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Freitag, 26. Oktober 2012

Junger Mann


Blick in den Badezimmerspiegel. Meine Haare offen, weil noch nicht trocken nach dem Schwimmen, und ich sehe aus, als hätte ich vierzig Jahre in einem Erdloch im Wald nur von Nüssen und Regenwasser gelebt. Nein, mit diesem Gesicht gehe ich heute nirgendwo mehr hin.

Ich war ausnahmsweise am frühen Nachmittag schwimmen, war über der Zeit (eine Stunde für 4 Euro), kenne mich nicht aus mit der Bedienung des Nachzahlautomaten, neben mir steht eine Mitarbeiterin der Bäderbetriebe, die noch keine 30 ist und kurze Hosen trägt. Sie fragt mich: Kann ich Ihnen helfen, junger Mann? - Ja, ja, das ist der bekannte kess gemeinte Berliner Sprachgebrauch und ich schaffe es auch, meine Widerworte zu unterdrücken.

Aber nun stehe ich vor dem Spiegel, sehe in mein zerfurchtes bleiches Gesicht und die Frau von den Bäderbetrieben fällt mir ein. Ich hätte ihr den Jungen Mann nicht durchgehen lassen dürfen. Ihr nicht widersprechen. Das war richtig, dass ich das nicht gemacht habe. Aber als sie mir so resolut mein Eurostück aus der Hand genommen hat, um es  in den Bezahlschlitz des Automaten zu stecken, da hätte ich ihr wortlos ihren nackten Unterarm vollsabbern sollen.

Mittwoch, 10. Oktober 2012

Bluten


Drei Kerle. Alle drei Rentner. Einer ist ein Zweimetermann und streifenlos braungebrannt von der Sonnenbank. Der andere war Schweißer beim Bau von Kernkraftwerken. Heißt, dass er auf Montage gearbeitet hat, denn Kernkraftwerke können wir Ihnen hier in Berlin nicht auch noch bieten. Mit seiner Frau also nur zusammengewesen an den Wochenenden und im Urlaub. Die lange Vorfreude auf den Ruhestand, und als es endlich so weit war, da war die Frau tot. Rührender Mann, er redet am meisten. Zu Hause den ganzen Tag alleine. Wenn er die zwei anderen trifft, ist er wie losgelassen. Erst schwimmen sie zu dritt nebeneinander wie drei alte Weiber auf ihrem Weg zum Kaffeeklatsch und wie die Weiber die drei Kerle ununterbrochen am Quatschen. Anschließend Solebecken; Verweildauer dort mehr als doppelt so lang wie im Schwimmbecken. Zum Schluss Dusche, der ganze Duschraum dann zugedröhnt von den drei Kerlen und ihrem breiten Berlinern. Der Mann, der die Kernkraftwerke zusammengeschweißt hat, trägt eine zu große blau-weiße Badekappe beim Schwimmen, um sein volles lockiges Haar zu schonen. Jetzt liegt die Badekappe im Ablagefach neben einem roten Handtuch. Was für ein leuchtendes Rot das Handtuch hat! Der Mann greift danach, um sich abzutrocknen. Während ich mich auch abtrockne, sehe ich am Boden neben der Stelle, wo der Mann steht, zwei rote Flecken. Shampoo? Duschgel? Blut? Ich deute darauf und sage zu dem Mann: Ihr Handtuch blutet. - Sofort geht es los: Ich blute? Wieso soll ich bluten? Ich blute doch nicht. Die zwei anderen schon auf der Lauer, bereit sich einzumischen, sobald ich mich erklärt habe. Ich erkläre mich aber nicht. Ich beharre darauf: Ich habe nicht gesagt, dass Sie bluten. Ich habe gesagt, Ihr Handtuch blutet. Stille. Endlich Stille. Bis ich den Raum verlasse. Aber dann .... .

Surrealistische Intervention. Wie froh war ich, dass ich die Gelegenheit dazu bekommen habe. Denn ich habe die Drei kaum ertragen vorher. Außerdem ging es gedanklich schon seit dem Aufwachen um die Frage: Wie kann ich Leuten, die ich nicht ertrage, anders begegnen als mit Verachtung? - Noch keine acht Uhr, als ich  die Dusche verließ, um mich anzuziehen, und schon hatte ich eine erste Antwort gefunden: indem ich sie surreal entgrenze. So habe ich es hinterher großspurig genannt, was ich gemacht habe mit dem Schweißer. Blöd, dass es dann geregnet hat, sonst wäre ich gleich nach dem Frühstück rausgegangen, um das Verfahren an anderen Zielpersonen auszuprobieren und mir dabei klarzumachen, wie das genau gemeint ist: entgrenzen. Das jetzt nicht zu ernst zu nehmen. Während der Text oben, wenn es ernst werden sollte und die drei Kerle mich zur Rede stellen in der Dusche nächste Woche, natürlich nichts als Fiktion ist, fiktiv in jeder Figur, alles Erzählte hier auch: Werk der Literatur, werde ich sagen mit den Worten von Rainald Goetz (*), wenn die Drei vor mir stehen werden und bedrohlich ihre nassen Handtücher schwingen vor meiner Nase und der kalte Fliesenboden teilnahmslos auf mein Blut wartet. Literatur, werde ich wiederholen, ob sie euch gefällt oder nicht, um dann hinzuzufügen, wieder mit Worten von Rainald Goetz: natürlich basierend auf der Realität des Lebens, auf der Realität des Lebens auch wirklicher Menschen, aber - weiter werde ich nicht kommen. Dann ist nur noch das Klatschen der nassen Handtücher auf meiner Haut und meinen Knochen zu hören. Und es wird nicht eher aufhören, als bis der kalte Fliesenboden mein Blut bekommen hat. 

(*) Auf der Seite 4 von Rainald Goetz, Johann Holtrop steht unter dem Titel Schutzschrift: Natürlich basiert dieser Roman auf der Realität auch wirklicher Menschen. Aber es ist ein Roman, Fiktion, fiktiv in jeder Figur, alles Erzählte hier auch: Werk der Literatur. - Trotz aller Kritik: Was wäre mit entgangen, wenn ich das Goetz-Buch nicht gelesen hätte! 

Mittwoch, 15. August 2012

Verständnis




Im Internet stand, dass ab Montag geöffnet ist.
Da steht seit Donnerstag letzter Woche, dass wir später öffnen.
Dann habe ich am Mittwoch geguckt.
Wir haben jetzt gerade mal das Wasser drin.
Mehr brauchen wir nicht, könnte ich sagen, wenn es nicht 6 Uhr 40 wäre. So sage ich blöde: Alles andere als eine Verschiebung wäre auch zu überraschend gewesen.
Der junge Sachse lacht. Einen angenehmen Aufenthalt, wünscht er jedes Mal, wenn er mir die Eintrittskarte verkauft hat. Heute Früh schlürft er mit den Kolleginnen und Kollegen heißen Kaffee im Personalraum und alle sind gut gelaunt. Wahrscheinlich weil sie sich auf einen weiteren Tag ohne Badegäste freuen und sowieso viel lieber in einer Fischkonservenfabrik arbeiten würden, weil es dort keinen Publikumsverkehr gibt. Aber an der Küste wollen sie wahrscheinlich keine Berliner. Sie haben schon genug eigene ... .

Meine Nachfrage ergibt, dass sie sich auf einen weiteren Tag freuen, den sie mit Putzen verbringen werden. Wollen die jetzt fünfzehn Tage lang das frisch eingelassene Wasser klären und Scheiben, Treppengeländer und Türgriffe usw. putzen? Keine Antwort. Denn da gehe ich schon über den Parkplatz und bin auf dem Rückweg nach Hause.

Samstag, 2. Juni 2012

Kinderbecken


Verwirrend, im Gewimmel der Selbstsverliebten nach langer Zeit wieder einmal zwei Ineinander-Verliebte zu sehen, so ineinander verliebt, dass sie gar nicht von einander lassen können mit ihren Liebkosungen und sich jeden Augenblick ganz nah sein möchten. Ein Mann und eine Frau im Kinderbecken. Rückenschwimmen. Er voraus. Sie folgt ihm in kurzem Abstand, schwimmt zwischen seinen gespreizten Beinen. Erreicht er den Beckenrand, umfängt er sie mit seinen Armen und küsst mit gespitzten Lippen ihre Schläfe. Darauf dreht sie sich zu ihm um und schmiegt ihre Wange an seine. So verharren sie schweigend, bis sie nach langer Pause zurück schwimmen zum Beckenrand gegenüber, jetzt er ihr folgend in kurzem Abstand. Kalkweiße Haut und mehr weiße als graue Haare. Sie der mädchenhafte Typ, auch jetzt noch Mitte 70. Er um die 80, groß, kräftig. Dass sie seit mehr als 50 Jahren verheiratet sind, den ganzen Tag zusammen und in der Nacht liegen sie nebeneinander: unwahrscheinlich. Bernd stellt sich vor, dass sie aus verschiedenen Stadtteilen kommen, wo sie mit Ehepartner oder bei ihren Kindern leben, und das Stadtbad Schöneberg ist ihr heimlicher Treffpunkt. Wahrscheinlicher: Sie sind noch nicht lange ein Paar, immer noch frischverliebt.(*) Oder sie sind Erotomane und widmen ihren Lebensabend ganz der Hingabe aneinander, habe ich gedacht, als ich am Kinderbecken vorbei ging eben und beobachtet habe, wie der Mann die Frau von hinten umarmte und ihre Schläfe küsste. Die beiden fallen nicht nur Bernd und mir auf. Während wir beim Duschen über sie reden, bleibt ein jüngerer Mann stehen und hört uns zu. Er hat sich auch Gedanken über das Paar im Kinderbecken gemacht, sagt aber nichts. Wir sagen in seine Richtung, dass wir uns auf keinen Fall lustig machen wollen über die beiden, was auch gar nicht geht wegen der Würde, die das hat, was sie da treiben.  

(*) Am Frühling kann es jedenfalls nicht liegen. So verliebt wie jetzt waren sie auch schon im Januar. 

