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Donnerstag, 21. Juni 2012

Caty



Caty Schernus. Apfelgalerie in der Goltzstraße. Erdbeer- und Kirschenzeit. Ich bin da wegen der Erdbeeren. Heute komme ich noch mal, weil ich gestern vergessen habe, ein Erdbeerenfoto zu machen. Ich könnte stundenlang Früchte fotografieren. Ich könnte auch stundenlang Caty fotografieren. Aber soviel Geduld hat sie nicht. Deshalb gibt es nur die zwei Bilder von ihr, eins von gestern, eins von heute.


Die Erdbeeren sind nicht so süß, wie Erdbeeren sein können, wenn sie zum Beispiel aus Italien kommen. Diese Erdbeeren kommen aus Brandenburg und sie haben eine leichte Säure und ein sehr feines Aroma. - 500-Gramm-Schale 2 Euro 40. Vortagserdbeeren, 2 Kilo im Spankorb 6 Euro 50.


Apfelgalerie Schöneberg
Goltzstraße 3
10781 Berlin
Öffnungszeiten:
Montag - Freitag 11-19 Uhr
Samstag 11-15 Uhr


Dienstag, 19. Juli 2011

Jux

Jemand macht sich lustig darüber, dass ich wegen der unreifen Pfirsiche an Edeka geschrieben habe. Plus: Reifes Obst ist für ihn Marmelade, wie er sagt. Pfirsiche, Aprikosen, Pflaumen müssen so sein, wie er sie als Kind gegessen hat, vom Baum eines Bauern stibitzt: unreif, hart, knackig. Wenn ich unfair sein wollte, könnte ich diesem Geschmacksurteil entgegen halten, dass er auch eine Vorliebe für Weißwein in solchen Mengen hat, dass seine Speiseröhre und sein Magen so von Säufer-Varizen  durchzogen sind, dass er neulich beinahe innerlich verblutet ist. Ich bin unfair. In meiner Kommunikation mit Edeka war ich es nicht. Ich wollte einen Hinweis geben, um damit nicht nur meine Kundenzufriedenheit zu verbessern, sondern auch die Zufriedenheit all derer, die Obst kaufen möchten, das sofort genießbar ist und nicht erst zwei Tage nach dem Kauf. Dass ich nicht der Einzige bin, der diesen Wunsch hat, weiß ich von einer Umfrage in meinem Bekanntenkreis. Dass es Kunden gibt, die andere Wünsche haben, war mir klar, und es ist mir auch klar, dass die nicht unbedingt so extremistische Neigungen haben müssen wie der zitierte Jemand.

Auf dessen Veralberung meines Schreibens an Edeka habe ich geantwortet, dass es mir dabei zwar in der Hauptsache um die Pfirsiche ging, dass ich nebenbei aber auch einmal erkunden wollte, wie ein Unternehmen vom Format Edekas damit umgeht, wenn das Feedback-Angebot auf seiner Website von einem Kunden genutzt wird. – Meinem Gesprächspartner fiel dazu ein, dass es vor ein paar Jahren mal einen Typ gab, der Jux-Briefe an Unternehmen verschickt hat – Darauf habe ich gesagt, dass die Kommunikation mit Edeka für mich kein Jux ist. Wie überhaupt nichts, was ich mache, ein Jux ist. Mein Blog ist nicht witzig, ich bin nicht witzig und ich will auch nicht witzig sein. Und weil ich so erbost war über die Jux-Brief-Assoziation, wurde ich grundsätzlich und habe erklärt: Wer immer noch denkt, dass wir in einer Spaßgesellschaft leben, der hat von irgendetwas zu viel gekriegt. Der Spaß ist vorbei. Der neue Spaß ist, dass es keinen Spaß mehr gibt.

