Die Texte Vertrauen und Liebe dokumentiere ich hier in meinem Archiv-Blog. Angst und Kraft kann ich nicht mehr finden.
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Freitag, 14. Oktober 2011
AngstVertrauenKraftLiebe
Friedhof Dreifaltigkeit, Mehringdamm. Ich bin die Doris aus Wien. Ich bin eine von den Skype-Freundinnen. – Und du bist extra nach Berlin zur Beerdigung gekommen? – Natürlich. Sie sitzt vor mir in der Kapelle. Neben ihr Natalja und ihre Mutter Nora. In der vorderen Reihe Astrid, daneben Peters Sohn Rico und seine mütterlichen Freundinnen, die einmal beste Freundinnen seiner früh verstorbenen Mutter waren. Eine der mütterlichen Freundinnen führt durch die Zeremonie. Nachdem etwas von Händel gespielt worden ist, kündigt sie an, dass vier Texte von Peter gelesen werden zu den Themen Angst, Vertrauen, Kraft und Liebe. Astrid liest den Text Angst, Natalja liest den Text Vertrauen und ihre Mutter heult sich fast die Augen aus dem Kopf, nicht wegen des Vertrauen-Textes, sondern aus Schmerz über den Tod Peters, der nicht nur einmal Geliebter war, sondern Kümmerer und Freund, seit sie in Berlin ist, fast so lange wie es ihre Tochter gibt. Peter hat die Texte auf Anregung Caros geschrieben, eine der Skype-Freundinnen, die nicht da sein kann heute, und ich habe immer gesagt, er soll endlich aufhören, mir diese Texte zu schicken, er soll über das schreiben, was er erlebt jeden Tag, merkwürdig genug ist es, nicht über diese allgemeinen Begriffe mit alten Schoten und Sätzen, die ich alle schon unzählige Male von ihm gehört habe. Du schreibst wie ein Pfarrer redet, hör endlich auf damit! Und dann hatte ich wieder so einen Text in meiner Mail. Ich habe sie alle gelesen, diese Texte, und gedacht, immer noch besser, als dass er weint. Er hat oft geweint im vergangenen Herbst und Winter. Dann nicht mehr, dann hat er diese Texte geschrieben und die werden nun vorgelesen in der Friedhofskapelle und sind jetzt überhaupt nicht mehr peinlich oder kitschig. Hier in diesem Moment, 11.15 Uhr, die Sonne scheint herein, auf die Blumen und den dunkelbraunen Sarg, hier funktionieren die Texte. Als hätte er sie geschrieben, damit sie bei seiner Beerdigung vorgelesen werden können von vier der ihm liebsten Frauen. Als hätte? Bestimmt hat er daran gedacht, dass es so sein könnte - dass es so sein wird. Nach den ersten beiden Texten wieder Musik. The Beatles, Norwegian Wood. I once had a girl / or should I say / she once had me ... . Der Song funktioniert hier nicht. Aber das macht nichts. Dritter Text. Kraft. Adriana liest den. Es gibt sie also wirklich. Ich habe ihm seine letzte Liebesgeschichte erst nicht geglaubt. Am Ende dann doch. Und ich war gespannt, ob ich sie sehen würde auf der Beerdigung, die junge Frau aus Kolumbien. Da steht sie. Und nach ihr liest die mütterliche Freundin des Sohnes noch den Text mit dem Titel Liebe und dann kommen die sechs Männer vom Beerdigungsinstitut, sie verbeugen sich geschäftsmäßig vor dem Sarg, räumen die Blumen weg und tragen den Sarg hinaus. Astrid spielt auf dem Saxophon Blue Moon, während wir dem Sarg zum Grab folgen. Vor mir geht Doris, die die ganze Zeit nicht geweint hat; jetzt weint sie. Adriana legt einen Strauß Blumen bereit, aus dem jeder eine nehmen soll, um sie ins Grab zu werfen und dann erst die Hand voll Erde. Nora wählt eine weiße Blume, Doris eine dunkelrote. Ich nehme keine Blume. Ich werfe nur zwei Hände voll Erde auf den Sarg. Das mache ich sonst nie bei Beerdigungen, jetzt mache ich es. Vor dem Grab stehen die Verwandten und Freunde. An der Längsseite Peters KollegInnen. Ich mache zwei Fotos aus dem Hintergrund. Ich gebe Nora die Hand und Natalja, verabschiede mich von Rico (wenn du mit mir über deinen Vater sprechen willst, jederzeit, gerne, ich würde mich freuen). Ich frage Doris, ob ich ihren schönen Schal fotografieren darf, und unterdrücke den Impuls, ihr zu sagen, wie gut sie mir gefällt. Auf dem Weg nach draußen mache ich mich noch mit Ricos mütterlicher Freundin bekannt, die die Trauerfeier moderiert hat, die Professorin, wie Peter sie immer nannte. Sie steht mit einer jungen Amtskollegin Peters zusammen, die mich fragt, ob ich der bin, der über Peter in seinem Blog geschrieben hat. Sie hat meinen Blogeintrag zu Peters Tod gesehen und dann die Texte gelesen, die ich dort verlinkt habe. Sie sagt, dass es ihr dabei so vorgekommen ist, als würde sie Peter hören oder als habe er die Text selbst geschrieben. Ich antworte, dass nicht allen meine Texte über ihn gefallen haben, den ihm nahestehenden Frauen zum Beispiel nicht. Aber er wollte, dass ich über ihn schreibe und manchmal hat er mich richtig gefüttert, hat mir etwas erzählt, damit ich es blogge. Sie lächelt und nickt: so kennt sie ihn. Auf dem Weg nach draußen sehe ich Peters Mutter am Arm ihrer Schwiegertochter. Ich gehe zu ihr hin und stelle mich vor: Peter und ich, wir kannten uns seit mehr als 40 Jahren. Ich würde Ihnen gerne die Hand geben. – Mehr sage ich nicht. Mehr gibt es nicht zu sagen.
Mittwoch, 28. September 2011
Peter L.
Peter Lützkendorf. Weil ihm sein Nachname zu lang war, hat er sich am Telefon mit L. gemeldet und so wurde er dann auch von seinen Freunden genannt: der L. - Er ist am Dienstagmorgen um 2 Uhr im Urban Krankenhaus gestorben. An Leberversagen.
Foto: © Peter Lützkendorf
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| Peter L. Nackte Wände in Kreuzberg 21,26 x 15,35 cm 2011 |
Dienstag, 27. September 2011
1949 - 2011
Peter L. ist tot.
Totgeredet
Todesangst
Narkose
Vater
Hiob
Glücksfall 1
Glücksfall 2
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| Sommer 1975 |
| Sommer 2011 |
Totgeredet
Todesangst
Narkose
Vater
Hiob
Glücksfall 1
Glücksfall 2
Freitag, 9. September 2011
Totgeredet
In Kreuzberg stirbt ein Mann, der redet ständig davon, dass er stirbt. Da könnte ich denken, solange er ständig davon redet, stirbt der nicht. Es kann aber auch sein, dass er so selbstverliebt stirbt, wie er gelebt hat.
Ich habe versucht, ihn berühmt zu machen. Doch außer mir hat sich niemand für sein Gerede interessiert. Jetzt kann ich es auch nicht mehr hören.
Schlusswort. Nachruffähig. Totgeredet.
Samstag, 2. Juli 2011
Kritik
Der Samstag will, dass ich ihn zum schreibfreien Tag mache. Jetzt schon das dritte Mal hintereinander, dass ich samstags in Schwierigkeiten gerate und am Abend dasitze mit nichts in der Hand. Das Biest will nicht, dass ich über die Projektarbeit von Karina Pośpiech schreibe. Der Text von heute, schon der zweite Versuch, gefällt mir wieder nicht. Peter will, dass ich endlich mal wieder über ihn schreibe. Aus dem Krankenhaus zurück und nach einem Gespräch, das ich wegen Ungeduld abgebrochen habe, schickt er mir gestern Abend eine Mail, in der er unsere Verabredung für heute absagt: Morgen wirds nix mit uns. Gerade eben hat mich eine Künstlerin zum Mittagessen eingeladen, um über meine Wände "Kunst" zu reden. Und wenn sie dann noch hübsch ist und Spanierin, kann man schlecht nein sagen. Und du läufst ja nicht weg, aber die, vielleicht. - Erst glaube ich, was er schreibt, und frage mich, wie die spanische Künstlerin plötzlich in sein Leben kommt. Später wird mir klar, dass er sich die Künstlerin und das Mittagessen ausgedacht hat. Heute komme ich darauf, warum er sich das ausgedacht hat. Es ist seine Kritik daran, dass ich in der vergangenen Woche zweimal über eine Künstlerin und ein Mal über eine junge Frau geschrieben habe, die in der Sonne stand, und schon lange nicht mehr über ihn. Wände-"Kunst", damit meint er sein Foto-Projekt Nackte Wände in Kreuzberg, und dass er "Kunst" in Anführungszeichen setzt, damit will er sagen, dass er diese Fotos nie als Kunst bezeichnen würde, weil er viel zu bescheiden und abgeklärt ist - zuzugeben, dass er sie für Kunst hält. Mittagessen ist auch klar; damit spielt er an auf das Mittagessen bei der Galeristin, das ich nicht essen wollte, weil ich kein Mittagesser, sondern ein Abendesser bin. Nur wie er auf Spanierin kommt, weiß ich nicht. Weil er so gerne spanisch essen geht? Oder weil in Spanien so oft schönes Wetter ist und die jungen Frauen dort ständig in der Sonne stehen? - Ach, Peter!
Bild: © Peter L.
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| Peter L. Aus der Fotoserie: Nackte Wände in Kreuzberg |
Freitag, 13. Mai 2011
Entwarnung
(Text vom 12.05. - siehe dazu Störung)
15.15 Uhr. Anruf Peters. Er ist gerade von seinem Termin in der Klinik zurück. Befund Knubbel. Es ist ein Haustierkrebs, hat die Ärztin gesagt. – Heißt? – Eine Wucherung, aber nicht streuend. Gutartig. Harmlos. - Hey, Peter! Nix mit Sterben. Jetzt kannst du dir eine neue Rolle suchen. - Weg muss der Knubbel trotzdem, und der kleine Knubbel an der anderen Halsseite auch. Operation am 23. Mai. Der Eingriff nicht ganz ohne, weil hinter dem großen Knubbel liegt die Halsschlagader. – Da müssen die Chirurgen sich eben anstrengen. Und in der Zwischenzeit kannst du schon mal mit dem Saufen aufhören. – Was du immer hast. Du bist der Einzige, der sagt, ich sei Alkoholiker. - Rest des Dialogs lasse ich weg. Ich will nicht über einen Alki schreiben, sage ich zu ihm. Deshalb will ich, dass du aufhörst einer zu sein. Und du willst doch auch kein Alkoholiker sein, sonst würdest du es ja nicht abstreiten, dass du einer bist. – Wenn mich mal jemand mit so einer Idiotenenergie bedrängen würde wegen meiner Rauchsucht, wie ich dem Peter zusetze wegen seines Alkoholismus!
Vor dem Anruf Peters war ich in dem Laden in der Akazienstraße 8. Früher Platten-, jetzt Taschenladen. Auf dem Hinweg habe ich mir überlegt, wie rede ich den Besitzer an. Duze ich ihn? Denn er ist in etwa in meinem Alter und von meiner Lebensart. Oder sage ich besser erst mal Sie zu ihm? Denn er ist Schwabe. Das weiß ich, weil ich habe ihn mal mit dem Besitzer des benachbarten Zeitungsladens schwäbeln hören. Und mit dem, Armin, ist es so gewesen, dass mein Vorschlag, nach langjähriger Geschäftsbeziehung vom Sie zum Du zu wechseln, zu einem solchen Krampf geführt hat, dass ich eines Tages erschöpft zum Bhagwan-Foto hinter Armin hochgeschaut habe, und da habe ich die Stimme von Meister Shree Rajneesh gehört, die mir zuflüsterte: surrender! Scheiß drauf, habe ich da gedacht, jetzt folge ich auch dem Bhagwan, und habe den Herrn Armin wieder gesiezt, bis ich die Geschäftsbeziehung zu ihm abgebrochen habe aus Gründen, die nichts mit Du oder Sie zu tun hatten und jetzt keine Rolle spielen. Jetzt ist nur von Bedeutung, die beiden Nachbarn schwäbeln zusammen und dem einen war das Duzen mit mir nicht selbstverständlich, da wird es dem anderen auch nicht willkommen sein. Sage ich also lieber Sie zu ihm. Zumal unser bisheriger sozialer Kontakt so verlief, dass er konsequent seinen Blick abgewandt hat, wenn er vor seinem Laden stand und mich kommen sah. Konsequent heißt: nicht zufällig gerade woanders hingeguckt hat und das nächste Mal wieder zufällig woanders hin und das hat überhaupt nichts zu bedeuten, auch wenn das drei-, viermal oder fünfmal so war, zufällig eben - nein, seit er diesen Laden hat, seit zehn oder acht Jahren, guckt er woanders hin, wenn ich an ihm vorbeigehe. Keine Ahnung, warum? Weil er etwas gehört hat über mich, was gegen mich spricht? Oder weil ich mich nicht für seinen Laden interessiert habe? Nichts gekauft, nicht mal rumgestöbert habe in seinen Platten und dem Krimskrams, den er außerdem noch verkauft hat. Schwer vorstellbar, wie er mit dem Sortiment so lange Zeit geschäftlich überleben konnte. Muss ein gewiefter Kaufmann sein. Alleine das schon ein Grund, um ihn mal kennenzulernen. Und bei der Gelegenheit gleich noch rauszukriegen, warum er schon seit Jahren wegguckt, wenn er mich sieht. Das ist mir Anfang der Woche eingefallen, dass ich das jetzt mal rausfinden könnte. Deshalb wollte ich am Dienstag bei ihm reinschauen, bin jedoch nicht dazu gekommen, und dann passierte das mit dem Mann in Weiß und seiner Verachtung. Kombiniert mit der Koinzidenz, dass mir gleich darauf noch der Postmeister mit der schwierigen Grüßbeziehung begegnet ist und am Tag darauf die Frau aus dem Gartenhaus, die meinen Gruß nicht erwidert hat, so dass ich mir einbilden könnte, dass die mich auch verachtet, aber ich denke mir, die mag mich nur einfach nicht, und da ich sie auch nicht mag, ist das völlig in Ordnung. Nun könnte ich denken, dass das kein Zufall war, was ich mit dem Mann in Weiß erlebt habe, dass ich das angezogen habe, weil ich mich gerade mit diesem Thema beschäftigt habe. Und dass ich mich mit diesem Thema beschäftigt habe, das hat seine Gründe in meinem Unbewussten, das dann von mir unbemerkte Signale ausgesendet hat, die dazu führten, dass der Mann in Weiß des Weges kam just in dem Moment, als ich am Dienstagnachmittag das Haus verlassen habe, und ich so seine Verachtung zu spüren kriegen konnte. So starke Signale waren das? – Nä, oder? Wenn das so wäre, dann könnte ich mit dieser Nummer im Zirkus auftreten. Allerdings war der Vorfall mit dem Mann in Weiß und den beiden beiherspielenden Koinzidenzen die beste Vorbereitung für das Gespräch mit dem Besitzer des Taschenladens. Ursprünglich hatte ich nämlich die Absicht, ihn direkt darauf anzusprechen, warum er immer wegguckt, wenn er meiner ansichtig wird. Nach gelungener Verarbeitung des Vorfalls mit dem Mann in Weiß denke ich nun aber, dass mich das nichts angeht, wenn er es mir nicht von sich aus sagt, warum er wegguckt. Das einzige, was ich tun kann, ist, ihm die Gelegenheit zu geben, es mir zu sagen, indem ich mich endlich mal für seinen Laden interessiere, indem ich reingehe und mir die Taschen anschaue, die er neuerdings verkauft. Das habe ich vorhin gemacht und schon gedacht, ich komme zu spät, der hat den Laden gar nicht mehr. Doch dann hat sich schnell aufgeklärt, dass die sympathische Frau hinter der Kasse nicht die neue Besitzerin ist, dass er den Laden immer noch hat und er morgen wieder da ist. Bei der Gelegenheit habe ich gleich noch erfahren, dass er die Taschen nicht neuerdings, sondern schon seit Jahren verkauft, weil das Geschäft mit den Platten nicht so gut gelaufen ist an dem Standort in Schöneberg; das sei eher etwas für Prenzlauer Berg; hier gibt es das Publikum nicht dafür, meinte die Frau und deutete dann auf die Tür zu einem Nebenraum, wo die Platten jetzt untergebracht sind; immer noch im Angebot, aber nicht mehr das Hauptgeschäft, wie sie erklärte. – Aha! Da bin ich also die letzten Jahre drei-, viermal die Woche an diesem Laden vorbei gegangen und jetzt erst kriege ich mit, dass da Taschen verkauft werden, weil ich immer nur den Besitzer des Ladens gesehen habe, der weggeguckt hat, wenn er mich kommen sah. – Könnte ich nicht so das Gespräch mit ihm beginnen, indem ich ihm das erzähle? - Mal sehen.