Dienstag, 3. April 2012

Lehrerinnen

Nichts macht einen Mann so einsam wie das leise Lachen am Ohr eines andern. Nur dass die Person mit dem Ohr heute Morgen kein Mann ist, sondern eine Frau wie die leise Lachende. Und ich fühle mich auch nicht einsam, ich bin neugierig und ich denke, was sind das denn für zwei Hübsche, und am liebsten würde ich sie ansprechen und sie fragen, ob sie ganz frisch verliebt sind oder schon seit längerem ein Paar und immer so drauf wie gerade jetzt im Hallenbad. Und was macht ihr denn schon so früh hier? Seid ihr Lehrerinnen? Seid ihr es gewohnt, früh aufzustehen? Und jetzt habt ihr Ferien? Oder lebt ihr gar nicht beide in Berlin? Ist die eine von euch zu Besuch gekommen jetzt in den Ferien? Liebesferien? Ich bin so indiskret. Nein, bin ich nicht. Kein Interview. Keine Fragen. Nicht einmal angestarrt habe ich die beiden. Sie nur angeguckt, wenn sie mir im Weg waren beim Auf-und-Abschwimmen. Körper wie Sportlehrerinnen. Aber viel Ausdauer hatten sie nicht. Nach einer Viertelstunde am Beckenrand ihre Köpfe zusammengesteckt, dann ein bisschen getaucht, die eine, und die andere eine Übung gemacht unter Wasser zur Kräftigung der Oberschenkel. Professionelle Übung. Sportlehrerin. Keine Frage. Und wie verliebt hat die andere sie angelächelt dabei. Die blond, mit kurzen Haaren. Diejenige, die ihre Übung machte, die langen dunklen Haare zum Pferdeschwanz zusammengebunden. Kein Neid, keine Missgunst. Nicht einmal Wehmut. Dann eben so, habe ich gedacht. Dann wenigstens dieses Lächeln sehen, das leise Lachen hören. Und als ich zum Duschen ging, ist mir der Satz von Wolf Wondratschek eingefallen, Schlusssatz eines Gedichtes: Nichts macht einen Mann so einsam wie das leise Lachen am Ohr eines andern. Ein anderer Satz von ihm, Titel seines ersten Buches: Früher begann der Tag mit einer Schußwunde. - Beim Duschen habe ich dann gedacht, wenn ich nachher mein Laptop einschalte und auf Spiegel Online lese: Wolf Wondratschek ist tot! dann poste ich heute nur die beiden Sätze: Nichts macht einen Mann so einsam wie das leise Lachen am Ohr eines andern. Und: Früher begann der Tag mit einer Schußwunde. - Ich weiß, ich bin schlimm. Aber seid Ihr anders? Das täte mir leid.

Dienstag, 21. Februar 2012

Vorübergehend

Um sechs Uhr drehe ich mich noch mal auf die Seite und sie sagt, die Texte, die ich über sie geschrieben habe, sind anders als die übrigen Texte. Sie sagt das als Vorwurf und sagt es immer wieder. Ich erwidere, dass ich das gerade gut finde: das Diskontinuierliche des Blogs, nenne ich es und behaupte schließlich, das Diskontinuierliche sei Absicht. In dem Keller sind Bauarbeiten im Gang. Ein Flachkran streckt seine Fühler durch das Kellerfenster; die Fühler haben die Form einer Stimmgabel. Es ist besser, wenn wir uns in den hinteren Teil des Kellers zurückziehen. Wir setzen uns auf eine Bank und küssen uns. Ihre Zunge fühlt sich so an, wie ich es mir vorgestellt habe. Eine Frau, die hinter mir sitzt und die ich aus Heidelberg kenne, bittet um Entschuldigung dafür, uns stören zu müssen. Als ich mich zu ihr umdrehe, sehe ich auf der Wanduhr, dass es schon zehn nach sieben ist. Viel zu spät, um es noch zum Frühschwimmen zu schaffen. Tatsächlich ist es aber erst halb sieben. Wenn ich sofort aufstehe, schaffe ich es noch so zeitig ins Hallenbad zu kommen, dass ich eine ganze Stunde schwimmen kann (zum Frühtarif). Etwa eine Stunde brauche ich für 2000 Meter und 2000 Meter müssen es sein, denn die anti-depressive Wirkung des Schwimmens stellt sich bei mir nur noch bei 2000 Metern ein. Als ich über den Parkplatz auf das Bad zugehe, ist die Schwimmhalle so schwach beleuchtet, wie ich es noch nie gesehen habe. Als ich den Haupteingang erreiche, ist da gar kein Licht. Nur mit Mühe kann ich lesen, was auf dem Zettel steht, der hinter der Glasscheibe klebt. Das Hallenbad ist vorübergehend geschlossen. Wir bitten um Verständnis. 6.55 Uhr. Was heißt vorübergehend? Heute nicht und morgen wieder?

Rückweg. Nachher Matthias Oloew anrufen, den mir bekannten Pressesprecher der Berliner Bäderbetriebe. Und im Blog heute darüber berichten? Besser, wenn es nichts zu berichten gibt und morgen ist wieder offen. Dann heute die Prozac-Nebenwirkungen-Anekdote bloggen oder über die Frau mit dem hellblauen Mantel, dem sonnengebräunten Teint und den braunen Schuhen oder über den Aufwachtraum von vorhin? Es ist klar, wer das war in dem Traum. In der Realität ist es nicht klar, wer die Frau aus dem Traum ist. Ich habe eine Tendenz zu schwierigen Frauen. Die letzte war so schwierig, dass ich sie nie kennengelernt habe. – Tendenz? – Trend? –Neigung? – Ich habe eine Neigung zu schwierigen Frauen. Meine letzte Frau war so schwierig, dass ich sie nie kennengelernt habe.

Als ich Matthias Oloew anrufe, weiß er nichts von einer Betriebsstörung im Stadtbad Schöneberg. Er fragt gleich mal nach, was da los ist. Halbe Stunde später ruft er zurück. Es waren nicht genug SchwimmmeisterInnen da für einen ordnungsgemäßen Badetrieb. Sie mussten vom Sachsendamm einen Schwimmmeister anfordern und das hat eine gute Stunde gedauert, bis der eintraf. – Wie viele Schwimmmeister müssen es sein im Stadtbad? – Drei? – Und kommt einer mal nicht, dann ist gleich das ganze Bad geschlossen? – Personaleinsparungen. Arme Stadt. Nicht zu ändern, sagt der Pressesprecher. Wir sind uns einig, dass wir beide das anders gemacht hätten heute Morgen: Bad geöffnet. Badebetrieb eingeschränkt auf das große Becken. Obwohl zu berücksichtigen ist, dass einige Frühschwimmer auch kommen wegen des Außenbeckens, gibt Matthias Oloew zu bedenken.  Doch über die kann ich mir jetzt nicht auch noch Gedanken machen. Ich will an meiner Februar-Geschichte weiter schreiben, von der ich bereits jetzt weiß, dass sie nichts geworden ist. Es geht darin um einen Kuss, der nicht gegeben wird. Nicht mir, einer Frau nicht gegeben wird. Von einem Mann nicht gegeben wird, der nicht ich bin, in den ich mich aber so gut hineinversetzen kann, dass ich die Geschichte schreibe, die immer kürzer wird und in der es längst nicht mehr ums Küssen geht, sondern um die surrealistische Überschreibung meiner Seifenoper-Phantasie, wenn es mir gelingt, wenn mir wenigstens das gelingt. 

Dienstag, 31. Januar 2012

Zehnerkarte

Aus der Contessa ist ein hilfreicher Geist in einer roten Kapuzenjacke geworden. Schwimmen geht die anderswo.  Vielleicht in Tiergarten in der Seydlitzstraße. 50m-Bahn. War nie da. Bestimmt nicht so schön wie das Stadtbad Hans Rosenthal in der Hauptstraße. Alleine schon wie die Halle leuchtet beim Draufzugehen in der Dunkelheit am Morgen. Aber wie klein es ist! Wie eine Puppenstube kommt es mir vor inzwischen. Und kaum sind mehr als sechs Leute im Becken, geht es los mit den Neurosen und keine Contessa, die mich ablenkt. Sieben Eintritte habe ich noch auf meiner Zehnerkarte. Wenn die schlimmste Kälte vorbei ist, mache ich mich wieder auf den weiteren Weg zum Sachsendamm. Dort kenne ich die Leute und dort bin ich der einzige Neurotiker.

Hier: Fortsetzung Eintritt frei.
Und hier eine Anmerkung dazu: Copy & Paste.

Freitag, 20. Januar 2012

Festakt

Gehen Sie da mal weg, damit hier Platz ist für die Behinderten! – In der Eingangshalle des Stadtbad Schöneberg versammeln sich die Gäste des Festakts, der gleich eine Etage höher in der Schwimmhalle stattfinden wird. Es ist Platz genug für alle, auch für die beiden Rollstuhlfahrer im Vorraum der Eingangshalle, die es anscheinend nicht eilig haben hereinzukommen. – Ich frage den energischen Mann im grauen Anzug: Haben Sie vorher was eingenommen? - Keine Antwort. Ich nenne meinen Namen und gebe ihm die Hand. - Lipinsky, stellt der Mann sich vor und ich sage lachend: Ach so! Ja, dann.  - Dr. Klaus Lipinsky ist Vorstandsvorsitzender der Berliner Bäderbetriebe. Er ist der Hausherr. Wenn hier einer so sein darf, dann er. 




Auf der einen Seite das Publikum, im wesentlichen Honoratioren und Presse. Die emsig Notizen machende Frau zum Beispiel von der Morgenpost. Auf der anderen Seite ein Kinderchor, eine Moderatorin (Natascha Cieslak), ein Staatssekretär (Andreas Statzkowski), eine Bezirksbürgermeisterin (Angelika Schöttler), Dr. Klaus Lipinsky und die Ehrengäste: die zahlreich erschienene Familie Rosenthal, wie ein Redner es formuliert und der Sohn von Hans Rosenthal greift das später auf, als er sagt: Wir sind deshalb so zahlreich erschienen, weil es uns eine so große Ehre ist, dass dieses Schwimmbad dem Andenken meine Vaters gewidmet wird. Er erzählt, wie Hans Rosenthal es am Ende seines Lebens bedauerte, dass er keine Filme gemacht hat, die bleiben, sondern nur Quiz-Sendungen wie Dalli-Dalli, die sich mit seinem Namen verbinden. Jetzt wird ein Schwimmbad durch Widmung mit seinem Namen verbunden. Was hat er davon? Seine Familie hat etwas davon. Die Ehre. Und wir haben etwas davon. Die Freude, diese Familie leben zu sehen. Und wenn wir uns klarmachen, was geschehen ist, und trotzdem hat es dazu geführt, dass wir diese Familie hier sehen - vier Generationen: Mutter, Kinder, Enkelin, Urenkel -, dann können wir uns gar nicht genug freuen.