Da kannte ich noch nicht die Antwort auf meine letzte Mail an Edeka. Darin hatte ich vom Selbstversuch mit einem bei Edeka gekauften harten Pfirsich berichtet: nach zwei Tagen war der Pfirsich saftig und so weich, dass er auch als matschig bezeichnet werden konnte – und er war so sauer, dass ich ihn nach zwei Probierbissen weggeworfen habe. Außerdem habe ich mir in der Mail Gedanken darüber gemacht, was es zu bedeuten hat, dass mir von Edeka mitgeteilt worden war, dass in Reaktion auf meinen Verbesserungsvorschlag ein Emissär der Geschäftsleitung mit dem Personal in der Edeka-Filiale in der Gleditschstraße sprechen wird. Meine Sorge: dass das Personal sich künftig nicht mehr so offen und ehrlich (freimütig) äußern wird, wie das bisher der Fall war. – Die Antwort, die ich darauf heute erhalten habe, ist eine gute Antwort, weil sie auf diese Frage eingeht, wenn es zunächst auch nicht den Anschein hat. Aus rechtlichen Gründen kann ich die Mail nicht wiedergeben, obwohl sie darum bettelt. Also gebe ich nur wieder, wie ich sie gelesen habe. Am Anfang bringt die mir schreibende Edeka-Person ihre Freude darüber zum Ausdruck, dass ich so auf die Freundlichkeit des Personals achte, und das auch zurecht, weil die Freundlichkeit sei nun mal das A&O in einem Supermarkt. Das ist einerseits die höfliche Form, wie Unternehmen nach außen kommunizieren, ich lese darin aber auch eine Ironie, insofern mir unterstellt wird, dass ich die Freundlichkeit des Personals geradezu observiere – benutzt wurde das deutsche Wort dafür (ich nenne es nicht, denn ich darf nicht aus der Mail zitieren). Ironie. Leiser Spott. Jux. Warum denn nicht? Wo es doch sonst nichts zu lachen gibt. Und weil das so ist, setzt die Edeka-Person noch einen Jux drauf, indem sie mir im nächsten Absatz erklärt, was ein Pfirsich ist. Wirklich, das steht da, die Beschreibung eines Pfirsichs: Kern, Fruchtfleisch, Haut etc. – Habe ich gelacht? Ich habe es fassungslos immer wieder gelesen, bevor ich mich im dritten Absatz dann endlich ernst genommen fühlen konnte. Dort geht die Edeka-Person nämlich auf das Unbehagen ein, von dem ich in meiner Mail geschrieben hatte, weil ich mir nichts Gutes vorzustellen vermochte bei dem Gespräch des Emissärs der Geschäftsleitung mit dem Personal in der Gleditschstraße. Worüber soll der mit denen denn reden, hatte ich gefragt. Die in der Filiale verkauften Pfirsiche wachsen doch nicht auf der Ecke Gleditschstraße/Barbarossastraße, also entscheidet das Personal dort auch nicht darüber, wann die Pfirsiche die richtige Pflückreife haben, und das Personal probiert auch nicht beim Einkauf dieser oder einer anderen Ernte in Frankreich, ob die Pfirsiche vielleicht zu sauer sein könnten für meinen Geschmack. – Antwort von Edeka: Ich soll mir keine Sorgen machen. Der Emissär hat das Personal nur gecoacht, damit es künftig kompetent antworten kann, wenn es von Leuten wie mir Fragen zur Härte der Pfirsiche gestellt bekommt. Folgt die Hoffnung, dass ich weiterhin gerne bei Edeka einkaufe und das werde ich auch tun. Nur keine Pfirsiche mehr. Denn der zweite Selbstversuch mit einem harten Pfirsich hatte zum Ergebnis: saftig, gewünscht fest (also nicht matschig), aber säuerlich, wenn auch nicht so sauer wie die Frucht beim ersten Versuch. Ende der Geschichte. Keine Überraschungen. Kein Gewinner. Keine Verlierer. Ich bleibe Edeka-Kunde. Nur Pfirsiche werde ich, wie schon in den vergangenen Jahren, entweder im Laden von Imad gegenüber der Apostel-Paulus-Kirche kaufen oder im türkischen Supermarkt in der Hauptstraße. Dort fragen sie sich bestimmt schon, wo diesen Sommer der Verrückte bleibt, der bis zu zehn Minuten lang Pfirsiche betastet, bis er sich endlich für die lächerlichen drei Früchte entschieden hat, die er jeweils kauft. Mehr nicht. Immer nur drei Stück. Also kein Verlust für Edeka. Dafür ist das Personal jetzt gecoacht. Das war es nicht, was ich wollte. Hat sich die Aktion trotzdem gelohnt? – Nein. 

