Montag, 7. Januar 2013

Bei Penny


Der Nachbar aus dem Hinterhaus sieht aus wie ein Lateinlehrer und ist Fliesenleger. Heute weicht er auch bei meinem dritten Versuch, ihn zu begrüßen, so konsequent meinem Blick aus, dass ich einen vierten Versuch lieber lasse. Erst an der Kasse schaue ich mich noch mal nach ihm um. Weil ich ihm gerne Frohes Neues Jahr gewünscht hätte. Mehr nicht. Was hat er sich gedacht? Wovor glaubte er sich besser verkrümeln zu sollen?

Samstag, 5. Januar 2013

Keine Rettung


Die bitteren Einsichten kaum ausgehalten.
Den verdorbenen Magen kuriert.
Das bleiche alte Gesicht rasiert.
Die verblutete rote Jogginghose gewaschen.
Zum zweiten Mal den prolabierten Tumor in den Fingern gehabt und nicht in Panik ausgebrochen wie am Mittwoch, als ich vor Schreck über all das Blut den Rettungswagen gerufen habe.

Freitag, 4. Januar 2013

Misstrauen


Druckser, Trickster, wenn er es braucht, sicher auch ein Lügner, um sich oder mir das Leben damit einfacher zu machen und deswegen so seriös wie die dunkelgrüne klassisch gemusterte Seidenkrawatte, die er unter seinem offenen weißen Kittel trägt. Die Krawatte neu? Ein Weihnachtsgeschenk? Muss nicht sein. Krawatten wie die hat er noch viele andere im Schrank, selbst gekaufte wie geschenkte. Ich habe auch noch so eine Sammlung. In letzter Zeit habe ich ein paarmal an sie gedacht.

Trotzdem noch kein Vertrauen zu dem Mann. Aber schon mal danke für die vier Blutkonserven.

Dienstag, 1. Januar 2013

Anspielung


Der Regen nadelt auf das Dach meiner Wohnung. Danach nadelt der Regen auf meine fünfzehn Jahre alte Barbourjacke, während ich auf die Esso-Tankstelle in der Martin-Luther-Straße zugehe und merke, dass ich Humorversuche lieber weglassen sollte, und aufs neue Jahr werde ich auch nicht anspielen, nicht mal anspielen, weil mir dazu nichts einfällt.

Das Süßwarensortiment der Tankstelle ist kleiner als ich erwartet habe. Der Mann an der Kasse trägt ein rotes kurzarmiges Hemd und es ist vorstellbar, dass er mal wo gearbeitet, wo er an Sonn- und Feiertagen frei hatte. Nachdem er die drei Kunden vor mir bedient hat, sage ich:
Bei mir kann es es noch eine Weile dauern.
Warum?
Warum? Er hat tatsächlich, warum, gefragt, und in einem Ton, der keinen Zweifel daran lässt, wie er es meinte. Trotzdem frage ich entgeistert: Wie warum?
Na, wenn ich irgendwo hingehe, um was zu kaufen, dann weiß ich, was ich will, sagt er ruhig und sachlich.
Sie haben wohl gestern Nacht schlecht gefeiert, murmele ich.
Er hat es nicht verstanden. Ich wiederhole die Bemerkung nicht, weil ich merke, dass ich damit so distanzlos bin wie er zuvor mit seiner Belehrung. Wenn es eine war. Meine Bemerkung war auf jeden Fall dümmlich. Aber es war eine zwanglose Anspielung auf den Jahreswechsel. Die habe ich jetzt. Ich kaufe noch eine Packung Leibnizkekse Choco Vollmilch und eine Flasche Volvic. So wie der Mann mich bedient, ist völlig klar, dass er gar nicht daran dachte, mich zu belehren oder zu provozieren. Der Mann ist einfach so. Das ist seine persönliche Art, seinen Job zu machen hinter der Kasse an der Tankstelle.  

Montag, 31. Dezember 2012

Nass


Aus Reumut wird Reuwut. Und das Ganze mit Uwe Tellkamp. Nässende Operationswunde, tropfnasser Verband. Keine Panik. Beobachten. Am Nachmittag der erneuerte Verband wieder nass und die Hose gleich mit. Eilfahrt mit dem Taxi nach Mitte. Auf die Station, wo ich bis Donnerstag Patient war, kann ich nicht einfach so spazieren. Also Notfallambulanz: Rettungsstelle heißt das hier und es dauert gar nicht so lange, bis ich einen mir bekannten Arzt sehe, der mir versichert, dass nichts dabei ist, wenn Sekret aus der Wunde tritt. Trotzdem sei es gut gewesen, dass ich gekommen bin. Ich hätte es mir auch sparen kann, meint er damit. Jetzt könnte ich auf die Rückfahrt mit dem Taxi verzichten. Stattdessen S-Bahn, U-Bahn und beim Umsteigen am Zoo für das gesparte Geld die Taschenbuchausgabe von Uwe Tellkamp, Der Turm kaufen (14 Euro). Doch ich bin schon längst weiter, über die Reuwut hinaus. Reuwut: Der hat Hunderttausende von Büchern verkauft mit seiner DDR-Biografie. Millionen TV-Zuschauer waren bewegt von der zweiteiligen Verfilmung der Dresdner Bildungsbürgertumsaga und ich habe, als sie erschienen ist (2008), eine Leseprobe auf Amazon überflogen und hatte das Gefühl, ich betrete ein Zimmer, in dem fingerdick der Staub auf den Möbeln liegt, und als ich dann noch las, wie das Mondlicht sich verlor, a u s n a de l t e vor den Wachtürmen Ostroms, da war es aus, da war klar, das lese ich nicht, das ist Literatur aus dem Museum. Genau so sieht er auch aus, der Tellkamp, und so kitschig ist er mit seinem dichterischen Erweckungserlebnis am Nachmittag in einem Garten mit roten Rosen (*). Du sparst viel Zeit, wenn du so überlegen bist in deinem Urteil. Aber jetzt will ich nicht mehr überlegen sein. Jetzt komme ich mir mickrig vor in meiner Überlegenheit. Jetzt will ich Abbitte leisten und ich fange an mit Uwe Tellkamp, Der Turm. Doch dann stoße ich am Morgen auf die gleiche Leseprobe wie damals. Wieder lese ich, wie das Mondlicht   a u s n a d e l t  und wieder weiß ich sofort, es geht nicht, und dass das überhaupt nichts zu tun hat mit dem Überlegenseinwollen, das ich mir nicht verzeihe: Ich kann keinen Roman von einem Autor lesen, der Mondlicht schreibt und dazu  a u s n a d e l t. Das muss ich mir durchgehen lassen. Aber nicht, wenn ich es nur dafür verwende, mich zu erheben über den Mann, der das dicke Buch verfasst hat (und wie viele hundert Seiten Roman habe ich zuletzt geschrieben?). Ich muss etwas anderes machen aus meinem Urteil. Und gerade überlege ich, was, da bemerke ich, dass das Pflaster an meinem Bauch klatschnass ist. Ich werde nicht panisch, aber von nun an beherrscht natürlich die nässende Wunde mein Denken. Bis der Arzt am Nachmittag in der Rettungsstelle mich beruhigt wegen des Wundsekrets. Das ist alles, was ich heute erreicht habe. Kein Durchbruch. Keine roten Rosen. Ein nasses Pflaster. Kein Erweckungs-, ein Verhinderungserlebnis. Kein Wikipedia-Artikel. Keine Reue. Ein mancher Roman wurde geschrieben, weil der Autor nicht genug Charakter hatte, keinen Roman zu schreiben. Nicht von mir. Von Karl Kraus. Ich will den Satz nicht mehr hören.