Hans Rosenthal hat erst als 25jähriger schwimmen gelernt, weil ihm als jüdisches Kind ab 1933 der Zutritt zu Schwimmbädern verwehrt war und weil er, als er alt genug gewesen wäre, um in einem der Berliner Seen schwimmen zu lernen, Zwangsarbeit leisten musste und die letzten beiden Jahre der Nazi-Herrschaft in einem Versteck verbrachte. In seiner Autobiografie Zwei Leben in Deutschland beschreibt er, wie er dann 1950 im Stadtbad Schöneberg als Erwachsener schwimmen lernte. Ein Mann, der Volker Meyer-Dabisch heißt, liest die Textpassage vor. Dabei steht er auf dem Drei-Meter-Sprungbrett. Was einerseits naheliegend und praktisch, andererseits ein guter Inszenierungseinfall ist. Nachdem Hans Rosenthal so gut schwimmen gelernt hatte, dass er es sich zutraute, Binnengewässer zu durchqueren, denkt er sich: Zu Rekorden werde ich es gewiss nicht mehr bringen. Aber ich kann mich über Wasser halten – und niemand weiß besser als ich, wie wichtig das ist. Mit  diesem Satz endet die Lesung und der Chor des Carl-Phillipp-Emanuel-Bach-Gymnasiums aus Mitte singt nun Heal the World von Michael Jackson: Heal the world, make it a better place for you and for me and the entire human race. Das ist einerseits sehr rührend, andererseits irrsinnig komisch, weil der Junge, der den Chor auf einem elektronischen Klavier begleitet, einmal gefährlich aus dem Takt gerät, aber dann vom Chor wieder eingefangen wird, so dass alles gut endet und es nun zum Höhepunkt des Festakts kommen kann: der offiziellen Eröffnung des Hallenbades durch Traudl Rosenthal, der Witwe des legendären Showmasters. Und wie die ohnehin schon so sympathische alte Dame das macht, dafür muss man sie verehren: Na denn, Dalli-Dalli! sagt sie in Anspielung auf den Titel der berühmten Quizsendung ihres Mannes – und das ist das Startsignal für den Kinderchor, nun stellvertretend für uns alle ins Wasser zu springen.  




Später enthüllen Traudl Rosenthal und ihr Sohn noch eine Gedenktafel. Ich mache mich mit Rosenthal-Enkelin Beate und mit Urenkel Oskar bekannt. Und als ich schon denke, das war es jetzt, kriege ich einen Programmzettel in die Finger und sehe: 12.00 Uhr freies Baden für alle geladenen Gäste. Ich schnell nach Hause, um meine Schwimmsachen zu holen. So viel Platz im Becken habe ich nie wieder. Denn die meisten Gäste werden diesen Programmpunkt auslassen. Und so ist es. Zwei Gäste außer mir. Zwischendurch springen Schwimmmeister-Azubis vom Drei-Meter-Brett und denen begegne ich später im Duschraum wieder, wo sie unentschlossen herumstehen, denn kalt wollen sie nicht duschen und die warmen Duschen sind so heiß, dass man fürchten muss sich zu verbrühen. Von 60 Grad sprechen die Techniker und sind ratlos. Es ist nicht zu fassen: Jetzt haben sie es tatsächlich geschafft, die Inbetriebnahme mit einer Betriebsstörung zu beginnen, sage ich zu Matthias Oloew, dem Pressesprecher, als ich ihm beim Verlassen des Bades begegne. Bei ihm ist Dr. Lipinsky, der das hört, und sogleich wird er wieder energisch: Gut, dass Sie uns das gesagt haben. Wir werden uns darum kümmern. – Man hilft, wo man kann. Ich bin albern. Ich habe gute Laune. Es ist ein guter Tag. Und danke noch mal für die Einladung. 






Mittwoch, 18. Januar 2012

Widmung

Sie wollen uns nicht länger hinhalten oder sie sind sicher, dass das Becken nun wirklich dicht ist. Kein Abwarten mehr, ob es wieder tropft 14 Tage nach dem Befüllen des Beckens: Am kommenden Freitag wird das Bad nach zweieinhalbjähriger Bauzeit eröffnet. 10.30 Uhr Festakt: In Anwesenheit der Familie Rosenthal wird das Stadtbad Schöneberg dem vor 25 Jahren verstorbenen Showmaster gewidmet, der hier schwimmen lernte (*). Und um 14  Uhr geht es los im Stadtbad Schöneberg Hans Rosenthal. Freier Eintritt für alle! Letzter Einlass um 20 Uhr.

Schöne Idee die Widmung. Großzügige Geste der freie Einlass. Aber da würde ich noch mal drüber nachdenken: Die Bäder-Betriebe bitten stattdessen um eine Spende für die Hans-Rosenthal-Stiftung. Da sie keinen Eintritt zahlen müssen, sollen die Leute etwas spenden. Für eine Stiftung, von der sie wahrscheinlich wie ich zum ersten Mal hören und über deren Ziele sie sich auf die Schnelle nur schwer informieren können bei dem Gedränge und dem fröhlichen Kindergeschrei, das es geben wird im Vorraum des Hallenbades in der Hauptstraße am Freitagnachmittag. Bitte mal vorstellen: Mutter oder Vater mit einem Kind an jeder Hand und die Kinder zerren und ziehen: Komm doch, Mama/Papa! Weil sie es kaum erwarten können ins Wasser zu kommen zu den anderen Kindern, die bestimmt auch nicht gespendet haben. Ist doch frei heute. Haste doch gesagt, Mama / Papa. Und bitte weiter vorstellen: Was das für die Mama oder den Papa für eine Erleichterung ist, dass sie/er den Eintritt spart für sich und die beiden Kinder. Großzügiges Geschenk. Kann die Mama, kann der Papa gut brauchen, um nach dem Schwimmen den ausgehungerten Kindern was zu  knabbern zu kaufen auf dem Nachhauseweg. Zum Beispiel. Aber hinterher wird es dann wieder heißen: Wie blamabel! Wie beschämend, dass so wenig gespendet wurde! Dabei war es einfach nur eine blöde Idee, nicht zu Ende gedacht die Großzügigkeit. Entweder der Eintritt ist frei =  unentgeltlich und Punkt. Oder Ihr verlangt Eintritt und spendet dann die Tageseinnahmen an die Hans-Rosenthal-Stiftung. Entweder Ihr seid großzügig zu den Badegästen oder zur Stiftung. Beides zusammen geht nicht. Beides zusammen ist kleinlich. 

(*) Es war nicht Hänschen, der im Stadtbad Schöneberg schwimmen lernte, wie ich fälschlich behauptet habe in Stadtbad 3. Hans Rosenthal hat erst als Erwachsener schwimmen gelernt. Als Kind durfte er wegen seiner jüdischen Herkunft das Stadtbad Schöneberg gar nicht betreten und schon gar nicht an einem Schwimmkurs teilnehmen. 

Freitag, 6. Januar 2012

Stadtbad 3



13.36 Uhr. Bild des Tages. Aufgenommen aus dem Vorraum des Bades, durch das bei Kindern so beliebte Beckenfenster, weil man den Leuten von unten beim Schwimmen zusehen kann. Der Fleck in der Mitte ist auf der Scheibe, nicht auf meinem Kameraobjektiv.  


Der rote Schlauch hängt da nur, damit es interessanter aussieht. Mit der Befüllung des Beckens hat er nichts zu tun. Das Wasser wird eingelassen durch die sogenannten Einströmer, die sich am Beckenboden befinden.


Bis 20 Uhr wird heute befüllt. Morgen geht es weiter. Sonntag ist frei. Und bis Montagabend ist es dann geschafft. 72 Stunden dauert es, bis das Becken voll ist. Danach wird das Wasser gechlort und umgewälzt und erst dann nimmt es das schwimmbadtypische Bläulich an. Im Moment ist es noch so, wie wir es geliefert bekommen, sagt Herr Oloew und meint damit: so wie es aus der Leitung kommt.



Und so sieht das Wasser gechlort und geklärt aus im schon seit Wochen eröffnungsbereiten hinteren Teil der Halle, der Kinder- und Erlebnisabteilung mit Rutsche, Ibis im Becken und der Skulptur namens Kai der Hai.



Warum habe ich den Pressesprecher eigentlich nicht fotografiert? Aus Dankbarkeit? Weil er nur meinetwegen nach Schöneberg gekommen ist, um mich reinzulassen ins Hallenbad und herumzuführen? – Matthias Oloew erzählt, dass bei der feierlichen Eröffnung am 20. Januar aus der Autobiografie von Hans Rosenthal vorgelesen werden soll, aus dem Kapitel, in dem er sich erinnert, wie er im Stadtbad Schöneberg schwimmen gelernt hat. Im Februar wird er 25 Jahre tot sein. Und wegen all dem zusammen - Neueröffnung, Jahrestag, Hänschen hat hier schwimmen gelernt - soll das Bad künftig Stadtbad Schöneberg Hans Rosenthal heißen. Mehr Widmung als Benennung. Trotzdem eine schöne Idee von den Berliner Bäder-Betrieben.