Mittwoch, 13. Juli 2011

Klimakterisch

Post von Edeka. Vom Kunden- und Ernährungsservice in der Zentrale in Hamburg. Sie danken mir, dass ich mich mit meinem Anliegen zum Reifegrad von Pfirsichen an sie gewandt habe und versichern mir, dass die Zufriedenheit der Kunden im Mittelpunkt ihrer unternehmerischen Aktivitäten steht. Aktivität ist jetzt, dass sie mir erklären, dass Pfirsiche zur Gruppe der so genannten klimakterischen Früchte gehören: Das bedeutet, dass sie. ähnlich wie Avocados, Aprikosen oder auch Äpfel, nach der Ernte weiter reifen. Bei dem Reifeprozess wird innerhalb der Frucht Stärke in Fruchtzucker aufgespalten. Die Früchte werden weicher, süßer und saftiger. Folgt Argumentation über die Druck- und Stoßempfindlichkeit der Früchte und ihre geringe Haltbarkeitsdauer im Reifezustand und der Schluss, dass viele Kunden die Früchte deshalb gerne so kaufen, wie sie bei Edeka angeboten werden, und dass das Unternehmen solche Kunden angemessen bedienen möchte: mit harten Pfirsichen, die sie tagelang liegen lassen können, bevor die Kunden sie essen. Und damit mein Engagement trotz dieser Nachrichtenlage nicht umsonst war, erhalte ich einen Warengutschein von 5 Euro, den ich in jedem Edeka-Markt einlösen kann.

Tja, und jetzt? Muss ich abrücken von der Überzeugung, dass es ein Nachreifen nicht gibt. Denn es gibt nun mal klimakterische Früchte, die sich auszeichnen dadurch,  d a s s  sie nachreifen. Und dass es Kunden gibt, die das schon wissen, sehe ich, als ich zu Edeka in die Gleditschstraße gehe. Dort liegt ein Haufen harter Nektarinen herum wie Bleikugeln; niemand will sie haben. Von den harten Pfirsichen hingegen gibt es nur noch einen Restposten. Davon nehme ich mir eine extraharte Frucht, die ich sonst ärgerlich zurückgelegt hätte, und starte (13.07.11, 14.30 Uhr) ein Experiment: Wird der von mir bei Zimmertemperatur liegen gelassene Pfirsich in zwei Tagen weich, saftig und aromatisch sein? - Ich wiederhole meine Ankündigung: Wenn sich zeigt, dass ich gesponnen habe, werde ich das zugeben.

Aber noch ist es nicht so weit. Bei meinem weiteren Einkauf treffe ich den Supermarkt-Mitarbeiter, der mir am Samstag geraten hat, an die Geschäftsleitung zu schreiben. Ich erzähle ihm, was dabei herausgekommen ist: Sie schreiben mir, dass es so ist, wie sie es machen. Und sie verweisen auf die zahlreichen Kunden, die das akzeptieren. Er sagt darauf, dass die Pfirsiche auch kaum zum jetzigen Preis verkauft werden könnten, wenn sie reifer angeboten würden und somit ein höherer Anteil verdorbener Früchte einkalkuliert werden müsste. - Darauf antworte ich, wenn man dieses Risiko nicht einzugehen bereit ist, darf man eben nicht mit Früchten handeln, dann muss man Nägel, Schuhe oder Pullover verkaufen. - Wir sprechen dann über Gewinnspannen und flexible Preisbildung und ich sage einen Satz, mit dem ich mich zur Knalltüte mache, aber trotzdem recht habe: Man kann ein Unternehmen führen wie einen Öltanker oder wie ein wendiges Schnellboot. - Was soll er dazu sagen? Er schaut mich nachdenklich an und sagt dann, er findet es jedenfalls gut findet, dass ich an die Geschäftsleitung geschrieben habe, und das bekräftigt er, indem er hinzufügt, wörtlich: er findet es gut, dass das endlich mal jemand gemacht hat. Woraus ich schließe, dass ich nicht der erste und einzige Kunde bin, der sich in diesem Supermarkt über das unreife Obst beklagt hat.

An der Kasse zahle ich für den härtesten Pfirsich, den ich je gekauft habe, 60 Cent. Auf dem Nachhauseweg gehe ich bei Imad vorbei (dem libanesischen Obst- und Gemüsehändler gegenüber der Apostel-Paulus-Kirche) und kaufe mir einen reifen Pfirsich, den ich morgen zum Frühstück essen kann, zum Preis von 70 Cent. Der Pfirsich kommt aus Frankreich und duftet nach Sommer und nach Süden. Der Pfirsich von Edeka kommt auch aus Frankreich und ist geruchlos. Wird sich das ändern morgen, übermorgen? Experiment. Spannung.