Vor dem Anruf Peters war ich in dem Laden in der Akazienstraße 8. Früher Platten-, jetzt Taschenladen. Auf dem Hinweg habe ich mir überlegt, wie rede ich den Besitzer an. Duze ich ihn? Denn er ist in etwa in meinem Alter und von meiner Lebensart. Oder sage ich besser erst mal Sie zu ihm? Denn er ist Schwabe. Das weiß ich, weil ich habe ihn mal mit dem Besitzer des benachbarten Zeitungsladens schwäbeln hören. Und mit dem, Armin, ist es so gewesen, dass mein Vorschlag, nach langjähriger Geschäftsbeziehung vom Sie zum Du zu wechseln, zu einem solchen Krampf geführt hat, dass ich eines Tages erschöpft zum Bhagwan-Foto hinter Armin hochgeschaut habe, und da habe ich die Stimme von Meister Shree Rajneesh gehört, die mir zuflüsterte: surrender! Scheiß drauf, habe ich da gedacht, jetzt folge ich auch dem Bhagwan, und habe den Herrn Armin wieder gesiezt, bis ich die Geschäftsbeziehung zu ihm abgebrochen habe aus Gründen, die nichts mit Du oder Sie zu tun hatten und jetzt keine Rolle spielen. Jetzt ist nur von Bedeutung, die beiden Nachbarn schwäbeln zusammen und dem einen war das Duzen mit mir nicht selbstverständlich, da wird es dem anderen auch nicht willkommen sein. Sage ich also lieber Sie zu ihm. Zumal unser bisheriger sozialer Kontakt so verlief, dass er konsequent seinen Blick abgewandt hat, wenn er vor seinem Laden stand und mich kommen sah. Konsequent heißt: nicht zufällig gerade woanders hingeguckt hat und das nächste Mal wieder zufällig woanders hin und das hat überhaupt nichts zu bedeuten, auch wenn das drei-, viermal oder fünfmal so war, zufällig eben - nein, seit er diesen Laden hat, seit zehn oder acht Jahren, guckt er woanders hin, wenn ich an ihm vorbeigehe. Keine Ahnung, warum? Weil er etwas gehört hat über mich, was gegen mich spricht? Oder weil ich mich nicht für seinen Laden interessiert habe? Nichts gekauft, nicht mal rumgestöbert habe in seinen Platten und dem Krimskrams, den er außerdem noch verkauft hat. Schwer vorstellbar, wie er mit dem Sortiment so lange Zeit geschäftlich überleben konnte. Muss ein gewiefter Kaufmann sein. Alleine das schon ein Grund, um ihn mal kennenzulernen. Und bei der Gelegenheit gleich noch rauszukriegen, warum er schon seit Jahren wegguckt, wenn er mich sieht. Das ist mir Anfang der Woche eingefallen, dass ich das jetzt mal rausfinden könnte. Deshalb wollte ich am Dienstag bei ihm reinschauen, bin jedoch nicht dazu gekommen, und dann passierte das mit dem Mann in Weiß und seiner Verachtung. Kombiniert mit der Koinzidenz, dass mir gleich darauf noch der Postmeister mit der schwierigen Grüßbeziehung begegnet ist und am Tag darauf die Frau aus dem Gartenhaus, die meinen Gruß nicht erwidert hat, so dass ich mir einbilden könnte, dass die mich auch verachtet, aber ich denke mir, die mag mich nur einfach nicht, und da ich sie auch nicht mag, ist das völlig in Ordnung. Nun könnte ich denken, dass das kein Zufall war, was ich mit dem Mann in Weiß erlebt habe, dass ich das angezogen habe, weil ich mich gerade mit diesem Thema beschäftigt habe. Und dass ich mich mit diesem Thema beschäftigt habe, das hat seine Gründe in meinem Unbewussten, das dann von mir unbemerkte Signale ausgesendet hat, die dazu führten, dass der Mann in Weiß des Weges kam just in dem Moment, als ich am Dienstagnachmittag das Haus verlassen habe, und ich so seine Verachtung zu spüren kriegen konnte. So starke Signale waren das? – Nä, oder? Wenn das so wäre, dann könnte ich mit dieser Nummer im Zirkus auftreten. Allerdings war der Vorfall mit dem Mann in Weiß und den beiden beiherspielenden Koinzidenzen die beste Vorbereitung für das Gespräch mit dem Besitzer des Taschenladens. Ursprünglich hatte ich nämlich die Absicht, ihn direkt darauf anzusprechen, warum er immer wegguckt, wenn er meiner ansichtig wird. Nach gelungener Verarbeitung des Vorfalls mit dem Mann in Weiß denke ich nun aber, dass mich das nichts angeht, wenn er es mir nicht von sich aus sagt, warum er wegguckt. Das einzige, was ich tun kann, ist, ihm die Gelegenheit zu geben, es mir zu sagen, indem ich mich endlich mal für seinen Laden interessiere, indem ich reingehe und mir die Taschen anschaue, die er neuerdings verkauft. Das habe ich vorhin gemacht und schon gedacht, ich komme zu spät, der hat den Laden gar nicht mehr. Doch dann hat sich schnell aufgeklärt, dass die sympathische Frau hinter der Kasse nicht die neue Besitzerin ist, dass er den Laden immer noch hat und er morgen wieder da ist. Bei der Gelegenheit habe ich gleich noch erfahren, dass er die Taschen nicht neuerdings, sondern schon seit Jahren verkauft, weil das Geschäft mit den Platten nicht so gut gelaufen ist an dem Standort in Schöneberg; das sei eher etwas für Prenzlauer Berg; hier gibt es das Publikum nicht dafür, meinte die Frau und deutete dann auf die Tür zu einem Nebenraum, wo die Platten jetzt untergebracht sind; immer noch im Angebot, aber nicht mehr das Hauptgeschäft, wie sie erklärte. – Aha! Da bin ich also die letzten Jahre drei-, viermal die Woche an diesem Laden vorbei gegangen und jetzt erst kriege ich mit, dass da Taschen verkauft werden, weil ich immer nur den Besitzer des Ladens gesehen habe, der weggeguckt hat, wenn er mich kommen sah. – Könnte ich nicht so das Gespräch mit ihm beginnen, indem ich ihm das erzähle? - Mal sehen.
Sonntag, 1. Mai 2011
Maikundgebung
Es geht mir schlecht. Ich lasse mich nicht hängen. Doch davon wird es nicht besser. In meinem Zustand betrinken sich Leute. Das kann ich mir finanziell nicht leisten. Das würde ich auch nicht ertragen, in meinem Zustand auch noch einen Kater zu haben, und damit von vornherein zu verhindern, dass es mir morgen schon wieder besser geht. - Der hier schon einmal erwähnte Adelsexperte sitzt um 14 Uhr vor der Feinbäckerei, trinkt ein großes Bier und hat seine neue Sonnenbrille mit großen tropfenförmigen Gläsern auf, von deren Kauf ich ihm abgeraten hätte. Als er mich bemerkt, wird sein Gesicht noch länger und er schaut an mir vorbei. Auch eine Art von Leserkommentar. Hat er also meine Bemerkungen über ihn im anderen Blog inzwischen auch gelesen. So schlimm? Ich könnte mein Fahrrad anhalten vor der Feinbäckerei, Hallo sagen und abwarten, was er dann macht, und wenn er dann auffallend verhalten reagiert, könnte ich ihn fragen, was er hat, als ob ich das nicht wüsste. Das wäre aasig. Und zu einfach, mich von mir abzulenken, indem ich auf andere losgehe. Wäre ich 40 Jahre jünger, würde ich heute Abend an den 1.Mai-Unruhen in Kreuzberg teilnehmen. Da sind die Anderen Profis; sie werden dafür bezahlt, wenn auch sehr schlecht. Und da sie von Berufs wegen schon einmal da sind, würden sie sich nur langweilen, wenn nach Einbruch der Dunkelheit nicht endlich der Straßenkampf ausbräche. Alles junge Männer, die sich auch gerne mal austoben. Und bitte einmal darauf achten: Es scheint Grenzen zu geben, die in stiller Übereinkunft der feindlichen Lager nicht überschritten werden. Hoffentlich ist das heute Abend auch so. Allen Beteiligten viel Glück und viel Spaß!
Was ich dann gemacht habe, ich bin nach Kreuzberg zu Peter gefahren. Unangemeldeter Besuch. Denn hätte ich mich angemeldet, hätte er abgewinkt. So rufe ich ihn an und sage: ich stehe 50 Meter von deinem Haus entfernt, kommst du runter? Mein Rest bürgerlicher Anstand besteht also darin, dass ich nicht erwarte, dass er mich in seine verwahrloste Wohnung bittet. Wir haben uns acht Monate lang nicht gesehen, immer nur telefoniert. Jetzt bin ich überrascht, was für eine Wampe er hat, und frage ihn, ob er zugenommen hat. – Ja, irgendwann habe ich sicher mal zugenommen, meint er und will damit sagen, in letzter Zeit nicht. Abgenommen hat er aber auch nicht. So sieht kein Krebskranker im fortgeschrittenen Zustand aus wie du, Peter. Dazu bist du einfach zu fett. Meine Art von Trost, eine andere habe ich heute nicht für ihn. Wir gehen Richtung Landwehrkanal. Nach dreihundert Metern bleibt er stehen. Röchelt. – Atemnot? – Er nickt. – Ich will nicht dabei sein, wenn du stirbst, sage ich. Und du musst auch nicht denken, dass ich darüber schreiben werde. Wenn du stirbst, werde ich im Blog weiterhin so tun, als würdest du noch leben. – Weil sonst dein Ruf im Eimer ist? – Genau. Weil ich immer behauptet habe, dass das alles nur psychosomatisch ist, was du hast. – Das Röcheln hört sich nun aber gar nicht psychosomatisch an. Und die Entzündung, die er hat unter der Zunge, die kommt von dem Eingriff am letzten Donnerstag im Virchow Klinikum. Unter Vollnarkose (mit Propofol) haben sie ihm da ein Loch in den Zungenboden gebohrt, um von da aus – invasiv diagnostisch – zu seinem Knubbel vorzudringen und Gewebe zu entnehmen. Da sie ihn schon mal unter Narkose hatten, haben sie auch gleich noch eine Magen- und eine Darmspiegelung gemacht. Befund kriegt er mitgeteilt am 11. Mai. Wieder Warten. Jetzt sehe ich zum ersten Mal den Knubbel an seiner unteren rechten Halsseite, und befühlen lässt er ihn mich auch mal. Harter taubeneigroß angeschwollener Lymphknoten. Psychosomatisch? - Mensch, Peter! Aber du siehst nicht krank aus. Nicht gerade rosig deine Gesichtsfarbe, aber fahl auch nicht. Wenn du nicht so übergewichtig wärst, könnte man sagen, du siehst kerngesund aus. – Auch das keine Trostworte. Ausdruck der Verwunderung. Und als er sagt, dass er sich immer hinfälliger fühlt, schon seit drei Monaten nicht mehr in der Bergmannstraße war, weil er den kurzen Weg dorthin nicht mehr schafft, sage ich lieber nichts. Wir sitzen in der Sonne auf einem Mäuerchen vor einem Gebüsch, dahinter der Kanal. Wir lachen viel. Von Angesicht zu Angesicht ist Peter noch witziger als am Telefon. Zwei junge Männer kommen vorbei. Einer der beiden lächelt mich an und schlägt sich mit der zur Faust geballten rechten Hand gegen die Brust (Herzgegend). - Was wollte er mir mit dieser Geste zeigen? Dass er seinen Hund liebt? - Als ich ihm hinterhergucke, sehe ich, dass der Hund ein Kampfhund ist, und dass sie ihn ohne Maulkorb und unangeleint rumlaufen lassen. Auf dem Rückweg kommen uns eine junge Mutter und ihre kleine Tochter entgegen, die feuermelderrote Haare hat. Ich schaue die junge Frau an - wegen der Eleganz, mit der sie eine einfache graue Decke um ihre Schultern gelegt hat, um sich vor dem kühlen Wind zu schützen. Die Frau erwidert lächelnd meinen Blick, neugierig, wem sie so gut gefällt. Ich sage, in Kreuzberg sind die Frauen anders als in Schöneberg. – Das habe ich schon immer gewusst, sagt Peter.