Der Mann, der da kommt, ist ein Maschinist, wie mein freundlicher Kassierer sagen würde. Er selbst nennt sich Techniker, ist einer von Vieren, die im Einsatz sein werden, wenn das Bad wieder in Betrieb ist. Im Moment ist nur er da und der Meister. Als ich erzähle, dass ich sie gestern Heizer und Umwälzanlagen-Fahrer genannt habe, da lachen die beiden und meinen, falsch ist das nicht. Aber nach allem, was ich nun höre, ist es völlig falsch. Denn die Badewasseraufbereitungsanlage des Stadtbad Schöneberg ist elektronisch gesteuert (in diesen Tagen wird gerade eine neue Software eingespielt). Mess- und Regeltechniker sind die Maschinisten. Im Leitstand  des Hallenbades wird Prozesssteuerung und Chemie betrieben. Chlorchemie. Immer noch die wirksamste Methode der Badewasseraufbereitung. Von uns grün fühlenden und denkenden Badegästen überhaupt nicht geschätzt. Alleine schon der Chlorgestank! Doch der kommt gar nicht vom Chlor, belehren mich die beiden Techniker. Der kommt von den Chloraminen. – Die entstehen aus der Reaktion des Chlors mit den Spuren des Menschlichen in einem Schwimmbecken. Heißt: Wenn es nach Chlor riecht in einem Hallenbad, riecht es nicht nach Chlor, dann riecht es im Grunde genommen nach Mensch, nach Mensch, der nicht geduscht hat. Mehr dazu, wenn ich ausführlich mit den Technikern sprechen konnte. Wenn das Hallenbad wieder in Betrieb ist. Nach der feierlichen Eröffnung am 20. Januar. Heute in 14 Tagen. Hoffentlich!


Donnerstag, 5. Januar 2012

Stadtbad 2

Der freundliche Kassierer kommt von der Ostseeküste und redet gerne nautisch. Noch bevor ich gestern sagen konnte: Frohes neues Jahr, freundlicher Kassierer! sagte er: Das Becken hat ein Leck. Ich habe mit einem der Maschinisten gesprochen. Das wird nichts am 20. mit der Eröffnung in der Hauptstraße.– Statt ihm zu danken für die Nachfrage bei dem Kollegen, um die ich ihn vor der Feiertagspause gebeten hatte, erzähle ich ihm, dass ich es nicht abwarten konnte und direkt nachgefragt habe bei den Bäder-Betrieben. Pressesprecher Oloew. Kennt er, der Kassierer vom Bad am Sachsendamm, aber er meint: Wenn die Maschinisten von der Hauptstraße sagen, das wird nichts mit der Eröffnung am 20. Januar, dann kann ich das glauben. Tue ich nicht. Maschinisten wissen auch nicht alles. Mit der invasiven Isolation der undichten einbetonierten Rohre hatten sie nichts zu tun, können deshalb auch gar keine Meinung haben, ob die Operation gelungen ist. Reden eben wie Maschinisten reden. Heizer und Umwälzanlagen-Fahrer. Schauen über den Rand ihres Maschinenraums nicht hinaus. Würde ich übrigens zu gerne mal sehen den Maschinenraum des Stadtbad Schöneberg, bevor es abgerissen wird oder umgebaut zu was weiß ich was für einer weiteren Verwendung, nur nichts mit zu viel Wasser darf es sein, weil sie die große Halle einfach nicht dicht kriegen, denn das Becken ist doch nichts anderes als der tiefergelegte Boden der Schwimmhalle. Falsch. So kann man das nicht sagen, das Becken ist eine Sache für sich. Das steht, liegt, hängt – wie ihr wollt – als selbständiges Gebilde im Gebäude. Nicht starr einbetoniert in die Halle, sondern eingelassen mit einer Dehnungsfuge, so dass die Bewegungen des Stahlkonstruktionsgebäudes ausgeglichen werden können und sich Spannungen nicht auf das Becken übertragen und zu Schäden führen. Als der Badetrieb im Stadtbad Schöneberg 1989 eingestellt wurde, war die Begründung: fehlende Standsicherheit des Beckens. Als das Bad nach Umbau und Modernisierung 1999 wieder eröffnet worden war, gab es von Anfang Probleme mit der Dichtigkeit, von denen mein Architektur-Berater meint, dass sie wohl von einer mangelhaften Ausführung der Dehnungsfuge herrührten. Demgegenüber sind Haarrisse in einbetonierten Rohren Kinkerlitzchen. W e n n  die Rohre mit den Haarrissen tatsächlich die Ursache für das Leck im Becken waren. Der Pressesprecher hat mir versprochen, mich anzurufen, damit ich dabei sein kann, wenn das Becken in den nächsten Tagen wieder befüllt wird. Er meinte allerdings, das sei langweilig, weil da nicht viel passiert. Egal. Irgendwas passiert immer. Vielleicht kann ich dann auch gleich einen Kontakt zu den Maschinisten knüpfen und einen Besuch im Maschinenraum mit ihnen verabreden, wenn das Bad seinen Betrieb wieder aufgenommen hat. W e n n  es seinen Betrieb wieder aufnimmt. Es bleibt spannend. Hoffentlich vergisst der Pressesprecher nicht, mich zu benachrichtigen wegen der Befüllung des Beckens. Keine Sorge, ich habe Sie auf dem Film, hat er Anfang der Woche gesagt, als ich ihn anrief, um mich in Erinnerung zu bringen. Ich kann ihn jetzt nicht schon wieder anrufen. Deshalb habe ich diesen Text geschrieben. Damit ich ihm das Link mailen kann, um ihn noch mal zu erinnern. 

Dienstag, 27. Dezember 2011

Stadtbad 1



Warum wurde das Stadtbad Schöneberg nicht wie angekündigt am 19. Dezember und damit rechtzeitig zu den Feiertagen eröffnet? – Weil bei den Vorbereitungen zur Inbetriebnahme ein Schaden an der Bodenplatte des Schwimmbeckens aufgetreten ist.  – Heißt? – 14 Tage nachdem das Becken befüllt worden war, die Umwälzung in Betrieb genommen, Wasserproben entnommen, auf Keimbelastung untersucht, und wie nicht anders zu erwarten vom Labor die Wasserqualität für einwandfrei erklärt worden war, da fing es plötzlich an zu tropfen. In dem Keller, der sich unter dem Schwimmbecken befindet. Nicht stark, aber unübersehbar und so beständig, dass wir gesagt haben: Wir machen nicht den gleichen Fehler wie er 1999 bei der Abnahme gemacht worden ist, wir verlangen vom beauftragten Unternehmen im Rahmen der Gewährleistung, dass die Ursache des Tropfens aufgeklärt wird und dass das Tropfen aufhört. Deshalb Verschiebung der feierlichen Wiedereröffnung auf den 20. Januar 2012.

Wir? – Die Berliner Bäder-Betriebe, größter Betreiber von Hallen-, Frei- und Sommerbädern in Europa, und ich spreche mit Matthias Oloew, dem Pressesprecher der Berliner Bäder-Betriebe. Gegründet 1996, als durch Senatsbeschluss die bisherigen Betreiber der Berliner Bäder, die Bezirke, gezwungen worden waren, ihre Bäder freizugeben zur unternehmerischen Konzentration der über 60 Badeanstalten in den Berliner Bäder-Betrieben. Gezwungen heißt, die Bezirke hätten die Bäder lieber weitergeführt auf eigene Kappe. Und jetzt müssen wir uns einmal vorstellen: Da wird das denkmalgeschützte Hallenbad in der Hauptstraße für 50 Millionen Mark restauriert und modernisiert, ein Riesenprojekt, vom Bezirk Schöneberg in Auftrag gegeben. Leute sind zuständig, die den Bau engagiert begleiten. Engagiert für Schöneberg und seine Bezirksverwaltung, damals noch ohne den Tempelhof-Anhang. Und dann heißt es mitten in den Bauarbeiten, das Bad gehört euch ab jetzt nicht mehr. Aber der Bau bleibt eure Sache. Den habt ihr in Auftrag gegeben, den habt ihr weiter auszuführen und das Gebäude den Bäder-Betrieben schlüsselfertig zu übergeben. Das ist 1999 geschehen und das können wir uns doch denken, dass die Zuständigen vom Bezirksamt vor allem daran interessiert waren, das Projekt schnell loszuwerden und - vielleicht - bei der Abnahme nicht so pingelig waren, wie sie es gewesen wären, wenn das Bad weiter dem Bezirk gehört hätte. Schwimmbäder tropfen nun einmal, werden sie sich gedacht haben. Und im modernisierten Stadtbad Schöneberg hat es von Anfang getropft von der Decke und an den Wänden ist das Wasser heruntergeflossen. Von der Abnahme durch den Bezirk an. Von der Übergabe an die Berliner Bäder-Betriebe an. Zehn Jahre lang hat es getropft. Unter dem Becken, unter der Sauna, von der Decke unter der Galerie vor der Schwimmhalle. Wenn sie oben den Boden feucht aufgewischt haben, ist aus einer Deckenlampe eine Etage tiefer das Wischwasser getropft. Und zehn Jahre später war der gesamte Bau so durchfeuchtet, dass nicht mehr viel fehlte und die Stahlkonstruktion des Gebäudes wäre durchgerostet, und das hätte Abbruch bedeutet.


Man darf aber auch nicht vergessen, dass das Bad zehn Jahre lang mit Höchstlast gefahren wurde, sagt der Pressesprecher. Und es ist eigentlich nicht zu verstehen, warum er das sagt. Denn die hohe Beanspruchung durch die große Zahl der Badegäste ist eine Beanspruchung der Umwälzanlage, aber doch keine Beanspruchung des Gebäudes und seines Zustandes, von dem wir reden, wenn wir vom Tropfen reden. Außerdem hat er es doch gar nicht nötig, irgendetwas zu beschönigen, was vor 1999, also vor der Übergabe des Gebäudes an die Berliner Bäderbetriebe geschehen ist. Das betont Herr Oloew auch immer wieder. Der ganze Pfusch beim Umbau und der Erweiterung des Stadtbad Schöneberg in den 90er Jahren geht ihn und die Berliner Bäderbetriebe nur insofern an, als sie sich mit den Folgen herumzuschlagen haben, für die Ursachen sind sie nicht verantwortlich. Und so scheint es sich auch beim aktuellen Schaden, der tropfenden Bodenplatte zu verhalten. Scheint.