Samstag, 29. Dezember 2012

Sonn- und Feiertage


Kein Biest. Ohne Biest nichts zu erzählen.

Melde mich bei Dir, wenn ich wieder weiß, wer ich ich bin. Die Freundin wartet immer noch auf meine nächste Mail. Seit drei oder vier Wochen schon. Es liegt nicht an mir, dass ich nicht weiß, woran ich bin und wer ich bin. Es liegt auch an niemand anderem. Es liegt am Kalender, an den Sonn- und Feiertagen. Weiter geht es mit neuem Schwung und vollständig vorliegenden Befunden am Donnerstag, den 3. Januar in meiner Sprechstunde in der Charité.

Währenddessen ist das Biest ins Zwielicht geraten. Hohn, Spott, Ironie ist auch ein Spiel und ein Spaß. Aber wenn es dabei immer nur um Überlegenheit geht? Wenn es überhaupt immer nur darum geht, überlegen zu sein? Wenn es nie um etwas anderes gegangen ist und der letzte Rückzugsort dieses Unternehmens, übrigens ein alter Familienbetrieb, seine letzte Firmierung ist das Biest, das erste, das Ausgangsbiest in Biest zu Biest? Woher soll dann die Poesie kommen, von der ich geträumt habe, als ich das Biest-Blog begonnen habe und sagte, dass es mehrere Gründe gibt, warum ich es schreibe, der wichtigste aber sei, dass ich damit schreiberisch von a nach b kommen will. Zu einem nur meinen Ansprüchen verpflichteten Erzählen. Das ist mir gelungen. Nur konnte ich nicht wissen, was mich erwartet, wenn ich nach b komme. Dass es auch dort nur einen einzigen Anspruch gibt, wie es mein Leben lang nur einen einzigen Anspruch gegeben hat im Schreiben.

Gefühl von Erbärmlichkeit, als mir das klar wird. Zugleich Ahnung davon, wie ein Text von mir beschaffen sein wird, der sich frei gemacht hat vom Zwang des Überlegenseinwollens. Dazu ein ganz anderer Mensch werden müssen. Schreiben zu keinem anderen Ende als dem, dieser andere Mensch zu werden. Aber ist Biest zu Biest dann noch der passende Titel? Vielleicht in einer späteren Phase wieder. Und natürlich gibt es auch noch andere Gründe für das Schreiben, für das Blog. Zum Beispiel: vom Biest zu erzählen, das es auch weiterhin gibt.  

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Wim


Den Klinikaufenthalt in der Charité in Mitte beende ich, weil ich mich nicht auch noch durch den dritten Teil Lion Feuchtwanger, Goya quälen will. Schlimmer als die eklige Heilige Inquisition: die Frauengestalten, von denen der Meister sich auf seinem Weg in die Stille (Goya wird taub) faszinieren lässt, und das macht ihn nicht verehrungswürdiger. Das Buch überlasse ich der Station.

Klingt souveräner, als ich es bin in meiner Lage. Sonst hätte ich kaum den tapsigen Versuch gemacht, Geborgenheit und Zuflucht zu suchen im Gespräch mit einem früheren Freund. Der Versuch über eine gemeinsame Freundin so eingefädelt: wenn er bereit ist, soll er mir seine aktuelle Festnetznummer mailen. Der Freund Internist und einmal ein sehr guter Freund gewesen. Entfremdung, weil ich nach einer Recherche ihm nicht Titel und Sendetermin des Films genannt, für den ich bei ihm recherchiert hatte. Das liegt zwölf Jahre zurück und ist jetzt auch der Grund dafür, warum er sich entschieden hat, nicht zu antworten. Oder er will verhindern, mit seiner Person und seinem Namen in meine (veröffentlichten ) Angelegenheiten hineingezogen zu werden. Hätte er nicht fürchten müssen. Seine ärztliche Schweigepflicht gegen meine Diskretion. So aber nun Stille. Gar nichts. Ich gebe zu, ich konnte es erst nicht glauben, als ich, aus der Klinik zurück, keine Antwort von ihm in meiner Mailbox gefunden habe.  

