Montag, 7. Januar 2013
Bei Penny
Der Nachbar aus dem Hinterhaus sieht aus wie ein Lateinlehrer und ist Fliesenleger. Heute weicht er auch bei meinem dritten Versuch, ihn zu begrüßen, so konsequent meinem Blick aus, dass ich einen vierten Versuch lieber lasse. Erst an der Kasse schaue ich mich noch mal nach ihm um. Weil ich ihm gerne Frohes Neues Jahr gewünscht hätte. Mehr nicht. Was hat er sich gedacht? Wovor glaubte er sich besser verkrümeln zu sollen?
Samstag, 5. Januar 2013
Keine Rettung
Die bitteren Einsichten kaum
ausgehalten.
Den verdorbenen Magen kuriert.
Das bleiche alte Gesicht rasiert.
Die verblutete rote Jogginghose
gewaschen.
Zum zweiten Mal den prolabierten Tumor
in den Fingern gehabt und nicht in Panik ausgebrochen wie am
Mittwoch, als ich vor Schreck über all das Blut den Rettungswagen
gerufen habe.
Freitag, 4. Januar 2013
Misstrauen
Druckser, Trickster, wenn er es
braucht, sicher auch ein Lügner, um sich oder mir das Leben damit
einfacher zu machen und deswegen so seriös wie die dunkelgrüne
klassisch gemusterte Seidenkrawatte, die er unter seinem offenen
weißen Kittel trägt. Die Krawatte neu? Ein Weihnachtsgeschenk? Muss nicht sein. Krawatten wie die hat er noch viele andere im Schrank,
selbst gekaufte wie geschenkte. Ich habe auch noch so eine Sammlung.
In letzter Zeit habe ich ein paarmal an sie gedacht.
Trotzdem noch kein Vertrauen zu dem Mann.
Aber schon mal danke für die vier Blutkonserven.
Dienstag, 1. Januar 2013
Anspielung
Der Regen nadelt auf das Dach meiner
Wohnung. Danach nadelt der Regen auf meine fünfzehn Jahre alte
Barbourjacke, während ich auf die Esso-Tankstelle in der
Martin-Luther-Straße zugehe und merke, dass ich Humorversuche lieber
weglassen sollte, und aufs neue Jahr werde ich auch nicht anspielen,
nicht mal anspielen, weil mir dazu nichts einfällt.
Das Süßwarensortiment der Tankstelle
ist kleiner als ich erwartet habe. Der Mann an der Kasse trägt ein
rotes kurzarmiges Hemd und es ist vorstellbar, dass er mal wo
gearbeitet, wo er an Sonn- und Feiertagen frei hatte. Nachdem er die
drei Kunden vor mir bedient hat, sage ich:
Bei mir kann es es noch eine Weile
dauern.
Warum?
Warum? Er hat tatsächlich, warum,
gefragt, und in einem Ton, der keinen Zweifel daran lässt, wie er es
meinte. Trotzdem frage ich entgeistert: Wie
warum?
Na, wenn ich irgendwo hingehe, um was
zu kaufen, dann weiß ich, was ich will, sagt er ruhig und
sachlich.
Sie haben wohl gestern Nacht schlecht
gefeiert, murmele ich.
Er hat es nicht verstanden. Ich
wiederhole die Bemerkung nicht, weil ich merke, dass ich damit so
distanzlos bin wie er zuvor mit seiner Belehrung. Wenn es eine war. Meine Bemerkung war auf jeden Fall dümmlich. Aber es war eine zwanglose
Anspielung auf den Jahreswechsel. Die habe ich jetzt. Ich kaufe noch eine
Packung Leibnizkekse Choco Vollmilch und eine Flasche Volvic. So wie
der Mann mich bedient, ist völlig klar, dass er gar nicht daran
dachte, mich zu belehren oder zu provozieren. Der Mann ist einfach
so. Das ist seine persönliche Art, seinen Job zu machen hinter der
Kasse an der Tankstelle.
Montag, 31. Dezember 2012
Nass
Aus Reumut wird Reuwut. Und das Ganze mit Uwe Tellkamp. Nässende Operationswunde, tropfnasser Verband.
Keine Panik. Beobachten. Am Nachmittag der erneuerte Verband wieder
nass und die Hose gleich mit. Eilfahrt mit dem Taxi nach Mitte. Auf die
Station, wo ich bis Donnerstag Patient war, kann ich nicht einfach so spazieren. Also Notfallambulanz: Rettungsstelle heißt das hier und
es dauert gar nicht so lange, bis ich einen mir bekannten Arzt sehe, der
mir versichert, dass nichts dabei ist, wenn Sekret aus der Wunde tritt.
Trotzdem sei es gut gewesen, dass ich gekommen bin. Ich hätte es mir
auch sparen kann, meint er damit. Jetzt könnte ich auf die Rückfahrt
mit dem Taxi verzichten. Stattdessen S-Bahn, U-Bahn und beim
Umsteigen am Zoo für das gesparte Geld die Taschenbuchausgabe von
Uwe Tellkamp, Der Turm kaufen (14 Euro). Doch ich bin schon längst
weiter, über die Reuwut hinaus. Reuwut: Der hat Hunderttausende von
Büchern verkauft mit seiner DDR-Biografie. Millionen TV-Zuschauer
waren bewegt von der zweiteiligen Verfilmung der Dresdner
Bildungsbürgertumsaga und ich habe, als sie erschienen ist (2008), eine Leseprobe auf Amazon überflogen und hatte das Gefühl, ich
betrete ein Zimmer, in dem fingerdick der Staub auf den Möbeln liegt, und als ich dann noch las, wie das Mondlicht sich verlor, a
u s n a de l t e vor den Wachtürmen Ostroms, da war es
aus, da war klar, das lese ich nicht, das ist Literatur aus dem
Museum. Genau so sieht er auch aus, der Tellkamp, und so kitschig ist er
mit seinem dichterischen Erweckungserlebnis am Nachmittag in einem
Garten mit roten Rosen (*). Du sparst viel
Zeit, wenn du so überlegen bist in deinem Urteil. Aber jetzt will
ich nicht mehr überlegen sein. Jetzt komme ich mir mickrig vor in
meiner Überlegenheit. Jetzt will ich Abbitte leisten und ich fange an mit Uwe Tellkamp, Der
Turm. Doch dann stoße ich am Morgen auf die gleiche Leseprobe wie
damals. Wieder lese ich, wie das Mondlicht a u s n a d e l t und wieder weiß ich sofort, es geht nicht, und dass das überhaupt nichts zu tun hat mit dem
Überlegenseinwollen, das ich mir nicht verzeihe: Ich kann keinen
Roman von einem Autor lesen, der Mondlicht schreibt und dazu a u s n
a d e l t. Das muss ich mir durchgehen lassen. Aber nicht, wenn ich
es nur dafür verwende, mich zu erheben über den Mann, der das dicke
Buch verfasst hat (und wie viele hundert Seiten Roman habe ich zuletzt
geschrieben?). Ich muss etwas anderes machen aus meinem Urteil. Und
gerade überlege ich, was, da bemerke ich, dass das Pflaster an
meinem Bauch klatschnass ist. Ich werde nicht panisch, aber von nun
an beherrscht natürlich die nässende Wunde mein Denken. Bis der
Arzt am Nachmittag in der Rettungsstelle mich beruhigt wegen des Wundsekrets. Das ist alles, was ich heute erreicht habe. Kein Durchbruch. Keine roten Rosen. Ein nasses Pflaster. Kein Erweckungs-, ein Verhinderungserlebnis. Kein Wikipedia-Artikel. Keine Reue. Ein mancher Roman wurde geschrieben, weil der Autor nicht genug Charakter hatte, keinen Roman zu schreiben. Nicht von mir. Von Karl Kraus. Ich will den Satz nicht mehr hören.