Was ich dann gemacht habe, ich bin nach Kreuzberg zu Peter gefahren. Unangemeldeter Besuch. Denn hätte ich mich angemeldet, hätte er abgewinkt. So rufe ich ihn an und sage: ich stehe 50 Meter von deinem Haus entfernt, kommst du runter? Mein Rest bürgerlicher Anstand besteht also darin, dass ich nicht erwarte, dass er mich in seine verwahrloste Wohnung bittet. Wir haben uns acht Monate lang nicht gesehen, immer nur telefoniert. Jetzt bin ich überrascht, was für eine Wampe er hat, und frage ihn, ob er zugenommen hat. – Ja, irgendwann habe ich sicher mal zugenommen, meint er und will damit sagen, in letzter Zeit nicht. Abgenommen hat er aber auch nicht. So sieht kein Krebskranker im fortgeschrittenen Zustand aus wie du, Peter. Dazu bist du einfach zu fett. Meine Art von Trost, eine andere habe ich heute nicht für ihn. Wir gehen Richtung Landwehrkanal. Nach dreihundert Metern bleibt er stehen. Röchelt. – Atemnot? – Er nickt. – Ich will nicht dabei sein, wenn du stirbst, sage ich. Und du musst auch nicht denken, dass ich darüber schreiben werde. Wenn du stirbst, werde ich im Blog weiterhin so tun, als würdest du noch leben. – Weil sonst dein Ruf im Eimer ist? – Genau. Weil ich immer behauptet habe, dass das alles nur psychosomatisch ist, was du hast. – Das Röcheln hört sich nun aber gar nicht psychosomatisch an. Und die Entzündung, die er hat unter der Zunge, die kommt von dem Eingriff am letzten Donnerstag im Virchow Klinikum. Unter Vollnarkose (mit Propofol) haben sie ihm da ein Loch in den Zungenboden gebohrt, um von da aus – invasiv diagnostisch – zu seinem Knubbel vorzudringen und Gewebe zu entnehmen. Da sie ihn schon mal unter Narkose hatten, haben sie auch gleich noch eine Magen- und eine Darmspiegelung gemacht. Befund kriegt er mitgeteilt am 11. Mai. Wieder Warten. Jetzt sehe ich zum ersten Mal den Knubbel an seiner unteren rechten Halsseite, und befühlen lässt er ihn mich auch mal. Harter taubeneigroß angeschwollener Lymphknoten. Psychosomatisch? - Mensch, Peter! Aber du siehst nicht krank aus. Nicht gerade rosig deine Gesichtsfarbe, aber fahl auch nicht. Wenn du nicht so übergewichtig wärst, könnte man sagen, du siehst kerngesund aus. – Auch das keine Trostworte. Ausdruck der Verwunderung. Und als er sagt, dass er sich immer hinfälliger fühlt, schon seit drei Monaten nicht mehr in der Bergmannstraße war, weil er den kurzen Weg dorthin nicht mehr schafft, sage ich lieber nichts. Wir sitzen in der Sonne auf einem Mäuerchen vor einem Gebüsch, dahinter der Kanal. Wir lachen viel. Von Angesicht zu Angesicht ist Peter noch witziger als am Telefon. Zwei junge Männer kommen vorbei. Einer der beiden lächelt mich an und schlägt sich mit der zur Faust geballten rechten Hand gegen die Brust (Herzgegend). - Was wollte er mir mit dieser Geste zeigen? Dass er seinen Hund liebt? - Als ich ihm hinterhergucke, sehe ich, dass der Hund ein Kampfhund ist, und dass sie ihn ohne Maulkorb und unangeleint rumlaufen lassen. Auf dem Rückweg kommen uns eine junge Mutter und ihre kleine Tochter entgegen, die feuermelderrote Haare hat. Ich schaue die junge Frau an - wegen der Eleganz, mit der sie eine einfache graue Decke um ihre Schultern gelegt hat, um sich vor dem kühlen Wind zu schützen. Die Frau erwidert lächelnd meinen Blick, neugierig, wem sie so gut gefällt. Ich sage, in Kreuzberg sind die Frauen anders als in Schöneberg. – Das habe ich schon immer gewusst, sagt Peter.
Sonntag, 24. April 2011
Fans
Im Posteingang gestern Abend nicht die mit Spannung erwartete Reaktion von Dani, dem ich die Adresse meines Blogs gemailt hatte, sondern eine Wut-Mail von Peter. – Was war passiert? – Am Freitag telefonieren wir am frühen Abend, während ich in der Küche das Abendessen vorbereite, Bier trinke, Zigaretten rauche und alte Bowie-CDs aus der Musikbibliothek höre: Erst Ziggy Stardust und anschließend Scary Monsters. Als Peter das mitkriegt, beschwert er sich erst, dass ich immer Musik höre, wenn ich mit ihm telefoniere (nicht zu ändern, zwischen 18.30 und 20.00 Uhr ist bei mir nun mal Party) und dann sagt er noch: Iiiieeeh, Bowie! Wie eklig! – Der sei arrogant. Ich wundere mich, dass er nie eine Bowie-Phase hatte, und dann auch wieder nicht. Doziere kurz über die Wandlungsfähigkeit von David Bowie, dass er sich mehrfach neu erfunden hat. Merke dann aber gleich, dass ich damit gerade Peter nicht beeindrucken kann, und denke an nichts Böses, als er mich fragt, ob ich seine Mail schon gelesen hätte. Mails lese ich frühmorgens und abends. Worum geht es denn Peter? – Wirst du ja sehen. – Hätte er es mir gleich gesagt, hätten wir es auch gleich ausfechten können, so zieht es sich hin, weil schriftlich:
Betreff: Kelly Family
Kannst du mir erklären,
warum ich eine Schwäche für sowas habe
und jedesmal heulen könnte.
http://www.youtube.com/watch?v=Ol5rSB44Kfk&feature=related
Betreff: Re: Kelly Family
Peter es ist peinlich, es ist unterste Schublade, ich kann es dir nicht erklären, ich gucke mir das nicht an, hör auf, mir so ein Zeug zu schicken. Das Sein bestimmt das Bewusstsein (Karl Marx). Hör auf damit, Dich mit so einem Kitsch abzugeben, und es wird wieder aufwärts gehen mit Deinem Leben!
W.
Betreff: Re: Kelly Family
Wolfgang,
du denkst,
Bowie wär was Besseres,
weil er ein arrogantes Arschloch ist.
Es ist deine Sache,
dich da wiederzufinden,
aber laß den Menschen die Möglichkeit,
sich ihre Gefühle da zu holen,
wo sie sie finden.,
selbst wenn es die Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe,
oder,
ich will nen Cowboy als Mann ist.
Vielleicht gefällt es dir,
wenig Freunde zu haben,
aber vom hohen Roß aus
kann es schwierig sein,
Ihnen und anderen zu begegnen.
Mehr Nachsicht,
mehr Einsicht,
dass Andere anders sind
und in der untersten Schublade
kann es manchmal gemütlicher sein,
als in der obersten.
P.
Betreff: Re: Kelly Family
Och, Peter! Ich nehm Dir doch nichts! Ich sag nur Kitsch! Kitsch! Kitsch! - Und ein Mensch ist, was er isst. Oder hört, oder ... . - Das Sein bestimmt das Bewusstsein! Basta!
W.
Betreff: Re: Kelly Family
... und Bowie ist nicht arrogant. Er ist aristokratisch: The Thin White Duke.
Betreff: Re: Kelly Family
Vor 17 Jahren ist mir eine wunderschöne Polin mit 5-jährigem Kind ins Büro geschneit und brauchte Hilfe. Ich war zwar nicht zuständig, aber die Lust, zu helfen, überwog. Ich habe dafür sorgen können, eine neue Wohnung zu finden, durfte ein paar schöne Fotos von ihr machen, aber dann hat sie einen smarten aber langweiligen Bullen geheiratet, der später Erzieher wurde und ein weiteres Kind gezeugt, das jetzt in de Psychiatrie ist. Inzwischen ist sie geschieden und wir hatten eine Beziehung angefangen, die erfüllend war, wie keine zuvor. Aber jetzt scheint ein Anderer wichtig zu sein und ich kann es nicht ändern, nur trauern.
P.
Als ich heute Früh diese letzte Mail lese (geschrieben 1.29 Uhr), freue ich mich, dass Peter nicht mehr beleidigt ist, bin verblüfft vom schnellen Themenwechsel und dann mal wieder überrascht von seiner Eigenart des Nach-und-Nach-Herausrückens mit einer Geschichte. Ich wusste, dass er H. (aka die Polnische) schon lange gut kannte, bevor sie vorletztes Jahr ein Liebespaar wurden und sie ihm letztes Jahr das Herz gebrochen hat (oder er sich selbst das Herz gebrochen hat, denn er hätte wissen müssen, worauf er sich einlässt). Aber ich ahnte nicht, dass er sie im Amt kennengelernt hatte. So wie er auch die andere ganz wichtige Frau in seinem Leben, Susanne, die Mutter seines Sohnes, als Hilfesuchende im Amt kennengelernt hat. Du bist also für H. von Anfang der Helfer und die gebende Hand gewesen, und so hat sie sich dann auch verhalten – sie hat dich in ihre Nähe gelassen, als sie dich brauchte vor zwei Jahren, und als sie dich nicht mehr brauchte, und weil deine gebende Hand inzwischen leer war, da war es vorbei – sage ich schlaumeierisch, als er heute Vormittag anruft und ich immer noch fasziniert bin von der Klarheit, mit der sich sein Muster zeigt. Als er darauf erwidert, dass man das so einfach nicht sagen kann, da habe ich es auf einmal eilig. Lass uns später noch mal telefonieren, ich muss jetzt gleich den anderen Blog schreiben. Und da, das sage ich ihm nicht, weil ich es in dem Moment noch nicht weiß, da wird es um mein Muster gehen, aber so, dass es mir richtig weht tut. Es beginnt ganz harmlos mit einer Korrektur zu dem Posting von gestern: Telefonieren – und dann bin ich auf einmal wieder mittendrin im Drama mit ihr – in meinem Drama mit ihr. Denn auch hier bitte unterscheiden: sie hat mir das Herz gebrochen – ich habe mir das Herz gebrochen.
Betreff: Kelly Family
Kannst du mir erklären,
warum ich eine Schwäche für sowas habe
und jedesmal heulen könnte.
http://www.youtube.com/watch?v=Ol5rSB44Kfk&feature=related
Betreff: Re: Kelly Family
Peter es ist peinlich, es ist unterste Schublade, ich kann es dir nicht erklären, ich gucke mir das nicht an, hör auf, mir so ein Zeug zu schicken. Das Sein bestimmt das Bewusstsein (Karl Marx). Hör auf damit, Dich mit so einem Kitsch abzugeben, und es wird wieder aufwärts gehen mit Deinem Leben!
W.
Betreff: Re: Kelly Family
Wolfgang,
du denkst,
Bowie wär was Besseres,
weil er ein arrogantes Arschloch ist.
Es ist deine Sache,
dich da wiederzufinden,
aber laß den Menschen die Möglichkeit,
sich ihre Gefühle da zu holen,
wo sie sie finden.,
selbst wenn es die Zuckerpuppe aus der Bauchtanztruppe,
oder,
ich will nen Cowboy als Mann ist.
Vielleicht gefällt es dir,
wenig Freunde zu haben,
aber vom hohen Roß aus
kann es schwierig sein,
Ihnen und anderen zu begegnen.
Mehr Nachsicht,
mehr Einsicht,
dass Andere anders sind
und in der untersten Schublade
kann es manchmal gemütlicher sein,
als in der obersten.
P.
Betreff: Re: Kelly Family
Och, Peter! Ich nehm Dir doch nichts! Ich sag nur Kitsch! Kitsch! Kitsch! - Und ein Mensch ist, was er isst. Oder hört, oder ... . - Das Sein bestimmt das Bewusstsein! Basta!
W.
Betreff: Re: Kelly Family
... und Bowie ist nicht arrogant. Er ist aristokratisch: The Thin White Duke.
Betreff: Re: Kelly Family
Vor 17 Jahren ist mir eine wunderschöne Polin mit 5-jährigem Kind ins Büro geschneit und brauchte Hilfe. Ich war zwar nicht zuständig, aber die Lust, zu helfen, überwog. Ich habe dafür sorgen können, eine neue Wohnung zu finden, durfte ein paar schöne Fotos von ihr machen, aber dann hat sie einen smarten aber langweiligen Bullen geheiratet, der später Erzieher wurde und ein weiteres Kind gezeugt, das jetzt in de Psychiatrie ist. Inzwischen ist sie geschieden und wir hatten eine Beziehung angefangen, die erfüllend war, wie keine zuvor. Aber jetzt scheint ein Anderer wichtig zu sein und ich kann es nicht ändern, nur trauern.
P.
Als ich heute Früh diese letzte Mail lese (geschrieben 1.29 Uhr), freue ich mich, dass Peter nicht mehr beleidigt ist, bin verblüfft vom schnellen Themenwechsel und dann mal wieder überrascht von seiner Eigenart des Nach-und-Nach-Herausrückens mit einer Geschichte. Ich wusste, dass er H. (aka die Polnische) schon lange gut kannte, bevor sie vorletztes Jahr ein Liebespaar wurden und sie ihm letztes Jahr das Herz gebrochen hat (oder er sich selbst das Herz gebrochen hat, denn er hätte wissen müssen, worauf er sich einlässt). Aber ich ahnte nicht, dass er sie im Amt kennengelernt hatte. So wie er auch die andere ganz wichtige Frau in seinem Leben, Susanne, die Mutter seines Sohnes, als Hilfesuchende im Amt kennengelernt hat. Du bist also für H. von Anfang der Helfer und die gebende Hand gewesen, und so hat sie sich dann auch verhalten – sie hat dich in ihre Nähe gelassen, als sie dich brauchte vor zwei Jahren, und als sie dich nicht mehr brauchte, und weil deine gebende Hand inzwischen leer war, da war es vorbei – sage ich schlaumeierisch, als er heute Vormittag anruft und ich immer noch fasziniert bin von der Klarheit, mit der sich sein Muster zeigt. Als er darauf erwidert, dass man das so einfach nicht sagen kann, da habe ich es auf einmal eilig. Lass uns später noch mal telefonieren, ich muss jetzt gleich den anderen Blog schreiben. Und da, das sage ich ihm nicht, weil ich es in dem Moment noch nicht weiß, da wird es um mein Muster gehen, aber so, dass es mir richtig weht tut. Es beginnt ganz harmlos mit einer Korrektur zu dem Posting von gestern: Telefonieren – und dann bin ich auf einmal wieder mittendrin im Drama mit ihr – in meinem Drama mit ihr. Denn auch hier bitte unterscheiden: sie hat mir das Herz gebrochen – ich habe mir das Herz gebrochen.