Dienstag, 18. Dezember 2012

Schmöker


Lesestoff gesucht. Mindestens 500 Seiten, um darin verschwinden zu können. Es vielleicht doch mit dem letzten Roman von Haruki Murakami versuchen? 1Q84. Taschenbuchausgabe mit den ersten beiden Teilen (von dreien). Habenwollenreflex, als ich die schöne Aufmachung sehe. Weggehen. Überlegen. Wieder kommen. Preis? Fünfzehn Euro. Leiste ich ich mir. Aber Alternativweltgeschichte? Wenn schon ambitioniert, dann nicht lieber die neue Übersetzung von Gustave Flaubert, Madame Bovary? Der gesuchte Schmöker ist das nicht und die Mark-Twain-Tagebücher sind es auch nicht. Noch ein Tag Zeit. Das war gestern. Und noch gestern fällt es mir ein: Lion Feuchtwanger. Niemand hat lebhafter, süffiger erzählte historische Romane geschrieben in deutscher Sprache als er. Ja, Jud Süß ist von ihm. Aber sein Roman hat nichts mit dem zu tun, was die Nazi-Filmindustrie daraus gemacht hat. Feuchtwanger war selbst Jude und ist 1933 emigriert. Im kalifornischen Exil war er Nachbar und Freund von Bertolt Brecht. Die Konstellation nicht ganz ohne. Feuchtwanger der Bestsellerautor, dessen Romane sich auch in Übersetzungen ins Englische gut verkauften, Brecht, der in den USA kein Bein auf die Erde gekriegt hat, aber vor ärgster Not bewahrt geblieben sein dürfte durch seinen erfolgreichen Freund, den unermüdlichen literarischen Schwerarbeiter. Was hat Lion Feuchtwanger an Stoffmassen bewegt - und mit welch leichter Hand, so zumindest erscheint es uns Lesern. Nichts von ihm ist schwer zugänglich. Alles von ihm ist empfehlenswert. Mein Favorit das Mittelalterbuch: Diehässliche Herzogin Margarete Maultasch. Jetzt werde ich Goya lesen: Goya oder Der arge Weg der Erkenntnis. Bei Hugendubel in der Schlossstraße war der Titel vorrätig als Taschenbuch. Da war ich mir erst nicht sicher. 661 Seiten. Preis 14, 99 Euro.

Schenkt und lest Feuchtwanger!

Montag, 17. Dezember 2012

Gequetscht


U-Bahn Eisenacher Straße. Der Mann mit der gelockten Perücke will mir die Hand geben.
Ich gebe Ihnen keine Hand.
Warum nicht?
Weil Sie mir meine Hand einmal brutal gequetscht haben. Seither weiß ich, was für ein Unmensch Sie sind.

Heute Erschöpfung und Kräftesammeln. Morgen alles Mögliche vorzubereiten. Ab Mittwoch Unterbrechung. Mal sehen, wie lange. Danach komme ich zurück auf den Handquetscher mit der Perücke und dabei noch auf einen anderen Handquetscher, mit dem ich kurz nach dem ersten Vorfall das Gleiche erlebt habe.

Sonntag, 16. Dezember 2012

Kunstthema


Der Plan basierte auf der Illusion, ich fange an, indem ich Arbeiten der paar Künstler vorstelle, die ich kenne und wirklich gut finde - nicht nur so konzessionsgut, weil du mich unterstützt, unterstütze ich dich. Und dann wird sich das von alleine bewegen. Hinweise, Bewerbungen und ich greife mir das Beste heraus. Suchkriterium: meine ehrliche Begeisterung. Illusion zweiter Teil: Es gibt genug Kunst um mich herum, für die ich mich werde begeistern können. Lektion der Liste Tijanas: wie viel schwache Kunst gibt es. Wie oft werde ich noch ins Leere greifen. Wie viele Mails, Telefonate, Atelierbesuche werden umsonst sein. Nichts bewegt sich von alleine. Ich mache den Job eines Galeristen. Will ich das? Ich bin ein Erzähler. Ich wollte nebenbei Geld verdienen, indem ich andere Geld verdienen lasse. Aber das jetzt ist ein Aufwand für jemand, der nie etwas anderes wollte, als Kunsthandel zu machen.

Trotzdem keine verlorene Zeit. Das Jahr, in dem ich in der Schöneberger Kunstszene unterwegs war. Die Wochen, in denen der Plan einer Online Gallery entstand und verworfen wurde. Ich habe es gemacht, ich habe davon erzählt. Von Anfang an ist es hier ums Erzählen gegangen. Das Erzählen hat immer ein Was und ein Wie. In das Kunstthema bin ich hineingeraten, als ich Bilder im Blog haben wollte und auf die Idee kam, deswegen über Künstler zu schreiben, die ich kenne. Alles andere ist hier nachzulesen. Ich habe schon blödere Geschichten erzählt. Wenn ein Film nach einem Drehbuch von mir im Fernsehen gelaufen ist, habe ich ihn mir nicht angeguckt, bin rausgegangen aus der Wohnung, um nicht erreichbar zu sein. Bloß von niemandem darauf angesprochen werden! Es ist eine verdammte Auftragsarbeit, der Grundriss ist von mir, für alles andere kann ich nichts und ich schäme mich dafür. Vierzig Jahre Suche nach meinem Schreiben; für Schreiben setze Erzählen. In den Fernsehjahren war ich am weitesten weg von dem, was ich suche. Für die Schöneberger Kunstgeschichten muss ich mich nicht schämen. 