Samstag, 9. Juli 2011

Unreif

7.20 Uhr. Edeka n der Gleditschstraße. Obst- und Gemüse-Abteilung. Drei junge Männer und eine junge Frau füllen die Auslagen mit frischer Ware aus dem Kühlhaus. Die Stimmung gereizt. Bei mir, weil ich noch nicht gefrühstückt habe. Bei den Mitarbeitern des Supermarkts, weil sie mich ertragen müssen. Ich fasse zwei Pfirsiche an und dann eine Nektarine. Ganz sachte. Aber ich könnte sie ebenso gut in die Hand nehmen und mit aller Kraft zudrücken.
Mann, sind die hart! Wer soll die denn essen?
Junger Mitarbeiter: Sie müssen Sie ja nicht kaufen.
Und was soll ich jetzt zum Frühstück essen?
Junger Mitarbeiter: Bananen?
Für diesen Vorschlag hasse ich ihn. Doch ich halte mich zurück und sage: Ich wollte Pfirsiche. Deshalb bin ich hier.
Junger Mitarbeiter: Andere haben wir nicht.
Um mir den Weg nicht umsonst gemacht zu haben, will ich eine Schale Feldsalat mitnehmen. Keiner zu sehen. Mit dem jungen Mitarbeiter will ich nichts mehr zu tun haben. Ich frage die junge Mitarbeiterin, ob es keinen  Feldsalat gibt. Das weiß sie nicht. Sie geht nachschauen. Die Edeka-Filiale in der Gleditschstraße war einmal der bestgeführte Supermarkt, der mir in meinem Leben begegnet ist. Bei der Personalfreundlichkeit liegt er immer noch ganz weit vorne.
Während ich warte, erinnere ich mich, mit dem jungen Mitarbeiter schon bessere Gespräche geführt zu haben, und versuche es noch mal: Würden Sie solche Pfirsiche kaufen? sage ich mit Blick auf die Pfirsiche, die alle gleich aussehen (gut) und alle gleich hart sind. 
Junger Mitarbeiter: Nein.
Seine ehrliche Antwort überrascht mich. Mit ihm kann man also doch reden. Ich sage, dass es ein Irrtum ist zu glauben, dass die Pfirsiche reif werden, wenn man sie zu Hause drei Tage hinlegt. Dann werden sie weich in der Konsistenz, aber nicht reif im Geschmack (Aroma).  Doch selbst, wenn es so wäre, was soll das, Obst zu verkaufen, das man nicht gleich essen kann?
Der junge Mitarbeiter sieht das ein, gibt jetzt aber zu bedenken, dass reife Ware nun mal schnell verdirbt.
Diesen Einwand kenne ich und entgegne: Dann wird also das Geschäftsrisiko beim Handel mit verderblicher Ware auf die Kunden abgewälzt, indem man ihnen unreife Früchte anbietet.
So hat der junge Mitarbeiter es noch nicht gesehen und rät mir, mich bei der Geschäftsleitung zu beschweren. 
Ich winke ab. Ich will nicht wissen, wie viele Kunden sich wegen der unreifen Pfirsiche schon erfolglos beschwert haben, sage ich. Nein, das Einzige, was wir Kunden tun können, ist das Zeug liegen zu lassen. Dann eben keine Pfirsiche mehr zu kaufen.
Der junge Mitarbeiter sagt, dass es Leute gibt, die die harten Pfirsiche kaufen.
Ich nicke verbittert. Das ist mir bekannt. Zu diesen Leuten fällt mir nichts ein. 
Die Mitarbeiterin kommt zurück mit einer Kiste Feldsalat. Sie lässt mich eine Schale aussuchen. Ich bedanke mich für ihren Einsatz und verlasse den Supermarkt nun wenigstens nicht mit leeren Händen.

