Samstag, 5. November 2011

Ateliers


Hätte ich gerne mitgenommen:
Aquarell von Hermann Spörel

Die Künstler stellen sich selbst aus und nutzen das Rundgang-Wochenende, um Werbung für sich zu machen. Hermann für seinen Malkurs. Und Eva verteilt Flyer mit den Worten: Wenn Sie mehr Bilder von mir sehen wollen, kommen Sie in meine Ausstellung, ab 18.11. in der Galerie subjectobject. Bei Thomas ist ein Besucher, der macht Werbung für sich und für seine Wohnzimmergalerie in der Goltzstraße. Motto: Die Pflicht zum Ungehorsam gegen die Kunst. Aktuell sieht das so aus, dass er Bilder einer Krankenschwester ausstellt, die auf der Säuglingsstation arbeitet oder im Kreißsaal, jedenfalls ganz nah dran am Leben. Früher gab es mal eine Französin, die war die singende Nonne. Malende Krankenschwester ist natürlich noch viel besser. Und es sind wahrscheinlich solche Sätze, deretwegen ich den Mann aus der Goltzstraße gerne mal besuchen kann in seiner Wohnzimmergalerie, aber dass über ihn in einem Internet-Blog geschrieben wird, das will er auf keinen Fall. – Es gibt keine anderen Blogs als Internet-Blogs, sage ich patzig, unterdrücke dann aber meine aufkommende Feindseligkeit. Denn erstens ist der Wohnzimmergalerist ein Freund des Namensvetters (Wolfgang), zweitens finde ich Wohnzimmergalerie sehr gut und drittens sind wir nicht auf der Straße oder in der Kneipe, sondern zu Gast: bei Thomas Schliesser im obersten Stock des Hinterhauses Belzigerstraße 25. Seit 30 Jahren hat er hier sein Atelier und von Anfang hat er mitgemacht bei der Aktion Offene Ateliers. In den ersten Jahren kamen nur andere Künstler aus dem Kiez und der näheren Umgebung, erzählt er. Inzwischen jedoch kommen auch andere Leute, jede Menge andere Leute. Ein ständiges Kommen und Gehen ist es. Und wie findest du das? – Sehr gut. – Inwiefern? – Wegen der Gespräche. – Das freut mich für ihn und die Besucher, dass er das so sieht. Kurz zuvor sprach ein Kollege von ihm noch von Bildungsheinis, als ich ihn fragte, wer so alles kommt. Aber das muss niemanden irritieren. Er war einfach nur schlecht gelaunt und stand außerdem immer noch unter Schock, weil eine kleine verhuschte junge Frau mit großen roten Flecken im Gesicht seine Atelier-Toilette benutzt hatte, ohne vorher zu fragen und ohne danach etwas dabei zu finden. Ich habe ihn daran erinnert, dass es früher den Begriff Notdurft gab. Nichts zu machen. Er kam einfach nicht darüber hinweg. Anschließend bei Uliane, die die Aktion Galerierundgang und Offene Ateliers im Jahr 2006 initiiert hat. In ihrem Atelier, im Wohnzimmer und in der Diele alle Wände vollgehängt und -gestellt mit ihren Bildern. Leiser Klimperjazz. Es duftet nach Kaffee. Es gibt Kuchen. Auf der Couch sitzt Freundin Gudrun, neben ihr Freund und Sammler Nick. Er spricht über U-förmige Offizierswohnungen in der Potsdamerstraße und dass er in so einer U-förmigen Wohnung einmal gewohnt hat. Und wer sitzt da ganz entspannt ihm gegenüber? – Die kleine verhuschte junge Frau von vorhin: gar nicht mehr verhuscht und große rote Flecken im Gesicht hat sie auch keine mehr.

Beim Rausgehen im Treppenhaus Kurzinterview mit zwei Frauen. Die eine wohnt um die Ecke in der Merseburger. – Da kennen Sie Uliane Borchert ja bestimmt von der Straße. – Selbstverständlich. – Und jetzt wissen Sie, wie es bei ihr zu Hause aussieht. – Ja.

Aquarell: © Hermann Spörel