Montag, 31. Dezember 2012

Nass


Aus Reumut wird Reuwut. Und das Ganze mit Uwe Tellkamp. Nässende Operationswunde, tropfnasser Verband. Keine Panik. Beobachten. Am Nachmittag der erneuerte Verband wieder nass und die Hose gleich mit. Eilfahrt mit dem Taxi nach Mitte. Auf die Station, wo ich bis Donnerstag Patient war, kann ich nicht einfach so spazieren. Also Notfallambulanz: Rettungsstelle heißt das hier und es dauert gar nicht so lange, bis ich einen mir bekannten Arzt sehe, der mir versichert, dass nichts dabei ist, wenn Sekret aus der Wunde tritt. Trotzdem sei es gut gewesen, dass ich gekommen bin. Ich hätte es mir auch sparen kann, meint er damit. Jetzt könnte ich auf die Rückfahrt mit dem Taxi verzichten. Stattdessen S-Bahn, U-Bahn und beim Umsteigen am Zoo für das gesparte Geld die Taschenbuchausgabe von Uwe Tellkamp, Der Turm kaufen (14 Euro). Doch ich bin schon längst weiter, über die Reuwut hinaus. Reuwut: Der hat Hunderttausende von Büchern verkauft mit seiner DDR-Biografie. Millionen TV-Zuschauer waren bewegt von der zweiteiligen Verfilmung der Dresdner Bildungsbürgertumsaga und ich habe, als sie erschienen ist (2008), eine Leseprobe auf Amazon überflogen und hatte das Gefühl, ich betrete ein Zimmer, in dem fingerdick der Staub auf den Möbeln liegt, und als ich dann noch las, wie das Mondlicht sich verlor, a u s n a de l t e vor den Wachtürmen Ostroms, da war es aus, da war klar, das lese ich nicht, das ist Literatur aus dem Museum. Genau so sieht er auch aus, der Tellkamp, und so kitschig ist er mit seinem dichterischen Erweckungserlebnis am Nachmittag in einem Garten mit roten Rosen (*). Du sparst viel Zeit, wenn du so überlegen bist in deinem Urteil. Aber jetzt will ich nicht mehr überlegen sein. Jetzt komme ich mir mickrig vor in meiner Überlegenheit. Jetzt will ich Abbitte leisten und ich fange an mit Uwe Tellkamp, Der Turm. Doch dann stoße ich am Morgen auf die gleiche Leseprobe wie damals. Wieder lese ich, wie das Mondlicht   a u s n a d e l t  und wieder weiß ich sofort, es geht nicht, und dass das überhaupt nichts zu tun hat mit dem Überlegenseinwollen, das ich mir nicht verzeihe: Ich kann keinen Roman von einem Autor lesen, der Mondlicht schreibt und dazu  a u s n a d e l t. Das muss ich mir durchgehen lassen. Aber nicht, wenn ich es nur dafür verwende, mich zu erheben über den Mann, der das dicke Buch verfasst hat (und wie viele hundert Seiten Roman habe ich zuletzt geschrieben?). Ich muss etwas anderes machen aus meinem Urteil. Und gerade überlege ich, was, da bemerke ich, dass das Pflaster an meinem Bauch klatschnass ist. Ich werde nicht panisch, aber von nun an beherrscht natürlich die nässende Wunde mein Denken. Bis der Arzt am Nachmittag in der Rettungsstelle mich beruhigt wegen des Wundsekrets. Das ist alles, was ich heute erreicht habe. Kein Durchbruch. Keine roten Rosen. Ein nasses Pflaster. Kein Erweckungs-, ein Verhinderungserlebnis. Kein Wikipedia-Artikel. Keine Reue. Ein mancher Roman wurde geschrieben, weil der Autor nicht genug Charakter hatte, keinen Roman zu schreiben. Nicht von mir. Von Karl Kraus. Ich will den Satz nicht mehr hören.

Samstag, 29. Dezember 2012

Sonn- und Feiertage


Kein Biest. Ohne Biest nichts zu erzählen.

Melde mich bei Dir, wenn ich wieder weiß, wer ich ich bin. Die Freundin wartet immer noch auf meine nächste Mail. Seit drei oder vier Wochen schon. Es liegt nicht an mir, dass ich nicht weiß, woran ich bin und wer ich bin. Es liegt auch an niemand anderem. Es liegt am Kalender, an den Sonn- und Feiertagen. Weiter geht es mit neuem Schwung und vollständig vorliegenden Befunden am Donnerstag, den 3. Januar in meiner Sprechstunde in der Charité.

Währenddessen ist das Biest ins Zwielicht geraten. Hohn, Spott, Ironie ist auch ein Spiel und ein Spaß. Aber wenn es dabei immer nur um Überlegenheit geht? Wenn es überhaupt immer nur darum geht, überlegen zu sein? Wenn es nie um etwas anderes gegangen ist und der letzte Rückzugsort dieses Unternehmens, übrigens ein alter Familienbetrieb, seine letzte Firmierung ist das Biest, das erste, das Ausgangsbiest in Biest zu Biest? Woher soll dann die Poesie kommen, von der ich geträumt habe, als ich das Biest-Blog begonnen habe und sagte, dass es mehrere Gründe gibt, warum ich es schreibe, der wichtigste aber sei, dass ich damit schreiberisch von a nach b kommen will. Zu einem nur meinen Ansprüchen verpflichteten Erzählen. Das ist mir gelungen. Nur konnte ich nicht wissen, was mich erwartet, wenn ich nach b komme. Dass es auch dort nur einen einzigen Anspruch gibt, wie es mein Leben lang nur einen einzigen Anspruch gegeben hat im Schreiben.

Gefühl von Erbärmlichkeit, als mir das klar wird. Zugleich Ahnung davon, wie ein Text von mir beschaffen sein wird, der sich frei gemacht hat vom Zwang des Überlegenseinwollens. Dazu ein ganz anderer Mensch werden müssen. Schreiben zu keinem anderen Ende als dem, dieser andere Mensch zu werden. Aber ist Biest zu Biest dann noch der passende Titel? Vielleicht in einer späteren Phase wieder. Und natürlich gibt es auch noch andere Gründe für das Schreiben, für das Blog. Zum Beispiel: vom Biest zu erzählen, das es auch weiterhin gibt.  

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Wim


Den Klinikaufenthalt in der Charité in Mitte beende ich, weil ich mich nicht auch noch durch den dritten Teil Lion Feuchtwanger, Goya quälen will. Schlimmer als die eklige Heilige Inquisition: die Frauengestalten, von denen der Meister sich auf seinem Weg in die Stille (Goya wird taub) faszinieren lässt, und das macht ihn nicht verehrungswürdiger. Das Buch überlasse ich der Station.

Klingt souveräner, als ich es bin in meiner Lage. Sonst hätte ich kaum den tapsigen Versuch gemacht, Geborgenheit und Zuflucht zu suchen im Gespräch mit einem früheren Freund. Der Versuch über eine gemeinsame Freundin so eingefädelt: wenn er bereit ist, soll er mir seine aktuelle Festnetznummer mailen. Der Freund Internist und einmal ein sehr guter Freund gewesen. Entfremdung, weil ich nach einer Recherche ihm nicht Titel und Sendetermin des Films genannt, für den ich bei ihm recherchiert hatte. Das liegt zwölf Jahre zurück und ist jetzt auch der Grund dafür, warum er sich entschieden hat, nicht zu antworten. Oder er will verhindern, mit seiner Person und seinem Namen in meine (veröffentlichten ) Angelegenheiten hineingezogen zu werden. Hätte er nicht fürchten müssen. Seine ärztliche Schweigepflicht gegen meine Diskretion. So aber nun Stille. Gar nichts. Ich gebe zu, ich konnte es erst nicht glauben, als ich, aus der Klinik zurück, keine Antwort von ihm in meiner Mailbox gefunden habe.  

Dienstag, 18. Dezember 2012

Schmöker


Lesestoff gesucht. Mindestens 500 Seiten, um darin verschwinden zu können. Es vielleicht doch mit dem letzten Roman von Haruki Murakami versuchen? 1Q84. Taschenbuchausgabe mit den ersten beiden Teilen (von dreien). Habenwollenreflex, als ich die schöne Aufmachung sehe. Weggehen. Überlegen. Wieder kommen. Preis? Fünfzehn Euro. Leiste ich ich mir. Aber Alternativweltgeschichte? Wenn schon ambitioniert, dann nicht lieber die neue Übersetzung von Gustave Flaubert, Madame Bovary? Der gesuchte Schmöker ist das nicht und die Mark-Twain-Tagebücher sind es auch nicht. Noch ein Tag Zeit. Das war gestern. Und noch gestern fällt es mir ein: Lion Feuchtwanger. Niemand hat lebhafter, süffiger erzählte historische Romane geschrieben in deutscher Sprache als er. Ja, Jud Süß ist von ihm. Aber sein Roman hat nichts mit dem zu tun, was die Nazi-Filmindustrie daraus gemacht hat. Feuchtwanger war selbst Jude und ist 1933 emigriert. Im kalifornischen Exil war er Nachbar und Freund von Bertolt Brecht. Die Konstellation nicht ganz ohne. Feuchtwanger der Bestsellerautor, dessen Romane sich auch in Übersetzungen ins Englische gut verkauften, Brecht, der in den USA kein Bein auf die Erde gekriegt hat, aber vor ärgster Not bewahrt geblieben sein dürfte durch seinen erfolgreichen Freund, den unermüdlichen literarischen Schwerarbeiter. Was hat Lion Feuchtwanger an Stoffmassen bewegt - und mit welch leichter Hand, so zumindest erscheint es uns Lesern. Nichts von ihm ist schwer zugänglich. Alles von ihm ist empfehlenswert. Mein Favorit das Mittelalterbuch: Diehässliche Herzogin Margarete Maultasch. Jetzt werde ich Goya lesen: Goya oder Der arge Weg der Erkenntnis. Bei Hugendubel in der Schlossstraße war der Titel vorrätig als Taschenbuch. Da war ich mir erst nicht sicher. 661 Seiten. Preis 14, 99 Euro.

Schenkt und lest Feuchtwanger!

Montag, 17. Dezember 2012

Gequetscht


U-Bahn Eisenacher Straße. Der Mann mit der gelockten Perücke will mir die Hand geben.
Ich gebe Ihnen keine Hand.
Warum nicht?
Weil Sie mir meine Hand einmal brutal gequetscht haben. Seither weiß ich, was für ein Unmensch Sie sind.

Heute Erschöpfung und Kräftesammeln. Morgen alles Mögliche vorzubereiten. Ab Mittwoch Unterbrechung. Mal sehen, wie lange. Danach komme ich zurück auf den Handquetscher mit der Perücke und dabei noch auf einen anderen Handquetscher, mit dem ich kurz nach dem ersten Vorfall das Gleiche erlebt habe.