Ins Frühstücksmüsli (Seitenbacher) schneide ich mir statt eines Pfirsichs, auf den ich so Appetit hatte, einen Apfel, den ich mir gestern in der Apfelgalerie gekauft habe. Guter Apfel. Aber Äpfel kann ich im Herbst und im Winter noch oft genug essen. Jetzt ist Juli. Ende der Erdbeerzeit, Beginn der Pfirsichzeit. Aber nicht für mich, denn ich werde das harte Zeug nicht mehr kaufen.  – Dann musst du dir eben einen Laden suchen, wo sie dir reife Pfirsiche zur Seite legen, hat mir eine Bekannte gesagt.  Guter Tipp. Sofort habe ich an die Apfelgalerie gedacht, wo ich in den letzten Wochen zum Kunden geworden bin und das anfangs schwierige Gespräch mit Caty, der Chefin, von Mal zu Mal entspannter wird. Wenn sie Pfirsiche bekommen, schreibt sie mir eine Mail, hat sie mir versprochen, aber gleich dazu gesagt: So viele Pfirsiche wird es vom Obsthof in Brandenburg in diesem Jahr nicht geben. Wegen der drei Frostnächte, die sie hatten während der Pfirsichbaumblüte. – Die heimischen Pfirsiche erfroren. Die Pfirsiche aus Frankreich und Italien aussehend wie gemalt und unessbar hart. – Mehrere Kunden Catys haben ihr erzählt, dass sie schon seit Jahren keine Pflaumen, Pfirsiche oder Birnen mehr essen, wegen der Unverzehrbarkeit des Angebots. Also auch verzichten und hoffen, dass es immer mehr werden, die sich der Verzichtbewegung anschließen, damit sich etwas ändert? 

14.20 Uhr. Edeka n der Gleditschstraße. Obst- und Gemüse-Abteilung. Die Steige mit den harten Nektarinen ist noch so voll wie heute Früh. Die Steige mit den harten Pfirsichen ist zu zwei Drittel geleert und wird bestimmt gleich von der herumwuselnden Mitarbeiterin mit dem sächsischen Akzent wieder aufgefüllt. Ich notiere mir, dass die Pfirsiche und die Nektarinen aus Frankreich kommen und 3 Euro 49 kosten. Da ich die wuselnde Mitarbeiterin nicht stören will, wende ich mich an eine ihrer Kolleginnen. Ich frage sie nach einer Mail-Adresse, um an die Geschäftsleitung schreiben zu können. Sie fragt mich verdutzt, warum ich an die Geschäftsleitung schreiben will, und nachdem ich es ihr gesagt habe, wegen der harten Pfirsiche und dass ein Kollege von ihr das angeregt hat, da fragt sie mich entgeistert, was ich mir davon verspreche: Was sollen die Ihnen denn darauf antworten? – Das weiß ich nicht. Deshalb will ich ihnen ja schreiben. – Sie denkt nach. Schnappt nach Luft. Es geht ihr nicht etwa darum, mich abzuwimmeln, wie es mir zunächst vorgekommen ist; sie überlegt,  w a s  die mir antworten könnten. Damit sie es mir sagen kann. Sie ist sehr engagiert. Aber sie kommt nicht drauf, was die mir sagen könnten. Sie erklärt mir, ich solle einfach auf die Seite edeka.de gehen, da könne ich dann an den Kundenservice schreiben. Ob ich Internet habe? – Zwei ihrer Kolleginnen machen sich an Regalen in unserer Nähe zu schaffen und lauschen unserem Gespräch. Für deren Ohren bestimmt sage ich, das sei keine große Sache, ich wolle keinen Aufstand machen und ich wolle mich auch nicht über die Filiale und schon gar nicht über einen Mitarbeiter beschweren. Es geht mir nur um die unreifen Pfirsiche. – Ja, sagt sie, die sind schon sehr hart, die Pfirsiche. – Würden Sie die kaufen? frage ich. – Nein, antwortet sie so ehrlich wie ihr Kollege am Morgen.

