. Jetzt macht sie Fachabitur.
Dann kann sie nicht ganz blöd sein.
Nein, nein. Sie ist schlau. Richtig gerissen ist sie.
Was meint sie zu deinen Schmerzen? 
Habe ich ihr nichts von gesagt. Ich erzähle ihr nicht so viel von mir.
Du redest überhaupt nicht viel mit ihr?
Nein.
Dann sagt sie wahrscheinlich über dich auch, dass du langweilig bist. Es ist sehr schön mit ihm, aber er ist langweilig, ich kann nicht mit ihm reden.
Kann sein.
Jetzt hast du die ganze Zeit dein Gesicht nicht mehr verzogen.
Weil ich abgelenkt war.  
Und das Thema war dir angenehm. Also hast du nichts Schlimmes.  Und dass du mit deiner Freundin nicht über Goebbels reden kannst, vergiss es. Hauptsache du fühlst dich wohl mit ihr. 
Meinst du, es ist so einfach?  
Wenn du mit ihr zusammen warst, ich meine, wenn ihr Sex hattet, bist du dann gerne bei ihr oder willst du bald wieder weg, um deine eigenen Sachen zu machen?
Wieder weg.
Das müsste aber schon so sein, dass du danach gerne bei ihr bist, auch wenn es langweilig ist.
Ja, nä?
Heute hast du viel von dir erzählt.
Ich bin wie ein offenes Buch.

Mittwoch, 20. Juli 2011

Abscheu

Seltsam altbackene Einrichtung auf Spiegel Online, wo sie sonst so viel richtig machen: Die Kolumnisten. Meinungsgeschreibe. Unter anderen von Jakob Augstein, der eigentlich Walser heißen müsste und der auch so aussieht, aber wegen der Großzügigkeit des Rudolf Augstein seinen großen Namen hat und zusammen mit seiner Schwester Franziska Augstein, die gar nicht seine Schwester ist (Franziska Walser ist seine Schwester), Anteilseigner des Spiegel Verlages ist und deswegen und nur aus diesem Grund wöchentlich eine Kolumne auf Spiegel Online schreibt. Schlimm. Trotz des Altbackenen manchmal gerne gelesen von mir die Kolumnen von Georg Diez und immer die von Sibylle Berg. Weil sie schreibt, wie sie auf dem Foto zu ihrer Kolumne aussieht. Immer gerne gelesen, auch dann noch, wenn sie nur geschrieben hat, weil sie liefern musste wie diese Woche über Berlin als Angeber-Hauptstadt. Kommentar zum massenhaften Vorkommen von jungen Menschen in Berlin unter dem Aspekt ihrer angestrengten und inhaltsleeren Hipness. Und richtig gutes Essen gibt es auch keins in Berlin, schreibt Frau Berg. Das weiß ich als ihr regelmäßiger Leser, dass sie gerne gut und teuer essen geht. Dass sie jetzt aber solche Einblicke in die Berliner Massen-Hipness genommen hat, das verwundert mich und ich denke mir, dass sie das, was sie in ihrer Kolumne diese Woche schreibt, nur vom Hörensagen weiß. Gehört von älteren Menschen, die mit ihren riesigen Wohnungen Frau Berg beeindruckt haben und die sich nicht einmal mehr daran erinnern können, wie sich Hunger anfühlt. Das dürfte sie bemerkt haben, als diese älteren Menschen, bei denen sie, aus Zürich angereist, zu Gast war, ihr den Gefallen getan haben, mit ihr essen zu gehen. Und ich verstehe nicht, warum Frau Berg aus dieser Wahrnehmung nicht mehr gemacht hat. Warum sie aus dem Zusammenhang der Hungerlosigkeit und der Dürftigkeit der angeberischen Berliner Edel-Gastronomie nicht einen erzählerischen Mikrokosmos geschaffen hat, aus dem sie stimmig  auf die Berliner Angeberischkeit hätte schließen können. Stimmig, weil sie von dem Restaurantbesuch mit den älteren Menschen eine Anschauung hat, vom Leben der jungen Menschen aber nicht. Die müsste sie sich erst verschaffen, indem sie sie aufsucht an ihren uninteressanten Plätzen und mit ihnen spricht über ihre uninteressanten Beschäftigungen und ihre uninteressanten Erwartungen, die sie haben an ihr uninteressantes Leben. Verständlich, dass sie das nicht wollte. Aber sollte sie sich dann nicht beschränken auf den Mikrokosmos ihres Erlebten, also auf sich? Was doch allemal interessanter ist als die Berlin durchwimmelnden Massen junger Menschen. Frau Berg ist interessant. Die jungen Menschen sind es mehrheitlich nicht.