Sonntag, 16. Dezember 2012

Kunstthema


Der Plan basierte auf der Illusion, ich fange an, indem ich Arbeiten der paar Künstler vorstelle, die ich kenne und wirklich gut finde - nicht nur so konzessionsgut, weil du mich unterstützt, unterstütze ich dich. Und dann wird sich das von alleine bewegen. Hinweise, Bewerbungen und ich greife mir das Beste heraus. Suchkriterium: meine ehrliche Begeisterung. Illusion zweiter Teil: Es gibt genug Kunst um mich herum, für die ich mich werde begeistern können. Lektion der Liste Tijanas: wie viel schwache Kunst gibt es. Wie oft werde ich noch ins Leere greifen. Wie viele Mails, Telefonate, Atelierbesuche werden umsonst sein. Nichts bewegt sich von alleine. Ich mache den Job eines Galeristen. Will ich das? Ich bin ein Erzähler. Ich wollte nebenbei Geld verdienen, indem ich andere Geld verdienen lasse. Aber das jetzt ist ein Aufwand für jemand, der nie etwas anderes wollte, als Kunsthandel zu machen.

Trotzdem keine verlorene Zeit. Das Jahr, in dem ich in der Schöneberger Kunstszene unterwegs war. Die Wochen, in denen der Plan einer Online Gallery entstand und verworfen wurde. Ich habe es gemacht, ich habe davon erzählt. Von Anfang an ist es hier ums Erzählen gegangen. Das Erzählen hat immer ein Was und ein Wie. In das Kunstthema bin ich hineingeraten, als ich Bilder im Blog haben wollte und auf die Idee kam, deswegen über Künstler zu schreiben, die ich kenne. Alles andere ist hier nachzulesen. Ich habe schon blödere Geschichten erzählt. Wenn ein Film nach einem Drehbuch von mir im Fernsehen gelaufen ist, habe ich ihn mir nicht angeguckt, bin rausgegangen aus der Wohnung, um nicht erreichbar zu sein. Bloß von niemandem darauf angesprochen werden! Es ist eine verdammte Auftragsarbeit, der Grundriss ist von mir, für alles andere kann ich nichts und ich schäme mich dafür. Vierzig Jahre Suche nach meinem Schreiben; für Schreiben setze Erzählen. In den Fernsehjahren war ich am weitesten weg von dem, was ich suche. Für die Schöneberger Kunstgeschichten muss ich mich nicht schämen. 

Samstag, 15. Dezember 2012

Schreck


Tijana lädt zu einer Ausstellung in Charlottenburg ein, wo sie zusammen mit drei anderen Ex-Stipendiaten neuere Arbeiten zeigt. Viele sind es nicht, denn sie muss weiterhin für eine andere Künstlerin malen: Arbeit für die Existenz, wie sie es nennt in ihrer Mail an mich. Sie erkundigt sich, was aus meinem Online Gallery-Plan geworden ist: ausgesuchte Arbeiten zum Verkauf anzubieten über meinen Blog. Anscheinend seien die Künstler nicht wirklich kooperativ gewesen, vermutet sie, nachdem sie bemerkt hat, dass ich das Vorhaben nicht mehr weiterverfolge. Ich antworte ihr, dass das nicht der Grund ist. Sondern dass ich erkannt habe, dass es sehr schwer sein wird, genug Künstler zu finden, deren Arbeiten ich mit ehrlicher Begeisterung vorstellen kann. Ich schreibe ihr nicht, wie ich darauf gekommen bin. Als wir uns zum letzten Mal gesehen haben im August, habe ich sie um Mithilfe bei meinem Vorhaben gebeten. Darauf hat Tijana mir umgehend eine Liste mit mehr als zehn Namen von Künstlerinnen und Künstlern geschickt, die sie von der UDK kennt, einige waren in ihrer Klasse und haben zusammen mit ihr abgeschlossen und von allen meint sie, dass ich mir ihre Arbeit einmal anschauen sollte. Ich beginne damit, indem ich mir ihre Websites anschaue. Erst will ich mir nur ein paar vornehmen und an den folgenden Abenden die anderen. Doch dann höre ich nicht eher auf, bis ich mit der Liste durch bin. Weil ich es nicht fasse, weil das doch nicht sein kann, dass es hier nicht ein einziges Bild oder Objekt oder Konzept gibt, bei dem ich aufmerke, das in mir den Wunsch weckt, mehr sehen zu wollen von dem Künstler, der Künstlerin, sie anzusprechen, ob sie sich mit einer von mir ausgewählten Arbeit in meinem Blog präsentieren will. Ich wüsste nicht, wie ich diese Arbeit finden sollte bei den mehr als zehn jungen Künstlern auf der Liste. Bei drei oder vieren würde es mir gelingen, wenn ich es erzwingen wollte. Aber sonst. Ich lasse alles Kunstkritische beiseite und formuliere es mal so: wenn ich eine Lehrperson wäre oder ein Galerist, bei dem sich die jungen Künstler bewerben, würde ich ihnen allen, auch den drei, vieren, raten, eine zweite Ausbildung für einen Brotberuf zu machen, weil es ihnen an etwas fehlt, das einem keine Akademie geben kann, das dort auch nicht unbedingt als Mangel festgestellt wird, weil es denjenigen, die es feststellen könnten, selbst fehlt, und wenn sie den Mangel erkennen sollten, dann sprechen sie es nicht aus, weil man das nicht macht, weil man das nicht zu jemand sagt: Du bist innerlich leer. Dir fehlt es an innerem Reichtum. Du hast keine Persönlichkeit. Und wenn du jetzt mit Anfang dreissig keine Persönlichkeit hast, dann wird das nichts mehr. Was vielleicht nicht stimmt. Auf jeden Fall hat mir die Liste von Tijana einen solchen Schreck eingejagt, dass ich ohne noch länger darüber nachzudenken, das Vorhaben einer Online Gallery in meinem Blog aufgegeben habe. Ich habe schon genug eigene Zitronen im Angebot, da muss ich nicht auch noch mit denen von anderen handeln. Ein weiterer Grund, ich habe immer wieder darüber geschrieben: die Selbstverliebtheit der Künstlerpersonen, junger wie alter, talentierter und untalentierter, netter und nicht so netter. Ich fand nie ein passendes Verhältnis dazu. Schief lachen darüber, hätte ich mich sollen. Ist mir nicht gelungen, weil ich selbst zu ernst war: Kunst geht nicht ohne Selbstverliebtheit, aber je schwächer die Kunst, desto lästiger das narzisstische Getue darum. So habe ich es mir zurechtgelegt. Nicht gelacht. Zu ernst gewesen. Schließlich die Schnauze voll gehabt von den Künstlern, habe ich Tijana geschrieben in meiner Antwort-Mail an sie und dass sie sich bitte ausgenommen fühlen soll davon. Ihr dann jedoch nicht geschrieben, was ich trotz aller Bewunderung für ihre Malerei ihr wünsche: dass sie eines Tages in ihr Atelier kommt und beginnt, eine Leinwand zu grundieren in den Farben ihrer Gefühle an diesem Tag, um so das Medium, den Äther zu schaffen, in dem sie ein weiteres Paar (oder ist es immer das gleiche?) schweben lassen wird. Doch dann auf einmal innezuhalten, vielleicht erst gar nicht zu wissen, was los ist. Aber schließlich ist es klar: dass sie genug schwebende Paare mit Totenköpfen gemalt hat.  

Red Touch of Poetry, Öl auf Leinwand, 162 x 197 cm, 2012


Gallery der Dorothea Konwiarz Stiftung in Berlin Charlottenburg.

The exhibition lasts from December 15, 2012 to January 16, 2013.

The exhibiting artists are: 
Carola Ernst
Kerstin Serz
Tijana Titin
Myrtia Wefelmeier

Dorothea Konwiarz Stiftung
Schlüterstr.71
10625 Berlin
T/F: (030) 310 17 190

Freitag, 14. Dezember 2012

Maskiert


Nimmermüder Boris Duhm. Im Frühling war er als Murid Bosch Kurator des großen Treptower Künstler Salons Für Hunde in der Zentralgrube. Bei der Documenta hat er im Kreuzberg Pavillon Kassel eigene Arbeiten ausgestellt. Von August bis Oktober hatte er in Lübeck zu tun, keine Ahnung, was, ich weiß nur, dass er so lange sein Zimmer am Boxhagener Platz untervermietet hat. Und jetzt, Vernissage war am Mittwoch, zeigt er eine Werkschau in der Godot Gallery in Budapest. Titel: Emotional Disasters and Masquerades.


Wer schon lange einen zwingenden Grund gesucht hat, um nach Budapest zu reisen, hier ist er. Die Galerie liegt 200 m oberhalb des Gellert Bades, unweit der Donau in Buda.

Boris Duhm
Emotional Disasters and Masquerades
Bis 19.01.2013
(vom 22.12.12 bis 1.1.13 geschlossen)

Godot Galéria
Bartók Béla Út 11
1114 Budapest, Ungarn

 Foto: © Boris Duhm

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Umsatz


Ganze Seite Interview mit Hans Barlach, der einen Anteil von 39 Prozent am Suhrkamp Verlag hält. Nicht zu empfehlen die Lektüre: anstrengend, ohne dass es sich lohnt. An einer Stelle zeigt sich, wie es ist, mit ihm zu streiten. Dass man sich einen Verlag leistet, um die eigenen Bücher herauszubringen - ich bin nicht der Meinung, dass man das muss, sagt er da, nachdem er zuvor die literarische Lebensleistung von Ulla Berkéwicz aka Unseld-Berkéwicz in Zahlen umrissen, man könnte auch sagen, beziffert hat. Man soll im Leben immer nur das machen, was man am zweitbesten kann, hat Marcel Proust einmal sinngemäß formuliert. Könnte es nicht sein, dass die Autorin Berkéwicz ganz froh ist, von den Aufgaben der Verlegerin  Unseld-Berkéwicz abgelenkt zu sein und sich für die Produktion anderer Schriftsteller einsetzen zu können. Was sie in den letzten zehn Jahren mit zunehmendem Erfolg getan hat. Während sie selbst in der Zeit nur einen Text veröffentlicht hat. Überlebnis der Titel; es geht ums Sterben, das Sterben ihres Ehemannes Siegfried Unseld. Und für nächsten Frühling ist angekündigt ein Text mit dem Titel Reine Erfindung. Keine Abrechnung mit ihren Feinden. Für den Zahlenmensch Hans Barlach ist das dann das dreizehnte Buch von Ulla Berkéwicz. Während er im Interview mit der FAZ  noch zwölf Bücher zugrundelegt, die sie geschrieben und seit 1982 bei Suhrkamp veröffentlicht hat. Die Bücher sind in siebzehn Sprachen übersetzt und 2010 hat der Verlag mit ihnen einen Umsatz von 500 Euro gemacht, 2011 waren es 800 Euro Umsatz, wie Hans Barlach feststellt in der Absicht, die Autorin und mit ihr auch die Verlegerin klein zu machen. Unsachlich, billig, unterste Schublade. Aber stimmen werden sie schon, die Zahlen. Und sie sind auch ohne Polemik, nur für sich genommen, bemerkenswert. Einfach so, zum Staunen.