E-aktiv markt Schrader
Barbarossastraße/69 / Gleditschstraße 56
10781 Berlin
Tel: 030 2162940
Fax: 030 2164984 

Mo - Sa 7.00 - 22.00 Uhr  

Mittwoch, 22. Juni 2011

Reif

Die LPG Markendorf war eine der größten Obstanbau-Genossenschaften in der DDR. Der Gartenbauingenieur Thomas Bröcker war in der LPG in leitender Funktion tätig und hat sich nach der Wende selbständig gemacht. Caty Schernus ist also nicht auf einem Bauernhof aufgewachsen, wie ich zuerst gedacht hatte. Caty war bereits 14, als ihre Mutter, die Bibliothekarin Claudia Schernus, sich nicht nur menschlich, sondern auch geschäftlich mit Thomas Bröcker zusammengetan und mit ihm 1990 das Unternehmen Obsthof  Schernus & Bröcker gegründet hat. - Der für uns relevante Teil der Unternehmensgeschichte beginnt damit, dass Caty Schernus, nachdem sie Kulturwissenschaften studiert hatte, nach Berlin gezogen ist, hier zwei Jahre lang bei einer PR-Agentur arbeitete, und als sie danach arbeitslos war, auf einen leerstehenden Laden in der Goltzstraße 3 aufmerksam wurde. Sie hätte sich auch als PR-Beraterin selbständig machen können, sagt sie. Aber warum für andere Unternehmen arbeiten? Warum nicht mit all dem, was sie gelernt hatte, in das Familienunternehmen ihrer Mutter einsteigen, es PR-technisch betreuen - und das Direktvertriebsnetz des Obsthofes Schernus & Bröcker nach Berlin ausweiten?

Der im Herbst 2007 eröffnete Laden mit dem Namen Apfelgalerie ist mir sofort aufgefallen. Woran zu erkennen ist, wie gut der Name funktioniert. Einerseits. Zugleich habe ich mich gefragt, was ist das denn für ein putziger Versuch? Die Boutiquisierung von Äpfeln? Denn in dem Laden gab es anscheinend nur Äpfel, allerdings in einer ungewöhnlichen Sortenvielfalt. Ob das angenommen wird, ob ein Laden damit überleben kann? habe ich mich gefragt und wegen der Sortenvielfalt nahm ich mir vor, mich bei Gelegenheit im Laden zu erkundigen, ob sie Goldparmänen haben, meine Lieblingsäpfel aus meiner Kindheit, die seit Jahrzehnten aus dem Obstangebot verschwunden sind. Da ich es nicht gleich gemacht habe, habe ich es vergessen. Der Laden geriet aus meinem Blick. Verschwand von meinem inneren Stadtplan, da ich fest davon überzeugt war, dass eine Apfel-Boutique keine Überlebenschance hat. Bis ich vorletzte Woche bemerkt habe, dass es den Laden immer noch gibt, und auch gleich die Erklärung dafür bekam, als ich sah, dass in der Apfelgalerie nicht nur Äpfel verkauft werden, sondern auch Kartoffeln, Spargel, Erdbeeren, Kirschen, Tomaten, Gurken. Was gerade wächst in der Mark Brandenburg. Also keine Pfirsiche aus Südafrika im Januar und keine Birnen aus Argentinien im Mai. Birnen gibt es im Herbst. Pfirsiche demnächst. Und das werden reife Pfirsiche sein, betont Caty Schernus und muss mir gar nicht erklären, was das bedeutet: Keine Supermarktware aus Spanien, Frankreich oder Italien, die sicher noch intensiver, noch pfirsiger