Dienstag, 12. April 2011
Nachspiel
Im Lauf des Tages den Faden verloren. Faden war: Leugnen von Sachverhalten und damit jemandem anderen unterstellen, er habe sich den Sachverhalt nur eingebildet oder ihn konstruiert aus fragwürdigen Motiven. Sagen: Was du behauptest, das stimmt nicht. Und damit meinen: Es stimmt etwas mit dir nicht. – Verarbeitung des Gesprächs, das ich gestern hatte mit der guten Inge. Meine Sympathie für sie unverwüstlich. Daher sehe ich es nicht so grimmig. Ihr Leugnen auch nicht böswillig. Kein Lügen. Eher eine Art von kreativer Gedächtnisleistung. In einer Co-Produktion von Erinnern und Vergessen wird eine Begebenheit nachbearbeitet im Sinne von: dass nicht gewesen sein kann, was nicht gewesen sein soll.
Gestern wieder auf Peter eingeredet, dass er einen Blog schreiben soll. Nachmittags hat die junge Freundin, mit der es schon lange nichts Richtiges mehr war, ihn darüber informiert, dass sie einen neuen Mann hat. Bestimmt ein Arschloch, hat Peter hinterher zu mir gesagt, geweint hatte er auch schon und ihr geschrieben, dass er nun nichts mehr mit ihr zu tun haben will; nichts von wegen nur noch gute Freunde sein. Ich nun gleich wieder: Hör auf, ihr Mails zu schreiben. Fang endlich an mit deinem Blog. Das ist der ideale Moment dafür. - Ich dränge ihn, noch am Abend den Blog einzurichten. Blogger.com aufrufen und in 5 Minuten ist es passiert. – 22.45 Uhr ruft er an im Ton von Stell dir vor: Die wollen meine E-Mail-Adresse haben! Soll ich die denen etwa geben? – Heute Morgen vier Mails von ihm in meinem Posteingang. Er ist völlig durcheinander. Und ich habe schlechte Laune. Als er anruft, kriegt er sie ab. Ich beschwere mich über die vielen Mails an mich und über seine Abschiedsmail an die Ex-Freundin,, die er mir weitergeleitet hat: Ich hätte dafür alle Bäume der Welt ausgerissen, um dir … . Was für ein Kitsch, Peter! - Er sagt: Ich bin eben ein Prolet. – Ich sage: Mache es dir nicht so leicht. Fang endlich an mit deinem Blog. Und vergiss die Polnische. - So nenne ich seine Freundin, weil mir dieser Ausdruck so gut gefällt und ich nicht ihren richtigen Namen nennen will, da er so katholisch ist, und polnischer Katholizismus ist mir unheimlich. Dann hacke ich noch auf dem Foto von ihr rum, das Peter mir geschickt hat. Das ist ein sehr gutes Foto von einer sehr hübschen Frau. Nur leider völlig entstellt von deiner Fotoshop-Bearbeitung. – Er: Das ist nicht mit Fotoshop bearbeitet. – Ich: Peter, du hast mir mal gesagt, dass bei dir kein Foto rausgeht, das nicht mit Fotoshop bearbeitet ist. Kannst du dich nicht mal entscheiden, auf welchem Planeten du leben willst? - Da war der Tag trotz schlechter Laune noch ein guter Tag. Hinterher habe ich im anderen Blog über das Telefongespräch mit Inge geschrieben. Geglaubt, ich könnte daraus was lernen. Zu spät erkannt, dass es besser gewesen wäre, es beim Befremden zu belassen. Deswegen den Faden verloren. Den Tag verloren.
Inzwischen hat die Polnische dem Peter geantwortet. Er liest mir vor, was sie am Schluss ihrer Mail geschrieben hat: Die Welt ohne Bäume? Bitte nicht! Ich drück Dich! - Brillante Kitschkritik. Ich beschließe, sie nicht mehr die Polnische zu nennen, und rate Peter davon ab, den Kontakt mit ihr abzubrechen.
Donnerstag, 7. April 2011
Brav
Vorhin hat eine Frau, die es eigentlich hätte wissen können, nicht gewusst, wer Nicole Krauss ist. – Da wird es langsam mal Zeit, dass dein Kind erwachsen wird, damit du dich endlich wieder um die Weltliteratur kümmern kannst, habe ich gesagt. – Worauf sie: Ich habe ja auch schon die Kühlpads im BH. – Du kühlst deine Brüste? Wozu? – Um abstillen zu können. – Hört das nicht von alleine auf? – Nein, ich war deswegen jetzt zwei Tage lang richtig krank. – Wie lange hast du denn gestillt? – Zweieinhalb Jahre. – Warum so lange? – Na, mir hat es gefallen und ihm auch. - Gute Mutter, liebevolle Mutter. Da wird er mal ein zufriedener Mann und bestimmt kein Raucher, denke ich, behalte das aber für mich, weil man das so auch wieder nicht sagen kann. Peter raucht schließlich auch, obwohl ihn seine Mutter noch als er drei Jahre alt war, hat mittrinken lassen, wenn sie seinen kleinen Bruder gestillt hat. Auch eine gute Mutter, auch eine liebevolle Mutter. Hat ihn auch nie geschlagen, erzählt Peter immer wieder stolz. War auch nicht nötig. Weil er immer so brav und vernünftig war, wie ihm seine Mutter vor ein paar Tagen am Telefon vorgehalten hat. Vorgehalten! In ihrer Enttäuschung darüber, was aus ihm jetzt geworden ist auf seine alten Tage. Der ganze Sohn nur noch ein einziges Elend. Vielleicht schwer krank, vielleicht auch nur depressiv. Ohne Lebensmut. Ohne Hoffnung. Und dann auch noch die Schulden, die er angehäuft hat in seinem Leben. Tilgung und Zinsen, die ihm sein Gehalt auffressen, so dass es gerade noch für das Nötigste reicht und manchmal nicht mal für das. – Peter, Peter, Peter! Wo wir immer so stolz waren auf dich, hat die Mutter gesagt und nach dem Telefongespräch hat Peter Rotz und Wasser geheult. – Warum? Weil du nicht der brave Junge sein kannst, auf den sie so stolz war? - Ja. - Und das kannst du nicht, weil du dazu zu schwach bist im Moment? Krisenbedingt. - Ja. - Und das tut weh? - Ja.
Habe ich nicht wiederholt angekündigt, dass ich nicht mehr über Peter schreiben will? – Ist schwer, es nicht zu tun, denn was er gerade durchlebt ist spannend und allemal wert aufgezeichnet und verstanden zu werden. Aber ich kann das nicht. Es ist eine Geschichte, die für sich selbst steht. Wenn ich die schreiberisch begleiten wollte, käme ich zu nichts Eigenem mehr. Deshalb will ich Peter jetzt dazu bringen, seine Geschichte selbst zu schreiben und zu verstehen. Und helfen soll ihm dabei, dass er anfängt Morgenseiten zu schreiben. Drei Seiten jeden Morgen, handschriftlich, einfach drauflos, was ihm gerade durch den Kopf geht. Um so einen anderen, tieferen Zugang zu kriegen zu sich selbst und eine andere Art von Schreiben zu lernen, mit der er dann seine Geschichte schreiben kann. – Ich schreibe doch schon morgens meine E-Mails und die sind auch über mich, hält er dagegen. – Peter, das ist was anderes. Das ist Selbstdarstellung. Morgenseiten ist nur für dich, um mit dir ins Reine zu kommen, ohne Eitelkeit, auf die Formulierungen kommt es nicht an, es geht nur darum zu fassen zu kriegen, was in dir gerade vorgeht. – Und wenn ich das mache, dann mache ich als nächstes Tai Chi und hinterher schmiere ich mir die Kräutersalben, die Caro mir in den Kühlschrank gelegt hat, auf den Knubbel? – Peter, Morgenseiten ist nichts Esoterisches. – Tai Chi ist auch nichts Esoterisches. Aber das lasse ich mal lieber weg, um es nicht zu kompliziert und es seinem Widerstand gegen alles Neue nicht zu leicht zu machen. – Morgenseiten ist einfach nur eine Praxis, Peter, um Kontakt mit dir aufzunehmen. Wenn man schreiben will, gibt es kein besseres Training. Die Surrealisten haben das auch gemacht. Breton, Artaud, Eluard. 20er, 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Automatische Niederschrift (écriture automatique). Assoziatives Schreiben. Eine Technik, um mit dem Unbewussten Kontakt aufzunehmen. – Ich bin so vertraut mit Peter, dass ich sogar sein Schweigen am Telefon deuten kann. Jetzt sagt sein Schweigen gerade: Wie schmeichelhaft für mich, dass du es so gut mit mir meinst. Aber das mache ich nie. Genauso wenig. wie ich mich im Morgengrauen auf eine Wiese stellen und Tai Chi machen werde. – Ich gebe auf. Ich merke auch, dass ich nicht überzeugend bin. Das zieht alles nicht, was ich da auf ihn einrede. – Heute Morgen fällt mir ein, was ich vergessen habe bei meiner Erklärung der Morgenseiten. Eine Orientierung beim Drauflosschreiben ist (kann sein, muss aber nicht sein) die Frage: Was will ich? Was will ich eigentlich? Was will ich wirklich? – Das habe ich gestern vergessen ihm zu sagen, dass es darum (auch) geht bei den Morgenseiten, herauszufinden, was man wirklich will. Und dass das doch sehr lohnend wäre, wenn ihm das gelänge. Denn das gibt es doch nicht, dass er in seinem Leben nichts anderes will, als ein braver Junge zu sein.
Habe ich nicht wiederholt angekündigt, dass ich nicht mehr über Peter schreiben will? – Ist schwer, es nicht zu tun, denn was er gerade durchlebt ist spannend und allemal wert aufgezeichnet und verstanden zu werden. Aber ich kann das nicht. Es ist eine Geschichte, die für sich selbst steht. Wenn ich die schreiberisch begleiten wollte, käme ich zu nichts Eigenem mehr. Deshalb will ich Peter jetzt dazu bringen, seine Geschichte selbst zu schreiben und zu verstehen. Und helfen soll ihm dabei, dass er anfängt Morgenseiten zu schreiben. Drei Seiten jeden Morgen, handschriftlich, einfach drauflos, was ihm gerade durch den Kopf geht. Um so einen anderen, tieferen Zugang zu kriegen zu sich selbst und eine andere Art von Schreiben zu lernen, mit der er dann seine Geschichte schreiben kann. – Ich schreibe doch schon morgens meine E-Mails und die sind auch über mich, hält er dagegen. – Peter, das ist was anderes. Das ist Selbstdarstellung. Morgenseiten ist nur für dich, um mit dir ins Reine zu kommen, ohne Eitelkeit, auf die Formulierungen kommt es nicht an, es geht nur darum zu fassen zu kriegen, was in dir gerade vorgeht. – Und wenn ich das mache, dann mache ich als nächstes Tai Chi und hinterher schmiere ich mir die Kräutersalben, die Caro mir in den Kühlschrank gelegt hat, auf den Knubbel? – Peter, Morgenseiten ist nichts Esoterisches. – Tai Chi ist auch nichts Esoterisches. Aber das lasse ich mal lieber weg, um es nicht zu kompliziert und es seinem Widerstand gegen alles Neue nicht zu leicht zu machen. – Morgenseiten ist einfach nur eine Praxis, Peter, um Kontakt mit dir aufzunehmen. Wenn man schreiben will, gibt es kein besseres Training. Die Surrealisten haben das auch gemacht. Breton, Artaud, Eluard. 20er, 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Automatische Niederschrift (écriture automatique). Assoziatives Schreiben. Eine Technik, um mit dem Unbewussten Kontakt aufzunehmen. – Ich bin so vertraut mit Peter, dass ich sogar sein Schweigen am Telefon deuten kann. Jetzt sagt sein Schweigen gerade: Wie schmeichelhaft für mich, dass du es so gut mit mir meinst. Aber das mache ich nie. Genauso wenig. wie ich mich im Morgengrauen auf eine Wiese stellen und Tai Chi machen werde. – Ich gebe auf. Ich merke auch, dass ich nicht überzeugend bin. Das zieht alles nicht, was ich da auf ihn einrede. – Heute Morgen fällt mir ein, was ich vergessen habe bei meiner Erklärung der Morgenseiten. Eine Orientierung beim Drauflosschreiben ist (kann sein, muss aber nicht sein) die Frage: Was will ich? Was will ich eigentlich? Was will ich wirklich? – Das habe ich gestern vergessen ihm zu sagen, dass es darum (auch) geht bei den Morgenseiten, herauszufinden, was man wirklich will. Und dass das doch sehr lohnend wäre, wenn ihm das gelänge. Denn das gibt es doch nicht, dass er in seinem Leben nichts anderes will, als ein braver Junge zu sein.