Zwölf Bücher. In siebzehn Sprachen übersetzt. Umsatz 2010 500 Euro. 2011 800 Euro. Umsatz.

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Insichgeschäft


Entgegen meiner Gewohnheit setze ich mich in der U-Bahn, um die Telefon-Streichler besser beobachten zu können. Was machen sie, wenn sie mit dem Finger über die Displays ihrer Smartphones streichen? Nicht wischen, wie es immer heißt. Ein Streichen ist das, das bei dazu passender zärtlicher Miene wie ein Streicheln wirkt. Obwohl vielleicht gerade nicht mehr passiert, als dass das Telefonverzeichnis durchgeblättert, präziser: durchstreift wird. Das allerdings Beobachtungen bei einer jüngeren und einer schon etwas älteren Frau, die sich ihre Smartphones gerade erst gekauft zu haben scheinen. Alle müssen eins haben und es werden Jahre vergehen, bis sie gemerkt haben, dass sie nie mehr damit gemacht haben, als zu telefonieren - und es zu streicheln.

Die radioaktiv markierten Zuckermoleküle sind frisch geliefert worden und ich bin der Erste, der welche bekommt. Der Arzt, der sie mir injiziert, trägt eine schmale schwarze Hornbrille, und ist ein guter Typ. Füher hätte einer wie er mir nicht gefallen. Heute morgen wäre ich gerne er. Alleine schon deshalb, weil ich dann der wäre, dem die Bilder aus der Röhre zur Analyse vorgelegt werden und nicht derjenige, der nach zwei Stunden Stillhalten und einatmen, ausatmen, Atem anhalten und jetzt wieder ganz normal atmen immer noch nicht weiß, wie schlimm es ist.

Die Suhrkamp-Verlegerin lässt uns nicht los. Viel Meinung und Tadel heute. Unbestritten: Siegfried Unseld wusste, was er tat, als er den Verlag seiner zweiten Frau anvertraute. Inzwischen steht Suhrkamp so gut da, wie lange nicht. - Ulla Unseld-Berkéwicz, sie kann´s. Schauspielerin, Romanautorin, junge Frau eines alten erfolgreichen Mannes, nur leider viel zu früh verstorben, Witwe. Unterschätzt, angefeindet. Hat sie ausgehalten. Jetzt nur noch der Tölpel Barlach mit seinem Drittel-Anteil. Kein Gegner für sie. Für jemanden wie ihn gibt es Anwälte. Wenn sie jemand zu Fall bringen soll, muss sie das schon selber machen. Mit einem Insichgeschäft (sie vermietet ihre Villa zu Repräsentationszwecken an ihren Verlag), wie es tausendfach gemacht wird, man darf nur nicht dabei erwischt werden, wenn draußen ein Barlach lauert. Jetzt steht ihre Position als Geschäftsführerin auf dem Spiel und der Ruf ist sowieso ruiniert. Durchtrieben, aber nicht durchtrieben genug, die Gier war größer als die Schläue, und das alles zusammen so schandbar und klein, siehe den strengen Tadel von Jürgen Kaube. Leitartikel-Strenge. Doch so ist das Leben nicht. Ich möchte sie nicht gehen sehen. Ich wünsche sie mir in einer wichtigeren Rolle. Suhrkamp ist fein, aber auch zu klein für so eine Frau. Keine Ahnung, was es für sie sein könnte, auf jeden Fall müsste es etwas sein mit mehr Strahlkraft in die Öffentlichkeit, so dass wir mehr von ihr sehen und mehr von ihr haben.  



Foto von 2004 via Wikimedia Commons: Fotografiert von Shannon.

Dienstag, 11. Dezember 2012

Unkompliziert


Sie ist wirklich entspannt: Sie will nicht antworten auf meinen Blogeintrag Ursèl, weil die Sache doch beendet ist, wenn ich die Änderung nicht vornehmen möchte, um die sie mich gebeten hat, meint sie. Darauf erklärt sie, warum sie den Preis unter ihrem Bild gestrichen haben wollte. Wobei ich ihr gedanklich nicht folgen kann (Ausstellung war Verkaufsaustellung, mein Blog sei jedoch keinVerkaufsblog). Aber mir fällt auf, dass sie nicht Preis schreibt in ihrer Mail, sondern Pris (müsste der Pris auch nicht unbedingt da stehen). Französisch Preis = prix. Will sie mit dem Tippfehler und der Doppelfalschschreibung etwas beweisen? Wüsste nicht, was? Sie bedankt sich dafür, dass ich ihre Arbeit so hervorhebe, und meine Frage vom Sonntag beantwortet sie auch noch am Ende, vollständig:
und zum Strich über dem "è", klingt einfach besser.
Viele Grüsse
Urs`l Ritter
Das lässt mich mit meinen verschlungenen Mutmassungen vom Sonntag so verbissen dastehen, wie ich es tatsächlich bin. Und dennoch Herzlichen Dank, Ursèl, für die überraschende Antwort. Überraschend, weil sie bestätigt, was sich jeder gedacht hat, aber niemand konnte erwarten, dass Sie sich so unkompliziert dazu bekennen würden.  

Montag, 10. Dezember 2012

Hände



Lesen und weil es nicht so wichtig ist, mache ich mir nebenbei Gedanken über die Zukunft der Zeitungen. Das, was jeder denkt, nur nicht die Betroffenen: Sie müssen eben neue verführerische Angebote schaffen, nachdem ihr Hauptanreiz, die Aktualität, verloren gegangen ist. Jeder muss sich anstrengen, jetzt auch die Zeitungsleute. Es ist so klar und das Gerangele mit Google als Ablenkung von der eigenen Krise so durchschaubar. Warum wird in der Öffentlichkeit immer mit verstellter Stimme und weit unter Intelligenzniveau gesprochen? Und steht da wirklich: faltet seine Fäuste? - Steinbrück faltet nun die Hände zu Fäusten und deutet einen Schlag an. Ist mir da ein Sprachwandel entgangen, weil ich inzwischen so selten in die FAZ reinschaue? - Wird ballen als zu metaphorisch empfunden, falten hingegen als der konkrete, deskriptive Ausdruck. Kann doch nicht sein, dass die so einen Hammer durchgehen lassen bei der FAZ - wenn es ein Hammer ist und nicht eine Subtilität des Autors, wie mir eine Stunde später einfällt: dass der Autor des Artikels hiermit die Anpassung des Herrn Steinbrück an die Bedürfnisse des Saalpublikums ironisiert haben könnte. Die Fäuste sind da, aber der feine Herr Steinbrück ballt sie nicht wie ein Gewerkschaftsführer, dem auf jedem Finger ein Büschel Haare wächst, sondern Herr Steinbrück faltet seine Hände, manikürt und enthaart, ist anzunehmen, und der Rest der Geschichte ist bekannt: Peer Steinbrück deutet einen Schlag an und wird von über 93 Prozent der Parteitagsdelegierten zum Kanzlerkandidaten der SPD gewählt. Worauf der Autor sicher auch noch gekommen ist in seinem Seite-Drei-Artikel. Aber ob ihm dabei noch so eine feinsinnige Beobachtung gelungen ist wie die mit den gefalteten Fäusten, ich will es nicht wissen. Ich blättere ans Ende der  Zeitung, und als ich merke, dass der Artikel über das Spiel des FC Bayern in Augsburg reines Feuilleton ist, lese ich den auch nicht zu Ende.


Der Mann neben mir hatte sich zwei Zeitungen vom Ständer an seinen Platz mitgenommen. Keine der beiden Zeitungen hat er aufgeschlagen. Er ist nicht dazu gekommen. Erst mal musste er jemanden anrufen, kurz und auf Spanisch. Da er sein Smartphone schon mal in der Hand hatte, musste er auch dran rummachen. Bis sein Essen kam. Während er aß, hat er mal auf die Titelseite der Financial Times (dem Original) geguckt. Aber nichts dort war so, dass er es weiterverfolgen wollte. Jedenfalls hat er, nachdem er eine Quiche Lorraine und einen kleinen Salat verzehrt hatte, statt die Zeitung aufzuschlagen, sofort wieder sein Smartphone in die Hand genommen und daran rumgemacht, bis er bezahlt hat und gegangen ist.

Sonntag, 9. Dezember 2012

Ursèl


Da habe ich schon im Sommer blöde gegrinst, als ich den Namen zum ersten Mal gesehen habe. Neben ihren beiden Bildern, den einzigen, die mir aufgefallen waren in der Ausstellung. Und sie stand draußen vor der Tür bei den Rauchern. Ich habe sie mir zeigen lassen, bin dann aber nicht zu ihr hin. Ihre Bilder nicht so, dass ich hätte über sie reden müssen. Sie selbst niemand, den ich kennenlernen wollte. Aber was für ein Name! So wie sie aussieht, könnte sie sich den accent aigu selbst verpasst haben. So wie sie malt, hat sie das nicht nötig.

Diese Woche eine Mail von ihr und das Erste, was ich mache: ich grinse blöde, genau genommen: ich kichere in mich hinein und jedes Mal, wenn ich danach an den Namen denken muss, kichere ich wieder, auch dann noch, als ich auf Google gesehen habe, dass Ursél zwar nicht häufig ist im französischen Sprachraum, aber der Name kommt schon mal vor. Wäre es mir lieber gewesen, wenn Ursél sich ihren Namen zurechtgemacht hätte? Ja, weil sie das interessanter machen würde. Denn so ist alles, was ich sonst noch von ihr weiß, dass sie mir letzte Woche eine Mail geschrieben hat: könnten Sie bitte bei 'biest zu biest' unter Kunst/Juli/Gemustert unter meinem Bild den Preis rausnehmen. Ich habs mir inzwischen anders überlegt und will keine Preise stehen haben. - Sie will keine Preise stehen haben. Auch nicht in meinem Blog. Und deshalb die Anweisung an mich, das zu ändern. Da habe ich keine Sekunde überlegen müssen, ob ich das mache. Ich habe auch nicht gedacht, hat die sie noch alle? Und auch nicht, für wen hält die mich? Ich habe es überhaupt nicht persönlich genommen. Habe ihr kurz erklärt, dass ich in meinem Blog darüber schreibe, was ich erlebe, und wenn neben einem Bild, über das ich sonst nicht viel zu äußern vermag, ein Preis steht, dann kann es sein, dass ich den Preis nenne, und wenn er im Blog steht, dann bleibt er da auch stehen, weil das alles zusammen mein Erleben war. Doch auch, nachdem sie beantwortet ist, lässt mir die Mail keine Ruhe. Es beginnt jedes Mal mit einem Kichern über den Namen - Ursél, Ursél - und dann fängt wieder das Brüten an: Was ist das für eine? - Wie bereits erwähnt, wäre sie eine, die ihrem Namen einen Accent aigu verpasst hat, wäre es mir am liebsten. 