Samstag, 15. Dezember 2012

Schreck


Tijana lädt zu einer Ausstellung in Charlottenburg ein, wo sie zusammen mit drei anderen Ex-Stipendiaten neuere Arbeiten zeigt. Viele sind es nicht, denn sie muss weiterhin für eine andere Künstlerin malen: Arbeit für die Existenz, wie sie es nennt in ihrer Mail an mich. Sie erkundigt sich, was aus meinem Online Gallery-Plan geworden ist: ausgesuchte Arbeiten zum Verkauf anzubieten über meinen Blog. Anscheinend seien die Künstler nicht wirklich kooperativ gewesen, vermutet sie, nachdem sie bemerkt hat, dass ich das Vorhaben nicht mehr weiterverfolge. Ich antworte ihr, dass das nicht der Grund ist. Sondern dass ich erkannt habe, dass es sehr schwer sein wird, genug Künstler zu finden, deren Arbeiten ich mit ehrlicher Begeisterung vorstellen kann. Ich schreibe ihr nicht, wie ich darauf gekommen bin. Als wir uns zum letzten Mal gesehen haben im August, habe ich sie um Mithilfe bei meinem Vorhaben gebeten. Darauf hat Tijana mir umgehend eine Liste mit mehr als zehn Namen von Künstlerinnen und Künstlern geschickt, die sie von der UDK kennt, einige waren in ihrer Klasse und haben zusammen mit ihr abgeschlossen und von allen meint sie, dass ich mir ihre Arbeit einmal anschauen sollte. Ich beginne damit, indem ich mir ihre Websites anschaue. Erst will ich mir nur ein paar vornehmen und an den folgenden Abenden die anderen. Doch dann höre ich nicht eher auf, bis ich mit der Liste durch bin. Weil ich es nicht fasse, weil das doch nicht sein kann, dass es hier nicht ein einziges Bild oder Objekt oder Konzept gibt, bei dem ich aufmerke, das in mir den Wunsch weckt, mehr sehen zu wollen von dem Künstler, der Künstlerin, sie anzusprechen, ob sie sich mit einer von mir ausgewählten Arbeit in meinem Blog präsentieren will. Ich wüsste nicht, wie ich diese Arbeit finden sollte bei den mehr als zehn jungen Künstlern auf der Liste. Bei drei oder vieren würde es mir gelingen, wenn ich es erzwingen wollte. Aber sonst. Ich lasse alles Kunstkritische beiseite und formuliere es mal so: wenn ich eine Lehrperson wäre oder ein Galerist, bei dem sich die jungen Künstler bewerben, würde ich ihnen allen, auch den drei, vieren, raten, eine zweite Ausbildung für einen Brotberuf zu machen, weil es ihnen an etwas fehlt, das einem keine Akademie geben kann, das dort auch nicht unbedingt als Mangel festgestellt wird, weil es denjenigen, die es feststellen könnten, selbst fehlt, und wenn sie den Mangel erkennen sollten, dann sprechen sie es nicht aus, weil man das nicht macht, weil man das nicht zu jemand sagt: Du bist innerlich leer. Dir fehlt es an innerem Reichtum. Du hast keine Persönlichkeit. Und wenn du jetzt mit Anfang dreissig keine Persönlichkeit hast, dann wird das nichts mehr. Was vielleicht nicht stimmt. Auf jeden Fall hat mir die Liste von Tijana einen solchen Schreck eingejagt, dass ich ohne noch länger darüber nachzudenken, das Vorhaben einer Online Gallery in meinem Blog aufgegeben habe. Ich habe schon genug eigene Zitronen im Angebot, da muss ich nicht auch noch mit denen von anderen handeln. Ein weiterer Grund, ich habe immer wieder darüber geschrieben: die Selbstverliebtheit der Künstlerpersonen, junger wie alter, talentierter und untalentierter, netter und nicht so netter. Ich fand nie ein passendes Verhältnis dazu. Schief lachen darüber, hätte ich mich sollen. Ist mir nicht gelungen, weil ich selbst zu ernst war: Kunst geht nicht ohne Selbstverliebtheit, aber je schwächer die Kunst, desto lästiger das narzisstische Getue darum. So habe ich es mir zurechtgelegt. Nicht gelacht. Zu ernst gewesen. Schließlich die Schnauze voll gehabt von den Künstlern, habe ich Tijana geschrieben in meiner Antwort-Mail an sie und dass sie sich bitte ausgenommen fühlen soll davon. Ihr dann jedoch nicht geschrieben, was ich trotz aller Bewunderung für ihre Malerei ihr wünsche: dass sie eines Tages in ihr Atelier kommt und beginnt, eine Leinwand zu grundieren in den Farben ihrer Gefühle an diesem Tag, um so das Medium, den Äther zu schaffen, in dem sie ein weiteres Paar (oder ist es immer das gleiche?) schweben lassen wird. Doch dann auf einmal innezuhalten, vielleicht erst gar nicht zu wissen, was los ist. Aber schließlich ist es klar: dass sie genug schwebende Paare mit Totenköpfen gemalt hat.  

Red Touch of Poetry, Öl auf Leinwand, 162 x 197 cm, 2012


Gallery der Dorothea Konwiarz Stiftung in Berlin Charlottenburg.

The exhibition lasts from December 15, 2012 to January 16, 2013.

The exhibiting artists are: 
Carola Ernst
Kerstin Serz
Tijana Titin
Myrtia Wefelmeier

Dorothea Konwiarz Stiftung
Schlüterstr.71
10625 Berlin
T/F: (030) 310 17 190

Freitag, 14. Dezember 2012

Maskiert


Nimmermüder Boris Duhm. Im Frühling war er als Murid Bosch Kurator des großen Treptower Künstler Salons Für Hunde in der Zentralgrube. Bei der Documenta hat er im Kreuzberg Pavillon Kassel eigene Arbeiten ausgestellt. Von August bis Oktober hatte er in Lübeck zu tun, keine Ahnung, was, ich weiß nur, dass er so lange sein Zimmer am Boxhagener Platz untervermietet hat. Und jetzt, Vernissage war am Mittwoch, zeigt er eine Werkschau in der Godot Gallery in Budapest. Titel: Emotional Disasters and Masquerades.


Wer schon lange einen zwingenden Grund gesucht hat, um nach Budapest zu reisen, hier ist er. Die Galerie liegt 200 m oberhalb des Gellert Bades, unweit der Donau in Buda.