schmecken würden als die Pfirsiche aus Markendorf – wenn sie nicht wegen Transport- und Lagerlogistik unreif geerntet würden, um dann mit einer Härte, die sie schlagwaffentauglich macht, in Berliner Supermärkten angeboten zu werden. Die müssen Sie nur ein paar Tage lang liegen lassen, dann sind sie reif und schmecken, sagt die Supermarkt-Verkäuferin und es sei ihr verziehen. Sie ist nämlich noch so jung, dass sie gar nicht wissen kann, wie ein natürlich gereifter Pfirsich schmeckt. Seit sie Pfirsiche isst, sind die Logistiker im Obsthandel an der Macht und haben die Probleme mit der Verderblichkeit der Ware auf die Kunden abgewälzt, indem sie ihnen Früchte verkaufen, die zwar irgendwann weich werden, wenn man sie lange genug liegen lässt, aber niemals das Aroma einer am Baum gereiften Frucht entfalten. – Mein Unverständnis für die Kunden, die das mit sich machen lassen. Mein aufgestauter Ärger. Meine Worte. Caty Schernus würde das bestimmt anders formulieren. Würde sicher auch da meine Eindrücke korrigieren, wie sie es mehrfach - ach was! -, andauernd gemacht hat bei unserem ersten und bei unserem zweiten Gespräch. Nein, wir haben uns nicht gut verstanden. Vielleicht, weil wir auf verschiedenen Umlaufbahnen unterwegs sind. Oder auch nur deshalb, weil ich ihr so dumm gekommen bin, als ich das erste Gespräch eröffnet habe mit der Bemerkung, wie erstaunt ich bin, dass es ihren Laden immer noch gibt, nachdem sie zu Anfang nur Äpfel im Angebot hatte. Und schon ging es los mit den Korrekturen meiner Eindrücke. Äpfel seien zwar von Anfang an das Kerngeschäft gewesen (30 Sorten!), und da sie ausschließlich Obst und Gemüse der Saison verkaufen, gab es eben, als sie im September vor 4 Jahren eröffnet haben, vor allem Äpfel, aber es gab da auch schon Birnen und Kartoffel. – Da habe ich gesagt, dass sicher auch der Name irreführend für mich war: Äpfel-Galerie. – Worauf sie mich gleich wieder korrigiert hat: Apfel-, nicht Äpfelgalerie. – So. Immer weiter. Und selbst, wenn ich mal etwas sage, an dem es nichts auszusetzen gibt, wie heute, läuft es nicht rund. Ich: Die Erdbeeren, die ich am Montag bei Ihnen gekauft habe, waren sehr gut. Sie: Wir haben aber auch noch andere Sorten, nicht nur die eine. – Uff! – Trotzdem hat sie mich als Kunden gewonnen. Wegen der Erdbeeren, wegen der Kirschen, wegen der Tomaten, wegen der Pfirsiche, wegen der Aprikosen, wegen der Birnen, wegen der Goldparmänen. Ja, sie werden Goldparmänen haben im Herbst. Im Winter dann nicht mehr, denn Goldparmänen lassen sich nicht so gut lagern, und das ist auch der Grund, warum sie nicht ins Massenwarenangebot der Supermärkte passen, hat Caty mir erklärt, wenn sie es auch nicht so polemisch formuliert hat mit dem Seitenhieb auf die Massenware. Das ist nicht ihre Art. Sie ist nur kritisch. Sehr kritisch. Will nicht wissen, was bei diesem Text alles an Korrekturen auf mich zukommen wird.