Samstag, 29. Dezember 2012
Sonn- und Feiertage
Kein Biest. Ohne Biest nichts zu
erzählen.
Melde mich bei Dir, wenn ich wieder
weiß, wer ich ich bin. Die Freundin wartet immer noch auf meine
nächste Mail. Seit drei oder vier Wochen schon. Es liegt nicht an
mir, dass ich nicht weiß, woran ich bin und wer ich bin. Es liegt
auch an niemand anderem. Es liegt am Kalender, an den Sonn- und
Feiertagen. Weiter geht es mit neuem Schwung und vollständig vorliegenden
Befunden am Donnerstag, den 3. Januar in meiner Sprechstunde in der
Charité.
Währenddessen ist das Biest ins Zwielicht geraten.
Hohn, Spott, Ironie ist auch ein Spiel und ein Spaß. Aber wenn es dabei
immer nur um Überlegenheit geht? Wenn es überhaupt immer nur darum
geht, überlegen zu sein? Wenn es nie um etwas anderes gegangen ist
und der letzte Rückzugsort dieses Unternehmens, übrigens ein alter
Familienbetrieb, seine letzte Firmierung ist das Biest, das erste, das Ausgangsbiest in Biest zu Biest? Woher soll dann die Poesie kommen, von der
ich geträumt habe, als ich das Biest-Blog begonnen habe und sagte,
dass es mehrere Gründe gibt, warum ich es schreibe, der
wichtigste aber sei, dass ich damit schreiberisch von a nach b kommen
will. Zu einem nur
meinen Ansprüchen verpflichteten Erzählen. Das ist mir gelungen.
Nur konnte ich nicht wissen, was mich erwartet, wenn ich nach b
komme. Dass es auch dort nur einen einzigen Anspruch gibt, wie es
mein Leben lang nur einen einzigen Anspruch gegeben hat im Schreiben.
Gefühl von Erbärmlichkeit, als mir das klar wird. Zugleich Ahnung davon,
wie ein Text von mir beschaffen sein wird, der sich frei gemacht hat
vom Zwang des Überlegenseinwollens. Dazu ein ganz anderer
Mensch werden müssen. Schreiben zu keinem anderen Ende als dem,
dieser andere Mensch zu werden. Aber ist Biest zu Biest dann noch der passende Titel? Vielleicht in einer späteren
Phase wieder. Und natürlich gibt es auch noch andere Gründe für
das Schreiben, für das Blog. Zum Beispiel: vom Biest zu erzählen, das es auch weiterhin gibt.
Donnerstag, 27. Dezember 2012
Wim
Den Klinikaufenthalt in der Charité in
Mitte beende ich, weil ich mich nicht auch noch durch den dritten
Teil Lion Feuchtwanger, Goya quälen will. Schlimmer als die eklige
Heilige Inquisition: die Frauengestalten, von denen der Meister sich
auf seinem Weg in die Stille (Goya wird taub) faszinieren lässt, und
das macht ihn nicht verehrungswürdiger. Das Buch überlasse ich der
Station.
Klingt souveräner, als ich es bin in
meiner Lage. Sonst hätte ich kaum den tapsigen Versuch gemacht,
Geborgenheit und Zuflucht zu suchen im Gespräch mit einem früheren
Freund. Der Versuch über eine gemeinsame Freundin so eingefädelt:
wenn er bereit ist, soll er mir seine aktuelle Festnetznummer mailen.
Der Freund Internist und einmal ein sehr guter Freund gewesen.
Entfremdung, weil ich nach einer Recherche ihm nicht Titel und Sendetermin des Films genannt, für den ich bei ihm recherchiert hatte. Das liegt zwölf
Jahre zurück und ist jetzt auch der Grund dafür, warum er sich
entschieden hat, nicht zu antworten. Oder er will verhindern, mit
seiner Person und seinem Namen in meine (veröffentlichten )
Angelegenheiten hineingezogen zu werden. Hätte er nicht fürchten
müssen. Seine ärztliche Schweigepflicht gegen meine Diskretion. So
aber nun Stille. Gar nichts. Ich gebe zu, ich konnte es erst nicht
glauben, als ich, aus der Klinik zurück, keine Antwort von ihm in
meiner Mailbox gefunden habe.
Dienstag, 18. Dezember 2012
Schmöker
Lesestoff gesucht. Mindestens 500
Seiten, um darin verschwinden zu können. Es vielleicht doch mit dem
letzten Roman von Haruki Murakami versuchen? 1Q84. Taschenbuchausgabe mit
den ersten beiden Teilen (von dreien). Habenwollenreflex, als ich die
schöne Aufmachung sehe. Weggehen. Überlegen. Wieder kommen. Preis? Fünfzehn Euro. Leiste ich ich mir. Aber
Alternativweltgeschichte? Wenn schon ambitioniert, dann nicht lieber die neue
Übersetzung von Gustave Flaubert, Madame Bovary? Der gesuchte Schmöker ist das nicht und die Mark-Twain-Tagebücher sind es auch nicht.
Noch ein Tag Zeit. Das war gestern. Und noch gestern fällt es mir
ein: Lion Feuchtwanger. Niemand hat lebhafter, süffiger erzählte historische
Romane geschrieben in deutscher Sprache als er. Ja, Jud Süß ist von ihm. Aber sein Roman hat nichts mit dem zu tun, was die Nazi-Filmindustrie daraus gemacht hat. Feuchtwanger war selbst Jude
und ist 1933 emigriert. Im kalifornischen Exil war er Nachbar und
Freund von Bertolt Brecht. Die Konstellation nicht ganz ohne.