Boris Duhm
Emotional Disasters and Masquerades
Bis 19.01.2013
(vom 22.12.12 bis 1.1.13 geschlossen)

Godot Galéria
Bartók Béla Út 11
1114 Budapest, Ungarn

 Foto: © Boris Duhm

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Umsatz


Ganze Seite Interview mit Hans Barlach, der einen Anteil von 39 Prozent am Suhrkamp Verlag hält. Nicht zu empfehlen die Lektüre: anstrengend, ohne dass es sich lohnt. An einer Stelle zeigt sich, wie es ist, mit ihm zu streiten. Dass man sich einen Verlag leistet, um die eigenen Bücher herauszubringen - ich bin nicht der Meinung, dass man das muss, sagt er da, nachdem er zuvor die literarische Lebensleistung von Ulla Berkéwicz aka Unseld-Berkéwicz in Zahlen umrissen, man könnte auch sagen, beziffert hat. Man soll im Leben immer nur das machen, was man am zweitbesten kann, hat Marcel Proust einmal sinngemäß formuliert. Könnte es nicht sein, dass die Autorin Berkéwicz ganz froh ist, von den Aufgaben der Verlegerin  Unseld-Berkéwicz abgelenkt zu sein und sich für die Produktion anderer Schriftsteller einsetzen zu können. Was sie in den letzten zehn Jahren mit zunehmendem Erfolg getan hat. Während sie selbst in der Zeit nur einen Text veröffentlicht hat. Überlebnis der Titel; es geht ums Sterben, das Sterben ihres Ehemannes Siegfried Unseld. Und für nächsten Frühling ist angekündigt ein Text mit dem Titel Reine Erfindung. Keine Abrechnung mit ihren Feinden. Für den Zahlenmensch Hans Barlach ist das dann das dreizehnte Buch von Ulla Berkéwicz. Während er im Interview mit der FAZ  noch zwölf Bücher zugrundelegt, die sie geschrieben und seit 1982 bei Suhrkamp veröffentlicht hat. Die Bücher sind in siebzehn Sprachen übersetzt und 2010 hat der Verlag mit ihnen einen Umsatz von 500 Euro gemacht, 2011 waren es 800 Euro Umsatz, wie Hans Barlach feststellt in der Absicht, die Autorin und mit ihr auch die Verlegerin klein zu machen. Unsachlich, billig, unterste Schublade. Aber stimmen werden sie schon, die Zahlen. Und sie sind auch ohne Polemik, nur für sich genommen, bemerkenswert. Einfach so, zum Staunen.

Zwölf Bücher. In siebzehn Sprachen übersetzt. Umsatz 2010 500 Euro. 2011 800 Euro. Umsatz.

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Insichgeschäft


Entgegen meiner Gewohnheit setze ich mich in der U-Bahn, um die Telefon-Streichler besser beobachten zu können. Was machen sie, wenn sie mit dem Finger über die Displays ihrer Smartphones streichen? Nicht wischen, wie es immer heißt. Ein Streichen ist das, das bei dazu passender zärtlicher Miene wie ein Streicheln wirkt. Obwohl vielleicht gerade nicht mehr passiert, als dass das Telefonverzeichnis durchgeblättert, präziser: durchstreift wird. Das allerdings Beobachtungen bei einer jüngeren und einer schon etwas älteren Frau, die sich ihre Smartphones gerade erst gekauft zu haben scheinen. Alle müssen eins haben und es werden Jahre vergehen, bis sie gemerkt haben, dass sie nie mehr damit gemacht haben, als zu telefonieren - und es zu streicheln.

Die radioaktiv markierten Zuckermoleküle sind frisch geliefert worden und ich bin der Erste, der welche bekommt. Der Arzt, der sie mir injiziert, trägt eine schmale schwarze Hornbrille, und ist ein guter Typ. Füher hätte einer wie er mir nicht gefallen. Heute morgen wäre ich gerne er. Alleine schon deshalb, weil ich dann der wäre, dem die Bilder aus der Röhre zur Analyse vorgelegt werden und nicht derjenige, der nach zwei Stunden Stillhalten und einatmen, ausatmen, Atem anhalten und jetzt wieder ganz normal atmen immer noch nicht weiß, wie schlimm es ist.

Die Suhrkamp-Verlegerin lässt uns nicht los. Viel Meinung und Tadel heute. Unbestritten: Siegfried Unseld wusste, was er tat, als er den Verlag seiner zweiten Frau anvertraute. Inzwischen steht Suhrkamp so gut da, wie lange nicht. - Ulla Unseld-Berkéwicz, sie kann´s. Schauspielerin, Romanautorin, junge Frau eines alten erfolgreichen Mannes, nur leider viel zu früh verstorben, Witwe. Unterschätzt, angefeindet. Hat sie ausgehalten. Jetzt nur noch der Tölpel Barlach mit seinem Drittel-Anteil. Kein Gegner für sie. Für jemanden wie ihn gibt es Anwälte. Wenn sie jemand zu Fall bringen soll, muss sie das schon selber machen. Mit einem Insichgeschäft (sie vermietet ihre Villa zu Repräsentationszwecken an ihren Verlag), wie es tausendfach gemacht wird, man darf nur nicht dabei erwischt werden, wenn draußen ein Barlach lauert. Jetzt steht ihre Position als Geschäftsführerin auf dem Spiel und der Ruf ist sowieso ruiniert. Durchtrieben, aber nicht durchtrieben genug, die Gier war größer als die Schläue, und das alles zusammen so schandbar und klein, siehe den strengen Tadel von Jürgen Kaube. Leitartikel-Strenge. Doch so ist das Leben nicht. Ich möchte sie nicht gehen sehen. Ich wünsche sie mir in einer wichtigeren Rolle. Suhrkamp ist fein, aber auch zu klein für so eine Frau. Keine Ahnung, was es für sie sein könnte, auf jeden Fall müsste es etwas sein mit mehr Strahlkraft in die Öffentlichkeit, so dass wir mehr von ihr sehen und mehr von ihr haben.  



Foto von 2004 via Wikimedia Commons: Fotografiert von Shannon.