Scheint deshalb, weil es noch nicht erwiesen ist, dass die angenommene und inzwischen – vielleicht – behobene Schadensursache auch tatsächlich die Ursache des Tropfens ist. Das wird sich erst zeigen, wenn das Becken demnächst wieder befüllt wird und wieder 14 Tage vergangen sein werden. Erst, wenn es dann nicht mehr tropft, wird das die Annahme bestätigen, dass die in die Bodenplatte einbetonierten Kunststoff(PE)-Rohre undicht waren. Was für eine Funktion diese Rohre haben – Zulauf? Ablauf? – konnte mir der Pressesprecher nicht sagen, nur soviel: diese Rohre sind unkaputtbar, erstens wegen der Robustheit des Materials, zweitens, weil nichts so materialschonend ist wie Einbetoniertsein. Deshalb kam  bei der Sanierung des Bades seit 2009 auch nie jemand auf die Idee, den Zustand dieser Rohre zu prüfen. Erst vor kurzem, als nach 14 Tagen Beckenbetrieb die  Bodenplatte so durchfeuchtet war, dass es tropfte, kam man darauf, dass das nur an den einbetonierten PE-Rohren liegen kann: dass sie vermutlich Haarrisse aufweisen, durch die Wasser austritt, das sich in der 30 cm dicken Betonschicht ausbreitet.  – Aber wenn die Rohre unkaputtbar sind, woher kommen dann die Haarrisse? – Das ist nur so zu erklären, dass die Rohre schon vor dem Einbetonieren schadhaft waren. Und das ist damals unbemerkt geblieben oder jemand hat es bemerkt und gesagt: Scheiß drauf! – Dazu will sich der Pressesprecher nicht äußern. Denn was vor 1999 war, das geht ihn und die Bäder-Betriebe nichts an und es bringt auch nichts, die Ursachenforschung weiter zu treiben, als es nötig ist, um den Schaden zu beheben. –  Und wie soll das gehen? Die Rohre rausreißen aus der Bodenplatte und erneuern? – Nein, das wäre zu aufwendig, die Mittel dafür würden wir nicht bewilligt kriegen, sagt Herr Oloew. – Also was tun? – Minimal-invasives Vorgehen, wie es in der Humanmedizin heißt. Mit Sonden in die Rohre eindringen, um sie mit einem Inlay auszukleiden und so von innen abzudichten. Das ist bereits geschehen. Zur Zeit trocknen die Inlays und dann wird es spannend. Denn erst, wenn es 14 Tage nach der erneuten Befüllung des Beckens nicht tropfen wird, erst dann ist erwiesen, dass Haarrisse in den einbetonierten Rohren die Ursache waren, und nur dann kann am 20. Januar 2012 feierlich eröffnet werden. 




Fotos: © w.g.

Donnerstag, 22. Dezember 2011

Schaden

Der Kassierer ist nicht mehr da, als ich das Hallenbad verlasse. Keine Abschiedszene vor den Feiertagen und der Woche zwischen den Jahren, in der das Sachsendamm-Bad geschlossen sein wird. Und keine Gelegenheit mehr, ihn zu fragen, ob er mir einen Kontakt zu dem Kollegen aus der Hauptstraße machen kann, von dem er das gehört hat mit der Absenkung des Beckenbodens im Stadtbad Schöneberg. In zwei Jahren Bauarbeiten nicht bemerkt, erst bei den Vorbereitungen zur Inbetriebnahme festgestellt. Und dann wollen die am 20. Januar öffnen? Bis dahin es hinkriegen, den Beckenboden anzuheben und zu stabilisieren? Wenn sie es überhaupt hinkriegen. Wie macht man denn das, Bernd? – An den richtigen Stellen Löcher bohren und Beton reingießen, sagt der ehemalige Architekt. – Doch so einfach ist das bestimmt nicht, wie es sich anhört. Alleine schon das Finden der richtigen Stellen; von detektivischer Spürarbeit ist die Rede in einer Meldung auf BerlinOnline. Sonst nichts zu dem Thema im Internet. Die Lokalpresse interessiert das nicht. Dabei ist es doch eine Riesengeschichte. Nach allem, was bisher geschah (50 Millionen Euro verknallt bei der Pfusch-Modernisierung des Hallenbades in den 90er Jahren), nun erst kurz vor Inbetriebnahme einen so gravierenden Schaden festgestellt: eine Absenkung des Schwimmbeckens! – Der Kollege des Kassierers ist krank, sonst hätte er ihn noch mal fragen können. Jetzt muss erst mal die Feiertagsagonie überstanden werden und am 2. Januar weiß er dann mehr, sagt der Kassierer. Auf die Idee, den Kollegen zu Hause anzurufen kommt er nicht. So gut kennen sie sich nicht? So wichtig ist es ihm nicht wie mir. Deshalb wollte ich einen direkten Kontakt zum Kollegen oder wenigstens einen Tipp vom Kassierer, wen ich ansprechen könnte in der Verwaltung der Berliner Bäder-Betriebe. Auf die Idee, dass die eine Pressestelle haben mit einem Pressesprecher, komme ich nicht. So habe ich die Berliner Bäder-Betriebe bislang nicht wahrgenommen aus meiner Badegast-Perspektive, da habe ich immer nur eine betuliche Truppe in kurzen Hosen und Badelatschen gesehen und so idyllisch habe ich mir auch das Management der BBB vorgestellt. Aber was heißt schon Management? Und dann auch noch Pressesprecher?

Dabei, wo gibt es nicht überall Pressesprecher! Ist mir diesen Sommer klar geworden, als ich einen vor mir sitzen hatte. Name der Institution, bei der er arbeitet, kleinere Einrichtung als die Berliner Bäder-Betriebe, spielt keine Rolle. Darf keine Rolle spielen. Denn, was hat er für einen Aufstand gemacht, als ich ihn mit einem Satz zitiert habe, in dem er sich selbst als Pressefuzzy bezeichnete. Auf keinen Falle dürfe ich das schreiben. Er habe nicht nur Freunde in der Institution und seine Feinde warteten nur auf so was, um ihn abzusägen. – Weil er seine Stelle mit Pressefuzzy beschrieben hat? - Der entspannte große Macker am  Zittern und Bibbern um seinen Job. Nichts als ein kleiner Hosenscheißer hinter der Fassade von Souveränität? Oder geht es so rau zu in solchen Institutionen? Was weiß denn ich, was für ein Krieg da tobt um die gesicherten Einkommen. Ich habe keins. Keine Ahnung habe ich. Und deshalb habe ich mir überlegt, dass ich den Pressesprecher der Berliner Bäder-Betriebe  mal fragen könnte: a) ob er sich selbst schon einmal salopp als Pressefuzzy bezeichnet hat und b) ob er fürchten würde, dass ihm das in seinem Laden Nachteile verschafft, wenn es ruchbar würde, dass er sich in einem Gespräch mit einem Blogger als Pressefuzzy der Berliner Bäder-Betriebe bezeichnet hat. Wenn sich die Gelegenheit dazu noch einmal ergeben sollte, frage ich ihn das. Heute ist es mir zu spät eingefallen, dass ich damit ein  seltsames Vorkommnis aus dem Sommer klären könnte. Ende Abschweifung. 

Pressesprecher der Berliner Bäder-Betriebe ist Matthias Oloew. Dass es ihn gibt, seinen Namen und seine Telefonnummer habe ich herausgefunden, als ich vergeblich ein Organigramm auf der Website der BBB gesucht habe, um einen Ansprechpartner für meine Fragen zum neuesten Gebäudeschaden im Stadtbad Schöneberg zu finden. In einem knapp 15minütigen Gespräch hat er mir alle meine Fragen beantwortet, bis auf eine, die ich mir mit seiner Hilfe selbst beantworten konnte. Ich weiß jetzt, was für ein Schaden das ist, der erst kurz vor der Inbetriebnahme entdeckt wurde und gar nicht früher entdeckt werden konnte. Und ich habe eine Vorstellung davon, wie es zu dem Baudebakel gekommen ist, das in den 90er Jahren im denkmalgeschützten Gebäude des Stadtbad Schönebergs angerichtet wurde. 

Mehr demnächst. Vorweg: Dass der Boden des Beckens sich abgesenkt hat, stimmt nicht.

Montag, 19. Dezember 2011

Bodenplatte



Wir hätten es uns denken können, dass nichts daraus wird, wenn wir uns nicht so sehr darauf gefreut hätten, dass es heute wieder öffnen sollte: das Hallenbad in der Hauptstraße. Gestern,  nur um ganz sicher zu gehen, letzten Endes aber nur zur Steigerung der Vorfreude, auf der Berliner Bäder-Website nachgeguckt und es nicht fassen können: 


© Berliner Bäder-Betriebe

Heute Nachmittag keine Bautätigkeit zu erkennen von außen. Wie durch die verschlossene Eingangstür zu sehen, kein Wasser im Becken. Die Bodenplatte! Wüsste gerne Genaueres, was es mit der auf sich hat. Auch wegen der Einschätzung des 20. Januar-Termins. Aber es war niemand zu sehen, den ich hätte fragen können. Ohne zusätzliche Informationen denke ich: Das wird auch am 20. Januar nichts.

Also weiter Sachsendamm. Da heute keine verschlossene Tür. Da der freundliche Kassierer, der uns erklärt: Umwälzpumpe ausgefallen, die Kohlefilter geplatzt, die Filterkohle im Wasser, das Wasser schwarz wie Tinte. Kein Badebetrieb möglich, weil die Schwimmmeister nicht auf den Grund des Beckens sehen können im Fall, dass einer von uns von dort nicht mehr hochkommt. Der Kohlestaub im Wasser ein Sicherheits-, aber kein hygienisches Problem. Die Wasserqualität wäre gut genug, es hätte uns bestimmt auch gefallen, in der kohlrabenschwarzen Brühe zu schwimmen, aber die Schwimmmeister müssten dann in der Lage sein, jeden einzelnen Schwimmer im Auge zu behalten und zu beobachten, ob er den Kopf nicht zu lange unter Wasser hat. Wenn die reparierte Pumpe durchhält, ist morgen das Wasser wieder klar. Wir sollen ihn sicherheitshalber vorher anrufen, bevor wir uns morgen Früh auf den Weg zur Schwimmhalle machen, sagte der Kassierer. Vom neuesten Bauschaden in der Hauptstraße hat er erst durch mich erfahren. Bestimmt wird er im Laufe der Woche von seinen Kollegen zusätzliche Informationen bekommen. Bin gespannt. Bleibe dran. 

