Montag, 30. Mai 2011

Idiomatisch

Wie komme ich raus aus der Nummer mit Tim, ohne zum Stalker zu werden? Denn er hat auch auf meine dritte Mail nicht reagiert, in der ich ihn noch einmal um ein Interview gebeten und ihm erklärt habe – falls er es nicht gemerkt hat -, dass meine vorige Mail mit dem Betreff: Blackmail selbstverständlich als Witz gemeint war.

Wie bin ich rein gekommen in die Nummer? – Die Vorgeschichte lasse ich weg. Ergebnis der Vorgeschichte war: Er wollte mir seinen Roman nicht zu lesen geben; konsequent, denn er will ihn auch nicht veröffentlichen. Warum nicht? Weil er ihm misslungen ist oder er ihn für zu wertvoll hält für diese Welt? Das hätte ich ihn gerne mal gefragt. Doch zu dem Treffen, zu dem wir uns einmal vage verabredet hatten, ist es nie gekommen. Er hat mir nur jedes Mal, wenn wir uns zufällig begegnet sind, von dem Zettel mit meiner Mail-Adresse an seinem Pinboard erzählt und ich habe dann gedacht: ja, ja, du mich auch. – Mitte letzter Woche wieder so ein zufälliges Treffen. Er schiebt sein Fahrrad und hat gerade seine Kinder aus der Kita abgeholt. Der kleine Junge hat einen Lutscher in der Hand, den er mir stolz zeigt, weil er den gerade von seinem Papa bekommen hat. Seine ältere Schwester hat ein weißes Kleid mit einem Matrosenkragen an, in dem sie sehr süß und schon wie ein richtig großes Mädchen aussieht. Ich mache ihrem Vater deswegen gerade ein Kompliment, da tritt eine dunkel gekleidete junge Frau an ihn heran, sagte etwas zu ihm, scheint dann aber die Traute zu verlieren, und geht schnell wieder weg. Was war das denn? – Tim schaut ihr entgeistert hinterher. – Hat sie dich angebettelt? – Sie hat mich gefragt, ob ich etwas Kleingeld für sie habe. – Und dann hat sie der Mut verlassen. Da gehört nämlich ganz schön Mut dazu, zum Betteln, sage ich. – Mut? Diese Vorstellung ist Tim neu. Aber er widerspricht mir nicht. Hey, das ist doch was für die Zeitung, sagt er, immer noch fasziniert der jungen Frau hinterher blickend, die gerade einen Passanten anspricht, nun mehr Mut hat, stehen bleibt, nachdem sie um Kleingeld gebeten hat. und jetzt, so wie es aussieht, auch erfolgreich ist. - Es gibt noch eine andere Bettlerin hier in der Akazienstraße, erzähle ich unterdessen. Die verzieht immer das Gesicht, wenn sie einen anbettelt, um ihre Unsicherheit zu überspielen. Darüber habe ich mal geschrieben. – Tim wendet sich von der Szene mit der Bettlerin ab und sagt: Ich schreibe jetzt für die Stadtteilzeitung. - Das hat er schon mehrfach erwähnt. Und ich hätte ihn jetzt gerne mal gefragt, was es mit dieser Stadtteilzeitung auf sich hat - warum er so stolz darauf ist, dass er für eine Zeitung schreibt, von der ich außer von ihm noch nie zuvor gehört habe. Aber aus Rücksicht auf die sich langweilenden Kinder erinnere ich ihn nur daran, dass wir uns mal treffen wollten. Worauf er wieder das mit dem Zettel mit meiner Mail-Adresse an seinem Pinboard sagt. Doch dieses Mal denke ich nicht: ja, ja, du mich auch. An seiner Reaktion auf die Bettlerin habe ich gemerkt, dass er genau so unterwegs ist im Kiez wie ich – mit dem gleichen Blick, mit der gleichen Schreibabsicht. Er ist jemand, der so drauf ist wie ich. Wie heißt das Lokalblatt, für das Du schreibst? Gibt es das nur auf Papier oder finde ich es auch im Netz? frage ich ihn in einer Mail am nächsten Tag. - Keine Antwort. Ich google Stadtteilzeitung Schöneberg und finde dort einen Text, in dem er sich den Lesern vorstellt, erfahre nun seinen vollen Namen und kopiere eine Passage aus dem Text (kursiv), um sie in meiner Mail mit dem Betreff: Blackmail zu verwenden:
Warum antwortest Du nicht, Timothy William Donohoe?
Eine meiner Fähigkeiten ist es, mit fremden oder unbekannten Menschen ohne großen Aufwand ins Gespräch zu kommen; mich ziehen ihre (erstmals) fremde oder unbekannte Lebenserfahrungen oder -ansichten sehr an, von denen ich dann gut für mein eigenes Schreiben – sei es Prosa oder Journalistik – Gebrauch machen kann. 
Du kannst mit mir ohne großen Aufwand ins Gespräch kommen. Lass uns ein Interview machen. Ich mit Dir, und wenn Dir das zu wenig ist, dann machst Du auch eins mit mir.
Wenn Du Dich nicht meldest, lese ich alle Deine Beiträge im Archiv der Stadtteilzeitung und schreibe über Dich, ohne mit Dir gesprochen zu haben.
Keine Antwort. Dafür am Samstag Recherchegespräch mit H.: siehe Unvollständig. Und gestern dritte Mail:
 Lieber Tim, das war natürlich ein Witz mit der Erpressung. Aber das mit dem Interview ist ernst gemeint. Szenisches Interview könnte es sein - ich begleite Dich auf einem Deiner Streifzüge, die Du erwähnst in Deiner Selbstpräsentation in der Stadtteilzeitung, oder ich setze mich zu Dir, wenn Du mit Deinen Kindern auf dem Spielplatz bist. Wir quatschen über alles Mögliche. Aber im Mittelpunkt steht Deine Person. Warum willst Du Deinen Roman nicht veröffentlichen? Wie kommst Du finanziell zurecht, wenn Du Deine Literatur nicht veröffentlichst und für eine Zeitung arbeitest, bei der Du nur symbolisches Honorar bekommst, und stimmt das überhaupt? Das kein indiskretes Interesse, sondern empathische Neugier, da ich mich auch täglich frage, wie ich finanziell zurechtkomme. Und nur eine von vielen anderen Fragen. Lass uns einfach mal quatschen. Meine Interviews sind so chaotisch wie meine Texte. Du wirst Dich nicht langweilen.
Doch auch heute wieder: Timothy William Donohoe antwortet nicht. Unterdessen ist mir klar geworden, warum er so stolz darauf ist, für die Stadtteilzeitung zu schreiben. - Warum reden mit den Leuten? Reicht doch, über sie nachzudenken. Witz! – Ergebnis: Wäre ich nicht auch stolz darauf, wenn ich als Deutscher in New York für das New York Magazine schreiben würde, so wie er nun als Amerikaner für die Stadtteilzeitung Schöneberg schreibt?