Feuchtwanger der Bestsellerautor, dessen Romane sich auch in Übersetzungen ins Englische gut verkauften, Brecht, der in den USA
kein Bein auf die Erde gekriegt hat, aber vor ärgster Not bewahrt
geblieben sein dürfte durch seinen erfolgreichen Freund, den unermüdlichen literarischen Schwerarbeiter. Was hat Lion Feuchtwanger an Stoffmassen bewegt
- und mit welch leichter Hand, so zumindest erscheint es uns Lesern. Nichts von ihm ist schwer zugänglich. Alles von
ihm ist empfehlenswert. Mein Favorit das Mittelalterbuch: Diehässliche Herzogin Margarete Maultasch. Jetzt werde ich Goya lesen:
Goya oder Der arge Weg der Erkenntnis. Bei Hugendubel in der Schlossstraße war der Titel vorrätig als
Taschenbuch. Da war ich mir erst nicht sicher. 661 Seiten. Preis 14, 99
Euro.
Schenkt und lest Feuchtwanger!
Montag, 17. Dezember 2012
Gequetscht
U-Bahn Eisenacher Straße. Der Mann mit der gelockten Perücke will mir die Hand geben.
Ich gebe Ihnen keine Hand.
Warum nicht?
Weil Sie mir meine Hand einmal brutal gequetscht haben. Seither weiß ich, was für ein Unmensch Sie sind.
Heute Erschöpfung und Kräftesammeln. Morgen alles Mögliche vorzubereiten. Ab Mittwoch Unterbrechung. Mal sehen, wie lange. Danach komme ich zurück auf den Handquetscher mit der Perücke und dabei noch auf einen anderen Handquetscher, mit dem ich kurz nach dem ersten Vorfall das Gleiche erlebt habe.
Sonntag, 16. Dezember 2012
Kunstthema
Der Plan basierte auf der Illusion, ich
fange an, indem ich Arbeiten der paar Künstler vorstelle, die ich
kenne und wirklich gut finde - nicht nur so konzessionsgut, weil du mich unterstützt, unterstütze ich dich. Und dann wird sich das von
alleine bewegen. Hinweise, Bewerbungen und ich greife mir das Beste
heraus. Suchkriterium: meine ehrliche Begeisterung. Illusion zweiter
Teil: Es gibt genug Kunst um mich herum, für die ich mich werde
begeistern können. Lektion der Liste Tijanas: wie viel schwache Kunst gibt es. Wie oft werde ich noch ins Leere greifen. Wie viele
Mails, Telefonate, Atelierbesuche werden umsonst sein. Nichts bewegt sich von
alleine. Ich mache den Job eines Galeristen. Will ich das? Ich bin
ein Erzähler. Ich wollte nebenbei Geld verdienen, indem
ich andere Geld verdienen lasse. Aber das jetzt ist ein Aufwand für
jemand, der nie etwas anderes wollte, als Kunsthandel zu machen.
Trotzdem keine verlorene Zeit. Das
Jahr, in dem ich in der Schöneberger Kunstszene unterwegs war. Die
Wochen, in denen der Plan einer Online Gallery entstand und verworfen
wurde. Ich habe es gemacht, ich habe davon erzählt. Von Anfang an
ist es hier ums Erzählen gegangen. Das Erzählen hat immer ein Was
und ein Wie. In das Kunstthema bin ich hineingeraten, als ich Bilder
im Blog haben wollte und auf die Idee kam, deswegen über Künstler
zu schreiben, die ich kenne. Alles andere ist hier nachzulesen.
Ich habe schon blödere Geschichten erzählt. Wenn ein Film nach
einem Drehbuch von mir im Fernsehen gelaufen ist, habe ich ihn mir
nicht angeguckt, bin rausgegangen aus der Wohnung, um nicht
erreichbar zu sein. Bloß von niemandem darauf angesprochen werden! Es
ist eine verdammte Auftragsarbeit, der Grundriss ist von mir, für
alles andere kann ich nichts und ich schäme mich dafür. Vierzig
Jahre Suche nach meinem Schreiben; für Schreiben setze Erzählen. In
den Fernsehjahren war ich am weitesten weg von dem, was ich suche.
Für die Schöneberger Kunstgeschichten muss ich mich nicht schämen.
Samstag, 15. Dezember 2012
Schreck
Tijana lädt zu einer Ausstellung in
Charlottenburg ein, wo sie zusammen mit drei anderen Ex-Stipendiaten
neuere Arbeiten zeigt. Viele sind es nicht, denn sie muss weiterhin
für eine andere Künstlerin malen: Arbeit für die Existenz, wie sie
es nennt in ihrer Mail an mich. Sie erkundigt sich, was aus meinem Online Gallery-Plan geworden ist: ausgesuchte Arbeiten zum Verkauf
anzubieten über meinen Blog. Anscheinend seien die Künstler nicht
wirklich kooperativ gewesen, vermutet sie, nachdem sie bemerkt hat,
dass ich das Vorhaben nicht mehr weiterverfolge. Ich antworte
ihr, dass das nicht der Grund ist. Sondern dass ich erkannt habe, dass es sehr schwer sein wird, genug Künstler zu finden, deren Arbeiten ich mit ehrlicher
Begeisterung vorstellen kann. Ich schreibe ihr nicht, wie ich
darauf gekommen bin. Als wir uns zum letzten Mal
gesehen haben im August, habe ich sie um Mithilfe bei meinem Vorhaben
gebeten. Darauf hat Tijana mir umgehend eine Liste mit mehr als zehn
Namen von Künstlerinnen und Künstlern geschickt, die sie von der
UDK kennt, einige waren in ihrer Klasse und haben zusammen mit ihr
abgeschlossen und von allen meint sie, dass ich mir ihre Arbeit
einmal anschauen sollte. Ich beginne damit, indem ich mir ihre
Websites anschaue. Erst will ich mir nur ein paar vornehmen und an den
folgenden Abenden die anderen. Doch dann höre ich nicht eher auf,
bis ich mit der Liste durch bin. Weil ich es nicht fasse, weil das doch
nicht sein kann, dass es hier nicht ein einziges Bild oder Objekt
oder Konzept gibt, bei dem ich aufmerke, das in mir den Wunsch weckt, mehr sehen zu wollen von dem Künstler, der Künstlerin, sie anzusprechen, ob sie sich mit einer von mir ausgewählten Arbeit in
meinem Blog präsentieren will. Ich wüsste nicht, wie ich diese
Arbeit finden sollte bei den mehr als zehn jungen Künstlern auf der
Liste. Bei drei oder vieren würde es mir gelingen, wenn ich es
erzwingen wollte. Aber sonst. Ich lasse alles Kunstkritische beiseite und