Nun muss ich nur noch das Link setzen zu meinem Blogeintrag Gemustert vom Juli. Da sehe ich auf einmal, die Namensträgerin schreibt sich gar nicht mit accent aigu, sondern mit accent grave: Ursèl. Google-Eingabe: Ursèl. Nur Treffer auf die Ursèl, um die es hier geht, und auf ihren Nachnamen. Keine Verwechslung. Kein Zweifel. Es gibt nur die eine, die hier in Berlin. Keine Verbreitung des Namens Ursèl sonstwo (Quelle: Google). Und warum habe ich da nicht als erstes nachgeguckt? Wikipedia-Eintrag zu Ursula, Stichwort Varianten und darunter französisch: Ursule! - Ob und wie sich das, vielleicht in einem Mädcheninternat am Genfer See, zu Ursèl verschliffen hat, das kann nur die Namensträgerin selbst wissen. Verehrte Ursèl, wollen Sie es dem Blog erzählen? Damit würden Sie mir und bestimmt auch vielen meiner Leser eine große Freude machen, wenn Sie die Geschichte, die ich so unbeholfen begonnen habe, zu einem schlüssigen Ende bringen könnten.

Samstag, 8. Dezember 2012

Entspannt


Vernissage im Kunstraum Ko am Donnerstag verpasst, weil ich den Kopf voll hatte mit so viel anderem. Gruppenausstellung, in der die vier Macher des Kunstraums Ko zum Jahresende neue Arbeiten vorstellen. Die nächste gute Gelegenheit wird sein am nächsten Samstag, wenn es Adventskaffee gibt und bestimmt auch alle vier Künstler anwesend sind. 

Das im Moment die Mitte meines Lebens: was ich im Kopf habe und .... darauf folgt im Text vom  Nachmittag ein Kalauer, den ich aus Erschöpfung wird zu Nachlässigkeit erst habe stehen lassen, aber der Kalauer ist zu schlimm. Der zweite Teil des Blogeintrags handelte davon, was mir heute durch den Kopf gegangen ist. Die Vorstellung von einem anderen Schreiben als diesem hier, das Teil meines Elend ist - und es sogar mit verursacht hat? Ich kann, ich muss so nicht denken. Ich brauche es nicht. Ich stelle mir ein Schreiben vor, das so entspannt ist, wie ich es nie war in meinem Leben, aber jetzt doch sein könnte, denke ich, nehme es mir vor, notiere meine Gedanken dazu, die Gedanken unentspannt wie alle meine Gedanken. Egal, der Vorsatz, der Plan. Und da merke ich, dass ich gar nichts planen kann und auch gar nichts planen soll in meiner Lage. Nur mich treiben lassen von einem Tag zum anderen Tag kann ich, und wenn ich Glück habe, fällt mir etwas ein, um darüber zu schreiben. Aber es werden jetzt bestimmt öfter Tage kommen, an denen mir nichts einfällt. Heute wäre beinahe so ein Tag gewesen, wenn ich nicht bemerkt hätte, dass ich den Termin in der Galerie verpasst habe, und von da zu meinem Tagtraum vom entspannten Schreiben gekommen wäre, darauf beim Schreiben so nachlässig gewesen bin, dass es einfach nicht stimmte, was nicht allein an dem Kalauer lag. Und dann wollte ich den Text schon wegwerfen, habe ihn dann jedoch in zwei Anläufen überarbeitet und das hingekriegt, weil es inzwischen etwas zu erzählen gab. Was zu Anfang nicht so war. 

Freitag, 7. Dezember 2012

Rosenkohl


Nach dem Termin in der Invalidenstraße, bei dem mir nichts geschenkt wird, will ich mir was Gutes tun. 12.15 Uhr, als ich den Hauptbahnhof betrete. Was essen gehen nachher. Im Café Berio ein Stück Apfelkuchen mit Sahne? Seit Tagen geht das schon so: Sahne, Sahne, Sahne. Doch nirgendwo gibt es welche. Im Berio bestimmt und teuer. Lieber was Richtiges essen. Bahnhof Zoo. Appetit auf Wiener Wurst mit viel Senf. Die kann ich mir auch gleich bei Edeka kaufen und zu Hause heiß machen, Dijon Senf ist da, oder soll ich doch irgendwo im Bahnhof, sofort? Nein, das werde ich bereuen, wenn nach dem dritten Biss die Gier weg ist. Am besten keine Wurst. Und ein Hamburger? Der Hamburger im Café Lenzig. Mit allem Möglichen und Pommes. Ich muss mich mästen (Sie sind schmal geworden). Wirklich ins Lenzig? Da war ich seit zehn Jahren nicht mehr. Außerdem ist der Hamburger (im Lenzig heißt er Schöneburger) mit Eisbergsalat und mit Cheddar-Käse, was im Fall des Salats blöd und im Fall des Käses vielleicht zu viel Mast ist. Unentschlossen. Blick auf die Tageskarte draußen: Berliner Bulette mit Kartoffelpüree und Rosenkohl in irgendwas mit Butter zum Preis von 7 Euro 90. Das ist es an diesem kalten Tag. Die Vorfreude ist groß, vor allem auf den Rosenkohl. Die Erinnerung an ein zu Hause, wo richtig gekocht wird. Jetzt erst mal der Service des Café Lenzig. Nach knapp einer halben Stunde steht das Essen vor mir. Der Rosenkohl ist die erste Enttäuschung. Nicht bissfest, hart. Ungewürzt, das Buttergeschwenkte müsste doch den Geschmack verstärken, aber da ist keiner, vom ersten bis zum letzten Röschen kein Geschmack. Kann das Püree alles wieder gutmachen? Es schmeckt nach Kartoffeln, es ist trocken und auch hier fehlen die Gewürze. An Nachwürzen glaube ich nicht und mit Pfeffer und Salz alleine wäre es sowieso nicht getan. Die Berliner Buletten, es sind zwei und sie sind sehr heiß - heiß, nicht nur aufgewärmt wie die Beilagen. Die erste Bulette stopfe ich so heiß sie ist in mich hinein. Hunger! Bei der zweiten erst erlebe ich dann die komplette Enttäuschung, die diese Mahlzeit ist: auch die Buletten sind ohne Geschmack und sie fallen auseinander beim Zerteilen mit der Gabel,  bröckelig, trocken. Schlechter geht es nicht. Ich lege einen Zehneuroschein mit einem Fünfzigcentstück für die Bedienung bereit. Sie hat schon in den 90er Jahren hier gearbeitet. Ich habe sie immer die Frau mit dem Gesicht genannt, weil sie so ein ausgeprägtes Gesicht hat. Sie war damals nicht aufmerksam und sie ist es immer noch nicht. Erst als ich mit dem Geld winke, kriegt sie mit, dass ich fertig bin mit Essen und zahlen will. Am Tisch gegenüber sitzt eine junge Frau, die nach mir gekommen ist und auch Berliner Bulette bestellt hat. Ich weiß genau, was sie sich dabei vorgestellt hat. Sie blättert in einer Illustrierten. Sie hat sich auch nichts zu trinken bestellt. Nur das Essen, das sie enttäuschen wird. Sie tut mir leid. Auf die Frage der Bedienung, ob mir das Essen geschmeckt hat, habe ich die Antwort vorbereitet: Nicht so richtig. Aber sie fragt gar nicht und das ist mir lieber so. Nicht so richtig wäre verlogen gewesen. Es war eines der schlechtesten Essen, das ich je in einem Restaurant gegessen habe, und ich fasse es immer noch nicht, wie schlecht es war und dass mir das alles passiert.

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Handke 70


Am besten hat mir von Peter Handke gefallen Der kurze Brief zum langen Abschied von 1972 sowie die im gleichen Jahr erschienene biografische Erzählung Wunschloses Unglück und: dass er alleine die Tochter großgezogen hat, für die sich deren Mutter, die an der Berliner Schaubühne berühmt gewordene Schauspielerin Libgart Schwarz, nicht interessierte, oder er wollte die Tochter nicht in ihrer Obhut lassen oder er hat die Aufgabe gebraucht als Ausgleich zu seiner Großschriftstellerei.

Worauf ich nie gekommen wäre: Dass Handke sein Schreiben von Beginn an in einer Nachfolge zu Franz Kafka verstanden hat ( I am the new Kafka, soll er 1966 in einem TV-Interview gesagt haben). Gut ist daran allerdings, wie er Jahre später sich gegen seinen Vorläufer gewandt hat: Ich hasse Franz Kafka, den Ewigen Sohn. Woran ja schon was ist, nur dass es nicht gerecht ist, Kafka diesen Vorwurf zu machen, weil es ihm wegen seines frühen Todes nicht vergönnt war, über diese Rolle hinaus zu wachsen. So wie Handke, als er sich zugleich vom Vorläufer und dessen Rollenvorbild löste (ich folge der Erzählung des Germanisten Karl Wagner in der NZZ von heute). Das nun aber keine Befreiung, letzten Endes von einer Schimäre. Keine Schimäre. Ein Fixpunkt, ein Halt geht ihm dabei verloren. Schreibkrise. Schwere Depression. Und beides kann er erst überwinden, als er einen neuen Ansatz für ein Schreiben findet, das kein Sohn-Schreiben mehr ist.

Langsame Heimkehr (1979). Die Wiederholung (1986). Mein Jahr in der Niemandsbucht (1994). Alles nicht gelesen, nicht lesen wollen nach Lektüre der Rezensionen. Nur von den Versuchen habe ich noch gelesen Versuch über die Jukebox (1990) und Versuch über den geglückten Tag (1991). Sonst nur Interviews, in denen Handke mir so entrückt vorgekommen ist in seinem Stolz auf seine schriftstellerische Lebensleistung, dass ich jedes Mal dachte, jetzt lese ich kein Interview mehr mit ihm. Aber dann habe ich es doch wieder getan. Nur bei seiner Serbien-Aktion bin ich ganz ausgestiegen. Das war mir instinktiv zuwider, zugleich wusste ich zu wenig, um seriös darüber urteilen zu können. Jetzt wird es so hingestellt, als sei das damals kein politisches Statement, sondern eine ganz besonders radikale literarische Aktion gewesen, was er zu Serbien abgelassen hat. Aber wenn es stimmt, dass er Rosen auf das Grab des Massenmörders Slobodan Milosevic gelegt hat, dann ist das für mich eine solche Verirrung, dass es mir den Handke unheimlich macht und zugleich lächerlich erscheinen lässt für immer. Nicht wegen der unentschuldbaren politischen Dämlichkeit. Sondern wegen der charakterlichen Verstiegenheit, die sich darin offenbart. Und die einmal bemerkt, wie darüber hinwegsehen bei der Lektüre seiner Schriften: über diesen alles niedermachenden Stolz, den der Mann hat, dieses ins Lachhafte gesteigerte Selbstbewusstsein?

Ich müsste es ausprobieren. Langsame Heimkehr (1979). Die Wiederholung (1986). Mein Jahr in der Niemandsbucht (1994).

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Anspruch


Sie sind schmal geworden.
Viel zu schmal, um bei der Kälte rauszugehen.
Mache ich dann aber doch und später liege ich auf der Couch und nicke ein, und als ich wieder aufwache, habe ich vergessen, wie es weitergegangen ist.