Dienstag, 11. Dezember 2012

Unkompliziert


Sie ist wirklich entspannt: Sie will nicht antworten auf meinen Blogeintrag Ursèl, weil die Sache doch beendet ist, wenn ich die Änderung nicht vornehmen möchte, um die sie mich gebeten hat, meint sie. Darauf erklärt sie, warum sie den Preis unter ihrem Bild gestrichen haben wollte. Wobei ich ihr gedanklich nicht folgen kann (Ausstellung war Verkaufsaustellung, mein Blog sei jedoch keinVerkaufsblog). Aber mir fällt auf, dass sie nicht Preis schreibt in ihrer Mail, sondern Pris (müsste der Pris auch nicht unbedingt da stehen). Französisch Preis = prix. Will sie mit dem Tippfehler und der Doppelfalschschreibung etwas beweisen? Wüsste nicht, was? Sie bedankt sich dafür, dass ich ihre Arbeit so hervorhebe, und meine Frage vom Sonntag beantwortet sie auch noch am Ende, vollständig:
und zum Strich über dem "è", klingt einfach besser.
Viele Grüsse
Urs`l Ritter
Das lässt mich mit meinen verschlungenen Mutmassungen vom Sonntag so verbissen dastehen, wie ich es tatsächlich bin. Und dennoch Herzlichen Dank, Ursèl, für die überraschende Antwort. Überraschend, weil sie bestätigt, was sich jeder gedacht hat, aber niemand konnte erwarten, dass Sie sich so unkompliziert dazu bekennen würden.  

Montag, 10. Dezember 2012

Hände



Lesen und weil es nicht so wichtig ist, mache ich mir nebenbei Gedanken über die Zukunft der Zeitungen. Das, was jeder denkt, nur nicht die Betroffenen: Sie müssen eben neue verführerische Angebote schaffen, nachdem ihr Hauptanreiz, die Aktualität, verloren gegangen ist. Jeder muss sich anstrengen, jetzt auch die Zeitungsleute. Es ist so klar und das Gerangele mit Google als Ablenkung von der eigenen Krise so durchschaubar. Warum wird in der Öffentlichkeit immer mit verstellter Stimme und weit unter Intelligenzniveau gesprochen? Und steht da wirklich: faltet seine Fäuste? - Steinbrück faltet nun die Hände zu Fäusten und deutet einen Schlag an. Ist mir da ein Sprachwandel entgangen, weil ich inzwischen so selten in die FAZ reinschaue? - Wird ballen als zu metaphorisch empfunden, falten hingegen als der konkrete, deskriptive Ausdruck. Kann doch nicht sein, dass die so einen Hammer durchgehen lassen bei der FAZ - wenn es ein Hammer ist und nicht eine Subtilität des Autors, wie mir eine Stunde später einfällt: dass der Autor des Artikels hiermit die Anpassung des Herrn Steinbrück an die Bedürfnisse des Saalpublikums ironisiert haben könnte. Die Fäuste sind da, aber der feine Herr Steinbrück ballt sie nicht wie ein Gewerkschaftsführer, dem auf jedem Finger ein Büschel Haare wächst, sondern Herr Steinbrück faltet seine Hände, manikürt und enthaart, ist anzunehmen, und der Rest der Geschichte ist bekannt: Peer Steinbrück deutet einen Schlag an und wird von über 93 Prozent der Parteitagsdelegierten zum Kanzlerkandidaten der SPD gewählt. Worauf der Autor sicher auch noch gekommen ist in seinem Seite-Drei-Artikel. Aber ob ihm dabei noch so eine feinsinnige Beobachtung gelungen ist wie die mit den gefalteten Fäusten, ich will es nicht wissen. Ich blättere ans Ende der  Zeitung, und als ich merke, dass der Artikel über das Spiel des FC Bayern in Augsburg reines Feuilleton ist, lese ich den auch nicht zu Ende.


Der Mann neben mir hatte sich zwei Zeitungen vom Ständer an seinen Platz mitgenommen. Keine der beiden Zeitungen hat er aufgeschlagen. Er ist nicht dazu gekommen. Erst mal musste er jemanden anrufen, kurz und auf Spanisch. Da er sein Smartphone schon mal in der Hand hatte, musste er auch dran rummachen. Bis sein Essen kam. Während er aß, hat er mal auf die Titelseite der Financial Times (dem Original) geguckt. Aber nichts dort war so, dass er es weiterverfolgen wollte. Jedenfalls hat er, nachdem er eine Quiche Lorraine und einen kleinen Salat verzehrt hatte, statt die Zeitung aufzuschlagen, sofort wieder sein Smartphone in die Hand genommen und daran rumgemacht, bis er bezahlt hat und gegangen ist.

Sonntag, 9. Dezember 2012

Ursèl


Da habe ich schon im Sommer blöde gegrinst, als ich den Namen zum ersten Mal gesehen habe. Neben ihren beiden Bildern, den einzigen, die mir aufgefallen waren in der Ausstellung. Und sie stand draußen vor der Tür bei den Rauchern. Ich habe sie mir zeigen lassen, bin dann aber nicht zu ihr hin. Ihre Bilder nicht so, dass ich hätte über sie reden müssen. Sie selbst niemand, den ich kennenlernen wollte. Aber was für ein Name! So wie sie aussieht, könnte sie sich den accent aigu selbst verpasst haben. So wie sie malt, hat sie das nicht nötig.

Diese Woche eine Mail von ihr und das Erste, was ich mache: ich grinse blöde, genau genommen: ich kichere in mich hinein und jedes Mal, wenn ich danach an den Namen denken muss, kichere ich wieder, auch dann noch, als ich auf Google gesehen habe, dass Ursél zwar nicht häufig ist im französischen Sprachraum, aber der Name kommt schon mal vor. Wäre es mir lieber gewesen, wenn Ursél sich ihren Namen zurechtgemacht hätte? Ja, weil sie das interessanter machen würde. Denn so ist alles, was ich sonst noch von ihr weiß, dass sie mir letzte Woche eine Mail geschrieben hat: könnten Sie bitte bei 'biest zu biest' unter Kunst/Juli/Gemustert unter meinem Bild den Preis rausnehmen. Ich habs mir inzwischen anders überlegt und will keine Preise stehen haben. - Sie will keine Preise stehen haben. Auch nicht in meinem Blog. Und deshalb die Anweisung an mich, das zu ändern. Da habe ich keine Sekunde überlegen müssen, ob ich das mache. Ich habe auch nicht gedacht, hat die sie noch alle? Und auch nicht, für wen hält die mich? Ich habe es überhaupt nicht persönlich genommen. Habe ihr kurz erklärt, dass ich in meinem Blog darüber schreibe, was ich erlebe, und wenn neben einem Bild, über das ich sonst nicht viel zu äußern vermag, ein Preis steht, dann kann es sein, dass ich den Preis nenne, und wenn er im Blog steht, dann bleibt er da auch stehen, weil das alles zusammen mein Erleben war. Doch auch, nachdem sie beantwortet ist, lässt mir die Mail keine Ruhe. Es beginnt jedes Mal mit einem Kichern über den Namen - Ursél, Ursél - und dann fängt wieder das Brüten an: Was ist das für eine? - Wie bereits erwähnt, wäre sie eine, die ihrem Namen einen Accent aigu verpasst hat, wäre es mir am liebsten. 