formuliere es mal so: wenn ich eine Lehrperson wäre oder ein
Galerist, bei dem sich die jungen Künstler bewerben, würde ich
ihnen allen, auch den drei, vieren, raten, eine zweite Ausbildung für
einen Brotberuf zu machen, weil es ihnen an etwas fehlt, das einem
keine Akademie geben kann, das dort auch nicht unbedingt als Mangel
festgestellt wird, weil es denjenigen, die es feststellen könnten,
selbst fehlt, und wenn sie den Mangel erkennen sollten, dann sprechen
sie es nicht aus, weil man das nicht macht, weil man das nicht zu
jemand sagt: Du bist innerlich leer. Dir fehlt es an innerem
Reichtum. Du hast keine Persönlichkeit. Und wenn du jetzt mit Anfang dreissig keine Persönlichkeit hast, dann wird das nichts mehr. Was
vielleicht nicht stimmt. Auf jeden Fall hat mir die Liste von Tijana
einen solchen Schreck eingejagt, dass ich ohne noch länger darüber
nachzudenken, das Vorhaben einer Online Gallery in meinem Blog
aufgegeben habe. Ich habe schon genug eigene Zitronen im Angebot, da
muss ich nicht auch noch mit denen von anderen handeln. Ein weiterer
Grund, ich habe immer wieder darüber geschrieben: die Selbstverliebtheit
der Künstlerpersonen, junger wie alter, talentierter und untalentierter, netter und nicht so netter. Ich fand nie ein passendes Verhältnis dazu. Schief lachen darüber, hätte ich mich sollen. Ist mir nicht
gelungen, weil ich selbst zu ernst war: Kunst geht nicht ohne
Selbstverliebtheit, aber je schwächer die Kunst, desto lästiger das narzisstische Getue darum. So habe ich es mir zurechtgelegt. Nicht gelacht. Zu
ernst gewesen. Schließlich die Schnauze voll gehabt von den
Künstlern, habe ich Tijana geschrieben in meiner Antwort-Mail an sie
und dass sie sich bitte ausgenommen fühlen soll davon. Ihr dann jedoch nicht geschrieben, was ich trotz aller Bewunderung für
ihre Malerei ihr wünsche: dass sie eines Tages in ihr Atelier kommt
und beginnt, eine Leinwand zu grundieren in den Farben ihrer Gefühle
an diesem Tag, um so das Medium, den Äther zu schaffen, in dem sie
ein weiteres Paar (oder ist es immer das gleiche?) schweben lassen
wird. Doch dann auf einmal innezuhalten, vielleicht erst gar nicht zu
wissen, was los ist. Aber schließlich ist es klar: dass sie genug
schwebende Paare mit Totenköpfen gemalt hat.
![]() |
| Red Touch of Poetry, Öl auf Leinwand, 162 x 197 cm, 2012 |
Gallery der Dorothea Konwiarz Stiftung in Berlin Charlottenburg.
The exhibition lasts from December 15, 2012 to January 16, 2013.
The exhibiting artists are:
Carola Ernst
Kerstin Serz
Tijana Titin
Myrtia Wefelmeier
Kerstin Serz
Tijana Titin
Myrtia Wefelmeier
Dorothea Konwiarz Stiftung
Schlüterstr.71
10625 Berlin
T/F: (030) 310 17 190
Freitag, 14. Dezember 2012
Maskiert
Nimmermüder Boris Duhm. Im Frühling war er als Murid Bosch Kurator des großen Treptower Künstler Salons Für Hunde in der Zentralgrube. Bei der Documenta hat er im Kreuzberg Pavillon Kassel eigene Arbeiten ausgestellt. Von August bis Oktober hatte er in Lübeck zu tun, keine Ahnung, was, ich weiß nur, dass er so lange sein Zimmer am Boxhagener Platz untervermietet hat. Und jetzt, Vernissage war am Mittwoch, zeigt er eine Werkschau in der Godot Gallery in Budapest. Titel: Emotional Disasters and Masquerades.
Wer schon lange einen zwingenden Grund gesucht hat, um nach Budapest zu reisen, hier ist er. Die Galerie liegt 200 m oberhalb des Gellert Bades, unweit der Donau in Buda.
Boris Duhm
Emotional Disasters and Masquerades
Bis 19.01.2013
(vom 22.12.12 bis 1.1.13 geschlossen)
Godot Galéria
Bartók Béla Út 11
1114 Budapest, Ungarn
Foto: © Boris Duhm
Donnerstag, 13. Dezember 2012
Umsatz
Ganze Seite Interview mit Hans Barlach,
der einen Anteil von 39 Prozent am Suhrkamp Verlag hält. Nicht zu
empfehlen die Lektüre: anstrengend, ohne dass es sich lohnt. An einer
Stelle zeigt sich, wie es ist, mit ihm zu streiten. Dass
man sich einen Verlag leistet, um die eigenen Bücher herauszubringen
- ich bin nicht der Meinung, dass man das muss, sagt er da, nachdem
er zuvor die literarische Lebensleistung von Ulla Berkéwicz aka Unseld-Berkéwicz in Zahlen umrissen, man könnte auch sagen, beziffert hat. Man soll im Leben immer nur das machen, was man am zweitbesten kann, hat Marcel Proust einmal sinngemäß formuliert. Könnte es nicht sein, dass die Autorin Berkéwicz ganz froh ist, von den Aufgaben der Verlegerin Unseld-Berkéwicz abgelenkt zu sein und sich für die Produktion anderer Schriftsteller einsetzen zu können. Was sie in den letzten zehn Jahren mit zunehmendem Erfolg getan hat. Während sie selbst in der Zeit nur einen Text veröffentlicht hat. Überlebnis der Titel; es geht ums Sterben, das Sterben ihres Ehemannes Siegfried Unseld. Und für nächsten Frühling ist angekündigt ein Text mit dem Titel Reine Erfindung. Keine Abrechnung mit ihren Feinden. Für den Zahlenmensch Hans Barlach ist das dann das dreizehnte Buch von Ulla Berkéwicz. Während er im Interview mit der FAZ noch zwölf Bücher zugrundelegt, die sie geschrieben und seit 1982 bei Suhrkamp veröffentlicht hat. Die Bücher sind in siebzehn Sprachen übersetzt und 2010 hat der Verlag mit ihnen einen Umsatz von 500 Euro gemacht, 2011 waren es 800 Euro Umsatz, wie Hans Barlach feststellt in der Absicht, die Autorin und mit ihr auch die Verlegerin klein zu machen. Unsachlich, billig, unterste Schublade. Aber stimmen werden sie schon, die Zahlen. Und sie sind auch ohne Polemik, nur für sich genommen, bemerkenswert. Einfach so, zum Staunen.