Träumen verliert sich. Nachdenken nützt nichts. Die bemerkte Geste. Der herausgehörte Tonfall. Die miterlebte Szene. Müsste der Plot, müsste also der Erzählzusammenhang nicht auch erlebt sein, wenn er nicht ausgedacht sein soll (nach den immer gleichen aristotelischen Regeln)? Geschaut, statt konstruiert. Die Erzählung schon angelegt im Geschehen?  Du musst nur anfangen, dann wirst du beim Erzählen den Plot erleben? Nichts geschieht in dieser Allgemeinheit. Seit mehr als drei Jahren Stillstand vor einem Anspruch und einem Verbot: nicht aristotelisch. Letzter Stand: Dann eben kein Plot. Und jetzt auf einmal, ausgerechnet jetzt, neuer Ehrgeiz: Erzähl mir eine Geschichte, die mit dem gleichen Realismus in allem endet, mit dem sie begonnen hat, und die trotzdem unsere Herzen erhebt. Daran hängt nämlich alles: am Enden der Geschichten. Und es sind keine Geschichten, die erzählt werden müssen, wenn sie nicht unsere Herzen bewegen. Dieser Anspruch auf einmal wieder. Viel zu hoch. Zu viele Herzen. Wenn es mir alleine schon gelingen würde, mein Herz zu bewegen.

Zweite Meinung


Gestern das Bild von der Frau. Sie ist dann mit einem jungen Pfleger in den Raum hinter der linken Tür gegangen.


Das ist mein Bild. Ärzteforum Seestraße. Gesprächstermin für zweite Meinung, aus dem dann ein Termin in der Charité in Mitte wird. Am Freitag.

Montag, 3. Dezember 2012

Ungeheuer


Leerer Tag, nachdem der wichtige Gesprächstermin (zweite Meinung zur Behandlung) verschoben wurde auf morgen. Viel Zeit für Mutlosigkeit. Oder Realismus? Leben auf Verdacht. Nichts, wovon ich hier berichten will. Nicht, weil ich mich schäme dafür, schwer krank zu sein. Ich schäme mich nicht. Aber ich will nur darüber reden mit Leuten, die etwas tun können. Es ist nichts, um davon zu erzählen. Noch nicht oder gar nicht. Aber wie dann hier weiter, da es nichts Wichtigeres gibt als die Krankheit und gerade das ist Ausdruck ihrer Schwere? Ich weiß es nicht.

DVD zurück zu Video World: Ted. Über einen Teddybären, der sprechen und sich bewegen kann, und über den Jungen, der sich das so sehr gewünscht hat als Kind, dass sein Teddy das kann. Doch dann wird aus dem Kind ein Junge und dann ein Mann und aus dem erfüllten Kinderwunsch wird ein Ungeheuer. Davon hätte ich gerne mehr gesehen. Doch dann geht es darum, dass die Freundin des inzwischen 35jährigen will, dass er sich von seinem Teddy trennt und endlich erwachsen wird. Weil die Freundin ein richtig tolles Mädchen ist, können wir das gut verstehen und der Teddy mit seinem Hang zum Hardcore wird uns zunehmend unsympathisch. So kann man nun aber auch nicht mit einem sprechenden und sich bewegenden Teddy umgehen, wenn man schon mal einen in einem Film hat. Also ... - ich verrate die Auflösung nicht. Sie ist so öde wie der Weg dahin. Industrielles Erzählen. Trotzdem witziger Einfall das mit dem Teddy. Guter Stoff für einen Trailer.


Nachträglich zum Brief von Steffen Weihe. Ton und Geste sind unangenehm, habe ich geschrieben, aber das allein trifft es nicht. Der Ton ist patzig, wie mir heute zu spät einfällt als treffendes Wort. Und da ist natürlich gleich die Frage, womit habe ich das provoziert. Mit etwas, das ich im Blog geschrieben habe? Da sagt einer wie Steffen bestimmt, dass er mein Blog gar nicht liest. Und wenn doch? Oder wenn jemand anderer ihn aufmerksam gemacht hat auf einen Satz wie den im Kontext Rainald Goetz letzte Woche?

Nachdem er aufgehört hatte fernzusehen, weil es nicht mehr wichtig war zu wissen, was geguckt wird von den vielen Leuten und eine Meinung dazu zu haben.

Das muss doch von einem Zuarbeiter für das Fernsehen, der Steffen mit seiner Agentur letzten Endes ist, als Geringschätzung empfunden werden, wo er nur sagen kann, dann mach mal ohne uns und viel Glück und Erfolg auf allen deinen Wegen. Wenn er es gelesen oder wenn ihn jemand darauf hingewiesen hat. Und wenn nicht, dann ist es trotzdem so, dass uns das trennt, und es ist gut, dass es endlich passiert ist.

Sonntag, 2. Dezember 2012

Für Steffen


Der Freund eines berühmten Fernsehclowns ist Medienanwalt und deshalb muss ich vorsichtig sein, wenn ich die Geschichte erzähle, weil es kann natürlich noch eine Reihe anderer Gründe geben, warum der Mann, der einmal einen Fernsehsender geleitet hatte und auch jetzt bei diesem Mittagessen in einer Entscheiderrolle saß und hinterher die Rechnung beglichen hat, die ganze Zeit mit seinem rechten Bein wackelte und immer weiter wackelte, auch noch, nachdem er meine entgeisterten Blicke bemerkt hatte. Mein Agent, dem ich bald darauf von dem Restless-Legs-Syndrom des ihm nur aus der Zeitung bekannten Mannes erzählte, konnte nichts dabei finden. Wenn er und seine Frau abends zusammen am Tisch säßen, dann würden sie auch jeder mit einem Bein wackeln, sagte mein Agent und ich wusste nicht, ob er das vielleicht nur sagte, weil er meine Geschichte von dem Mittagessen mit dem namhaften Mann unterwandern wollte. Agenten können schon sehr große Spielverderber sein. Sie haben aber auch einen sehr harten Beruf, deshalb einen Humor, bei dem nicht jeder lachen kann, und schließlich: Kann es nicht sein, dass der Agent und seine Frau tatsächlich abends an ihrem Küchentisch sitzen, jeder wackelt mit einem Bein und es ist deshalb so entspannend, weil sie es zusammen tun? Beneidenswert! – Als mir eine Freundin vor ein paar Wochen erzählte, dass sie gerade das Prozac-Genericum (Wirkstoff: Fluoxetin) absetzt, das sie über drei Jahre lang genommen hatte, weil sie die Nebenwirkungen nicht mehr ertrug, zum Beispiel nachts nicht schlafen konnte wegen Restless-Legs-Syndrom, da fiel mir sofort der Termin mit dem Fernsehmann ein, von dem ich mir nicht viel versprochen hatte, ihn mehr als Gelegenheit sah, den namhaften Mann kennenzulernen, und dann hatte der die ganze Zeit mit seinem rechten Bein gewackelt und jedes Mal, wenn ich mich daran erinnerte, war ich wieder fassungslos, bis mir die Freundin, Jahre später, von den Nebenwirkungen des populären Antidepressivums erzählte. Warum ich dabei sofort an den namhaften Fernsehmann und nicht auch an den Agenten und seine Frau dachte, kommt daher, dass mein Agent nie versucht hat, witzig zu sein und gute Laune zu verbreiten, jedenfalls nicht in meiner Gegenwart, und es hätte mich auch gewundert, weil er das nicht nötig hat. Der namhafte Fernsehmann hingegen hat, als er das Restaurant betrat, in dem wir verabredet waren, übermütig seine Aktentasche geschwenkt und ein Lied angestimmt, das auf das Thema des Projektes anspielte, über das wir verhandeln wollten, und er hörte nicht eher auf, als bis er die erste Strophe des Liedes zu Ende gesungen hatte, so dass es mir und einer dritten anwesenden Person schon unbehaglich wurde. Da ist mir dann eingefallen, wie gut er mit einem berühmten Fernsehclown befreundet sein soll. Das anschließende Gespräch hat er mit einer so wohltuenden Professionalität geführt, dass mir schnell klar wurde, warum er es in seinem Geschäft so weit gebracht hatte, und es gar nichts machte, dass er sich offenbar nur mit uns getroffen hatte, um uns unser Projekt auszureden. Irritierend war nur ein beständiges rhythmisches Quietschen, dessen Herkunft ich mir erst nicht erklären konnte, bis ich sah, dass es von der Gummisohle des Schuhes am restless leg des namhaften Mannes kam. Wobei ich noch einmal, alleine schon aus rechtlichen Gründen, darauf hinweisen will, wie viele mögliche Ursachen für Restless-Legs-Syndrom es gibt. Kann es zum Beispiel nicht auch sein, dass der namhafte Mann sich bei uns so entspannt gefühlt hat, dass er vor Wohlbehagen mit seinem Bein gewackelt hat und deshalb gar nicht mehr damit aufhören wollte?

Zum ersten Mal gepostet am 11. Mai 2012.

Kündigung


Fünfzehnjährige Geschäftsbeziehung mit Pegasus. Zuletzt bestand sie nur noch in den Einladungen zu Sommerfest, Weihnachtsfeier und zum Filmfestspiele-Empfang, die ich weiter erhielt, weil ich im Mail-Verteiler meiner Agentur stehe. Doch Geschäfte gab es seit Jahren nicht mehr und auf der Berlinale-Party kam ich mir jedes Mal vor wie ein Tourist und so habe ich mich auch aufgeführt. Nicht ganz. Es kam schon auch Wehmut auf, wenn ich die Kollegen sah, die im Geschäft waren (es gibt trostlosere Branchen als Film- und Fernsehen), doch zugleich (ohne Hochmut mache ich es nicht) genoss ich auch das Privileg meiner Armut, mit der ich mich abgefunden hatte, das Privileg, mir nie mehr Geschichten für bügelnde Hausfrauen ausdenken zu müssen (obwohl das auch Spaß macht, wenn die richtigen Leute mitmachen). Aus Sentimentalität und wegen der jährlichen Einladung zum Berlinale-Empfang hielt ich an der Geschäftsbeziehung fest und wunderte mich immer wieder, dass die Pegasus-Leute das auch taten. Aber weil das so ist, überraschte es mich nun nicht, dass der Brief von Pegasus, der gestern im Briefkasten lag, keine Einladung zur Weihnachtsfeier enthielt und auch keine Abrechnung von unerwartet geflossenem Verwertungsgesellschaft-Wort-Geld, sondern ein Schreiben von Agenturchef Steffen Weihe, in dem er den Wunsch äußert, unsere Geschäftsbeziehung zum 31.12.12 zu beenden. Überrascht hat mich nur, was er alles an Gründen nennt, wo doch der einzige Grund der ist, dass es die Geschäftsbeziehung gar nicht mehr gibt. Und dann hat mich noch überrascht, wie unangenehm der Brief war in Ton und Geste. Aber das habe ich vielleicht auch nur so empfunden und außerdem ist es immer ein bisschen unangenehm mit seinem Agenten zu tun zu haben. Das habe ich lange beklagt, bis ich es verstanden habe, dass es gar nicht anders sein kann. Vor ein paar Monaten habe ich an anderer Stelle einen Text gepostet, in dem es darum geht, wenn auch nur am Rande. Trotzdem müsste es Steffen freuen, den Text zu lesen, und deshalb poste ich ihn hier noch mal im Anschluss, ihm gewidmet