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Blut

Wie ich drauf kam, weiß ich nicht mehr. Kleists Grab am Kleinen Wannsee, wo er erst Henriette Vogel und dann sich erschossen hat. Als sie gefunden wurden, er kniend vor der am Boden liegenden Frau, mit der er in keinem Liebesverhältnis gestanden hatte. Sie unheilbar krank, er mit der Begründung gestorben, dass ihm auf Erden nicht zu helfen war. Kleists Grab. Da bin ich nie gewesen. Da könnte ich mal hin, das fotografieren und dann stelle ich das Foto in den Blog zusammen mit der Textstelle aus Prinz Friedrich von Homburg, die sicher pathetisch, abgehoben ist, aber auch so schön preußisch bodennah. Erkläre ich das dann mit den zwölf Kugeln, dass das die zwölf Kugeln eines Erschießungskommandos sind, bestehend aus 12 Mann? 6.45 Uhr. Fußgängerampel an der Stadtautobahnausfahrt zum Sachsendamm. Da weiß ich schon, dass ich das natürlich nicht machen werde: das Foto und es posten und die Liebeserklärung der Prinzessin Natalie dazu stellen. Alleine schon die Idee: mein Beitrag zum Kleist-Jahr. Bloß nicht! Und wenn, dann ohne Foto, und dann auch nicht Und bohrten gleich zwölf Kugeln dich jetzt in Staub … (*) , wenn, dann die Anekdote mit den zwei Boxern, der eine aus Portsmouth, der andere aus Plymouth (**) – Baxer schreibt er, nicht Boxer. Habe ich mal auswendig gelernt, nicht, weil ich musste, weil ich es wollte, aber längst wieder vergessen. 

Und? Haben wir es gestern nicht noch gesagt? – Das ist der freundliche Kassierer des Hallenbads. Gut gelaunt. Strahlend. Doch bestimmt nicht, weil die Notenbanken seit gestern den Finanzmarkt mit Dollars fluten. Aber darauf spielt er an mit seiner ironisch gemeinten Frage und ganz unironisch sind wir uns beide einig,  dass das den Crash allenfalls hinauszögert, aber es verhindert ihn nicht. Ich merke, er will Blut sehen. Wie ich. Und jetzt weiß ich auch wieder, wie ich auf das Grab von Kleist gekommen bin. Auf dem Weg zum Hallenbad habe ich mir heute Morgen überlegt, dass ich mich alleine schon deshalb nicht umbringen werde, weil es zwei Leute gibt, die ich überleben möchte, ich könnte auch sagen: verrecken sehen will. –  Personen aus dem öffentlichen Leben? – Nein, aus meinem Leben. – Frauen?  –  Beide Männer. –  Rache? –  Genugtuung. Ohne sadistische Phantasie, nichts von wegen: ich wünsche dir einen langsamem qualvollen Tod. So bin ich nicht. Ich will nur, dass die sterben, während ich noch lebe. Und deshalb kann ich mich jetzt nicht umbringen und während ich durch die Dominicusstraße gehe Richtung Sachsendamm, spiele ich mit dem Kalauer rum: Alles, was mich noch im Leben hält, ist das Frühstück und sind die zwei Leute, die ich sterben sehen will, bevor ich selbst sterbe. Von da komme ich auf Heinrich von Kleist, den nichts gehalten hat, dann auf sein Grab und was daraus wird, ist meine typische frühmorgendliche Gedankenflucht auf dem Weg zum Hallenbad, die jedes Mal damit endet, dass ich dem freundlichen Kassierer gegenübertrete, ihm 2 Euro 50 für den Eintritt gebe und er hält mir dann den Kassenbon hin, von dem er genau weiß, dass ich ihn nicht haben will. Noch nie hat es eine dieser Gedankenfluchten in den Blog geschafft, obwohl ich jedes Mal überzeugt davon bin, dass ich das später posten werde, was ich da auf dem Weg zum Hallenbad ausbrüte, aber es ebenso gut lassen könnte, denn spätestens in der Umkleide kann ich nur den Kopf schütteln darüber, und wenn ich ins Wasser gehe, habe ich es meistens schon vergessen. Nur heute nicht und deshalb gibt es zweimal Heinrich von Kleist: 

(*)
Natalie.
... Und bohrten gleich zwölf Kugeln
Dich jetzt in Staub, nicht halten könnt ich mich,
Und jauchzt und weint und spräche: du gefällst mir!

Heinrich von Kleist, Prinz Friedrich von Homburg

(**)
Zwei berühmte englische Baxer, der eine aus Portsmouth gebürtig, der andere aus Plymouth, die seit vielen Jahren von einander gehört hatten, ohne sich zu sehen, beschlossen, da sie in London zusammentrafen, zur Entscheidung der Frage, wem von ihnen der Siegerruhm gebühre, einen öffentlichen Wettkampf zu halten. Demnach stellten sich beide, im Angesicht des Volks, mit geballten Fäusten, im Garten einer Kneipe, gegeneinander; und als der Plymouther den Portsmouther, in wenig Augenblicken, dergestalt auf die Brust traf, daß er Blut spie, rief dieser, indem er sich den Mund abwischte: brav! – Als aber bald darauf, da sie sich wieder gestellt hatten, der Portsmouther den Plymouther, mit der Faust der geballten Rechten, dergestalt auf den Leib traf, daß dieser, indem er die Augen verkehrte, umfiel, rief der letztere: das ist auch  nicht übel –! Worauf das Volk, das im Kreise herumstand, laut aufjauchzte, und, während der Plymouther, der an den Gedärmen verletzt worden war, tot weggetragen ward, dem Portsmouther den Siegsruhm zuerkannte. – Der Portsmouther soll aber auch Tags darauf am Blutsturz gestorben sein.

Montag, 17. Oktober 2011

Frühschwimmen

Mir gegenüber stehen fünf junge Männer und duschen, ohne ihre Badehosen auszuziehen. Die Badehosen sind grotesk schmale Badehosen, die Sportkleidung von Wasserballspielern. Die Wasserballer haben trainiert zwischen 7 und 8 Uhr im abgegrenzten hinteren Teil des Schwimmbeckens des Hallenbads am Sachsendamm. Einer wäscht sein Genital in der Badehose. Es wird von Mathematik geredet. Sind sie alle noch Schüler oder nur einer von ihnen?  Ein anderer nimmt jetzt sein Genital aus der Badehose, schwenkt es auf und ab und hantiert so übertrieben lange daran herum, dass es mit Waschen nichts mehr zu tun hat und ich mir das nur so erklären kann: er hat bemerkt, wie ich die Verschämtheit seiner Sportskameraden beobachtet habe und will mir nun das Gegenteil beweisen. Anschließend kriege ich noch mit, wie sich einer der Wasserballspieler anzieht, weil er das im gleichen Kabinengang tut wie ich. Er ist ein dicklicher, aber nicht fetter junger Mann, der drei verschiedene Kosmetikprodukte benutzt, eines in einer Dose, zwei in Plastikflaschen, eines stark riechend, aber nicht unangenehm. Er hat einen kleinen Föhn dabei, doch er geht dann kurz weg, um einen Haubenföhn zu benutzen. Als er zurück kommt, hat er seidiges, welliges Haar und sieht sehr gepflegt aus. Er zieht ein blau-weiß-gestreiftes Hemd mit Kragen an und legt ein dunkles Sakko bereit, das er darüber tragen wird. Aus dem benachbarten Kabinengang fragt ihn einer: Was arbeitest du eigentlich zur Zeit? Er gibt darauf eine Antwort, die ich nicht verstehe. Es könnte sein, dass er irgendetwas Organisatorisches im Filmgeschäft macht. Einer der Sportskameraden im benachbarten Kabinengang will wissen, ob jemand mit ihm zum S-Bahnhof Schöneberg geht. Und wenn ich mich nicht entschließen sollte, montags nicht mehr ins Hallenbad am Sachsendamm zu gehen, dann werden die jungen Männer in den nächsten Wochen zu alten Bekannten und bestimmt kriege ich dann auch raus, was der sehr gepflegte junge Mann beruflich macht, obwohl es mich gar nicht interessiert und es mir lieber wäre, ich hätte ihn nie kennengelernt. Denn erst haben wir unseren Augen nicht getraut, als die fünf Wasserballer um kurz vor 7 Uhr anrückten und ein Wasserballtor im hinteren Teil des Beckens aufstellten, um gleich darauf mit dem Training zu beginnen. Mit der Folge, dass uns Frühschwimmern nur noch der vordere Teil des Beckens blieb und es dort zu einem Gedränge kam, wie es das von heute an jeden Montag geben wird, weil im anderen Teil des Beckens die fünf Wasserballer trainieren; vielleicht waren es auch sechs. Darüber konnte selbst der so gelassene ältere sächsische Herr nur den Kopf schütteln, wie schlecht sie uns Frühschwimmer behandeln in diesem Hallenbad, indem sie in den gerade mal zwei Stunden, die sie uns gewähren, nun auch noch montags die Nutzung des Beckens beschränken. Und am Donnerstag kommt der Typ mit dem Megaphon, der mit seinem Schwimmkurs fünf Bahnen belegt, freitags gibt es kein Frühschwimmen und samstags nur, wenn an dem Tag kein Wasserballspiel stattfindet. Die jungen Männer mit den schmalen Badehosen können dafür natürlich nichts, aber vielen Frühschwimmern ist es heute Morgen schwer gefallen, sie mit Sympathie zu betrachten.