Zwölf Bücher. In siebzehn Sprachen übersetzt. Umsatz 2010 500 Euro. 2011 800 Euro. Umsatz.
Mittwoch, 12. Dezember 2012
Insichgeschäft
Entgegen meiner Gewohnheit setze ich
mich in der U-Bahn, um die Telefon-Streichler besser beobachten zu
können. Was machen sie, wenn sie mit dem Finger über die Displays
ihrer Smartphones streichen? Nicht wischen, wie es immer heißt. Ein
Streichen ist das, das bei dazu passender zärtlicher Miene wie ein Streicheln
wirkt. Obwohl vielleicht gerade nicht mehr passiert, als dass das
Telefonverzeichnis durchgeblättert, präziser: durchstreift wird.
Das allerdings Beobachtungen bei einer jüngeren und einer schon
etwas älteren Frau, die sich ihre Smartphones gerade erst
gekauft zu haben scheinen. Alle müssen eins haben und es werden Jahre vergehen,
bis sie gemerkt haben, dass sie nie mehr damit gemacht haben, als zu
telefonieren - und es zu streicheln.
Die radioaktiv markierten
Zuckermoleküle sind frisch geliefert worden und ich bin der Erste,
der welche bekommt. Der Arzt, der sie mir injiziert, trägt eine
schmale schwarze Hornbrille, und ist ein guter Typ. Füher hätte
einer wie er mir nicht gefallen. Heute morgen wäre ich gerne er.
Alleine schon deshalb, weil ich dann der wäre, dem die Bilder aus
der Röhre zur Analyse vorgelegt werden und nicht derjenige, der nach
zwei Stunden Stillhalten und einatmen, ausatmen, Atem
anhalten und jetzt wieder ganz normal atmen immer noch nicht weiß,
wie schlimm es ist.
Die Suhrkamp-Verlegerin lässt uns
nicht los. Viel Meinung und Tadel heute. Unbestritten: Siegfried Unseld wusste, was er tat, als er den Verlag seiner zweiten Frau
anvertraute. Inzwischen steht Suhrkamp so gut da, wie lange nicht. - Ulla Unseld-Berkéwicz, sie kann´s. Schauspielerin, Romanautorin,
junge Frau eines alten erfolgreichen Mannes, nur leider viel zu früh
verstorben, Witwe. Unterschätzt, angefeindet. Hat sie ausgehalten.
Jetzt nur noch der Tölpel Barlach mit seinem Drittel-Anteil. Kein
Gegner für sie. Für jemanden wie ihn gibt es Anwälte. Wenn sie
jemand zu Fall bringen soll, muss sie das schon selber machen.
Mit einem Insichgeschäft (sie vermietet ihre Villa zu
Repräsentationszwecken an ihren Verlag), wie es tausendfach gemacht
wird, man darf nur nicht dabei erwischt werden, wenn draußen ein
Barlach lauert. Jetzt steht ihre Position als Geschäftsführerin auf
dem Spiel und der Ruf ist sowieso ruiniert. Durchtrieben, aber nicht
durchtrieben genug, die Gier war größer als die Schläue, und das
alles zusammen so schandbar und klein, siehe den strengen Tadel von Jürgen Kaube.
Leitartikel-Strenge. Doch so ist das Leben nicht. Ich möchte sie nicht
gehen sehen. Ich wünsche sie mir in einer wichtigeren Rolle.
Suhrkamp ist fein, aber auch zu klein für so eine Frau. Keine
Ahnung, was es für sie sein könnte, auf jeden Fall müsste es etwas sein mit
mehr Strahlkraft in die Öffentlichkeit, so dass wir mehr von ihr
sehen und mehr von ihr haben.
Foto von 2004 via Wikimedia Commons: Fotografiert von Shannon.
Dienstag, 11. Dezember 2012
Unkompliziert
Sie ist wirklich entspannt: Sie will nicht
antworten auf meinen Blogeintrag Ursèl, weil die Sache doch beendet
ist, wenn ich die Änderung nicht vornehmen möchte, um die
sie mich gebeten hat, meint sie. Darauf erklärt sie, warum sie den Preis unter
ihrem Bild gestrichen haben wollte. Wobei ich ihr gedanklich nicht
folgen kann (Ausstellung war Verkaufsaustellung, mein Blog sei jedoch
keinVerkaufsblog). Aber mir fällt auf, dass sie nicht Preis schreibt
in ihrer Mail, sondern Pris (müsste der Pris auch nicht unbedingt da
stehen). Französisch Preis = prix. Will sie mit dem Tippfehler und
der Doppelfalschschreibung etwas beweisen? Wüsste nicht, was? Sie
bedankt sich dafür, dass ich ihre Arbeit so hervorhebe, und
meine Frage vom Sonntag beantwortet sie auch noch am Ende,
vollständig:
und
zum Strich über dem "è", klingt einfach besser.
Viele
GrüsseUrs`l Ritter
Das lässt mich mit meinen verschlungenen Mutmassungen vom Sonntag so verbissen dastehen, wie ich es tatsächlich bin. Und dennoch Herzlichen Dank, Ursèl, für die
überraschende Antwort. Überraschend, weil sie bestätigt, was sich
jeder gedacht hat, aber niemand konnte erwarten, dass Sie sich so
unkompliziert dazu bekennen würden.