Samstag, 1. Dezember 2012

Kopfstücke


Bilder auf Stühlen - Köpfe auf Tischen & Zeichnungen, heißt es in der Einladugsmail. Wollte ich mir ansehen in der Kunstkammer Friedenau. Weil mich mehr noch als seine Arbeiten der Mann interessiert hat. Weil ich wissen wollte, was er für einer ist und ob es mir überhaupt gelingt, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Die Gelegenheit dazu günstig. Während der einwöchigen Ausstellung war er täglich von 17 bis 19 Uhr anwesend. Für ihn Nachmittag, für mich schon früher Abend, keine gute Zeit für mich. Gut, ich hätte mich auch mit ihm verabreden können. Aber das wäre nicht Blog, das wäre Interview gewesen und am Ende hätte ich ihn abgefragt, was ich mir vorher notiert hätte, weil ich mir unsicher war, ob das was wird mit dem Mann, der unter seine Mails schreibt Saluti und seinen Kopfstücken, wie er sie nennt, Titel gegeben hat wie Pommezzano grosso, glimmerschiefer Blick, Kretakathi oder Il corallaio. Damit kalauernd auf Art und Herkunft des verwendeten Materials anspielend. Seht es Euch an auf seiner Website: Die Köpfe sind gut (wenn nur die komischen Namen nicht wären, denke ich dann aber gleich wieder). Doch das ist nicht der Grund, warum ich nicht hingegangen bin. Ich hatte zu sehr mit mir selbst zu tun, habe es immer noch, schreibe das auch nur, um meine Finger beweglich zu halten, und wegen der Vorgeschichte, die zu der Unsicherheit geführt hat.

Ausstellungseröffnung mit den beiden Tangotänzern. Arbeiten des unglücklichen römischen Fotografen. Er hat ihn nicht empfohlen (man muss empfohlen werden von einem Hausbewohner, um in der Kunstkammer zum Zug zu kommen). Er steht neben der Tür, die ins Innere des Hauses führt. Großer, schlaksiger älterer Mann. Ausgebeulte Hosen, Birkenstocksandalen. Seine Hausklamotten. Keine Umstände. Er wohnt hier und ist einer der Initiatoren der Kunstkammer, erfahre ich, während ich mich umhöre unter den Gästen der Vernissage. Hin zu ihm. Und da stehe ich, während er sich unterhält mit einer Frau seines Alters, um genau zu sein: sie unterhält sich mit ihm, während er nur huldvoll ihr sein Haupt zuneigt und dabei mitkriegt, dass ich da stehe, weil ich mit ihm bekannt werden und mit ihm reden will, wie das eben so ist bei Vernissagen, aber die Frau hört nicht auf und er lässt es geschehen und denkt gar nicht daran, mich einzubeziehen, was er ja auch könnte. Bis ich kurz davor bin, mich abzuwenden und dann ist das eben meine Geschichte, wie es mir trotz großer Ausdauer nicht gelungen ist, an einen der Initiatoren der Kunstkammer Friedenau heranzukommen. Just da verabschiedet sich die Frau, ich stelle mich vor, gebe ihm meine Biest zu Biest-Karte, er sagt, dass er mit Hilfe seiner Tochter die Website der Kunstkammer macht. Er ist also der Hauptinitiator? Ja, aber auch wieder nicht. Die für seine Generation typische Runterspielattitüde. Wenn mich etwas langweilt! Außerdem habe ich keine Lust mehr, hier rumzustehen. Ich möchte das Gespräch mit ihm aber bald fortsetzen, sage ich, als ich mich verabschiede. Die Gelegenheit dazu wenige Wochen später bei der Vernissage von Mary Dunn. Die hat er empfohlen, er wird also auch die Rede halten. Vielleicht ist er deshalb aufgeregt. Als er mich bemerkt, erkennt er mich sofort wieder und strahlt mich an. Wieder muss ich erst abwarten, bis sich sein Gegenüber ausgesprochen hat. Es ist eine andere ältere Frau, die nicht ganz so ausdauernd ist wie die vom letzten Mal. Ich gebe ihm zum Gruß die Hand und er sagt, ich sei doch der Architekt, mit dem er sich so gut unterhalten habe neulich über ... - vergessen was, ich war ja auch nicht dabei, weil ich nicht der Architekt bin. Ich sage ihm, wer ich bin: der mit dem Blog, Biest zu Biest, und wann das war, als wir miteinander gesprochen haben. Das bringt uns nicht weiter. Er ist enttäuscht, dass ich nicht der Architekt bin. Ich schmolle ein wenig, weil ich bislang überzeugt war, alleine schon wegen meiner äußeren Erscheinung unverwechselbar zu sein. Er muss dann mal zu Mary Dunn. Ich könnte warten, bis er die Einführung in ihre Ausstellung spricht. Danach wüsste ich mehr über ihn. Es wird sich eine andere Gelegenheit finden, denke ich und verlasse die Vernissage vor seiner Rede. Ende der Vorgeschichte.

Freitag, 30. November 2012

Gestelle




Von ihm hätte ich das am allerwenigsten erwartet: Das sind keine weißen Gestelle. Das sind Weihnachtsbäume, korrigiert mich Norbert, als würde ich die Absicht nicht erkennen und mit der habe ich überhaupt kein Thema. Aber dass jetzt fast jeder Laden in der Akazienstraße so ein Gestell neben der Tür stehen hat, bei manchen sind es auch zwei Gestelle, das war trotzdem ein Schock, als ich es dieses Woche zum ersten Mal bemerkt habe und klar war, dass ich mir diese Scheußlichkeit jetzt mehr als vier Wochen lang ansehen muss. - Dass es so viele Läden sind! Und darunter auch solche, die ich für zu geschmackssicher oder zu snobbish gehalten hätte, um sich den Schund vor ihre Türen zu stellen. Sind die verschenkt worden, die Dinger? Und in wessen Auftrag? Hast du die Gestelle verteilt? frage ich Norbert. Nicht ernst gemeint, andererseits er muss auch leben und wie soll das gehen nur von Motiv-Umhängetaschen, Ansichtskarten und Tand? - Nein, er hat mit der Verbreitung der Gestelle nichts zu tun. Aber er hat selbst so ein Gestell im Keller. Und das sagt er so, dass klar ist, dass er es morgen pünktlich zum ersten Advent vor seine Ladentür stellen wird. - Tu es nicht! Bleib du selbst, sage ich mit schwacher Stimme und dann überlege ich: Wenn er so ein Gestell im Keller stehen hat, dann hatte er das letztes Jahr schon, dann hat er das auch letztes Jahr schon im Einsatz gehabt. Dann haben vermutlich auch die anderen Läden ihre Gestelle letztes Jahr schon im Einsatz gehabt. Nur damals habe ich dran vorbei geguckt. Die Scheußlichkeit hat mir nichts getan. So wie jetzt, wo ich ihr hilflos ausgeliefert bin. Ich höre auf, bevor es zu ernst wird. Aber sage trotzdem, was ich sofort dachte, als ich ich die weißen Gestelle zum ersten Mal sah diese Woche. Lady Gaga, habe ich sofort gedacht. Die Hässlichkeit der platinierten Lady Gaga. Wenn Lady Gaga so erfolgreich ist (30 Millionen Fans folgen ihrem Twitteraccount), dann können auch diese weißen Gestelle gut gefunden werden. Dann ist das eine ganz andere Welt ästhetisch, als ich sie noch begreifen kann. Dann habe ich hier nichts mehr verloren oder die Klappe zu halten oder ich muss völlig anders ran gehen an alles. Denke ich auch so schon. Wird schwer. Ist vielleicht zu spät dafür. Nie zu spät. Manchmal aber doch und dann ist auch gut.

Donnerstag, 29. November 2012

Scheitern


Passend zum Regentag das dreiseitige Interview mit Rainald Goetz in der Zeit. Und auf Zeit Online gibt es eine ungekürzte, also noch längere Fassung des Gesprächs, das Iljoma Mangold und Moritz von Uslar mit dem Autor führten. Das kriege ich aber heute Früh auf perlentaucher nicht mit, sondern erst, nachdem ich 4 Euro 20 zum Fenster rausgeworfen habe für den dicken Packen Papier der neuen Ausgabe der Zeit. Am Ende habe ich das Interview zweimal gelesen. Erst Wort für Wort auf Papier. Später noch mal auf die Schnelle in der Online-Version, um die gekürzten Passagen zu finden. Warum sie die nicht auch noch übernommen haben in die Printfassung, bei der es auf die zusätzliche Überlänge nun auch nicht mehr angekommen wäre?

Worum geht es? - Offenbar immer noch darum, dass der im Herbst erschienene Roman Johann Holtrop von der Literaturkritik der Feuilletons nicht so geschätzt wurde, wie Rainald Goetz es sonst gewohnt ist, dass seine Schriften geschätzt werden, und auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises hat er es auch nicht geschafft. Andererseits am nächsten Tag die Lesung in Wien, nächste Woche die Lesung in Hamburg. Er hat sein Publikum, das will ihn sehen, das will ihn vorlesen hören, das kauft auch sicher bei diesen Gelegenheiten das eine oder andere Exemplar des Holtrop-Buchs. Und heute in der Zeit dieses dreiseitige Interview mit den zwei ihm ergebenen Gesprächspartnern, einer (von Uslar) nebenbei selbst Romanautor! Also was hat er denn? Was will er denn noch? - Wenn ich es richtig verstanden habe: Verständnis und Lob für sein Scheitern. Anerkennung der Komplexität oder der Grandiosität seines Scheiterns. Das ist ihm verwehrt geblieben. Weil die Normalos, nennt er sie, in den Kulturredaktionen keinen Begriff vom Scheitern haben als die Angestelltenexistenzen, die sie sind und als solche stumpf und dumpf dem Gelingen verpflichtet.

Allein das Allersimpelste, Normale beim Schreiben: dass man Texte nicht hinkriegt, das ist im Journalismus nicht vorgesehen. Ratlosigkeit gibt es nicht im Journalismus.