Apfelgalerie Schöneberg 
Caty Schernus 
Goltzstraße 3 
10781 Berlin 
Telefon: 030 - 44 70 56 30 
E-Mail: info@apfelgalerie.de 
Öffnungszeiten:
Montag - Freitag 11-19 Uhr
Samstag 11-15 Uhr

Mittwoch, 29. September 2010

Nektarine

Die Pfirsiche sind groß und nicht so hart. Doch vom letzten Kauf weiß ich, dass sie mehlig sind und nur wenig nach Pfirsich schmecken. Keine Kritik am Anbieter, dem türkischen Supermarkt in der Hauptstraße. Mit den Pfirsichen ist es einfach vorbei für dieses Jahr. Und die Nektarinen? Die Nektarinen sind klein und sehr hart. Dass sie klein sind, lässt vermuten, dass sie nach Nektarinen schmecken. Das übliche Betasten beginnt. Auf der Suche nach drei Früchten, die etwas weicher sind als die anderen. Sie sind alle gleich hart. Also zu Hause erst mal hinlegen, bis sie essbar sind, und für morgen eine Birne mitnehmen. Als ich eine Nektarine zurück lege, weil sie an einer Stelle angestoßen und bräunlich ist, kommt eine andere Frucht in der Auslage ins Rollen und fällt auf den Boden. Einen Fluch murmelnd bücke ich mich, hebe die Frucht auf und lege sie zurück. Nachdem ich zwei makellose Nektarinen ausgesucht habe, gebe ich sie in eine Papiertüte. Eine makellose Birne (Abate) finde ich mit einem Griff. Die Birne behalte ich in der Hand; sie muss extra gewogen werden, da das Kilo Birnen einen Euro mehr kostet als das Kilo Nektarinen. Der Mann an der Waage wickelt Wassermelonenstücke in Folie und schimpft vor sich hin. Ich kapiere gar nicht gleich, was er hat. Was auch daran liegt, dass er nicht mich, sondern das Stück Wassermelone ansieht, das er einwickelt, während er missbilligend den Kopf schüttelt und überhaupt nicht einverstanden ist mit etwas oder jemandem. Anscheinend mit mir, denn statt nun die Tüte zu nehmen, die ich ihm zum Wiegen hinhalte, schimpft er immer weiter und jetzt verstehe ich auch nach und nach weswegen. Ich fasse zusammen: Es ist nicht richtig, wenn mir eine Frucht herunter fällt, dass ich sie dann zurücklege zu den anderen Früchten. Richtig ist, die herunter gefallene Frucht ihm zu geben, damit er sie wegwerfen kann. Das sehe ich ein. Aber ich lasse mich nicht gerne tadeln und frage ihn mit aggressivem Unterton: Warum schaust du mich nicht an, wenn du mit mir redest? (Ich bin es gewohnt in türkischen Supermärkten geduzt zu werden und duze dort deshalb auch) -  Er  wiederholt seine Erklärung und fügt ihr hinzu, dass ich die herunter gefallene Nektarine nicht hätte bezahlen müssen, wenn ich sie ihm gebracht hätte. – Ich finde mich damit ab, dass er mich nicht anschaut und sage in Richtung seines abgewandten Gesichts: Ich habe einen Fehler gemacht. Ich entschuldige mich dafür. – Er geht an mir vorbei zur Auslage mit den Nektarinen und nimmt eine Frucht heraus. Kann das sein, dass er den Vorfall so scharf beobachtet hat, dass er die herunter gefallene Frucht mit einem Blick erkennt? - Er kommt zurück, wirft die Frucht in den Müll, schimpft weiter und nimmt mir einfach nicht die verdammte Tüte mit den zwei Nektarinen und die Birne ab, um sie zu wiegen. – Inzwischen habe ich mich ein zweites Mal entschuldigt. Ein drittes Mal werde ich mich nicht entschuldigen, erkläre ich ihm.  Die Situation steckt fest. Objektiv. Aber so empfinde ich es nicht. Ich bin wie hypnotisiert. Ich könnte jetzt ewig so weiter machen und er sowieso. Da schaltet sich zu unser beider Glück die Frau an der Kasse ein, in deren Nähe sich die Szene abspielt. Es ist die Kassiererin mit dem dezenten Nasenpiercing, von der ich nur ein Mal einen deutschen Satz gehört habe, als sie zu jemandem sagte: Wir fasten. Sonst habe ich sie nur Türkisch reden hören. Jetzt stellt sich heraus, dass sie - im Unterschied zu ihrem Kollegen an der Waage - fließend Deutsch spricht. Und sie schaut mich an, während sie mit mir spricht. Sie geht darauf ein, dass ich mich entschuldigt habe, und wirbt zugleich um Verständnis für ihren Kollegen. Sie erklärt mir, dass eine Frucht, die zu Boden gefallen ist, an der angestoßenen Stelle fault, und wenn sie bei den anderen Früchten liegt, überträgt sie die Fäule. – Ja, klar. Weiß ich. Verstehe ich. Ich war achtlos. Ich habe einen Fehler gemacht. – Menschen machen Fehler, sagt sie und wiederholt, dass ich die runter gefallene Frucht nicht kaufen muss. Nur dem Kollegen geben, damit er sie entsorgt. - Ich sage: Mache ich das nächste Mal! - Inzwischen hat sich der Kollege beruhigt. Die Vermittlung der Kassiererin hat ihn besänftigt. Wortlos nimmt er mir die Tüte und die Birne ab. Er legt die Birne in die Tüte, wiegt sie zusammen mit den Nektarinen und sagt, ohne mich anzuschauen, aber betont versöhnlich: Gleicher Preis. – Ich bedanke mich für die großzügige Geste. – Er nickt. Klebt das Preisetikett an die Tüte und gibt sie mir. - Na wie wohl? - Ohne mich anzuschauen. – An der Kasse zahle ich 2, 09 Euro. Die Kassiererin sagt noch mal, dass Menschen Fehler machen, und ich sage: Jetzt haben wir das auch mal zusammen erlebt. - Hinterher frage ich mich, ob der Mann an der Waage mir deshalb nicht in die Augen geschaut hat, weil er denkt, dass ich unrein bin. In einem religiösen Sinn, meine ich. Aber das kann nicht sein. Dann hätte mir die Kassiererin auch nicht in die Augen geschaut.