Freitag, 1. April 2011
Gegenwart
Peter ist auch ein Mensch im Frühling. Seit fünf Wochen im Gespräch mit einer Frau von früher. Früher = 40 Jahre und das Szenario war das von den beiden Königskindern, die sich so lieb hatten, aber das Wasser zwischen ihnen war viel zu tief. Sie war mit einem Freund von Peter zusammen und außerdem ist er zwei Tage später von Mannheim nach Berlin umgezogen. Deshalb ist in der Nacht nichts passiert und am Nachmittag darauf auch nicht, als sie zu ihm kam und gesagt hat, ich will mit dir zusammen sein. - Wie süß! – Trotzdem ist nichts passiert. Entsagt und zusammen geweint haben sie. Daran erinnern sie sich jetzt, wenn sie telefonieren, die beiden über 60jährigen, er in Berlin, sie in Schifferstadt, wo sie einen Kosmetiksalon hat. Gabi. – Darüber habe ich mich lustig gemacht. Nicht, weil ich neidisch bin, sondern in therapeutischer Absicht, weil ich Peter dazu bringen will, dass er wenigstens so lange noch, wie er seine Persönlichkeitskrise hat, in der Gegenwart lebt. – Nein, es geht hier nicht um Peter; es bleibt dabei, dass ich nicht mehr über sein Leben und dessen Krise schreibe. Es geht um eine abfällige Bemerkung von mir, die ihn immer noch wurmt. Das Bild des von der Leine losgerissenen Hundes, der sich in einem Stück Aas wälzt, Das hat mir so gut gefallen, dass ich es ihm nicht ersparen konnte (Oscar Wilde: Lieber einen Freund verlieren, als auf eine Pointe verzichten.). – Peter hat es verkraftet. Aber jetzt gibt er es mir, indem er immer wieder darauf zurück kommt und mich davon überzeugen will, wie schön die Erinnerungsseligkeit mit Gabi ist. Das lässt er sich von mir nicht nehmen, schreibt er in einer Mail. Ich schreibe zurück, dass ich ihm nichts nehmen will. Er soll machen, was er für gut hält, und ich denke, was ich will. – Hätte ich das mal lieber für mich behalten, was ich denke. Dann müsste ich mir jetzt nicht in unendlicher Wiederholung seine Schwärmerei über die Schönheit der Wiederbegegnung mit Gabi anhören. Und dann würde er mich jetzt nicht abbringen wollen von meiner Haltung: Vergangenheit interessiert mich nicht - Frauen aus der Vergangenheit interessieren mich menschlich, aber ich begehre sie nicht mehr, - mich interessiert nur die Gegenwart. Auch wenn sie gerade trostlos ist, weil es niemanden zum Begehren gibt. Weshalb ich gestern mal gedacht habe, dass es das vielleicht nicht mehr geben wird, eine Frau in meiner Nähe, und dass es nur noch darum geht, wie ich damit zurechtkomme. Was bestimmt hinzukriegen ist und dann bestimmt auch irgendwann aufhört traurig zu sein. Auf alle Fälle ist es besser – für mich, Peter! –. als mich mit Frauen aus der Vergangenheit einzulassen aus Pragmatismus oder erinnerungsselig, was ich nun mal nicht sein kann, obwohl ich schöne Erinnerungen habe. Da würde ich eher meine Schwimmstrecke von 2000 auf 3000 Meter verlängern, als dass ich das machen würde, habe ich zu Peter gesagt. – Da hat er gelacht. Beendet war das Thema damit jedoch nicht. Denn er dann gleich wieder, welche praktischen Vorteile das auch hat mit Frauen von früher. Zum Beispiel, dass es ihm bei denen egal sein kann, wenn er morgens neben ihnen aufwacht und Mundgeruch hat. – Da habe ich die Geduld verloren und ihn angefahren: Geht das nicht in deinen Kopf, dass es so sein kann, dass du es auf deine Art machst und ich mache es anders. Das ist kein Fall von Dafür oder Dagegen oder Falsch oder Richtig. Du bist A, ich bin B. Und wir erzählen uns gegenseitig davon, wie es ist A zu sein oder B zu sein. – Vielleicht wäre ich ja auch gerne ein bisschen B hat er darauf gesagt, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er das ernst gemeint hat, weil er schafft es zur Zeit kaum, A zu sein, wie will er dann auch noch B sein. Außerdem sei er nun mal Sozialarbeiter. Womit er sagen wollte, er meint es doch nur gut mit mir, und: er kann nicht anders. Da habe ich lachen müssen und er auch. Es würde mich allerdings wundern, wenn er heute nicht wieder damit anfangen würde. (...)
Rest des Textes gestrichen. Was da stand, habe ich Peter vorhin am Telefon gesagt, nachdem er heute wieder damit angefangen hat.
Rest des Textes gestrichen. Was da stand, habe ich Peter vorhin am Telefon gesagt, nachdem er heute wieder damit angefangen hat.
Dienstag, 29. März 2011
Lutscher
Die gern gesehene Sonderschullehrerin hätte ich heute beinahe übersehen auf der Hauptstraße, wenn sie nicht so auffällig weggeguckt hätte. Mir entgegen kommend hat sie den Hals verdreht, als hätte sie eine ganz wichtige Entdeckung gemacht in dem Kramladen, an dem sie gerade vorüberging, und in dem Plunderladen nebenan muss sie gleich auch noch was entdeckt haben. – Liegt etwas gegen mich vor? Oder wollte sie verhindern, Opfer eines überfallartigen Interviews zu werden? – In dem Fall ist sie das Risiko eines Halsstarrkrampfes unnötig eingegangen. Weil ein überfallartiges Interview hatte heute niemand zu befürchten. Nicht mal Hallo hätte ich gesagt, wenn sie hergeguckt hätte, gerade mal gequält gelächelt hätte ich und danach gleich wieder stumpf vor mich hingeblickt. Nichts sehen, nichts hören und bloß nichts sagen – heute nicht und den Rest der Woche auch nicht. So ein Tag ist das heute.
Gestern war Peter endlich beim Hausarzt mit den MRT-Bildern. Ergebnis: Der Knubbel ist ein geschwollener Lymphknoten. Auf mehr wollte sich der Arzt zunächst nicht festlegen. Er muss sich die Bilder später noch mal genauer anschauen. Nach Ende der Sprechstunde wird er Peter anrufen. – Oh! denke ich. Sage aber nichts, muss ich auch gar nicht, Peter denkt auch so schon das Schlimmste. – Ich versuche gute Stimmung zu machen. Lobe ihn dafür, dass er hingegangen ist und den Termin nicht wieder verschoben hat. Sage, wenn du ein Kind wärst, würdest du als Belohnung jetzt ein kleines Geschenk kriegen. – Einen Lutscher? fragt Peter. – Gute Idee, antworte ich. Ich denke mir als Belohnung einen Lutscher für dich aus. – Da ist es gegen 13 Uhr. Peter hat in der Nacht vor Aufregung und Angst vor der Diagnose kaum geschlafen. Die Wartezeit bis zum Anruf des Arztes will er rumbringen, indem er sich über Nachmittag hinlegt, um den versäumten Schlaf nachzuholen. Das gelingt ihm und ich mache es kurz: Anruf des Arztes gegen 18 Uhr. Entwarnung! Kein Lymphdrüsenkrebs. Der Lymphknoten ist geschwollen. Nur geschwollen. Der Arzt empfiehlt, dass Peter beim HNO-Kollegen eine Biopsie machen lässt, um ganz sicher zu gehen. Doch jetzt schon kann Peter sich mal fragen, ob es nicht konstruktivere Möglichkeiten gibt, mit seiner Lebenskrise umzugehen, als sie körperlich abzureagieren mit Darmproblemen, Nasenbluten, Lymphknotenschwellung und Krebsangst. Mehr als drei Monate war er überzeugt davon, Krebs zu haben, den hochaggressiven Halsknubbelkrebs, bei dem man es sich schenken kann, ihn diagnostizieren und behandeln zu lassen, da es sowieso keine Rettung gibt und man sich die verbleibende Lebenszeit nicht von Ärzten verderben lassen sollte. – Das denke ich, sage aber kein Wort darüber, weil ich mich freue und will, dass er sich auch freut. Doch er reagiert auf die gute Nachricht wie ein mäkliger Kunde. Wieso hat er überhaupt noch Lymphknoten am Hals? fragt er sich. Er dachte, die hätten sie ihm alle entfernt damals, als sie ihm den Zungenbodenkrebs wegoperiert haben.
Seinen Lutscher bekommt er trotzdem. Der Lutscher besteht aus zwei Teilen. Einer roten und einer grünen Hälfte sozusagen. Rote Hälfte: Ich rege an, dass Peter ein neues Fotoprojekt beginnt (*) und lade ihn ein, die Fotos hier im Blog zu veröffentlichen. Nicht als Illustration meiner Postings, sondern für sich stehend. Wenn er will, kann das eine Bildgeschichte sein, mit der er seine Geschichte selbst weitererzählt. Denn - grüne Hälfte - ich schreibe ab jetzt nicht mehr über ihn. Nichts mehr über ihn und seine Lebenskrise. Ende des Peter-Erzählstrangs. Ab jetzt muss er es nicht mehr ertragen, morgens um drei zu lesen, was ich alles über ihn denke. Ab jetzt kommt er im Blog nur noch als mein Gesprächspartner vor.
(*) Ein befreundeter Rechtsanwalt und Kunstfreund war so begeistert von Nackte Wände, dem letzten Fotoprojekt Peters, dass er ihn gefragt hat, ob er damit einverstanden ist, wenn eine Auswahl der Fotos bei der nächsten Langen Nacht der Museen in Mannheim in der Alten Feuerwache ausgestellt wird. – Peter war einverstanden. Aber da war es auch so, dass ich mich mehr gefreut habe als Peter, der murrte, er sei doch kein Künstler, er sei Sozialarbeiter. - Wie ein mäkliger Kunde.
Das noch: Peter hatte heute zum ersten Mal seit Wochen kein Nasenbluten. - Sonderbar.
Gestern war Peter endlich beim Hausarzt mit den MRT-Bildern. Ergebnis: Der Knubbel ist ein geschwollener Lymphknoten. Auf mehr wollte sich der Arzt zunächst nicht festlegen. Er muss sich die Bilder später noch mal genauer anschauen. Nach Ende der Sprechstunde wird er Peter anrufen. – Oh! denke ich. Sage aber nichts, muss ich auch gar nicht, Peter denkt auch so schon das Schlimmste. – Ich versuche gute Stimmung zu machen. Lobe ihn dafür, dass er hingegangen ist und den Termin nicht wieder verschoben hat. Sage, wenn du ein Kind wärst, würdest du als Belohnung jetzt ein kleines Geschenk kriegen. – Einen Lutscher? fragt Peter. – Gute Idee, antworte ich. Ich denke mir als Belohnung einen Lutscher für dich aus. – Da ist es gegen 13 Uhr. Peter hat in der Nacht vor Aufregung und Angst vor der Diagnose kaum geschlafen. Die Wartezeit bis zum Anruf des Arztes will er rumbringen, indem er sich über Nachmittag hinlegt, um den versäumten Schlaf nachzuholen. Das gelingt ihm und ich mache es kurz: Anruf des Arztes gegen 18 Uhr. Entwarnung! Kein Lymphdrüsenkrebs. Der Lymphknoten ist geschwollen. Nur geschwollen. Der Arzt empfiehlt, dass Peter beim HNO-Kollegen eine Biopsie machen lässt, um ganz sicher zu gehen. Doch jetzt schon kann Peter sich mal fragen, ob es nicht konstruktivere Möglichkeiten gibt, mit seiner Lebenskrise umzugehen, als sie körperlich abzureagieren mit Darmproblemen, Nasenbluten, Lymphknotenschwellung und Krebsangst. Mehr als drei Monate war er überzeugt davon, Krebs zu haben, den hochaggressiven Halsknubbelkrebs, bei dem man es sich schenken kann, ihn diagnostizieren und behandeln zu lassen, da es sowieso keine Rettung gibt und man sich die verbleibende Lebenszeit nicht von Ärzten verderben lassen sollte. – Das denke ich, sage aber kein Wort darüber, weil ich mich freue und will, dass er sich auch freut. Doch er reagiert auf die gute Nachricht wie ein mäkliger Kunde. Wieso hat er überhaupt noch Lymphknoten am Hals? fragt er sich. Er dachte, die hätten sie ihm alle entfernt damals, als sie ihm den Zungenbodenkrebs wegoperiert haben.
Seinen Lutscher bekommt er trotzdem. Der Lutscher besteht aus zwei Teilen. Einer roten und einer grünen Hälfte sozusagen. Rote Hälfte: Ich rege an, dass Peter ein neues Fotoprojekt beginnt (*) und lade ihn ein, die Fotos hier im Blog zu veröffentlichen. Nicht als Illustration meiner Postings, sondern für sich stehend. Wenn er will, kann das eine Bildgeschichte sein, mit der er seine Geschichte selbst weitererzählt. Denn - grüne Hälfte - ich schreibe ab jetzt nicht mehr über ihn. Nichts mehr über ihn und seine Lebenskrise. Ende des Peter-Erzählstrangs. Ab jetzt muss er es nicht mehr ertragen, morgens um drei zu lesen, was ich alles über ihn denke. Ab jetzt kommt er im Blog nur noch als mein Gesprächspartner vor.
(*) Ein befreundeter Rechtsanwalt und Kunstfreund war so begeistert von Nackte Wände, dem letzten Fotoprojekt Peters, dass er ihn gefragt hat, ob er damit einverstanden ist, wenn eine Auswahl der Fotos bei der nächsten Langen Nacht der Museen in Mannheim in der Alten Feuerwache ausgestellt wird. – Peter war einverstanden. Aber da war es auch so, dass ich mich mehr gefreut habe als Peter, der murrte, er sei doch kein Künstler, er sei Sozialarbeiter. - Wie ein mäkliger Kunde.
Das noch: Peter hatte heute zum ersten Mal seit Wochen kein Nasenbluten. - Sonderbar.