Keine Kultur des Misslingens und der Ratlosigkeit und auch keine Würdigung des hohen Künstlereinsatzes von Rainald Goetz, der sich auch schon mal bei Gerhard Richter anlehnt, Video, das er gesehen hat auf dessen Homepage, wo Richter sagt: Die Gemälde sind klüger als ich. Das würde er auch gerne von seinem Roman sagen können (ich weiß ja fast nichts über den Kapitalismus). Aber wie soll etwas oder jemand klüger sein als Rainald Goetz? Was für ein Schicksal! Was für ein Gespreize in dem Interview! Aber nicht dort, wo er einfach nur erzählt. Zum Beispiel, dass er erst vor sechs, sieben Jahren angefangen hat, richtig zu lesen. Nachdem er aufgehört hatte fernzusehen, weil es nicht mehr wichtig war zu wissen, was geguckt wird von den vielen Leuten und eine Meinung dazu zu haben. Wie er von da an abends Romane gelesen hat. Zum ersten Mal in seinem Leben einen großen russischen Roman gelesen hat: Anna Karenina, in einer Neuübersetzung, die ihm Johanna Adorjan von der FAS empfohlen hat; augenblicklich liest er Madame Bovary in einer Neuübersetzung und zugleich noch im Original. Und da, es kann gar nicht anders sein, da, nicht gerade bei Tolstoi, aber lange vor Flaubert, da muss es ihn gepackt haben, selbst einen klassisch erzählten Roman schreiben zu wollen. Und da kann er erzählen, was er will, was er sich alles dabei gedacht hat, das war ein Fehler.  

Mittwoch, 28. November 2012

Qual


Die Zeit schleicht durch die Nacht. Müsste es nicht heißen: kriecht? Denn sie vergeht so quälend langsam, will ich damit sagen. Schlechte Poesie und Schlaflosigkeit. So müde bin ich, dass ich beim Lesen die Augen kaum noch offen halten kann. Aber wenn ich das Buch weglege und die Augen schließe, kein Schlaf. Bis ich nicht mehr kann, mich anziehe und hinausgehe in die Nacht. Vorbei am Schöneberger Rathaus, die Turmuhr zeigt 4 Uhr 50. Vorbei an der Landesbank in der Badenschen Straße, vorbei an dem Fitness-Laden dort. Vorbei an den ersten Fußgängerinnen des Morgens, eine hinter Glas. Und nachdem ich die gesehen habe, kehre ich um und zu Hause lege ich mich noch einmal ins Bett und kann eineinhalb Stunden so tief schlafen, dass es sogar noch für einen Traum gereicht hat. Ich war also nicht unterwegs, um Pfandflaschen zu sammeln, wie Leser von Early Birds vielleicht gedacht haben wegen des Assoziationsflusses in dem Text. Ich werde auch nie Pfandflaschen aus Abfallkörben sammeln. So weit wird es nicht kommen. Das kann ich ab heute mit Bestimmtheit sagen und das ist keine gute Nachricht.   

Dienstag, 27. November 2012

Early Birds


McFit. McHübsch. Ein Körper, wie die Fortsetzung des auf und ab wippenden Pferdeschwanzes. Auf und ab wippemd im Rhythmus des Ausdauertrainings an einer der Laufmaschinen direkt am Schaufenster. Wenn man die Badensche Straße hochkommt das erste, was man sieht von dem nach beiden Seiten den Blicken von außen sich offen darbietenden Fitness-Laden. Mit den beiden Schaufensterflanken ragt er wie ein Keil in die Mündung der Badenschen in die Berliner Straße. Nighthawks-Anmutung, aber die führt zu nichts. 24 Stunden geöffnet und trainiert wird unter den Blicken der Passanten. Die Kunden sind Werbeträger. Der ganze McFit-Laden vollgestellt mit Laufmaschinen wie der am Fenster mit der McHübschen. Eine andere Frau hat ihr Training beendet. Handtuch um den Hals. Sieht man schon von weitem, dass die nicht so hübsch ist und bestimmt auch nicht so fit wie die mit dem Pferdeschwanz und dem gut ausgesuchten kirschförmigen Gesicht aus dem Katalog. Bloß nicht auffallen! Auch deshalb das frühe Training? Kurz nach 5 Uhr. Der einzige Passant, der um die Ecke streicht, ist ein älterer Mann in einem grünen abgewetzten Barbour: ich und ich interessiere mich viel mehr für die junge Frau, die eben vor mir die Badensche Straße überquert und das Gebäude der Landesbank betreten hat. Wie jeden Morgen um diese Zeit? Jedenfalls wird sie so vom Portier begrüßt. Was die jetzt gleich macht, wenn sie ihren Rechner eingeschaltet hat? Kaffee trinken und dann internationaler Devisenhandel? Oder Tüfteln an einem Algorithmus, mit dem sie zur reichsten Frau der Eurozone wird, wenn es keinen Euro mehr gibt und wenn ihre Kollegen, die sich jetzt gerade noch einmal von einer Seite auf die andere wälzen in ihren warmen Betten, wenn ihre Kollegen Pfandflaschen aus Abfallkörben sammeln werden. Putze ist die Frau, die eben in die Landesbank gehuscht ist, jedenfalls nicht. Und nur wenig älter ist sie als die fitte Hübsche, die ich gleich danach sehen werde im Schaufenster. Nur Frauen zu Fuß unterwegs um diese Zeit. Eine Fußgängerin hinter Glas. 

Montag, 26. November 2012

Rückzug


Nach dem Grüßen schaue ich schnell wieder weg. Und wenn ich sie rechtzeitig bemerke, gehe ich den Leuten gleich aus dem Weg, um sie nicht anschauen zu müssen.

Sonntag, 25. November 2012

Geborgenheit


Auf einmal fehlt Geborgenheit, die auch vorher nicht da war, doch jetzt wird sie vermisst. Nicht mal in meinen Bookmarks finde ich sie: Was hat sich denn da angesammelt? Wo ist das kuschlige bunte Leben hin? Das bin doch nicht ich, denke ich beinahe täglich, wenn ich meine gespeicherten Links aufrufe. Mit Abstand noch am ergiebigsten Vice Mag, sowohl in der deutschen als auch in der US-amerikanischen Variante. Aber was für eine harte Welt! Die Wende war im August, als ich den Browser neu runtergeladen und dabei die Lesezeichenliste neu eingerichtet habe, nur die Standards übernommen und alles andere sollte neu und anders sein. Damals habe ich auch das Blog von James Deen entdeckt und angefangen, es täglich zu lesen (intelligenter Hardcore Porno-Darsteller bloggt über sein Arbeitsleben). Das Lesezeichen habe ich immer noch, aber das Blog lese ich schon lange nicht mehr. Dazu bin ich nicht mehr hart genug (HA!HA!).

Keine Geborgenheit in den Lesezeichen. Dafür heute im Verlauf. Gestern kurze Recherche zu Diedrich Diederichsens Buch über The Sopranos, weil ich mich am Nachmittag auf der Treppe nach oben gefragt habe: Hat der nichts Besseres zu tun, als ein Buch über eine Fernsehserie zu schreiben? Auch wenn sie so epochal ist nicht nur für das Fernsehen, sondern für das Erzählen in der westlichen Welt überhaupt? Das für mich charakteristische pingelige Denken und die Antwort hätte ich mir selbst geben können: Der DD hat noch nie über was anderes als über sowas wie die Sopranos geschrieben. Nur dass es in der Vergangenheit Popsongs waren, mit denen er uns unser Lebensgefühl erklärt hat. So genial, wie wir (wenn wir ehrlich sind) es nie für möglich gehalten hätten, dass wir kleinen Pisser und Mitzucker dazu einen Anlass geben könnten.

Aber das Entscheidende an dem er uns Anteil haben lässt, ist nicht die Genialität, die Brillanz und die popkulturelle Belesenheit, das Um-die-Ecke-Denken. Es ist die Kreation eines Wir. Und das geht so: Interview darüber, wie TV-Serien wie The Sopranos mit einem Mal Popkultur wurden.

Niemand kann es genau sagen, aber es gab eine Zeit, in der wir alle nicht mehr ausgegangen sind. 

Wer wir ist bleibt unerläutert, muss auch nicht erläutert werden. Denn diejenigen, die es angeht, die wissen sofort, wie es gemeint ist, wenn er hinzufügt:

Zwei, drei Jahre später haben wir auf einmal gemerkt, dass wir alle dasselbe getan haben.

Dasselbe: Auf DVD und das heißt im Original mit Untertiteln die epischen Serien des Pay TV-Senders HBO  gucken. The Sopranos. Six Feet Under. The Wire. Für andere sind es Lost oder Sex in the City oder Mad Men gewesen. Aber für das Wir macht das keinen Unterschied. Und ich muss jetzt auch nicht erklären, was das mit Geborgenheit zu tun hat.

Samstag, 24. November 2012

Strickerin


Beim Kunststraßenfest Pohlposition habe ich sie barfuß vor einem Baum stehen und stricken gesehen. Ich habe lange mit ihr geredet, war dann jedoch froh, als ich weg war, und als ich zurück kam, hat sie immer noch gestrickt, hatte immer noch keine Schuhe an, obwohl der Asphalt an dem Septembertag schon ziemlich kühl war - und sie strickte jetzt im Raum, wie sie es nannte. Sie war zuvor strickend an eine Stelle gekommen, wo sie auf einmal wusste, ich muss jetzt in den Raum gehen. Als sie das sagte, da habe ich mich an den Leguanforscher in Werner Herzogs Wüstenfilmepos Fata Morgana erinnert. Die Mischung aus Ernst, Besessenheit, Craziness und Demut gegenüber der gefundenen Lebensaufgabe. Beim Leguanforscher steigert sie sich zur menschlichen Komödie. Vor lauter Sympathie für ihn muss man über ihn lachen. Bei der Strickerin gibt es nichts zu lachen. Ich habe mir nur Sorgen um ihre großen knochigen Füße gemacht, und als ich mich zum zweiten Mal von ihr verabschiedete, wusste ich schon, dass ich nichts über sie schreiben würde. Habe mir trotzdem ihre Website angeschaut. Gesehen: Kooperation mit der Ladenkette STEFANEL. Wo auch sonst soll es hin, das textile Gestalten? Weiterhin viel Erfolg und alles Gute. 

Poetisch-spielerisch setze ich mich mit Farben, Formen, Ornamenten und Linien auseinander. Am Anfang dieser Reise steht immer ein textiles Material in Form von Stoffen oder Wolle.
Nach interessanten Motiven, Ornamenten und deren Beschaffenheit suche ich industriell gedruckte und gefärbte Textilien aus und spanne sie in Serien auf Keilrahmen. Anschließend trage ich Motive grafisch und malerisch zu eigenen konkreten Themen aus Bereichen der Flora und Fauna auf die Stofffläche auf. Völlig frei entstehen neue Bild - und Motivwelten. Die große Herausforderung hierbei stellt immer wieder auf ein Neues die Verschmelzung von Industriellem und Eigenem zum absoluten Unikat dar.

Es ist nicht schwer, das zu verstehen. Doch ab dem dritten Satz muss ich mich sehr anstrengen weiterzulesen. Da fühle ich mich in die Szene vor dem Baum in der Pohlstraße zurückversetzt, wo ich auch nur weg wollte und froh war, dass ich kein Feuilletonist, sondern ein Blogger bin und es mir aussuchen kann, worüber ich schreibe. Ich muss nicht erklären, warum ich keinen Zugang finde zu Ulrike Stoltes Textilkunst. Aber als ich nun die Sammelmail von ihr bekomme und mich an sie erinnere, wundere ich mich doch, wie gleichgültig ich über die Begegnung mit ihr und ihren Arbeiten hinweg gegangen bin. Ich wollte einfach nichts davon wissen.