Das sehe ich genauso wie sie. Habe es auf jeden Fall so gesehen vergangenen Samstag, als ich zum ersten Mal seit vielen Monaten wieder am Abend raus gegangen bin, um einmal etwas anderes zu sehen als mein Laptop und dahinter die halbgeöffnete Balkontür, das Gitter des Balkongeländers und die Fassade des Hinterhauses mit der Wohnung, in die vor kurzem ein junger Mann eingezogen ist. Aber der war an diesem Abend nicht da. Die Fenster waren dunkel. Da gab es nichts zu sehen. Wenn er da ist, gibt es auch nicht viel zu sehen. Ob das so ein uniformer Berliner Hipster ist? – Ich schweife ab. Draußen war ich. 22.15 Uhr. Habe mir Zigaretten gekauft und bin danach ins Café Gottlob gegangen, weil Lüder da am Samstag arbeitete. Wollte erst nichts trinken. Habe gemerkt, dass das nicht geht. Mir ein Glas Rotwein geben lassen. Mich umgeschaut. Mir vorgekommen wie ein Schauspieler, der die 500. Vorstellung eines Stückes spielt und nur noch denken kann an den letzten Vorhang, der heute Abend fallen wird, und dann nichts wie weg, weg, weg! Aber wohin? – Lüder gefragt, was musikalisch bei ihm passiert gerade. Er plant ein eigenes Label, hat er erzählt. – Wieso denn das? Das lenkt dich doch nur ab vom Musikmachen. Einwände formuliert, zugleich gewusst, der hat eine Ideenkrise, deshalb trägt er sich mit so einem klischeehaften Plan. Hast du zur Zeit eine Freundin? – Er deutet auf eine der beiden Bedienungen. – Hier kennengelernt oder mit hierher gebracht? – Ersteres. – Damit schon alles besprochen. Glas Rotwein noch zu zwei Dritteln gefüllt. Raus gegangen. Zigarette rauchen. Beim Rauchen die Leute angeguckt, die draußen saßen an den Tischen vor dem Gottlob, alle Stühle besetzt von jungen Menschen, denen es gut zu gehen schien und die alle gleich uninteressant aussahen und wahrscheinlich auch alle das Gleiche geredet haben: Facebook und als nächstes Google +. Praktikum. Apple. Dieser Laden, jener Laden. Und natürlich Geld, Geld, Geld. Kein Wort gehört. Nur undeutlich gesehen im Halbdunkel der schwachen Beleuchtung, weil meine Augen nach dem langen Starren auf den Bildschirm Stunden brauchen, bis sie sich erholt und wieder an dreidimensionale Bilder gewöhnt haben. Trotzdem gedacht, da ist keine einzige Person unter diesen jungen Leuten, die ich würde kennenlernen wollen. Und das ist jetzt die mich umgebende Menschheit. Eine andere gibt es nicht. Wieder reingegangen zu meinem Glas Wein und zu Lüder. Hassgefühl. Mich dabei gegraust vor mir. Kein Menschenhasser sein wollen. Aber wenn es nicht anders geht? – Paar Mitte 30. Frau halbhübsch. Typ, der nette Mann, der zurecht kommt im Leben und deshalb diese halbhübsche Frau hat, die es vermeiden wird, ihm zu oft zu widersprechen, weil sie froh sein kann, dass sie als Halbhübsche so einen abgekriegt hat. Die muntere Begrüßung mit Lüder. Das kurze muntere Gespräch. Obwohl alle Tische besetzt sind, werdet ihr bestimmt gleich einen Platz kriegen, sagt Lüder. Das sind nämlich alles Touristen, die sitzen nicht stundenlang rum wie die Schöneberger. – Weil sie so viele Berliner Clubs wie möglich kennenlernen wollen, hat die halbhübsche Frau darauf gesagt und in ihrer frischen, unkomplizierten Art gelacht, dass der Hass in mir hoch gestiegen ist wie Magensäure. Und schon kam die Freundin von Lüder und hat den beiden gesagt, dass ein Tisch frei geworden ist. - Bis ich den Wein ausgetrunken hatte, mühsames Gespräch mit Lüder. Weiter über sein Label. Alles gut gedacht von ihm, aber wenn es musikalisch bei ihm laufen würde … . – Lüder zu viel Trinkgeld gegeben. Auf dem Nachhauseweg: Gelangweiltsein. Abscheu. Hass. Und das Entsetzen darüber. Am nächsten Tag, am übernächsten Tag darüber zu reden versucht. Niemand will so etwas wissen. Alleine damit zurecht gekommen. Aber der Schreck! Wenn das wieder kommt! Und wenn es das nächste Mal nicht wieder weggeht? Weil es gar nicht anders sein kann. Weil es nicht an mir liegt. Nicht an meiner Abscheu, sondern am Abscheulichen: wie gleich die alle sind und es nicht merken in der Überanstrengung ihres Sich-Spreizens. Weil das jetzt so ist, dass alle Individualität haben, und alle dieselbe (*). Vorausgesagt (Karl Kraus, Aldous Huxley). Und jetzt ist es passiert. Das ist jetzt die mich umgebende Menschheit. Eine andere gibt es nicht. Was kann ich da anderes machen, um es zu ertragen, als mich zu ihnen zu setzen, Fragen zu stellen, in der Gleichheit Unterschiede bemerken, mich einlassen auf die Uninteressantheit und vielleicht erkennen, was für ein Glück im Uninteressantsein liegt. Doch das schon viel zu weit gedacht. Erst mal nur hingehen, zuhören, Fragen stellen. Und das am liebsten zusammen mit Frau Berg, wenn sie wieder einmal in Berlin ist. Damit es nicht so langweilig wird.