Nun muss ich nur noch das Link setzen zu meinem Blogeintrag Gemustert vom Juli. Da sehe ich auf einmal, die Namensträgerin schreibt sich gar nicht mit accent aigu, sondern mit accent grave: Ursèl. Google-Eingabe: Ursèl. Nur Treffer auf die Ursèl, um die es hier geht, und auf ihren Nachnamen. Keine Verwechslung. Kein Zweifel. Es gibt nur die eine, die hier in Berlin. Keine Verbreitung des Namens Ursèl sonstwo (Quelle: Google). Und warum habe ich da nicht als erstes nachgeguckt? Wikipedia-Eintrag zu Ursula, Stichwort Varianten und darunter französisch: Ursule! - Ob und wie sich das, vielleicht in einem Mädcheninternat am Genfer See, zu Ursèl verschliffen hat, das kann nur die Namensträgerin selbst wissen. Verehrte Ursèl, wollen Sie es dem Blog erzählen? Damit würden Sie mir und bestimmt auch vielen meiner Leser eine große Freude machen, wenn Sie die Geschichte, die ich so unbeholfen begonnen habe, zu einem schlüssigen Ende bringen könnten.

Samstag, 8. Dezember 2012

Entspannt


Vernissage im Kunstraum Ko am Donnerstag verpasst, weil ich den Kopf voll hatte mit so viel anderem. Gruppenausstellung, in der die vier Macher des Kunstraums Ko zum Jahresende neue Arbeiten vorstellen. Die nächste gute Gelegenheit wird sein am nächsten Samstag, wenn es Adventskaffee gibt und bestimmt auch alle vier Künstler anwesend sind. 

Das im Moment die Mitte meines Lebens: was ich im Kopf habe und .... darauf folgt im Text vom  Nachmittag ein Kalauer, den ich aus Erschöpfung wird zu Nachlässigkeit erst habe stehen lassen, aber der Kalauer ist zu schlimm. Der zweite Teil des Blogeintrags handelte davon, was mir heute durch den Kopf gegangen ist. Die Vorstellung von einem anderen Schreiben als diesem hier, das Teil meines Elend ist - und es sogar mit verursacht hat? Ich kann, ich muss so nicht denken. Ich brauche es nicht. Ich stelle mir ein Schreiben vor, das so entspannt ist, wie ich es nie war in meinem Leben, aber jetzt doch sein könnte, denke ich, nehme es mir vor, notiere meine Gedanken dazu, die Gedanken unentspannt wie alle meine Gedanken. Egal, der Vorsatz, der Plan. Und da merke ich, dass ich gar nichts planen kann und auch gar nichts planen soll in meiner Lage. Nur mich treiben lassen von einem Tag zum anderen Tag kann ich, und wenn ich Glück habe, fällt mir etwas ein, um darüber zu schreiben. Aber es werden jetzt bestimmt öfter Tage kommen, an denen mir nichts einfällt. Heute wäre beinahe so ein Tag gewesen, wenn ich nicht bemerkt hätte, dass ich den Termin in der Galerie verpasst habe, und von da zu meinem Tagtraum vom entspannten Schreiben gekommen wäre, darauf beim Schreiben so nachlässig gewesen bin, dass es einfach nicht stimmte, was nicht allein an dem Kalauer lag. Und dann wollte ich den Text schon wegwerfen, habe ihn dann jedoch in zwei Anläufen überarbeitet und das hingekriegt, weil es inzwischen etwas zu erzählen gab. Was zu Anfang nicht so war. 