Freitag, 25. März 2011
Todesangst
Peter. Gestern konnte er die Bilder von der MRT abholen in der Apparate-Praxis in der Eisenacherstraße, um sie seinem Hausarzt zu bringen, damit der sie interpretieren kann und es endlich eine Knubbel-Diagnose gibt. Termin beim Hausarzt war gestern Vormittag. Am Nachmittag Anruf Peters. Keine Diagnose. Sein Therapeut, bei dem er einen Termin nach dem Hausarzt haben sollte, hat den Termin vorverlegen müssen. Und weil der Therapeuten-Termin für Peter wichtiger war als der beim Hausarzt, hat er den Hausarzt-Termin auf nächste Woche verschoben. – Was?! Dir war der Termin beim Therapeuten wichtiger als der Termin, bei dem du endlich eine Diagnose des Knubbels bekommen hättest, wegen dem du in ständiger Todesangst lebst? – Während ich mich deswegen nicht mehr einkriege, sagt er unter anderem: Er habe nicht ständige Todesangst. So groß sei seine Angst also auch wieder nicht. – Was nicht stimmt. Seine Angst ist so groß, dass er sich eine andere als eine Diagnose, die seine schlimmsten Erwartungen bestätigt, gar nicht vorstellen kann. Dass er also in dem Termin beim Hausarzt nicht die geringste Chance gesehen hat, dass ihm seine Todesangst genommen wird. – Und dann sagt er noch: Ich sage dir jetzt nur noch die Wahrheit. – Da hätte ich aufhorchen müssen. Denn, wenn ein Lügner sagt, er sagt die Wahrheit, dann muss man sich nur vergewissern, in welchem Zusammenhang er das sagt, und man weiß, welche seiner Aussagen gerade gelogen war. – Wegen meiner Fassungslosigkeit über seine Prioritätensetzung – Termin beim Therapeuten wichtiger als der Arzttermin zur Knubbel-Diagnose – ist mir das jedoch nicht gleich klar geworden. Erst beim Weiterreden habe ich bemerkt, wie unwahrscheinlich das ist, dass der Therapeut den Termin kurzfristig vorverlegt hat. Dass Peter sich also schon wieder gedrückt hat. Dass er den Termin beim Hausarzt abgesagt hat, weil er die Hosen voll hatte davor zu erfahren, was mit dem Knubbel los ist. Wenn es überhaupt einen Termin beim Hausarzt gegeben hat. – Ich halte Peter das entgegen. Er streitet es ab. Allerdings ohne nennenswerte Gegenwehr, und als ich sage, dass ich mich inzwischen nur noch über ihn schieflachen kann, da lacht er mit. – Mit Schieflachen meine ich, dass ich mich nicht mehr empöre über seine Lügerei und mich auch nicht mehr verarscht fühle von ihm deswegen. Meinetwegen kann er soviel lügen wie er will. Ich werde immer besser darin, seine Lügen zu durchschauen. - Weil wir nun über das Lügen sprechen und danach über eine Frau in Schifferstadt, kommen wir wieder einmal nicht dazu, darüber zu sprechen, warum er sich vor dem Arzt-Termin gedrückt hat. Denn das ist seine Sache. Und er will, dass das seine Sache bleibt. Deshalb die Lügerei. Mit ihr wehrt er sich gegen meine Versuche, ihn abzubringen von seiner Sache. Deshalb spricht er jetzt lieber über eine Frau aus seinem Telefonverzeichnis – Frau, die er aus Mannheim kennt, die mittlerweile in Schifferstadt lebt und dort einen Kosmetik-Salon hat und mit der er zur Zeit schmerzlich-süße Jugenderinnerungen auffrischt – in denen er sich genüsslich rumwälzt wie ein von der Leine losgerissener Hund in einem Stück Aas. Ende Abschweifung. - Seine Sache: Er ist überzeugt davon, dass es sich bei den Knubbeln um Krebs handelt. Dass er daran sterben wird. Aber er will – ja, was? – keinen Arzt ranlassen, weil der ihm die letzte Gewissheit geben könnte? Und damit das Todesurteil spräche? – Oder weil Arzt und Diagnose auch bedeutet: Behandlung, Klinikaufenthalt, Chirurgie, Anästhesie, hinterher vielleicht noch Chemo- oder Strahlentherapie, alles in allem Einschränkung seiner Freiheit und Minderung seines Wohlbefindens? Wohlbefinden? Und – noch mal – bei all dem berücksichtigt er nicht, dass er von dem Arzt auch erfahren könnte, dass der Knubbel (inzwischen eigroß) nicht bösartig ist, entfernt werden muss, aber sterben werden Sie daran nicht, Herr Peter. Da haben Sie ganz andere Möglichkeiten. – Worauf der Arzt das MRT-Bild zur Seite legt, um sich noch mal den Ausdruck vorzunehmen mit den Blutwerten Peters und dann über Peters Leber zu sprechen und, ja auch: die Gutartigkeit dieses Organs. Wie viel die Leber verzeiht, wie regenerationsfähig, und wie verhandlungsbereit sie ist, wenn man ihr ehrlich gemeinte Angebote macht. Wenn man sich also nicht einredet, nur zwei Gläser Wein pro Tag zu trinken, sondern tatsächlich jeden Tag nach dem Einschenken des zweiten Glases die Flasche ganz weit von sich wegstellt. Besser allerdings noch, wenn man wegen der Schwere des Leberschadens eine Weile ganz auf Weißwein verzichtet. Obwohl man aus einer Weingegend kommt, es seit ungefähr 45 Jahren keinen Tag ohne Wein gab, das Trinken ja auch ein Trost ist, man Angst davor hat, wie beim letzten Klinikaufenthalt, ins Delirium zu fallen nach drei Tagen ohne Alkohol. Obwohl man das also unbedingt verhindern will, weil man es sich auch gar nicht erklären kann, denn man hat doch nie mehr als eine Flasche Wein am Tag getrunken. War nie betrunken. Weiß gar nicht, wie das geht. Hat nie einen Kater gehabt. Weiß gar nicht, wie sich das anfühlt. Hat im Grunde genommen gar kein Alkoholproblem. Kann es sich gar nicht erklären, weshalb der Gamma GT Wert viermal so hoch ist wie er .. . - Ich höre auf. - Nicht wegen der Skype-Gespenster, die Peter nun wieder zuflüstern werden: Warum lässt du dir das gefallen, wie der über dich schreibt? - Auch nicht, um ihn zu schonen. Wüsste ich, dass es hilft, würde ich ihn noch viel mehr quälen. Aber es hilft nicht. Ich höre auf, weil es genug ist. Weil ich ihm nicht helfen kann, indem ich über ihn schreibe. Ich kann ihm nur helfen, indem ich ihm zuhöre und ihm Mut mache. Davon kann ich erzählen. Von mir. Wie ich ihm Mut mache und ihm zuhöre. Wie mich dabei die Wiederholungen nerven, wie ich inzwischen schon einige Male ausfällig gegen ihn geworden bin wegen dieser ständigen Wiederholungen. Und trotzdem telefoniere ich täglich mit ihm. Will ihn nicht im Stich lassen. Habe auch niemanden anderen, mit dem ich telefonieren könnte. Wüsste auch niemanden anderen, mit dem ich so viel lachen kann wie mit Peter. Kenne niemanden, der so offen über sich spricht wie er. – Widerspruch, ich weiß. Aber er kann das: offen und zugleich verlogen sein. Nicht nur deshalb habe ich ihm in dieser Woche schon zweimal gesagt, was für eine reiche Persönlichkeit er ist. Um ihn aufzubauen, habe ich es ihm gesagt, aber es auch wirklich so gemeint. Er ist eine reiche Persönlichkeit. Was nicht ausschließt, dass er morgens um drei Uhr eine Mail schreibt zum Thema Impotenz, die so daneben ist – und das nicht nur in ihrer Wortwahl -, dass ich von jedem anderen, der so etwas schreibt, mich innerlich auf Nimmerwiedersehen verabschieden würde. Von ihm nicht. Er darf das. Nicht, dass ich es ihm verzeihen würde – es ist unverzeihlich, sein Genital als Lümmelchen zu bezeichnen, Härte sprachlich mit Krupp-Stahl zu verbildlichen und Lust bei unvollständiger Erektion als halbgar zu charakterisieren. Unverzeihlich! Aber ihm lasse ich das durchgehen. Bei ihm denke ich, darauf kommt es doch gar nicht an. Er macht mich nachsichtig, tolerant, großzügig, hilfsbereit zuverlässig, loyal. Und zu ihm kann ich so sanft und liebevoll sein, wie ich mir wünschte, dass zu mir auch mal jemand so wäre.
Sonntag, 20. März 2011
Trost
Drama mit Peter. Freitag soll er zur Biopsie wegen Knubbel. Beim Telefonieren am Abend davor merke ich, er fängt schon wieder an rumzueiern. War er gar nicht am Montag bei der MRT? – Je länger ich nachdenke darüber, desto sicherer bin ich mir: Er hat sich wieder gedrückt. Er lügt wieder rum. – Freitag bestätigt sich das. Wieder die Nummer vom Januar: Die Bilder bei der MRT sind nichts geworden. Heute musste er deshalb noch mal hin zur MRT. Biopsie nächste Woche. – Und ich habe jetzt die Schnauze voll von dir, Peter. Wir können Freunde bleiben, wir können unser Gespräch fortsetzen. Aber an deiner Krankengeschichte nehme ich keinen Anteil mehr. Erzähl es mir, falls du doch irgendwann noch mal eine Diagnose kriegen solltest. Und wenn du stirbst, sag mir bitte auch rechtzeitig Bescheid … . – Ende. Er hat aufgelegt. Auch recht. Verdammte Lügerei. Mich kann er verarschen. Doch dass er auch noch die Leser verarscht, die seiner Geschichte im Blog folgen, das lasse ich nicht zu. Ende des Peter-Erzählstrangs. – Bevor er aufgelegt hat, sagte er: Wenn du mir nicht glaubst, dann hat es keinen Sinn. – Nicht die Worte, der Ton, in dem er sie sagte, geht mir nicht aus dem Kopf. Was, wenn ich ihm Unrecht tue? Wenn er sich am Montag wieder gedrückt hat, sich dann aber am Freitag durchgerungen hat und da war zur MRT? – Gestern Abend Mail von ihm: So wie ich angenommen habe. Montag, gelogen; Freitag war er da. – Ich schreibe ihm versöhnlich zurück. Kurz darauf ruft er an. Weint, so wie ich ihn noch nie habe weinen hören. Mit ganz heller Stimme. Ich höre den kleinen Peter, den Peter vor dem Stimmbruch. Es rührt mich nicht. Es ist aber auch nicht so, dass ich es abstoßend finde dass es mir unangenehm ist. Er heult sein ganzes Elend raus. Viel Elend, großes Elend. Elend und Todesangst. Ich verstehe ihn, trotzdem sage ich, was ich noch nie gesagt habe: Dass er sich zusammenreißen soll. – Sage das nicht mit diesen Worten. Benutze seine Worte von neulich: Er soll seinen Mann stehen. – Leicht gesagt. Doch heute macht er es. Als wir mittags telefonieren, hat er sich wieder gefangen. Er redet zum ersten Mal offen darüber, dass er seit Monaten gekniffen hat, wie er es nennt. Redet auch offen über seine Lügerei, die er jetzt nicht mehr verharmlosend Flunkern nennt. – Dass er gekniffen hat und rumgelogen, das weiß ich alles schon. Trotzdem ist es eine neue Art von Gespräch. Endlich kann ich ihn trösten! Indem ich ihm sage, dass er sich nicht anders verhalten hat, als die meisten Menschen – genauer: die meisten Männer sich verhalten in so einer Situation. Nach außen stark. In Wahrheit feige. Und um das zu kaschieren, sich und andere belügend. Das im übrigen einer der Gründe dafür, warum Männer statistisch eine geringere Lebenserwartung haben als Frauen. Weil die meisten Frauen, wenn sie merken, dass etwas mit ihnen nicht stimmt, nicht zögern zum Arzt zu gehen. Wahrscheinlich gar nicht, weil sie mutiger sind als die meisten Männer, sondern weil das für sie gar keine Frage des Mutes ist, sondern – weiß ich auch nicht. Als ich mal in einer ähnlichen Situation war wie Peter jetzt, da habe ich auch zwei Mal gekniffen und Termine verschoben, bis ich endlich zu dem sogenannten Staging gegangen bin (Computertomographie, Röntgen, Sonographie) und als ich anschließend zu einem Eingriff in die Klinik musste, keine große Sache, da habe ich den Aufnahmetermin geschmissen, weil ich nicht damit einverstanden war, dass der Eingriff unter Vollnarkose gemacht wird. Das erzähle ich Peter heute zum ersten Mal. Vorher ist es nicht dazu gekommen, da ist es mir nicht eingefallen. Denn Kneifen war kein Thema, weil er es nicht zugegeben hat, dass er kneift.