Frau Berg auf Wikipedia
Website von Frau Berg
Kolumnen von Frau Berg im Überblick

(*) Karl Kraus, Nestroy und die Nachwelt (1912) : Wo alle Individualität haben, und alle dieselbe, und die Hysterie der Klebstoff ist, der die Gesellschaftsordnung zusammenhält.

Dienstag, 19. Juli 2011

Jux

Jemand macht sich lustig darüber, dass ich wegen der unreifen Pfirsiche an Edeka geschrieben habe. Plus: Reifes Obst ist für ihn Marmelade, wie er sagt. Pfirsiche, Aprikosen, Pflaumen müssen so sein, wie er sie als Kind gegessen hat, vom Baum eines Bauern stibitzt: unreif, hart, knackig. Wenn ich unfair sein wollte, könnte ich diesem Geschmacksurteil entgegen halten, dass er auch eine Vorliebe für Weißwein in solchen Mengen hat, dass seine Speiseröhre und sein Magen so von Säufer-Varizen  durchzogen sind, dass er neulich beinahe innerlich verblutet ist. Ich bin unfair. In meiner Kommunikation mit Edeka war ich es nicht. Ich wollte einen Hinweis geben, um damit nicht nur meine Kundenzufriedenheit zu verbessern, sondern auch die Zufriedenheit all derer, die Obst kaufen möchten, das sofort genießbar ist und nicht erst zwei Tage nach dem Kauf. Dass ich nicht der Einzige bin, der diesen Wunsch hat, weiß ich von einer Umfrage in meinem Bekanntenkreis. Dass es Kunden gibt, die andere Wünsche haben, war mir klar, und es ist mir auch klar, dass die nicht unbedingt so extremistische Neigungen haben müssen wie der zitierte Jemand.