Montag, 10. Dezember 2012
Hände
Lesen und weil es nicht so wichtig ist,
mache ich mir nebenbei Gedanken über die Zukunft der Zeitungen. Das,
was jeder denkt, nur nicht die Betroffenen: Sie müssen eben neue
verführerische Angebote schaffen, nachdem ihr Hauptanreiz, die
Aktualität, verloren gegangen ist. Jeder muss sich anstrengen, jetzt auch die Zeitungsleute. Es ist so klar und das Gerangele mit Google
als Ablenkung von der eigenen Krise so durchschaubar. Warum wird in
der Öffentlichkeit immer mit verstellter Stimme und weit unter
Intelligenzniveau gesprochen? Und steht da wirklich: faltet seine
Fäuste? - Steinbrück faltet nun die Hände zu Fäusten und deutet
einen Schlag an. Ist mir da ein Sprachwandel entgangen,
weil ich inzwischen so selten in die FAZ reinschaue? - Wird
ballen als zu metaphorisch empfunden, falten hingegen als der konkrete,
deskriptive Ausdruck. Kann doch nicht sein, dass die so einen Hammer
durchgehen lassen bei der FAZ - wenn es ein Hammer ist und nicht eine
Subtilität des Autors, wie mir eine Stunde später einfällt: dass
der Autor des Artikels hiermit die Anpassung des Herrn Steinbrück an die
Bedürfnisse des Saalpublikums ironisiert haben könnte. Die Fäuste
sind da, aber der feine Herr Steinbrück ballt sie nicht wie ein
Gewerkschaftsführer, dem auf jedem Finger ein Büschel Haare wächst,
sondern Herr Steinbrück faltet seine Hände, manikürt und enthaart, ist
anzunehmen, und der Rest der Geschichte ist bekannt: Peer Steinbrück deutet einen
Schlag an und wird von über 93 Prozent der Parteitagsdelegierten zum
Kanzlerkandidaten der SPD gewählt. Worauf der Autor sicher auch noch
gekommen ist in seinem Seite-Drei-Artikel. Aber ob ihm dabei noch so
eine feinsinnige Beobachtung gelungen ist wie die mit den gefalteten Fäusten, ich will es nicht wissen. Ich blättere ans Ende der Zeitung, und als ich merke, dass der Artikel über das Spiel des FC Bayern in Augsburg reines Feuilleton ist, lese ich den auch nicht zu Ende.
Der Mann neben mir hatte sich zwei Zeitungen vom Ständer an seinen Platz mitgenommen. Keine der beiden Zeitungen hat er aufgeschlagen. Er ist nicht dazu gekommen. Erst mal musste er jemanden anrufen, kurz und auf Spanisch. Da er sein Smartphone schon mal in der Hand hatte, musste er auch dran rummachen. Bis sein Essen kam. Während er aß, hat er mal auf die Titelseite der Financial Times (dem Original) geguckt. Aber nichts dort war so, dass er es weiterverfolgen wollte. Jedenfalls hat er, nachdem er eine Quiche Lorraine und einen kleinen Salat verzehrt hatte, statt die Zeitung aufzuschlagen, sofort wieder sein Smartphone in die Hand genommen und daran rumgemacht, bis er bezahlt hat und gegangen ist.
Sonntag, 9. Dezember 2012
Ursèl
Da habe ich schon im Sommer blöde
gegrinst, als ich den Namen zum ersten Mal gesehen habe. Neben ihren
beiden Bildern, den einzigen, die mir aufgefallen waren in der
Ausstellung. Und sie stand draußen vor der Tür bei den Rauchern.
Ich habe sie mir zeigen lassen, bin dann aber nicht zu ihr hin. Ihre
Bilder nicht so, dass ich hätte über sie reden müssen. Sie selbst
niemand, den ich kennenlernen wollte. Aber was für ein Name! So wie
sie aussieht, könnte sie sich den accent aigu selbst verpasst haben.
So wie sie malt, hat sie das nicht nötig.
Diese Woche eine Mail von ihr und das
Erste, was ich mache: ich grinse blöde, genau genommen: ich kichere
in mich hinein und jedes Mal, wenn ich danach an den Namen denken
muss, kichere ich wieder, auch dann noch, als ich auf Google gesehen
habe, dass Ursél zwar nicht häufig ist im französischen
Sprachraum, aber der Name kommt schon mal vor. Wäre es mir lieber gewesen,
wenn Ursél sich ihren Namen zurechtgemacht hätte? Ja, weil sie das
interessanter machen würde. Denn so ist alles, was ich sonst noch
von ihr weiß, dass sie mir letzte Woche eine Mail geschrieben hat:
könnten
Sie bitte bei 'biest zu biest' unter Kunst/Juli/Gemustert unter
meinem Bild den Preis rausnehmen. Ich habs mir inzwischen anders
überlegt und will keine Preise stehen haben.
- Sie will keine Preise stehen haben. Auch nicht in meinem Blog. Und
deshalb die Anweisung an mich, das zu ändern. Da habe ich keine
Sekunde überlegen müssen, ob ich das mache. Ich habe auch nicht
gedacht, hat die sie noch alle? Und auch nicht, für wen hält die
mich? Ich habe es überhaupt nicht persönlich genommen. Habe ihr
kurz erklärt, dass ich in meinem Blog darüber schreibe, was ich
erlebe, und wenn neben einem Bild, über das ich sonst nicht viel zu
äußern vermag, ein Preis steht, dann kann es sein, dass ich den
Preis nenne, und wenn er im Blog steht, dann bleibt er da auch stehen,
weil das alles zusammen mein Erleben war. Doch auch, nachdem sie
beantwortet ist, lässt mir die Mail keine Ruhe. Es beginnt jedes Mal
mit einem Kichern über den Namen - Ursél, Ursél - und dann fängt
wieder das Brüten an: Was ist das für eine? - Wie bereits erwähnt,
wäre sie eine, die ihrem Namen einen
Accent aigu verpasst hat, wäre es mir am liebsten.
Nun muss ich nur noch das Link setzen zu meinem Blogeintrag Gemustert vom Juli. Da sehe ich auf einmal, die Namensträgerin schreibt sich gar nicht mit accent aigu, sondern mit accent grave: Ursèl. Google-Eingabe: Ursèl. Nur Treffer auf die Ursèl, um die es hier geht, und auf ihren Nachnamen. Keine Verwechslung. Kein Zweifel. Es gibt nur die eine, die hier in Berlin. Keine Verbreitung des Namens Ursèl sonstwo (Quelle: Google). Und warum habe ich da nicht als erstes nachgeguckt? Wikipedia-Eintrag zu Ursula, Stichwort Varianten und darunter französisch: Ursule! - Ob und wie sich das, vielleicht in einem Mädcheninternat am Genfer See, zu Ursèl verschliffen hat, das kann nur die Namensträgerin selbst wissen. Verehrte Ursèl, wollen Sie es dem Blog erzählen? Damit würden Sie mir und bestimmt auch vielen meiner Leser eine große Freude machen, wenn Sie die Geschichte, die ich so unbeholfen begonnen habe, zu einem schlüssigen Ende bringen könnten.
Samstag, 8. Dezember 2012
Entspannt
Vernissage
im Kunstraum Ko am Donnerstag verpasst, weil ich den Kopf voll hatte
mit so viel anderem. Gruppenausstellung,
in der die vier Macher des Kunstraums Ko zum Jahresende neue Arbeiten
vorstellen.
Die nächste gute Gelegenheit wird sein am nächsten Samstag, wenn es
Adventskaffee gibt und bestimmt auch alle vier Künstler anwesend
sind.