Donnerstag, 17. März 2011
Helden
Die 50 Männer im havarierten Kernkraftwerk in Fukushima. Die werden sterben, sage ich. – Die werden sterben, sagt Peter. – Auch wenn sie den schlimmsten Fall abwenden können, werden sie in den nächsten Jahren an den Folgen der Radioaktivität sterben, der sie jetzt ausgesetzt sind. So wie viele der Liquidatoren von Tschernobyl qualvoll gestorben sind hinterher. – Im Hintergrund läuft bei mir ein Konzert von Kraftwerk. Kein Bezug zu den Ereignissen. Kraftwerk heißt einfach so, schon seit 1970. Das Konzert ist von 2005. Doppel-CD: Minimum-Maximum. Habe ich aufgelegt, weil mir nichts anderes eingefallen ist. Jetzt stelle ich fest, dass es die beste Wahl war. Seit die CD läuft, hat sich meine Stimmung verbessert von tief deprimiert zu fast schon ausgelassen. Das habe ich gemerkt, als ich Peters Klage-Monolog zu Beginn unseres Telefongesprächs nicht mehr anhören konnte. Dreimal habe ich ihn unterbrochen. Du musst Kraftwerk hören, habe ich zu ihm gesagt. Versuch es mal mit Kraftwerk. – Bloß nicht, hat er darauf gesagt. Aber es hat gewirkt. Wir haben nicht mehr über sein Nasenbluten gesprochen und über die Rechnungen auf seinem Schreibtisch, sondern über Kraftwerk und danach über die Japan-Berichterstattung auf SPIEGELONLINE, die Peter reißerisch findet und ich betulich. Auf jeden Fall umständlich und verzerrend mit ihrem vom SPIEGEL-Magazin übernommenen altmodischen Story-Stil. Wir wollen Informationen, nicht unterhalten werden. - Aber was soll man sonst lesen? fragt Peter. - Ich sage es ihm ungern, weil er kann kein Englisch: The New York Times. Die berichten einfach nur über das, was sie sehen, hören und wissen. Sache. - In Deutschland ist mir nur ein Journalist bekannt, der so schreibt: Günter Bannas von der FAZ. Berichtet über den Politikbetrieb in Berlin. Der ist im Moment jedoch nicht so wichtig wie Japan: Tokio. Fukushima. Das Runterkühlen der Brennstäbe. Die 50 Männer, die das versuchen im Kraftwerk 1 unter Einsatz ihres Lebens. Würden wir das auch machen? - Peter könnte sich das vorstellen. Das glaube ich auch, dass er das machen würde. Weil er eine Helferpersönlichkeit ist. Ohne zu überlegen. würde er das machen. Bei mir bin ich mir da nicht so sicher. Ich würde überlegen. Peter hat mir schon mal von seinen Tagträumen erzählt, in denen er sich mit anderen in einer Gefahrensituation sieht und – wie soll er es sagen? – seinen Mann steht. Nicht als Anführer sieht er sich da, nur als jemand, der nicht in Panik gerät und tut, was getan werden muss. Hawksian Hero, denke ich. Peter denkt an seine Phantasie mit dem überfüllten Rettungsboot. Hat er mir schon mal erzählt. Ich erinnere mich nur noch vage daran. Habe jetzt aber keine Lust, mir die Phantasie noch mal anzuhören. Ich unterbreche ihn. Sage wieder, Kraftwerk. Hörst du das? Jetzt läuft gerade ihre Schnulze. Neonlicht. Und wenn dann der Tag anbricht … . – Übrigens, ich habe vorhin über dich geschrieben. – Peter: Oh! – Nicht so schlimm, beruhige ich ihn. Nicht so böse wie am Samstag. Mehr sage ich nicht. Sage ich nie. Er fragt auch nicht. Fragt nie. Er wird es lesen. Wegen Schlafstörung um drei Uhr Früh. Und danach schreibt er mir gleich eine Mail:
Wolfgang,Lese das, lese es unwillig. Sterben aus Solidarität mit seinem Bruder. Und ein Glück wäre es ihm auch noch. Schmonzes! – Erste Reaktion. Später: Nur, weil mir etwas fremd ist, muss es noch lange nicht aufgesetzt, gekünstelt, ausgedacht, Pose sein. – Versuch es zu verstehen! Peter fragen. Anruf. - Er sagt, er hat ein riesengroßes schlechtes Gewissen seinem vor acht Jahren verstorbenen Bruder gegenüber. Weil er seinem Bruder immer vorgezogen wurde. – Aber das Leben deines Bruders wird doch im Nachhinein nicht schöner, wenn du jetzt auch stirbst. – Peter weint! – Ich erinnere mich an das schlechte Gewissen, das ich in dem Augenblick hatte, als ich vom Tod des Hamburgers erfuhr. Weil ich ihm immer so feindselig begegnet bin. Doch das war etwas anderes. Er ist mir auch feindselig begegnet. Das schlechte Gewissen hatte ich nur einen Moment lang. Einen Bruder habe ich nicht. – Peter sagt: Es sei keine Überlegung, es sei ein Gefühl, eine Geste, dass er sich wünscht, das Schicksal seines Bruders zu teilen. Nicht Peters Worte, so versuche ich es mir zu erklären, was er meinen könnte. Ich kann es mir nicht erklären. Er erzählt, dass er manchmal laut zu sich selbst sagt: Ich möchte nicht mehr. – Doch das hat nicht mit seinem Bruder zu tun. Das hat mit dem ständigen Nasenbluten zu tun, das immer schlimmer wird. Das hat mit den ständigen Rückenschmerzen zu tun wegen der er morgens um drei schon aufwacht und dann nicht mehr einschlafen kann. Und es hat mit dem Knubbel am Hals zu tun, der immer größer wird, immer beängstigender aussieht und sich inzwischen auch so anfühlt. – Ich komme zurück auf seine Phantasie über das Verhalten in Krisensituationen. Das ist keine Phantasie sagt er, es ist ein Gedanke. Schon als Zwölfjähriger hat er sich gefragt: Wie entpuppen sich Menschen im Ausnahmezustand? Und wie wird er sich entpuppen in einem Moment höchster Gefahr? – In Panik geraten, die Kontrolle über sich verlieren, anderen zur Last fallen, statt ihnen eine Hilfe zu sein? Oder wird er dann seinen Mann stehen? – Das hat er sich immer gewünscht, dass das so wäre. Jetzt ist er in dieser Lage. Sie ist ganz anders, als er sie sich ausgemalt hat. Kein überfülltes Rettungsboot, kein Feuer, keine Explosionen. Nasenbluten. Rückenschmerzen. Knubbel.
Ich fühle mich wirklich als Krebskranker
und es ist keine Pose.
Nicht daß ich besondere Angst hätte,
aber ich denke immer an meinen jüngeren Bruder,
der noch 5 Wochen vor seinen Tod
putzmunter hier zu Besuch war
und auf Anfrage meinte,
"natürlich würde ich gerne noch eine Weile leben".
Ich habs dir erzählt:
vielleicht sterbe ich vor lauter Solidarität mit meinem Bruder,
der mir gegenüber immer benachteiligt war.
Es wäre mir ein Glück,
auch wenn das am Telefon im Small Talk nicht so klingen mag.
Mittwoch, 16. März 2011
Knubbel
Gut, dass ich beim Rausgehen gleich eine Bekannte treffe, bei der ich mich beklagen kann über den Temperatursturz: Das ist ja Mantel-und-Schal-Wetter, sage ich fröstelnd, ziehe den Reißverschluss meiner Lederjacke hoch, fühle mich viel zu dünn angezogen, würde gerne noch länger über das Wetter reden, aber da steht ihr Auto, sie muss los und der nächste, mit dem ich rede, über die Gefahr, sich jetzt eine Grippe einzufangen, der beruhigt mich so gönnerhaft mit dem Hinweis auf meinen hochgeschlossenen Pullover, dass ich mir wie ein gebrechlicher alter Mann vorkomme und denke, er hat ja recht, was redest du auch über das Wetter, wenn du heute nichts anderes zu sagen hast, dann lass es doch lieber ganz sein. Geht doch auch mal.
Nur das noch von Peter. Fürs Protokoll. Bei Anneli gestern Kindergeburtstag. Der Enkel ein Jahr alt. Seit ein paar Tagen geht er aufrecht, mit jedem Tag weniger wackelig, trotzdem muss man noch auf ihn aufpassen; dass er zum Beispiel nicht auf den Steinfußboden in der Küche stürzt. Deshalb sie, während wir telefonieren, immer hinter ihm her, um sofort stützend eine Hand auszustrecken, wenn er zu wackeln anfängt. Zur Geburtstagsfeier kam ihre Großfreundin Ingrid. Die ist auch eine alte Freundin von Peter. Mit dem hat sie neulich telefoniert und Anneli gestern davon erzählt, entsetzt, dass Peter wieder Krebs hat. Worauf Anneli mich heute fragt: Warum hast du darüber nicht im Blog geschrieben? – Weil es nicht so ist. – Er hat keinen Krebs? – Er weiß es nicht. Am Montag war er endlich bei der MRT. Da haben sie nicht mehr erkennen können, als dass es sich bei dem Knubbel an seinem Hals um ein tumorartiges Gebilde handelt. Ob gut- oder bösartig, das kann nur mittels einer Biopsie festgestellt werden. Entnahme der Gewebeprobe am Freitag, das Ergebnis der histologischen Untersuchung erfährt er nächste Woche. – Und warum sagt Peter dann, dass er Krebs hat? – Ich zähle die möglichen Gründe auf, die zusammengefasst werden können in dem Satz: Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass er das auch anderen Leuten erzählt hat, dass er krebskrank ist. Zum Beispiel einem prominenten Jugendfreund, mit dem er vor kurzem wieder Kontakt aufgenommen hat. Dem hat er eine Mail geschrieben mit einer Frage, die ihn bewegt. Die Mail hat er mir weitergeleitet, weil er weiß, dass ich neugierig Anteil nehme an seinem Austausch mit dem prominenten Freund. In der Mail stellt Peter lapidar fest, mit diesen Worten: ich habe Krebs und lebe vielleicht nicht mehr lange. Um dann zu argumentieren: deshalb möchte ich noch ein paar Dinge abklären. – Ich bin richtig erschrocken, als ich das gelesen habe. Nicht, weil ich dachte, er hat mir etwas verheimlicht, sondern weil er so auftritt. Mit so einer Pose. Oder es ist gar keine Pose, weil er sich wirklich so sieht und fühlt. Krebskrank. Während er gleichzeitig alles dafür tut, damit ihm vom Amtsarzt Arbeitsfähigkeit attestiert wird. Während er zugleich sich monatelang gedrückt hat davor, den Knubbel an seinem Hals medizinisch abklären zu lassen. Und jetzt, da er die dazu erforderlichen Untersuchungen endlich zulässt, tut er das auch nur deshalb, weil der Amtsarzt den Knubbel-Befund abwarten will, bevor er sein Urteil über Peters Arbeitsfähigkeit abgibt. - Sonderbar, in jedem vierten Satz benutzt Peter das Wort sonderbar, sage ich zu Anneli. Was nicht ganz stimmt. In jüngster Zeit, sagt er es nicht mehr so oft. Denn die schlimme Phase ist vorüber, in der er nur noch fassungslos den Kopf schütteln konnte darüber, was sein Körper mit ihm macht. Inzwischen ist die Fußwunde verheilt, die unerklärlichen Darmprobleme haben sich verflüchtigt, der Hexenschuss ist abgeklungen. Jetzt hat er es nur noch mit dem unerklärlichen Nasenbluten zu tun, mit dem Knubbel an seinem Hals, der festen Überzeugung, dass es sich bei dem Knubbel um Krebs handelt, und mit mir, der das alles protokolliert in der festen Überzeugung, dass der Knubbel gutartig ist und das ganze Drumherum eine einzige Posse. Hoffentlich habe ich recht.
Nur das noch von Peter. Fürs Protokoll. Bei Anneli gestern Kindergeburtstag. Der Enkel ein Jahr alt. Seit ein paar Tagen geht er aufrecht, mit jedem Tag weniger wackelig, trotzdem muss man noch auf ihn aufpassen; dass er zum Beispiel nicht auf den Steinfußboden in der Küche stürzt. Deshalb sie, während wir telefonieren, immer hinter ihm her, um sofort stützend eine Hand auszustrecken, wenn er zu wackeln anfängt. Zur Geburtstagsfeier kam ihre Großfreundin Ingrid. Die ist auch eine alte Freundin von Peter. Mit dem hat sie neulich telefoniert und Anneli gestern davon erzählt, entsetzt, dass Peter wieder Krebs hat. Worauf Anneli mich heute fragt: Warum hast du darüber nicht im Blog geschrieben? – Weil es nicht so ist. – Er hat keinen Krebs? – Er weiß es nicht. Am Montag war er endlich bei der MRT. Da haben sie nicht mehr erkennen können, als dass es sich bei dem Knubbel an seinem Hals um ein tumorartiges Gebilde handelt. Ob gut- oder bösartig, das kann nur mittels einer Biopsie festgestellt werden. Entnahme der Gewebeprobe am Freitag, das Ergebnis der histologischen Untersuchung erfährt er nächste Woche. – Und warum sagt Peter dann, dass er Krebs hat? – Ich zähle die möglichen Gründe auf, die zusammengefasst werden können in dem Satz: Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass er das auch anderen Leuten erzählt hat, dass er krebskrank ist. Zum Beispiel einem prominenten Jugendfreund, mit dem er vor kurzem wieder Kontakt aufgenommen hat. Dem hat er eine Mail geschrieben mit einer Frage, die ihn bewegt. Die Mail hat er mir weitergeleitet, weil er weiß, dass ich neugierig Anteil nehme an seinem Austausch mit dem prominenten Freund. In der Mail stellt Peter lapidar fest, mit diesen Worten: ich habe Krebs und lebe vielleicht nicht mehr lange. Um dann zu argumentieren: deshalb möchte ich noch ein paar Dinge abklären. – Ich bin richtig erschrocken, als ich das gelesen habe. Nicht, weil ich dachte, er hat mir etwas verheimlicht, sondern weil er so auftritt. Mit so einer Pose. Oder es ist gar keine Pose, weil er sich wirklich so sieht und fühlt. Krebskrank. Während er gleichzeitig alles dafür tut, damit ihm vom Amtsarzt Arbeitsfähigkeit attestiert wird. Während er zugleich sich monatelang gedrückt hat davor, den Knubbel an seinem Hals medizinisch abklären zu lassen. Und jetzt, da er die dazu erforderlichen Untersuchungen endlich zulässt, tut er das auch nur deshalb, weil der Amtsarzt den Knubbel-Befund abwarten will, bevor er sein Urteil über Peters Arbeitsfähigkeit abgibt. - Sonderbar, in jedem vierten Satz benutzt Peter das Wort sonderbar, sage ich zu Anneli. Was nicht ganz stimmt. In jüngster Zeit, sagt er es nicht mehr so oft. Denn die schlimme Phase ist vorüber, in der er nur noch fassungslos den Kopf schütteln konnte darüber, was sein Körper mit ihm macht. Inzwischen ist die Fußwunde verheilt, die unerklärlichen Darmprobleme haben sich verflüchtigt, der Hexenschuss ist abgeklungen. Jetzt hat er es nur noch mit dem unerklärlichen Nasenbluten zu tun, mit dem Knubbel an seinem Hals, der festen Überzeugung, dass es sich bei dem Knubbel um Krebs handelt, und mit mir, der das alles protokolliert in der festen Überzeugung, dass der Knubbel gutartig ist und das ganze Drumherum eine einzige Posse. Hoffentlich habe ich recht.