Auf dessen Veralberung meines Schreibens an Edeka habe ich geantwortet, dass es mir dabei zwar in der Hauptsache um die Pfirsiche ging, dass ich nebenbei aber auch einmal erkunden wollte, wie ein Unternehmen vom Format Edekas damit umgeht, wenn das Feedback-Angebot auf seiner Website von einem Kunden genutzt wird. – Meinem Gesprächspartner fiel dazu ein, dass es vor ein paar Jahren mal einen Typ gab, der Jux-Briefe an Unternehmen verschickt hat – Darauf habe ich gesagt, dass die Kommunikation mit Edeka für mich kein Jux ist. Wie überhaupt nichts, was ich mache, ein Jux ist. Mein Blog ist nicht witzig, ich bin nicht witzig und ich will auch nicht witzig sein. Und weil ich so erbost war über die Jux-Brief-Assoziation, wurde ich grundsätzlich und habe erklärt: Wer immer noch denkt, dass wir in einer Spaßgesellschaft leben, der hat von irgendetwas zu viel gekriegt. Der Spaß ist vorbei. Der neue Spaß ist, dass es keinen Spaß mehr gibt.

Da kannte ich noch nicht die Antwort auf meine letzte Mail an Edeka. Darin hatte ich vom Selbstversuch mit einem bei Edeka gekauften harten Pfirsich berichtet: nach zwei Tagen war der Pfirsich saftig und so weich, dass er auch als matschig bezeichnet werden konnte – und er war so sauer, dass ich ihn nach zwei Probierbissen weggeworfen habe. Außerdem habe ich mir in der Mail Gedanken darüber gemacht, was es zu bedeuten hat, dass mir von Edeka mitgeteilt worden war, dass in Reaktion auf meinen Verbesserungsvorschlag ein Emissär der Geschäftsleitung mit dem Personal in der Edeka-Filiale in der Gleditschstraße sprechen wird. Meine Sorge: dass das Personal sich künftig nicht mehr so offen und ehrlich (freimütig) äußern wird, wie das bisher der Fall war. – Die Antwort, die ich darauf heute erhalten habe, ist eine gute Antwort, weil sie auf diese Frage eingeht, wenn es zunächst auch nicht den Anschein hat. Aus rechtlichen Gründen kann ich die Mail nicht wiedergeben, obwohl sie darum bettelt. Also gebe ich nur wieder, wie ich sie gelesen habe. Am Anfang bringt die mir schreibende Edeka-Person ihre Freude darüber zum Ausdruck, dass ich so auf die Freundlichkeit des Personals achte, und das auch zurecht, weil die Freundlichkeit sei nun mal das A&O in einem Supermarkt. Das ist einerseits die höfliche Form, wie Unternehmen nach außen kommunizieren, ich lese darin aber auch eine Ironie, insofern mir unterstellt wird, dass ich die Freundlichkeit des Personals geradezu observiere – benutzt