In ihrer Mail weist sie auf Ausstellungen in Miami, Zürich und Berlin hin, an denen sie beteiligt ist. Die Arbeiten, die sie in Miami zeigen wird, haben eine so leuchtende Hübschheit, dass ich mir vorstellen kann, dass sie damit herausstechen und Erfolg haben wird bei der Red Dot Miami , einer Parallelveranstaltung zur Monstermesse Art Basel Miami Beach. Das ist aber auch schon alles, was mir dazu einfällt. Und dann habe ich in ihrer Vita noch bemerkt, dass sie in der ersten Hälfte ihres Lebens mit hohem Einsatz und großem Erfolg Klavier studiert hat. Aber dann die Sehnenscheidenentzündung oder die Erkenntnis, dass sie es zur vollkommenen Meisterschaft nie bringen wird? Irgendetwas Einschneidendes muss passiert sein, und dann die Kunstakademie in Dresden, die Grafik und bald schon das textile Gestalten. Wenn sie eine von mir erfundene Figur wäre, würde ich sie jetzt wieder eine Krise kriegen und erneut etwas ganz anderes machen lassen. Wird ihr schon nichs passieren mit diesem mächtigen musischen Drang in sich und wenn es mal stockt und nicht mehr weiter zu gehen scheint, dann eben Kulturförderung, dann mal wieder ein Studienaufenthalt in Australien. 

Freitag, 23. November 2012

Apotheke


Die Frau, die entweder Apothekerin ist oder Apothekenhelferin, kommt mir vor der Apotheke entgegen, in der sie viele Jahre gearbeitet hat, wie ich weiß.
Sie fasst mich zur Begrüßung am Oberarm und fragt: Na du? in einem so freundlichen Ton, dass sie es im Nachhinein nicht bereuen soll, mir begegnet zu sein.
Mal wieder zurück an alter Wirkungsstätte? frage ich sie. Oder ist die alte auch die neue Wirkungsstätte?
Ja, aber schon seit längerem wieder.
Ach ja, sage ich nichts sagend, weil es dazu nicht mehr zu sagen gibt.
Du, ich muss weiter. Ich bin spät dran, sagt sie.
Ja, ja, ist ja gut, antworte ich unwillig. Wir haben uns ja auch sonst nichts zu sagen. 
Da muss ich mich bereits nach ihr umdrehen, weil sie schon weiter gegangen ist. Und wenn ich jetzt noch das Schnippische weglasse, dann ist es wirklich gut. 

Donnerstag, 22. November 2012

Einblick


Klarheit und Plastizität der Bilder aus meinem Rektum. Für Privatversicherte in 3-D.

Nachrichtenwert der Bilder für mich schwer zu beurteilen. Unerwartete Wendung oder zusätzliche Verwirrung? Sicher nur: Als Gesunder werde ich diese Praxis nicht verlassen. Doch das wusste ich vorher schon.

Wegen Komplikationen bei der Darmreinigung nur der kleine Einblick. Dafür bei wachem Bewusstsein. Keine Propofol-Narkose. Ärztin stellt Fragen, will die Antworten jedoch gar nicht wissen. Wozu auch? Überlegenheit des bildgebenden Verfahrens. Wir starren beide auf den Bildschirm. Ich widerwillig; mir ist das alles zu deutlich. Sie zunehmend fasziniert, weil so etwas hat sie noch nicht gesehen, sagt sie. Sie nun auch schon älter, hat schon viel gesehen. Was da gewachsen ist in meinem Rektum also wirklich so ungewöhnlich? Oder gerät sie nur leicht außer sich und übertreibt gerne? Das tatsächlich einer der Gründe dafür, warum ich es so lange hinausgezögert habe, mir medizinisch helfen zu lassen: ich wollte keine Ärzte in meiner Geschichte haben und mir keine Gedanken über sie machen müssen.  

Mittwoch, 21. November 2012

Schausteller


Immer brauchst du jemand anderen - als Scheusal oder um dich zu versöhnen oder einfach nur,  um einer Straße ein Gesicht zu geben: Babelsberger, Babelsbergerin (*)
Das ist normal und hier ist es das Prinzip: Biest zu Biest.
Allein aus dir heraus wäre besser.
Rückzug? Selbstgespräch? Texte wie dieser?
Und der Durchschaute, das Schausal bist du.
Schausal ist gut.
Tippfehler.
Schausal ist trotzdem gut. Ein Schausal bin ich. Schausteller meiner selbst. Könnte ich kein Schausal sein, wäre ich nichts. 
Und wie war dein Tag?
Seit sechs Uhr auf den Beinen. Darmreinigung. Aber daraus ist nichts geworden. Jetzt geht es nur noch darum, nicht in die Hosen zu machen. Wenn mein Darm sich nicht beruhigt, wird die Nacht zur Qual. Ohne Arzt wäre das nicht passiert.

(*) die Engelbrecht tatsächlich in Potsdam-Babelsberg geboren und bei dieser Gelegenheit eine Korrektur: die Babelsberger Straße liegt nicht  in Schöneberg, sondern gehört bereits zu Wilmerdsdorf. 

Dienstag, 20. November 2012

Anteilnahme


Wenn ich morgen erfahre, dass ich Darmkrebs habe, dann schreibe ich doch nicht übermorgen ungerührt weiter an einem längeren Text über eine bucklige ältere Frau, neben der ich gestanden habe, und ihr Mundgeruch war kaum auszuhalten. Warum habe ich sie aber auch so nah an mich ran gelassen? Nur ein Schritt weg von ihr und der Gestank aus ihrem Hals wäre nicht bis zu mir gedrungen und ich hätte ihre heuchlerische Anteilnahme wahrscheinlich auch gleich durchschaut und nicht erst im Nachhinein verstanden, dass sie mich nur quälen wollte mit ihrem Gejammer, wie schlecht ich aussähe, was denn los sei, nicht zum Ansehen, so schlimm sei es. Oh weh, oh weh! - Jetzt hör doch mal auf! Das ist ja ekelhaft! habe ich sie unterbrochen. Und als sie sich wieder eingekriegt hatte und mich gefragt hat, was denn mit mir sei, da habe ich geantwortet: Krank bin ich, aber man weiß noch nicht, was es ist. - Was hat er? hat darauf Sabrina, ihre Freundin aus der Kneipe, gefragt, die sie zu der Vernissage mitgenommen hatte, und sie hat für Sabrina dann wiederholt: Krank ist er. Aber er weiß noch nicht, was er hat. Das wiederholt völlig teilnahmslos, ohne weiter die Gemütsbewegung vorzutäuschen, die sie auch vorher nicht hatte. Ihre überschäumende Anteilnahme nichts als ein Versuch, mir schlechte Gefühle zu machen, weil ich zuvor ihr schlechte Gefühle gemacht hatte, nehme ich an, dass ich das tat, als ich über ihre allzu große Leidenschaft für sich selbst geschrieben habe, die nichts übrig lässt an Leidenschaft für ihre Kunst. Schlagabtausch. Sie lässt sich nichts gefallen. Ich schenke ihr nichts. Zahle es ihr gleich wieder heim, indem ich ein Foto von ihr poste, das ich aus Rücksichtnahme auf sie sonst nie gezeigt hätte im Blog wegen des unvorteilhaften grotesken Anblicks, den sie darauf bietet. Doch dann, nachdem ich es in das Blog gestellt habe, in das andere, da merke ich, dass ich es in jedem Fall hätte zeigen müssen, was mir da gelungen ist an Porträt von ihr. Das Foto zeigt sie, wie ich sie sehe nach einem Jahr, in dem ich sie immer mehr durchschaut habe, bis sie für mich zu dem Scheusal geworden war, das auf dem Bild zu sehen ist. Mit meinen Augen.

Montag, 19. November 2012

Babelsberger





Glückliche Nadja Engelbrecht in ihrem neuen Atelier in der Kreativfabrik und die befindet sich in Schöneberg und nicht in Charlottenburg, wie man annehmen könnte nach der Lektüre meines Textes von gestern, wenn es heißt, dass die Frau mit dem Kind vor dem Bauch den ganzen Nachmittag in Charlottenburg unterwegs war. Das war sie, bevor sie in die Babelsberger Straße gekommen ist. Zurück aus Charlottenburg und sie wohnt hier bestimmt in der Nachbarschaft. Gibt bessere Wohngegenden für eine junge Familie als diese. Aber so schlecht kann die Gegend nicht sein, wird die junge Frau jetzt denken, nachdem sie gestern im Innenhof Babelsberger 40/41 den Seitenflügel mit den Ateliers entdeckt hat. 


Sonntag, 18. November 2012

Versöhnt




Die Frau trägt ein Baby vor dem Bauch. Schon den ganzen Nachmittag. Sie weiß auch nicht, warum sie das Kind nicht ihrem Mann mitgegeben hat, der schon mal vor, nach Hause gegangen ist. Dann könnte sie nämlich jetzt mal reingehen und einen Rundgang machen durch die offenen Ateliers. Wusste sie gar nicht, dass es hier Ateliers gibt. Aber das Kind ist ihr einfach zu schwer, nachdem sie es bereits stundenlang durch Charlottenburg geschleppt hat, kann sie es nicht auch noch durch die Ateliers schleppen, auch nicht wenn sie mit dem Fahrstuhl nach oben fährt (rechts) und nicht den Weg über die Treppe (links) wählt. Die im Erdgeschoss unbeleuchtete Treppe! Da wissen die seit Wochen, dass sie heute von 16 bis 22 Uhr einladen zu Offenen Ateliers und dann ist unten im Treppenhaus kein Licht. Aber das denke ich erst, als ich 45 Minuten später das Gebäude wieder verlasse, im Finstern tastend einen Schritt vor den anderen setzend und ich kriege den Geruch des Parfums von Nadja Engelbrecht nicht mehr aus der Nase, die ich umarmt habe zur Begrüßung. Besuch bei ihr in ihrem neuen Atelier in der obersten Etage der Grund, warum ich hier war. Anschließend schneller Streifzug durch die Etagen darunter. Etablierte Künstlerexistenzen. Saturiertheit. Den Lebensunterhalt zahlt die Rentenversicherungsanstalt oder ein Ehemann. Kunst, die niemand gesehen haben muss. Und dann ein kleines dünnes Mädchen, vorpubertär, angezogen wie eine Puppe, versunken in die Betrachtung eines der weniger albernen Bilder im Atelier von Ute Faber. So guckt das Mädchen nicht jedes Bild an. Das ist Kunstbetrachtung, was sie macht. Sie weiß, was sie sieht. Wird jetzt gerufen. In Begleitung ihrer Mutter oder ist es die ältere Frau, ihre Großmutter? Am Ausgang steht sie mir im Weg. Sie entschuldigt sich. Das ist übertrieben. Abgerichtet, das Kind? Dressiert? Oder einfach nur rücksichtsvoll? Egal. Der Ernst, mit dem das Kind das Bild betrachtet hat. Das versöhnt mich, wie schon sehr, sehr lange nichts mehr.