Das im Moment die Mitte meines Lebens: was ich im Kopf habe und .... darauf folgt im Text vom Nachmittag ein Kalauer, den ich aus Erschöpfung wird zu Nachlässigkeit erst habe stehen lassen, aber der Kalauer ist zu schlimm. Der zweite Teil des Blogeintrags handelte davon, was mir heute durch den Kopf gegangen ist. Die Vorstellung von einem anderen Schreiben als diesem hier, das Teil meines Elend ist - und es sogar mit verursacht hat? Ich kann, ich muss so nicht denken. Ich brauche es nicht. Ich stelle mir ein Schreiben vor, das so entspannt ist, wie ich es nie war in meinem Leben, aber jetzt doch sein könnte, denke ich, nehme es mir vor, notiere meine Gedanken dazu, die Gedanken unentspannt wie alle meine Gedanken. Egal, der Vorsatz, der Plan. Und da merke ich, dass ich gar nichts planen kann und auch gar nichts planen soll in meiner Lage. Nur mich treiben lassen von einem Tag zum anderen Tag kann ich, und wenn ich Glück habe, fällt mir etwas ein, um darüber zu schreiben. Aber es werden jetzt bestimmt öfter Tage kommen, an denen mir nichts einfällt. Heute wäre beinahe so ein Tag gewesen, wenn ich nicht bemerkt hätte, dass ich den Termin in der Galerie verpasst habe, und von da zu meinem Tagtraum vom entspannten Schreiben gekommen wäre, darauf beim Schreiben so nachlässig gewesen bin, dass es einfach nicht stimmte, was nicht allein an dem Kalauer lag. Und dann wollte ich den Text schon wegwerfen, habe ihn dann jedoch in zwei Anläufen überarbeitet und das hingekriegt, weil es inzwischen etwas zu erzählen gab. Was zu Anfang nicht so war.
Das im Moment die Mitte meines Lebens: was ich im Kopf habe und .... darauf folgt im Text vom Nachmittag ein Kalauer, den ich aus Erschöpfung wird zu Nachlässigkeit erst habe stehen lassen, aber der Kalauer ist zu schlimm. Der zweite Teil des Blogeintrags handelte davon, was mir heute durch den Kopf gegangen ist. Die Vorstellung von einem anderen Schreiben als diesem hier, das Teil meines Elend ist - und es sogar mit verursacht hat? Ich kann, ich muss so nicht denken. Ich brauche es nicht. Ich stelle mir ein Schreiben vor, das so entspannt ist, wie ich es nie war in meinem Leben, aber jetzt doch sein könnte, denke ich, nehme es mir vor, notiere meine Gedanken dazu, die Gedanken unentspannt wie alle meine Gedanken. Egal, der Vorsatz, der Plan. Und da merke ich, dass ich gar nichts planen kann und auch gar nichts planen soll in meiner Lage. Nur mich treiben lassen von einem Tag zum anderen Tag kann ich, und wenn ich Glück habe, fällt mir etwas ein, um darüber zu schreiben. Aber es werden jetzt bestimmt öfter Tage kommen, an denen mir nichts einfällt. Heute wäre beinahe so ein Tag gewesen, wenn ich nicht bemerkt hätte, dass ich den Termin in der Galerie verpasst habe, und von da zu meinem Tagtraum vom entspannten Schreiben gekommen wäre, darauf beim Schreiben so nachlässig gewesen bin, dass es einfach nicht stimmte, was nicht allein an dem Kalauer lag. Und dann wollte ich den Text schon wegwerfen, habe ihn dann jedoch in zwei Anläufen überarbeitet und das hingekriegt, weil es inzwischen etwas zu erzählen gab. Was zu Anfang nicht so war.
Freitag, 7. Dezember 2012
Rosenkohl
Nach dem Termin in der Invalidenstraße, bei dem mir nichts
geschenkt wird, will ich mir was Gutes tun. 12.15 Uhr, als ich den
Hauptbahnhof betrete. Was essen gehen nachher. Im Café
Berio ein Stück Apfelkuchen mit Sahne? Seit Tagen geht das schon so: Sahne, Sahne,
Sahne. Doch nirgendwo gibt es welche. Im Berio bestimmt und teuer.
Lieber was Richtiges essen. Bahnhof Zoo. Appetit auf Wiener Wurst mit viel Senf. Die kann ich mir auch gleich bei Edeka kaufen und zu
Hause heiß machen, Dijon Senf ist da, oder soll ich doch irgendwo im
Bahnhof, sofort? Nein, das werde ich bereuen, wenn nach dem dritten
Biss die Gier weg ist. Am besten keine
Wurst. Und ein Hamburger? Der Hamburger im Café Lenzig. Mit allem
Möglichen und Pommes. Ich muss mich mästen (Sie sind schmal
geworden). Wirklich ins Lenzig? Da war ich seit zehn Jahren nicht
mehr. Außerdem ist der Hamburger (im Lenzig heißt er Schöneburger)
mit Eisbergsalat und mit Cheddar-Käse, was im Fall des Salats blöd und im Fall des Käses vielleicht zu viel Mast ist. Unentschlossen. Blick auf
die Tageskarte draußen: Berliner Bulette mit Kartoffelpüree und
Rosenkohl in irgendwas mit Butter zum Preis von 7 Euro 90. Das ist
es an diesem kalten Tag. Die Vorfreude ist groß, vor allem auf den Rosenkohl. Die Erinnerung an ein zu Hause, wo richtig gekocht wird. Jetzt erst mal der Service des Café Lenzig. Nach knapp einer halben Stunde steht das Essen vor mir. Der Rosenkohl ist die erste Enttäuschung. Nicht
bissfest, hart. Ungewürzt, das Buttergeschwenkte müsste doch den
Geschmack verstärken, aber da ist keiner, vom ersten bis zum letzten
Röschen kein Geschmack. Kann das Püree alles wieder gutmachen? Es
schmeckt nach Kartoffeln, es ist trocken und auch hier fehlen die
Gewürze. An Nachwürzen glaube ich nicht und mit Pfeffer und Salz
alleine wäre es sowieso nicht getan. Die Berliner Buletten, es sind
zwei und sie sind sehr heiß - heiß, nicht nur aufgewärmt wie die
Beilagen. Die erste Bulette stopfe ich so heiß sie ist
in mich hinein. Hunger! Bei der zweiten erst erlebe ich dann die
komplette Enttäuschung, die diese Mahlzeit ist: auch die Buletten sind ohne Geschmack und sie fallen auseinander beim Zerteilen mit der Gabel, bröckelig, trocken. Schlechter geht es nicht. Ich lege einen Zehneuroschein mit einem
Fünfzigcentstück für die Bedienung bereit. Sie hat schon in den
90er Jahren hier gearbeitet. Ich habe sie immer die Frau mit dem
Gesicht genannt, weil sie so ein ausgeprägtes Gesicht hat. Sie war damals nicht aufmerksam und sie ist es immer
noch nicht. Erst als ich mit dem Geld winke, kriegt sie mit, dass ich
fertig bin mit Essen und zahlen will. Am Tisch gegenüber sitzt eine
junge Frau, die nach mir gekommen ist und auch Berliner Bulette
bestellt hat. Ich weiß genau, was sie sich dabei vorgestellt hat. Sie blättert in einer Illustrierten. Sie hat sich auch nichts zu trinken bestellt. Nur das Essen, das sie enttäuschen wird. Sie tut mir leid. Auf die Frage der
Bedienung, ob mir das Essen geschmeckt hat, habe ich die Antwort
vorbereitet: Nicht so richtig. Aber sie fragt gar nicht und das ist mir lieber so. Nicht so richtig wäre verlogen
gewesen. Es war eines der schlechtesten Essen, das ich je in
einem Restaurant gegessen habe, und ich fasse es immer noch nicht, wie
schlecht es war und dass mir das alles passiert.