wurde das deutsche Wort dafür (ich nenne es nicht, denn ich darf nicht aus der Mail zitieren). Ironie. Leiser Spott. Jux. Warum denn nicht? Wo es doch sonst nichts zu lachen gibt. Und weil das so ist, setzt die Edeka-Person noch einen Jux drauf, indem sie mir im nächsten Absatz erklärt, was ein Pfirsich ist. Wirklich, das steht da, die Beschreibung eines Pfirsichs: Kern, Fruchtfleisch, Haut etc. – Habe ich gelacht? Ich habe es fassungslos immer wieder gelesen, bevor ich mich im dritten Absatz dann endlich ernst genommen fühlen konnte. Dort geht die Edeka-Person nämlich auf das Unbehagen ein, von dem ich in meiner Mail geschrieben hatte, weil ich mir nichts Gutes vorzustellen vermochte bei dem Gespräch des Emissärs der Geschäftsleitung mit dem Personal in der Gleditschstraße. Worüber soll der mit denen denn reden, hatte ich gefragt. Die in der Filiale verkauften Pfirsiche wachsen doch nicht auf der Ecke Gleditschstraße/Barbarossastraße, also entscheidet das Personal dort auch nicht darüber, wann die Pfirsiche die richtige Pflückreife haben, und das Personal probiert auch nicht beim Einkauf dieser oder einer anderen Ernte in Frankreich, ob die Pfirsiche vielleicht zu sauer sein könnten für meinen Geschmack. – Antwort von Edeka: Ich soll mir keine Sorgen machen. Der Emissär hat das Personal nur gecoacht, damit es künftig kompetent antworten kann, wenn es von Leuten wie mir Fragen zur Härte der Pfirsiche gestellt bekommt. Folgt die Hoffnung, dass ich weiterhin gerne bei Edeka einkaufe und das werde ich auch tun. Nur keine Pfirsiche mehr. Denn der zweite Selbstversuch mit einem harten Pfirsich hatte zum Ergebnis: saftig, gewünscht fest (also nicht matschig), aber säuerlich, wenn auch nicht so sauer wie die Frucht beim ersten Versuch. Ende der Geschichte. Keine Überraschungen. Kein Gewinner. Keine Verlierer. Ich bleibe Edeka-Kunde. Nur Pfirsiche werde ich, wie schon in den vergangenen Jahren, entweder im Laden von Imad gegenüber der Apostel-Paulus-Kirche kaufen oder im türkischen Supermarkt in der Hauptstraße. Dort fragen sie sich bestimmt schon, wo diesen Sommer der Verrückte bleibt, der bis zu zehn Minuten lang Pfirsiche betastet, bis er sich endlich für die lächerlichen drei Früchte entschieden hat, die er jeweils kauft. Mehr nicht. Immer nur drei Stück. Also kein Verlust für Edeka. Dafür ist das Personal jetzt gecoacht. Das war es nicht, was ich wollte. Hat sich die Aktion trotzdem gelohnt? – Nein. 