Sport- und Lehrschwimmhalle Schöneberg
Öffnungszeiten
Mo  6.00 -   8.00
Di   6.00  -  7.45  
Mi  6.00  -  7.45
Do  6.00  -  8.00
Fr  Kein öffentlicher Betrieb
Sa   7.00  - 12.00
So  Kein öffentlicher Betrieb
Sachsendamm 11
10829 Berlin
780 98 30

Freitag, 16. September 2011

Frage

Die Dusche in der Ecke hat als einzige eine Sichtblende. Stammplatz des kleinen Herrn und von Ruven. Der ist in Kur. Der kleine Herr ist seit Dienstag aus Lanzarote zurück. Braungebrannt und drei Wochen konnte er nicht schwimmen, weil ihm das Meer zu kalt war. Nur 20 Grad. Wassertemperatur im Stadtbad Wilmersdorf 27 Grad. Als ich aus der Schwimmhalle komme, trocknet der kleine Herr sich gerade ab. Er deutet auf die Dusche in der Ecke: Ist frei. – Sehe ich, aber mein Platz ist hier, antworte ich und deute auf eine der Duschen neben der Dusche mit der Sichtblende. – Er: Ich wollte Sie reinlegen. Die ist nämlich kaputt. – Abschied vom kleinen Herrn. Mann kommt aus der Schwimmhalle, stellt sich unter die Dusche in der Ecke. Kein Wasser. Fluchen: Was haben die Schweine da wieder gemacht? Alles Kommunisten! – Mitte, Ende 60 der Mann. Kurze graue Haare. Seine Schwimmbrille hochgeschoben auf die Stirn. Kräftige Schultern, dicker Bauch, aber nicht fett. Blaue Badehose (sportliche Slipform). Was sind Sie denn für einer? sage ich, als er an mir vorbeigeht und mich anguckt. Keine Antwort. Natürlich nicht. Idiot! -  Paar Minuten später, als ich mich gerade abtrocknen will, steht er auf einmal vor mir. Schwimmbrille in der einen Hand, Badehose in der anderen. Nackt steht er vor mir und sagt: Wenn es eine Schwulenpartei gäbe, würde ich die wählen. – Ich blicke auf sein kleines Genital und habe keine Ahnung, worauf er hinaus will. Sind Sie schwul, frage ich. – Er: Ja. – Ich: Na dann, Herzlichen Glückwunsch. Ich nehme mein Handtuch und meine anderen Sachen und wir verlassen zusammen den Duschraum. Er: Piratenpartei kann ich nicht wählen, weil ich nicht weiß, was die wollen. – Denen geht es um Freiheit im Internet, sage ich. Oder geht es ihnen darum, dass es überall so viel Freiheit geben soll wie im Internet? Ich weiß es auch nicht, worum es der Piratenpartei geht. Egal. Dem Mann ging es darum, meine Frage zu beantworten, was er für einer ist; das mit der Piratenpartei war dann nur noch Smalltalk. Trotzdem ärgert es mich, dass ich, statt die Klappe zu halten, Unsinn geredet habe. Und als ich zu meinem Spind komme, bemerke ich, dass mein Handtuch immer noch zusammengelegt ist und ich vergessen habe, mich abzutrocknen.

Donnerstag, 4. August 2011

Särge

Die Beklommenheit weggeschwommen. Dafür reichte eine knappe Stunde. Scheußlich war es trotzdem. Der graue Himmel lässt die Anlage des Freibades in der Forckenbeckstraße noch schäbiger aussehen - und die Gegner im Becken noch furchterregender. Ein Gegner ist eine Art Oberregierungsrat, aber das sage ich ihm nicht; wortlos weiche ich ihm jedes Mal aus, wenn er vor mir auftaucht mit seiner dunkelbraun gebrutzelten Glatze. Ein anderer ist gar kein richtiger Gegner, es tut nur weh allein schon beim Hinsehen, was der Mann sich antut mit seinem Gezappel. An Verbündeten waren heute da: die preußische Gräfin, die ab jetzt Helga heißt; nach vier Jahren haben wir uns endlich bekannt gemacht. Und: der Mann mit dem schönen Namen. Vorname Peter plus Nachname eines Mitglieds der Mannschaft, die 1954 in Bern Fußball-Weltmeister wurde. Der Nachname ist nicht Turek oder Walter und auch nicht Eckel oder Liebrich. Eines Tages werde ich ihm von meinem Blog erzählen und ihn fragen, ob ich ihn namentlich darin erwähnen darf. Heute hat er mir beim Duschen eine detaillierte Beschreibung des Weges zum Hallenbad in der Seydlitzstraße gegeben, dann aber gemeint, das werde wohl nichts nützen, weil ich mich in der Gegend (Tiergarten) bestimmt nicht auskenne. – Ein bisschen schon, habe ich gesagt. Ich habe mal vor sehr langer Zeit in der Rathenower Straße gewohnt. Wenn auch nur kurz. Ich war froh, als ich da wieder weg war. – Nun musste ich erklären, warum. – Warum? Weil da so viele alte Leute lebten und es gab auch tatsächlich an jeder dritten Ecke ein Geschäft mit Särgen. – So war es. Aber ich hatte es noch nicht ganz ausgesprochen, da habe ich gemerkt, wie daneben diese Bemerkung war. Denn erstens ist es nicht mehr lange hin, dann bin ich selbst nicht mehr ein älterer, sondern ein alter Mann. Und zweitens ist der Mann mit dem schönen Namen jetzt schon ein alter Mann und damit noch näher bei den Särgen als ich. Was ihm allerdings nicht anzusehen ist. Bevor ich es erfahren habe, dass er schon deutlich über 70 ist, habe ich ihn für Ende 50, Anfang 60 gehalten. Das liegt an seinem Gesichtstyp (jungenhaft), vor allem aber wohl daran, dass er jeden Tag eine Stunde schwimmt – seit seinem elften Lebensjahr! Damals hat er mit seinen Eltern in der Bergmannstraße gewohnt und ist jeden Tag mit dem Fahrrad zum Olympiastadion-Bad gefahren zum Schwimmen oder Wasserballtraining. – Er hat dann meine Bemerkung überspielt, indem er meinte, in der Nähe großer Krankenhäuser gäbe es auch auffallend viele Sarggeschäfte. Und hinterher habe ich mir einzureden versucht, dass er sich vielleicht weniger nah bei den Särgen fühlt, als ich es tue, und ich mich mit meiner groben Bemerkung mehr getroffen habe als ihn.

Keine Rückmeldung von der Künstlerin mit dem Atelier in Pankow. - Panikdenken: Woher kriege ich Bilder für den Blog, wenn mir die KünstlerInnen ausgehen? – Antwort: Ich brauche einen Fotoapparat. Bilder heute wären gewesen:

Bild 1
Zwei Pfirsiche aus Brandenburg. - Mit dem Betreff: Pfirsich-Alarm hat die gute Caty Schernus mir gestern gemailt, dass sie zwei Pfirsiche für mich zurückgelegt hat. Nur 15 Stück hat sie gehabt (wegen der Frostnächte während der Pfirsichbaumblüte). Kommen Sie am besten gleich morgen vorbei, damit sie nicht zu weich werden, hat sie geschrieben und heute habe ich mir die beiden kostbaren Früchte abgeholt und mich herzlich bedankt. 

Bild 2
Blick durch ein Souterrainfenster auf einen Tisch, auf dem ein Rost mit einem Bügeleisen steht. Leuchtendes Kontrolllämpchen. Bügeleisen eingeschaltet. Der Schneider so leichtsinnig oder so vergesslich oder so gelassen, dass er sein Bügeleisen nicht ausgeschaltet hat, als er kurz mal wegging. Oder er ist da und gerade mit etwas beschäftigt, bei dem er nicht gestört werden will. Oder er reagiert nicht auf mein zweimaliges Läuten, weil er mich nicht reinlassen will; er hat ja auch auf meine AB-Nachricht (Ich habe etwas mit dir vor!) nicht reagiert mit Rückruf. Aber wie soll er wissen, dass ich es bin, der läutet? Das kann er doch aus seinem Souterrain gar nicht sehen, dass ich vor der Haustür stehe. Was mache ich jetzt? Ihn streichen von der Liste der Leute, die mich interessieren?  Oder abwarten, bis sich das wieder gelegt hat mit meiner Panik, dass ich keine Gesprächspartner mehr finde für meinen Blog – und dann wird es vielleicht eine ganz einfache Erklärung dafür geben, dass der Schneider nicht reagiert hat, auf die AB-Nachricht nicht und nicht auf mein Läuten. – Was mache ich, wenn ich keine Gesprächspartner mehr finde für meinen Blog? - Dann war´s das mit Dialog-Blog? Dann war´s  das mit Biest  z u  Biest?  Dann schreibe ich nur noch über mich selbst? – Hast du jemals etwas anderes gemacht? –  Dann rede ich mit mir selbst. – Vergiss die Leser nicht. – Dann führe ich einen Dialog mit den Lesern und dazu schalte ich die Kommentarfunktion wieder ein. – Die du abgeschaltet hast, weil niemand sie genutzt hat. – Ich könnte einfach mal Ferien machen und nur über mich schreiben. – Dir frei nehmen von den Leuten. – Wie soll das gehen? – Keiner wird´s merken.

Samstag, 18. Juni 2011

Feigling

Menschenscheu war gestern. Selbst, wenn ich so weiter machen wollte, heute würde es mir nicht gelingen. Denn heute sind alle so kommunikativ. Und die hässlichen Menschen sind alle zu Hause geblieben, sitzen hinter ihren zugezogenen weißen Vorhängen und grämen sich. Insiderwitz.

Im Hallenbad am Heidelberger Platz wurden vor drei Wochen bei einer Routinekontrolle Legionellen in der Männerdusche entdeckt. Seither sind nur noch vier Warmduschen in Betrieb, mit Duschköpfen versehen, die mit Ultrafiltermembranen ausgestattet sind. Inzwischen sind auch die Kaltduschen abgestellt, was bei den sich um die Warmduschen drängenden Badegästen heute Morgen Verwunderung ausgelöst hat, denn Legionellen gedeihen nur bei Wärme. Ist doch so, oder? – Natürlich ist das so. - An den vorhergehenden Tagen war das Bad geschlossen. Desinfektionsmaßnahmen, nachdem bei einer  Prüfung vor vier Tagen wieder Legionellen gefunden worden waren, - Ich muss es anders erzählen. Samstags öffnet das Bad erst um 7 Uhr. Kurz nach 7 treffe ich ein und es kommt mir ein alter Herr entgegen, der das Gebäude eilig verlässt.  – Badehose vergessen zu Hause? Oder ist ihm übel geworden? Oder ist er schon durch? Öffnen Sie jetzt Samstags früher? frage ich den Mann an der Kasse. – Tun sie nicht. Aufklärung beim Ausziehen in der Umkleide, wo ich ein Gespräch belausche, das einen Kabinengang weiter geführt wird. Es geht um den Legionellenbefall, der nach neuesten Erkenntnissen immer noch besteht. Und als der Augustin (Name erfunden) das gehört hat, da hat er sich sofort wieder angezogen und ist geflüchtet.  - Jetzt ist das auch geklärt, denke ich zufrieden. Dann denke ich noch, Feigling (Witz), und als ich die Halle betrete, freue ich mich, dass es noch mehr Feiglinge zu geben scheint. Denn heute war es im Becken so wie es immer sein sollte. Platz genug für alle. Und das waren nicht so viele.