Donnerstag, 6. Dezember 2012
Handke 70
Am besten hat mir von Peter Handke
gefallen Der kurze Brief zum langen Abschied von 1972 sowie die im gleichen Jahr erschienene biografische Erzählung Wunschloses Unglück und: dass er alleine die Tochter
großgezogen hat, für die sich deren Mutter, die an der Berliner
Schaubühne berühmt gewordene Schauspielerin Libgart Schwarz, nicht
interessierte, oder er wollte die Tochter nicht in ihrer Obhut lassen oder
er hat die Aufgabe gebraucht als Ausgleich zu seiner
Großschriftstellerei.
Worauf ich nie gekommen wäre: Dass
Handke sein Schreiben von Beginn an in einer Nachfolge zu Franz Kafka
verstanden hat ( I am the new Kafka, soll er 1966 in einem
TV-Interview gesagt haben). Gut ist daran allerdings, wie er Jahre
später sich gegen seinen Vorläufer gewandt hat: Ich hasse Franz
Kafka, den Ewigen Sohn. Woran ja schon was ist, nur dass es nicht
gerecht ist, Kafka diesen Vorwurf zu machen, weil es ihm wegen seines
frühen Todes nicht vergönnt war, über diese Rolle hinaus zu
wachsen. So wie Handke, als er sich zugleich vom Vorläufer und
dessen Rollenvorbild löste (ich folge der Erzählung des Germanisten Karl Wagner in der NZZ von heute). Das nun aber keine Befreiung,
letzten Endes von einer Schimäre. Keine
Schimäre. Ein Fixpunkt, ein Halt geht ihm dabei verloren.
Schreibkrise. Schwere Depression. Und beides kann er erst überwinden, als er
einen neuen Ansatz für ein Schreiben findet, das kein
Sohn-Schreiben mehr ist.
Langsame Heimkehr (1979). Die Wiederholung (1986). Mein Jahr in der Niemandsbucht (1994). Alles nicht gelesen, nicht lesen wollen nach Lektüre der Rezensionen. Nur von den Versuchen habe ich noch gelesen Versuch über die Jukebox (1990) und Versuch über den geglückten Tag (1991). Sonst nur Interviews, in denen Handke mir so entrückt vorgekommen ist in seinem Stolz auf seine schriftstellerische Lebensleistung, dass ich jedes Mal dachte, jetzt lese ich kein Interview mehr mit ihm. Aber dann habe ich es doch wieder getan. Nur bei seiner Serbien-Aktion bin ich ganz ausgestiegen. Das war mir instinktiv zuwider, zugleich wusste ich zu wenig, um seriös darüber urteilen zu können. Jetzt wird es so hingestellt, als sei das damals kein politisches Statement, sondern eine ganz besonders radikale literarische Aktion gewesen, was er zu Serbien abgelassen hat. Aber wenn es stimmt, dass er Rosen auf das Grab des Massenmörders Slobodan Milosevic gelegt hat, dann ist das für mich eine solche Verirrung, dass es mir den Handke unheimlich macht und zugleich lächerlich erscheinen lässt für immer. Nicht wegen der unentschuldbaren politischen Dämlichkeit. Sondern wegen der charakterlichen Verstiegenheit, die sich darin offenbart. Und die einmal bemerkt, wie darüber hinwegsehen bei der Lektüre seiner Schriften: über diesen alles niedermachenden Stolz, den der Mann hat, dieses ins Lachhafte gesteigerte Selbstbewusstsein?
Ich müsste es ausprobieren. Langsame Heimkehr (1979). Die Wiederholung (1986). Mein Jahr in der Niemandsbucht (1994).
Langsame Heimkehr (1979). Die Wiederholung (1986). Mein Jahr in der Niemandsbucht (1994). Alles nicht gelesen, nicht lesen wollen nach Lektüre der Rezensionen. Nur von den Versuchen habe ich noch gelesen Versuch über die Jukebox (1990) und Versuch über den geglückten Tag (1991). Sonst nur Interviews, in denen Handke mir so entrückt vorgekommen ist in seinem Stolz auf seine schriftstellerische Lebensleistung, dass ich jedes Mal dachte, jetzt lese ich kein Interview mehr mit ihm. Aber dann habe ich es doch wieder getan. Nur bei seiner Serbien-Aktion bin ich ganz ausgestiegen. Das war mir instinktiv zuwider, zugleich wusste ich zu wenig, um seriös darüber urteilen zu können. Jetzt wird es so hingestellt, als sei das damals kein politisches Statement, sondern eine ganz besonders radikale literarische Aktion gewesen, was er zu Serbien abgelassen hat. Aber wenn es stimmt, dass er Rosen auf das Grab des Massenmörders Slobodan Milosevic gelegt hat, dann ist das für mich eine solche Verirrung, dass es mir den Handke unheimlich macht und zugleich lächerlich erscheinen lässt für immer. Nicht wegen der unentschuldbaren politischen Dämlichkeit. Sondern wegen der charakterlichen Verstiegenheit, die sich darin offenbart. Und die einmal bemerkt, wie darüber hinwegsehen bei der Lektüre seiner Schriften: über diesen alles niedermachenden Stolz, den der Mann hat, dieses ins Lachhafte gesteigerte Selbstbewusstsein?
Ich müsste es ausprobieren. Langsame Heimkehr (1979). Die Wiederholung (1986). Mein Jahr in der Niemandsbucht (1994).
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