Ich habe Tim mal ein Kompliment gemacht wegen seines guten Deutschs. Er hat damals gesagt, so gut sei sein Deutsch gar nicht. Er habe ein gutes Gedächtnis und plappere nur nach, was er bei seinen Gesprächspartnern aufschnappt. Seine Bescheidenheits-Masche, habe ich damals gedacht (er will ja auch seinen Roman nicht veröffentlichen, an dem er jahrelang gearbeitet hat). Als ich dann heute Früh zwei Artikel von Tim (*) gelesen habe aus dem Archiv der Stadtteilzeitung, ist mir jedoch klar geworden, dass da schon etwas dran ist, was er damals gesagt hat: Er hat ein Ohr für die deutsche Sprache, für das Idiomatische, für das Redensartliche und für plastische Ausdrücke (z.B. ergattern). Das allerdings stimmt nicht, dass er das Aufgeschnappte nachplappert, zumindest stimmt es nicht für seine Artikel. Da kreiert er mit dem Aufgeschnappten einen Stil. Der Stil ist, dass er Deutsch als Fremdsprache schreibt - dass er das Gehörte virtuos anwendet - aber er wendet es amerikanisch an. Wie soll ich es nur erklären? Er schreibt idiomatisches Deutsch - aber mit einem amerikanischen Sprachgestus. - Ich kriege es nicht zu fassen. Am besten selbst mal Tim Donohoe lesen und sehen, was ich meine. Macht Spaß!

(*)
Tim Donohoe:
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