Gleichmut
Dabei hätte ich allen Grund, mich auch zu fürchten, da ich mich seit letzter Woche unerklärlich schlapp fühle. Körperlich träge, geistig matt. Kein Antrieb. Kein Mumm. Ich kann alles machen, was ich will, aber mir fehlt der Schub, sage ich zu einem anderen Mann, den ich treffe, als ich zwei Tüten schleppend vom Einkaufen zurück komme. Er sagt, dass es ihm genauso geht. Auch seit ungefähr vierzehn Tagen. In dem Moment kommt eine gern gesehene Frau hinzu (Anonymisierung der Leute, die bei mir im Haus wohnen). Ich begrüße sie und erkläre, dass vor ihr zwei schlaffe Männer stehen. Darauf sie: Ihr Mann fühlt sich auch schwach, und das weitere Gespräch ergibt, auch ungefähr seit vierzehn Tagen. – Das ist gut zu hören, dass nicht nur ich angeschlagen bin. Andererseits ist es rätselhaft und Rätsel mag ich nicht. Bis jetzt hatte ich nämlich geglaubt, ich müsste einfach nur meinen Zigarettenverbrauch einschränken und heute wollte ich damit beginnen. Aber die beiden anderen Männer sind Nichtraucher. Und da mitten im Juni von Frühjahrsmüdigkeit keine Rede mehr sein kann, kommt als laienhafte Erklärung für unsere Schwäche nur in Frage: Irgendein Virus. Oder EHEC?! Inzwischen sogar nachgewiesen in einem hessischen Gewässer (Bach). Kein Virus, ein Bakterium. Das durchseucht jetzt gerade sukzessive die gesamte Population und wir drei Männer sind in der glücklichen Lage, dass die Infektion bei uns nur einen milden Verlauf nimmt und sich nicht äußert in einer Darmproblematik, sondern nur mit unerklärlicher Schlappheit und bei mir dazu noch mit einem für mich untypischen Gleichmut, der dazu führt, dass ich mir weiter keine Gedanken mache, sondern nur laienhaft rumspinne und diesen langweiligen Text schreibe. Denn wie gesagt, ich kann alles machen, was ich will, es fehlt mir nur der Schub.  

Kinderreichtum
Als ich mich dem Kaiser-Kiosk nähere, überlege ich, was ich auf Hilas Frage, wie es mir geht, antworten werde. Da das körperliche Befinden schon besprochen ist, will ich mich zum Allgemeinzustand äußern und sage: Gar nicht so schlecht. Betone dabei das so und füge hinzu: Aber es fehlt etwas. – Zigaretten? fragt sie verschmitzt. Obwohl ich ihren kleinen Humor mag, lache ich nicht und sage, was fehlt: Begeisterung. Freude auf etwas. Was sonst noch fehlt, verschweige ich; denn dazu kennen wir uns nicht gut genug. – Sie versteht auch so, was ich meine, und ich frage sie nun, wie es ihr geht. - Mir tut heute alles weh, antwortet sie und in dem Moment ist ihr das auch anzusehen. Dieser Eindruck verliert sich allerdings schnell, als wir auf ihre Familie zu sprechen kommen, nachdem ich sie gefragt habe, ob sie am Abend wieder mit ihren Schwester ausgehen wird (nein, sie wird den Neffen besuchen, der heute Geburtstag hat) und mich neugierig erkundige, wie viele Schwestern sie hat. – Mit ihr zusammen sind sie sechs Schwestern und dann gibt es noch einen Bruder. Der ist das jüngste der sieben Kinder. 12 Jahre alt. - Gehätschelt und verwöhnt von den Schwestern wahrscheinlich. – Er ist der Prinz, wird es auch immer sein, und er wird immer frecher, sagt Hila stolz. – Das wievielte Kind ist sie? – Die zweitjüngste Tochter. – Ohne dass ich sie danach gefragt habe, erklärt sie mir nun, wie es zu dem Kinderreichtum ihrer Familie gekommen ist. In türkischen Familien, sagt sie, gilt es als Makel, wenn ein Paar es nicht schafft, einen Sohn zu bekommen. - Verstehe. Da haben Ihre Eltern so lange weiter gemacht mit dem Kinderkriegen, bis endlich der gewünschte Sohn kam. - Die arme Mutter. Die hatte nämlich, wie Hila erzählt, nicht mehr als zwei Kinder haben wollen. Und dann kamen die Töchter. Als vorletzte Hila. Gut, dass es so lange gedauert hat mit dem Sohn.

Donnerstag, 28. April 2011

Marxismus

Abschiedsstimmung im Hallenbad heute Morgen. Einen schönen Sommer, wünscht der Kassierer. – Lassen Sie uns das mit dem Weinen am Samstag machen, sage ich. Da komme ich noch mal. – Danach ist bis Herbst am Sachsendamm für uns Frühschwimmer geschlossen. Wohin dann nächste Woche? Prinzenbad hat geöffnet ab dem Wochenende. Ist mir zu weit weg. Und bei den für Anfang nächster Woche vorhergesagten 12 Grad Lufttemperatur ist es mir auch noch zu kühl fürs Freibad. Also Hallenbad am Heidelberger Platz. Und ab Mitte Juni das malerisch heruntergekommene Freibad in der Forckenbeckstraße. Bei der Gelegenheit: Wann öffnet eigentlich das Hallenbad in der Hauptstraße wieder? – Im Herbst, sagt der Kassierer. - September?  - Sieht so aus. - Sicher? - Der Kassierer muss es wissen. Er meint, ja. - Hey! Natürlich nichts im Vergleich zum Sportbad am Sachsendamm. Aber dort im Stadtbad Schöneberg hat es angefangen. Mit ihr. Dort hatten wir - ich mit ihr - unsere glücklichste Zeit. Bis das Bad im Sommer vor zwei Jahren geschlossen wurde, weil das Wasser durch die Decken lief und der Rost schon begann sich durch die kühne Stahlkonstruktion aus den 30er Jahren zu fressen. Nun stehen die aufwendigen Sanierungsarbeiten kurz vor dem Abschluss und während ich noch einmal in einen Sonnenaufgang am Sachsendamm schwimme, habe ich einen Tagtraum von einem kommenden frühen Morgen im September: Es ist der erste Tag, an dem das Stadtbad Schöneberg wieder geöffnet hat. Frühschwimmen. Ich sitze am Beckenrand, kneife die Augen zusammen, weil mich das schräg einfallende Sonnenlicht blendet und fiesele die Gummibänder meiner Schwimmbrille auseinander. Da sehe ich aus dem Augenwinkel eine vertraute Gestalt sich am Beckenrad niederlassen: Sie. Wie sie nun ihre Beine übereinander schlägt und sich die Haare zusammenbindet. – Falsch. Nicht die Haare zusammenbindet. Nicht mehr nötig, da sie inzwischen kurze Haare hat. Also: Sie, wie sie ihre Badekappe über ihre kurzen Haare zieht und dabei zu mir herschaut. Mir zulächelt, was sie noch nie gemacht hat. Und ich lächle zurück und sage Hallo, was ich auch noch nie gemacht habe. Was wir nun aber machen – uns anlächeln und Hallo sagen, weil wir uns nach mehr als zwei Jahren wiedersehen an dem Ort, an dem wir uns eine Zeit lang mehrmals die Woche begegnet sind. – Ich betrachte sie von der Seite und sage: Wie schön, das wieder zu sehen. – Was? fragt sie. – Sage ich Sie oder Du? Ich glaube, ich sage Sie und werde mich später darüber wundern, dass ich sie gesiezt habe. Und ich werde hinterher froh sein, dass ich nicht zu ihr gesagt habe, was ich immer wieder gedacht habe, wenn ich sie am Beckenrand stehen oder sitzen sah, angestrahlt vom schräg einfallenden Sonnenlicht, und es nicht fassen konnte, weil es einfach zu viel war, und dann jedes Mal mich an den Satz erinnert habe: Wer sie im Sonnenlicht sah, der sah den Marxismus sterben. (*) Dieser Satz ist mir auch jetzt wieder durch den Kopf gegangen, Aber er ist nicht von mir und romantische Verklärung hat mir kein Glück gebracht. Bei ihr nicht und überhaupt nicht. Deshalb sage ich einfach nur:  Es ist schön, das wieder zu sehen, wie sie Ihre Beine übereinander schlagen und wie Sie sich ihre Badekappe aufsetzen. – Ach ja? sagt sie darauf. Ich lasse mich von ihrem schnippischen Ton nicht irritieren und sage dann noch: Nur ihre Haare können Sie sich jetzt nicht mehr zusammenbinden. Aber es war eine sehr gute Idee, dass Sie sich die langen Haare abgeschnitten haben. Die kurzen Haare passen zu Ihnen. – Da lächelt sie, nicht auszumachen, ob geschmeichelt oder so, als würde sie noch mal sagen: Ach ja? und dann gleitet sie ins Wasser und schwimmt los. Von da an sehen wir uns wieder zwei-, manchmal dreimal die Woche, wir werden uns grüßen, miteinander reden oder auch nicht, wir werden uns kennenlernen oder auch nicht. Doch gleich, wie es kommt, wir werden nie, mit keinem Wort erwähnen, was in der Zwischenzeit war, während das Stadtbad Schöneberg geschlossen hatte und saniert wurde, denn das ist eine zu wirre Geschichte, die uns da passiert ist.

(*) Harold Brodkey; Innocence: To see her in the sunlight was to see marxism die.