Freitag, 7. Dezember 2012

Rosenkohl


Nach dem Termin in der Invalidenstraße, bei dem mir nichts geschenkt wird, will ich mir was Gutes tun. 12.15 Uhr, als ich den Hauptbahnhof betrete. Was essen gehen nachher. Im Café Berio ein Stück Apfelkuchen mit Sahne? Seit Tagen geht das schon so: Sahne, Sahne, Sahne. Doch nirgendwo gibt es welche. Im Berio bestimmt und teuer. Lieber was Richtiges essen. Bahnhof Zoo. Appetit auf Wiener Wurst mit viel Senf. Die kann ich mir auch gleich bei Edeka kaufen und zu Hause heiß machen, Dijon Senf ist da, oder soll ich doch irgendwo im Bahnhof, sofort? Nein, das werde ich bereuen, wenn nach dem dritten Biss die Gier weg ist. Am besten keine Wurst. Und ein Hamburger? Der Hamburger im Café Lenzig. Mit allem Möglichen und Pommes. Ich muss mich mästen (Sie sind schmal geworden). Wirklich ins Lenzig? Da war ich seit zehn Jahren nicht mehr. Außerdem ist der Hamburger (im Lenzig heißt er Schöneburger) mit Eisbergsalat und mit Cheddar-Käse, was im Fall des Salats blöd und im Fall des Käses vielleicht zu viel Mast ist. Unentschlossen. Blick auf die Tageskarte draußen: Berliner Bulette mit Kartoffelpüree und Rosenkohl in irgendwas mit Butter zum Preis von 7 Euro 90. Das ist es an diesem kalten Tag. Die Vorfreude ist groß, vor allem auf den Rosenkohl. Die Erinnerung an ein zu Hause, wo richtig gekocht wird. Jetzt erst mal der Service des Café Lenzig. Nach knapp einer halben Stunde steht das Essen vor mir. Der Rosenkohl ist die erste Enttäuschung. Nicht bissfest, hart. Ungewürzt, das Buttergeschwenkte müsste doch den Geschmack verstärken, aber da ist keiner, vom ersten bis zum letzten Röschen kein Geschmack. Kann das Püree alles wieder gutmachen? Es schmeckt nach Kartoffeln, es ist trocken und auch hier fehlen die Gewürze. An Nachwürzen glaube ich nicht und mit Pfeffer und Salz alleine wäre es sowieso nicht getan. Die Berliner Buletten, es sind zwei und sie sind sehr heiß - heiß, nicht nur aufgewärmt wie die Beilagen. Die erste Bulette stopfe ich so heiß sie ist in mich hinein. Hunger! Bei der zweiten erst erlebe ich dann die komplette Enttäuschung, die diese Mahlzeit ist: auch die Buletten sind ohne Geschmack und sie fallen auseinander beim Zerteilen mit der Gabel,  bröckelig, trocken. Schlechter geht es nicht. Ich lege einen Zehneuroschein mit einem Fünfzigcentstück für die Bedienung bereit. Sie hat schon in den 90er Jahren hier gearbeitet. Ich habe sie immer die Frau mit dem Gesicht genannt, weil sie so ein ausgeprägtes Gesicht hat. Sie war damals nicht aufmerksam und sie ist es immer noch nicht. Erst als ich mit dem Geld winke, kriegt sie mit, dass ich fertig bin mit Essen und zahlen will. Am Tisch gegenüber sitzt eine junge Frau, die nach mir gekommen ist und auch Berliner Bulette bestellt hat. Ich weiß genau, was sie sich dabei vorgestellt hat. Sie blättert in einer Illustrierten. Sie hat sich auch nichts zu trinken bestellt. Nur das Essen, das sie enttäuschen wird. Sie tut mir leid. Auf die Frage der Bedienung, ob mir das Essen geschmeckt hat, habe ich die Antwort vorbereitet: Nicht so richtig. Aber sie fragt gar nicht und das ist mir lieber so. Nicht so richtig wäre verlogen gewesen. Es war eines der schlechtesten Essen, das ich je in einem Restaurant gegessen habe, und ich fasse es immer noch nicht, wie schlecht es war und dass mir das alles passiert.

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Handke 70


Am besten hat mir von Peter Handke gefallen Der kurze Brief zum langen Abschied von 1972 sowie die im gleichen Jahr erschienene biografische Erzählung Wunschloses Unglück und: dass er alleine die Tochter großgezogen hat, für die sich deren Mutter, die an der Berliner Schaubühne berühmt gewordene Schauspielerin Libgart Schwarz, nicht interessierte, oder er wollte die Tochter nicht in ihrer Obhut lassen oder er hat die Aufgabe gebraucht als Ausgleich zu seiner Großschriftstellerei.

Worauf ich nie gekommen wäre: Dass Handke sein Schreiben von Beginn an in einer Nachfolge zu Franz Kafka verstanden hat ( I am the new Kafka, soll er 1966 in einem TV-Interview gesagt haben). Gut ist daran allerdings, wie er Jahre später sich gegen seinen Vorläufer gewandt hat: Ich hasse Franz Kafka, den Ewigen Sohn. Woran ja schon was ist, nur dass es nicht gerecht ist, Kafka diesen Vorwurf zu machen, weil es ihm wegen seines frühen Todes nicht vergönnt war, über diese Rolle hinaus zu wachsen. So wie Handke, als er sich zugleich vom Vorläufer und dessen Rollenvorbild löste (ich folge der Erzählung des Germanisten Karl Wagner in der NZZ von heute). Das nun aber keine Befreiung, letzten Endes von einer Schimäre. Keine Schimäre. Ein Fixpunkt, ein Halt geht ihm dabei verloren. Schreibkrise. Schwere Depression. Und beides kann er erst überwinden, als er einen neuen Ansatz für ein Schreiben findet, das kein Sohn-Schreiben mehr ist.

Langsame Heimkehr (1979). Die Wiederholung (1986). Mein Jahr in der Niemandsbucht (1994). Alles nicht gelesen, nicht lesen wollen nach Lektüre der Rezensionen. Nur von den Versuchen habe ich noch gelesen Versuch über die Jukebox (1990) und Versuch über den geglückten Tag (1991). Sonst nur Interviews, in denen Handke mir so entrückt vorgekommen ist in seinem Stolz auf seine schriftstellerische Lebensleistung, dass ich jedes Mal dachte, jetzt lese ich kein Interview mehr mit ihm. Aber dann habe ich es doch wieder getan. Nur bei seiner Serbien-Aktion bin ich ganz ausgestiegen. Das war mir instinktiv zuwider, zugleich wusste ich zu wenig, um seriös darüber urteilen zu können. Jetzt wird es so hingestellt, als sei das damals kein politisches Statement, sondern eine ganz besonders radikale literarische Aktion gewesen, was er zu Serbien abgelassen hat. Aber wenn es stimmt, dass er Rosen auf das Grab des Massenmörders Slobodan Milosevic gelegt hat, dann ist das für mich eine solche Verirrung, dass es mir den Handke unheimlich macht und zugleich lächerlich erscheinen lässt für immer. Nicht wegen der unentschuldbaren politischen Dämlichkeit. Sondern wegen der charakterlichen Verstiegenheit, die sich darin offenbart. Und die einmal bemerkt, wie darüber hinwegsehen bei der Lektüre seiner Schriften: über diesen alles niedermachenden Stolz, den der Mann hat, dieses ins Lachhafte gesteigerte Selbstbewusstsein?

Ich müsste es ausprobieren. Langsame Heimkehr (1979). Die Wiederholung (1986). Mein Jahr in der Niemandsbucht (1994).