Montag, 18. Juli 2011

Özgür

Sophie-Charlotten-Straße. Nr. 27. Gewerbehof. Gleich, wenn man reinkommt eine Tischlerei. Stück weiter, die zerlegen gerade Metallschienen mit einer Motorsäge, dass die Funke nur so stieben. Und im hinteren Teil Werkstatt, Atelier und Lager von Özgür und seinem älteren Bruder Alper. Der ist nicht da, arbeitet bei einer Hausverwaltung; seine Kunst macht er nach Feierabend. Da ist noch Stephan; Bildhauer wie die beiden Brüder. Zur Zeit malt er, wie Alper; der malt inzwischen nur noch. Eine Katze gibt es, die hat ihren Schlafplatz im Atelier und gleich zwei Klos da stehen. Schwarz-braun gestreifte Katze. Einquartiert wegen einer Mäuseplage im Atelier. Die hat sie längst beendet, jetzt muss sie zum nahegelegenen S-Bahndamm, wenn ihr nach Mäusen ist. Natürlich kriegt sie auch Futter aus der Dose. Von der Jagd mitgebrachte Mäuse legt sie in ihren Futternapf, bevor sie sie frisst. Paula! – Es ist unhöflich, dass ich mich nicht nach der Arbeit von Stephan erkundige und an den aufgestellten Bildern von Alper gucke ich auch vorbei. Özgür und ich, wir haben uns mindestens zwei Jahre lang nicht gesehen. Unser Gespräch war immer: Er hat mir von sich erzählt und ich habe ihn verstanden, ich habe ihm von mir erzählt und er hat mich verstanden. Erzählt haben wir uns von unserer Arbeit und von Frauen/keine Frauen. Irgendwann haben wir dann begonnen uns mit Wangenküssen zu begrüßen und waren Freunde. Bei einer Ausstellung, die er mal hatte in einem FU-Institut in der Nähe vom Breitenbachplatz habe ich seine Eltern kennengelernt, seine Tochter, die Mutter seiner Tochter - und Julia, eine junge Russin, mit der er einmal zusammen war und die mir ganz lange nicht aus dem Kopf gegangen ist. Ich hatte gedacht, ich weiß schon alles über ihn. Jetzt merke ich: Wenn man über einen Freund alles wissen will, dann muss man ein Interview mit ihm machen. Dass Özgür an der UDK studiert hat, das wusste ich, aber nicht, dass er keinen Abschluss hat, weil er nämlich nie eingeschrieben war. Sein Bruder hat an der UDK studiert und die Frau, die die Mutter seiner Tochter wurde. Eigentlich wollte er eine Lehre als Goldschmied machen, aber dann hat er sich an die beiden drangehängt, hatte schon bald einen eigenen Arbeitsraum bei den Bildhauern an der UDK, fiel mit seinen Arbeiten Professoren der Abteilung auf und die kümmerten sich um ihn dann wie um einen ihrer begabtesten Studenten. Einer dieser Professoren, Herr Yoshimi Hashimoto, begleitet bis heute seine Arbeit und bringt Özgür auch schon mal ein Stück Baumstamm mit zur Inspiration und Bearbeitung. Vor diesem Stück stehen wir jetzt und ich sage, über Bildhauerei reden ist für mich wie zu Architektur zu tanzen. Dabei ist es ganz einfach, was da geschieht, so wie Özgür es beschreibt: Eine im Holz oder Granit angelegte Form erkennen und sie ausarbeiten zu einer Gestalt. Mit Hammer und Meißel. Die Meißel sind meine Pinsel, sagt Özgür und zeigt sie mir, indem er ein Tuch hochhebt, mit dem er die Werkzeuge abgedeckt hat. An dem Baumstück hat er seit mehreren Wochen nicht mehr gearbeitet. Nicht nur, weil er jobben musste: vorne in der Tischlerei macht er das. Er hat Probleme mit seinen Schultergelenken. - Verschleiß? Bildhauerkrankheit? Haben die beiden anderen sich deshalb aufs Malen verlegt? – Nein, das ist wohl eine konstitutionelle Schwäche bei mir, sagt Özgür. Arthrose. Mit 39 Jahren. Das ist blöd, aber operabel. Nur, zu der Operation muss er sich erst mal entschließen. -  Er zeigt mir Arbeiten aus der letzten Zeit: Gipsabgüsse, Reliefs, bei denen ich sofort meinen Atelier-Reflex kriege: Die will ich haben! - Sonnenlichtspiegelung des Wassers auf der Unterseite einer Brücke. Im Tiergarten gesehen. Die zweidimensionale Spiegelung zurückgeführt auf ihren dreidimensionalen Ursprung. Reduziert, minimalisiert zu einem für sich stehenden Gebilde. Einfacher gesagt, aber immer noch kompliziert: Du setzt eine Vorstellung, die du hast, mit deinen Händen direkt um ins Haptische. sage ich bewundernd. – Er nickt freundlich zustimmend. Ich denke: Tanzen zu Architektur. Am besten wäre es, ich könnte Abbildungen der beiden Reliefs zeigen. Die sind aber noch nicht fotografiert. Abbildungen der Arbeiten von Özgür Emeklier gibt es hier Ende der Woche. Wer eine Auswahl seiner Skulpturen im Original sehen will, in die Galerie von Mini Kapur gehen:
UNDER THE MANGO TREE
Merseburger Straße Nr. 14
10823 Berlin
030 787 184 75
mini.kapur@utmt.net
Berichtigung und fehlende Fotos siehe Nachlieferung.