Samstag, 12. März 2011
Solidarisch
Peter, warum hast´n jetzt eigentlich angerufen? – Weil ich gedacht habe, du hättest vorhin angerufen. – Hatte ich nicht. Habe dann aber gesagt: Wenn du schon mal da bist, dann können wir auch gleich reden. Wie geht es dir denn? - Caro ist gerade raus gegangen, sagt er. Jetzt ist er eine Stunde für sich. Das tut ihm mal gut. So ein Besuch ist nämlich auch manchmal anstrengend. In der Nacht und morgens ist sie so lieb, streichelt ihn, liebkost ihn. – Ist doch toll, sage ich, das habe ich schon seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt. - Ja, aber kaum ist sie aufgestanden, geht es los. Was willst´n frühstücken? Ich will nichts frühstücken. Du musst aber was frühstücken. Wegen deines Blutzuckers. Und dann muss unbedingt der Kühlschrank geputzt werden … . – … Dein Kühlschrank muss bestimmt dringend mal geputzt werden, Peter. – Hat sie ja dann auch gemacht. – Sie? – Ja. – Ist doch gut. – Ist aber auch Stress. Und dann war noch ein Rest Wein da, den hat sie versteckt. – Das finde ich auch gut, dass sie den Wein versteckt hat. Das sage ich aber lieber nicht. Weil sein Alkoholismus ist seine Sache. Der geht mich nichts an. Und so lange er sagt: Was hast´n eigentlich immer? Ich bin kein Alkoholiker - da kann ich noch so viel an ihn ranreden. Alkoholiker ist er erst, wenn er es selbst sagt, und erst dann kann er was dagegen machen. – Wenn er nur nicht immer wieder die gleichen Geschichten erzählen würde: Peeeter! Ich weiß. Und dann hat er die ganze Nacht mit der Knarre hinterm Vorhang gestanden und nach der Polizei Ausschau gehalten. In der Wohnung deiner Eltern, die in Urlaub waren und das heute noch nicht wissen, dass du ihn da versteckt hast. Nach der Schießerei in Wiesenbach war das. Worauf dann das SPK aufgelöst wurde. – Habe ich das schon erzählt? – Peter, ich kann es mittlerweile singen. – Hm. – Dement? Nein, dann wäre er sonst nicht so helle. Der Alkohol? Habe ich lange Zeit gedacht. Glaube ich neuerdings aber nicht mehr. Es ist sein Denk- und Redestil, seine Art zu einem Gespräch beizutragen. Während mein typischer Gesprächsbeitrag ist, dass ich irgendwo was gelesen habe, ist sein Beitrag zum Beispiel, dass er damals nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl (Thema: Kernschmelze wie jetzt in Japan?) gerade mit Susanne aus dem Urlaub zurückgekommen ist und es war Mai und das Wetter unheimlich schön, aber die Kinder durften nicht im Sandkasten spielen und man sollte keine Milch kaufen. Und als ich sage, dass ich gestern, nachdem mir das Foto von der Chanel Show so gut gefallen hat, überlegt habe, ob ich das Bilderverbot in meinem Blog aufheben soll, da erzählt er von dem befreundeten Künstler, den er gestern besucht hat zusammen mit Caro, der heißt auch Peter und mit dem ist er aufgewachsen … . – Ich weiß, Peter. Ihr wart im Prinzip Indianer. Auf jeden Fall habt ihr nie ohne Pfeil und Bogen das Haus verlassen. – Gut wäre, wenn er an so einer Stelle mal verwundert fragen würde: Woher weißt´n das? – Statt dessen geht er darüber hinweg, hat jetzt auch schon die stehende Rede: Ich weiß zwar, dass ich das schon zehnmal erzählt habe, aber … . – In diesem Fall muss er das nicht sagen, denn was er jetzt erzählt, ist etwas Neues: dass der Künstler, der auch Peter heißt, in den 80er Jahren Fotos von der Mauer gemacht hat und das ist Kunst … . – Worauf ich ihn unterbreche, weil ich nämlich inzwischen das Muster seiner Gesprächsbeiträge durchschaut habe. Ich will jetzt über Bilder in meinem Blog reden, sage ich, nicht über jemanden, den du kennst, und schon gar nicht, wenn der Künstler ist. Denn was ich auf keinen Fall will in meinem Blog, das ist Kunstfotografie. Alleine schon deshalb nicht, weil alles, was per definitionem Kunst ist, vorbei ist, glaube es mir, Peter, ich habe einen sechsten Sinn für Strömungen, und alles, wo Kunst drauf steht, ist tot, tot, tot. So wie Literatur tot, tot, tot ist, vor allem, wenn es deutsche Literatur ist, gegenwärtige meine ich. – Das nun wieder ein für mich typischer Gesprächsbeitrag, in diesem Fall ohne bibliographische Angabe und auch kein Beitrag zum Thema: Bilder in meinem Blog; schön, wenn es welche gäbe, nur, was für welche? – Aber so ist das mit unseren Gesprächen. Ideenflucht, Gedankenflucht zu zweit. Ich kenne niemanden anderen, mit dem das so gut geht wie mit ihm. Deshalb es mir bloß nicht mit ihm verderben. Daher auch verzichtet auf das, was ich ursprünglich von ihm erzählen wollte heute: seine zweite Art von Gesprächsbeiträgen - Bemerkungen -. die mich nerven, und nicht nur mich, sondern auch seine Caro. Vorhin ihm angekündigt: ich werde heute was Böses über dich schreiben, aber keine Angst, solidarisch. Mache ich jetzt lieber nicht. So wie ich zuvor schon beschlossen habe, das über die Kneipenexistenz (Bürger Großkotz) heute nicht. Da ist die Vorgabe: friedfertig. Auch nicht einfach. Für mich. In diesem Fall. Und an diesem Tag, an dem ich besser nur gelebt hätte, statt schreibend zu leben. Wie immer.
Beim Schwimmen an die Passage aus dem Fleming/ Chandler-Gespräch gedacht, die ich gestern zitiert habe. Die von mir als drollig british hingestellte Frage von Ian Fleming, ob Chandler auch jemanden in England im Sinn hat, wenn er an Leute denkt, die er gerne erschießen würde (Anyone in England?). Dabei bemerkt, dass das keineswegs drollig british ist, wenn Fleming das fragt, sondern dass das mit seiner Berufsauffassung als Journalist zu tun hat, als der er mit Chandler spricht. Im Auftrag der in London erscheinenden Sunday Times, deren Leser einen Anspruch darauf haben, das zu erfahren, ob unter den Leuten, die Chandler lieber tot sähe, auch Engländer sind. – Danach gedacht, dass ich mir daran mal ein Beispiel nehmen sollte.
Beim Schwimmen an die Passage aus dem Fleming/ Chandler-Gespräch gedacht, die ich gestern zitiert habe. Die von mir als drollig british hingestellte Frage von Ian Fleming, ob Chandler auch jemanden in England im Sinn hat, wenn er an Leute denkt, die er gerne erschießen würde (Anyone in England?). Dabei bemerkt, dass das keineswegs drollig british ist, wenn Fleming das fragt, sondern dass das mit seiner Berufsauffassung als Journalist zu tun hat, als der er mit Chandler spricht. Im Auftrag der in London erscheinenden Sunday Times, deren Leser einen Anspruch darauf haben, das zu erfahren, ob unter den Leuten, die Chandler lieber tot sähe, auch Engländer sind. – Danach gedacht, dass ich mir daran mal ein Beispiel nehmen sollte.
Mittwoch, 16. Februar 2011
Unsterblich
Unterschied: Wenn ich rauskriege, dass jemand mich angelogen hat, bin ich böse auf ihn. Wenn mir aber jemand sagt, ich flunkere eben ab und zu, dann kann ich damit umgehen, auch wenn ich annehme, dass das häufiger vorkommt als ab und zu. Peter hatte morgen einen Termin in einer medizintechnischen Praxis zur MRT in der Eisenacher Straße. Der Termin wurde abgesagt von der Praxis, erzählt Peter; verschoben der Termin, weil vorher erst eine Blutuntersuchung gemacht werden muss zur Ermittlung des Kreatininwerts. Mit dem lässt sich beurteilen, ob die Nieren funktionieren, so wie sie zum Beispiel funktionieren müssen, damit ein Patient das Kontrastmittel verträgt, das ihm gespritzt wird vor der MRT. – Warum geht der Peter jetzt in die Praxis in der Eisenacher Straße zur MRT? Sollte die nicht in der Charité gemacht werden, in der Luisenstraße bei einem Dr. S.? Und überhaupt, ist Peter da nicht schon mal gewesen? Nur, dass die Aufnahmen nichts geworden sind, zumindest nicht so waren, dass sie Prof. B., bei dem Peter nun auch schon mehrfach gewesen ist, gefallen haben und er entscheiden konnte, ob die Knubbel am Hals von Peter harmlos sind, aber trotzdem irgendwann mal entfernt werden sollten, oder ob sie bösartig sind und deshalb so schnell wie möglich weg müssen. Denn sind sie bösartig, dann streuen die auch in den ganzen Körper und dann hilft alles Reden nichts und dann hilft auch kein Flunkern mehr - wenn man wie Peter nicht an die Unsterblichkeit der Seele glaubt. – So wie es sich jetzt darstellt, ist Peter aber nie bei Professor B. gewesen, weil keine MRT bei ihm gemacht wurde. Nicht gemacht werden konnte, da kein Kreatininwert vorlag, nicht vorliegen konnte, da er nicht zur Blutuntersuchung war. Bei irgendeinem Arzt, denn im Prinzip könnte er das auch an einem medizinischen Kiosk machen lassen: Blut abnehmen, dann schicken sie die Blutprobe in ein Labor und drei, vier Tage später liegen die Werte vor. Doch so einfach ist das nicht gewesen bei Peter. Den Termin für die MRT am Montag musste er daher erneut absagen. Darauf hat es denen in der Charité gereicht: Wenn Sie an die Unsterblichkeit Ihrer Seele glauben, dann viel Erfolg! Aber die MRT können Sie woanders machen lassen. - Zum Beispiel in der Eisenacher Straße. Angenommen, Peter hat da angerufen und tatsächlich von Montag, nachdem die in der Charité abgewinkt hatten, von Montag auf Donnerstag einen Termin gekriegt, was selbst bei einem Privatversicherten erstaunlich fix ist. Nur mal angenommen. Da haben die ihm gesagt: Kreatininwert, also Blutuntersuchung. Nun weiß er allerdings jetzt schon, dass er diese Blutuntersuchung nicht gemacht hat und bis morgen auch nicht mehr hinkriegt (inklusive Laborergebnisse), also hat nicht die Praxis den Termin abgesagt, wie er mir vorhin erzählt hat, sondern er hat es getan, oder er behauptet mir gegenüber, es getan zu haben, und er wird den Termin nachher noch absagen oder morgen erst oder gar nicht. Mit der Folge, dass die in der Praxis in der Eisenacher Straße auch bald die Schnauze voll haben von ihm. – Nun waren wir uns neulich einig, dass er Angst hat vor der Diagnose der Knubbel an seinem Hals, und zwar nicht nur, weil er ein Feigling ist, sondern weil er das schon mal erlebt hat, die schlimmstmögliche Nachricht zu bekommen (die Ärztin, die ins Zimmer kam, den Daumen hob, Bingo sagte und damit meinte: Zungenbodenkarzinom). So gesehen relativiert sich auch das, was er Flunkern nennt und ich Lügen. Wenn er auf meine strengen Nachfragen wahrheitswidrig antwortet, dass er bei der MRT und bei Professor B. war, dann ist das nichts anderes als ein verständliches Abwehrverhalten, mit dem er seine Angst schützt vor mir. Vor mir, der will, dass er die Angst, es könnte etwas Schlimmes sein, ersetzt durch die Erleichterung, dass es nichts Schlimmes ist, oder durch die Gewissheit, es ist was Schlimmes, aber so schlimm vielleicht auch wieder nicht, denn wahrscheinlich kann man noch was dagegen machen. – Morgen hat Peter einen Termin beim Amtsarzt. Keine Frage, dass er da hingeht. Nachher kommt sein Sohn und bringt ihm den neuen Rasierapparat, den er bei seinem Auszug mitgenommen hat. – Fehlt nicht viel, dass du dir eine Krawatte anziehst zu dem Termin, sage ich. – Ich habe gar keine, antwortet er. – Peter, das war ein Witz. – Witz darüber, wie er alles tut, um morgen einen guten Eindruck zu machen. Er hat heute sogar schon den Dialog geübt mit dem Amtsarzt. Bloß nichts dem Zufall überlassen! Er will so rüberkommen, dass der Amtsarzt gar nicht anders kann, als ihm die Arbeitsfähigkeit zu bescheinigen, so dass er spätestens ab 1. April wieder arbeiten gehen kann. Dass er arbeiten kann noch dreieinhalb Jahre bis zu seiner Pensionierung, das ist das Wichtigste. Dass er bis dahin noch lebt, das ist nicht so wichtig. – Auch eine sehr deutsche Einstellung, die du da hast, sage ich zu ihm. Da lacht er. - Es kann natürlich sein, dass Peter flunkert, wenn er sagt, dass er nicht an die Unsterblichkeit seiner Seele glaubt. Je länger ich es mir überlege: er flunkert. – Also überhaupt kein Problem, wenn man es weiß, dass jemand lügt, auch wenn er Wert darauf legt, dass das Lügen Flunkern genannt wird, dass es nur ab und zu vorkommt, und wenn er nicht nur andere anlügt, was für böswillig gehalten werden könnte, sondern auch sich selbst, so dass das Anlügen der Anderen nur eine unvermeidliche und deshalb verzeihliche Folgeerscheinung ist. – Jetzt muss ich nur mal so konsequent sein, endlich mit dem Rauchen aufzuhören. Denn ich glaube nicht an die Unsterblichkeit meiner Seele. Und ich lüge nicht.
Samstag, 5. Februar 2011
Blöd
Lump, sage ich lachend und dann sage ich es noch mal: Du Lump! – Weil es so ein schönes altes Wort ist und weil er mich reingelegt hat. Und sich selbst hat Peter gleich noch mit reingelegt, nachdem ich das Foto, das er mir geschickt hatte mit dem melodramatischen Begleittext, in den Blog gestellt habe, um ihm eine Freude zu machen, und weil ich so beeindruckt war vom Foto und der Frau auf dem Foto. Damit hatte er nicht gerechnet, dass ich das tue. – Aber bei mir muss er mit allem rechnen, sage ich zu ihm. – Da lacht er und könnte sagen, sagt es aber nicht, weil es ohnehin klar ist: Bei mir musst du auch mit allem rechnen. – Was ist passiert? – Heute Früh Mail von Peter, abgeschickt um 3.05 Uhr. Damit immerhin verifiziert seine Aussagen über seine Schlaflosigkeit: Regelmäßig um 3 Uhr wacht er auf und dann ist Schluss, erst am Tag kann er wieder schlafen; aber weil er am Tag geschlafen hat, wacht er in der folgenden Nacht wieder um 3 Uhr auf, und was soll er dann tun? Er liest zum Beispiel meinen Blog, liest Mutter, folgt dem Link darin zu Susanne, sieht das Foto und ist nicht gerührt und durchströmt von einem Gefühl der Dankbarkeit mir gegenüber, der ihm eine Freude machen wollte. Stattdessen schießt ihm das Blut in den Kopf und er denkt oder murmelt: Oh Scheiße! – So stelle ich mir das vor. Tatsache ist, dass er mir nun diese Mail schreibt: Wolfgang, tu mir einen Gefallen. / Lösche das Bild von Susanne wieder. / Es ist mir wichtig. / P. – Als ich das gegen 8 Uhr lese, denke ich: Hä?! und schreibe zurück: Warum? – Er schreibt darauf: ich möchte es nicht und das muß genügen. Bitte sofort. - Wie gut, dass ich seine Antwort erst später gelesen habe, nachdem wir telefoniert hatten. Denn sie hätte – völlig unnötig – den Krieger in mir mobilisiert. Doch zum Glück ist Peter sich nicht sicher, ob ich seine Mail so bald lese, wie er will, dass ich das Foto entferne. Deshalb ruft er mich gegen 9.30 Uhr an. Sein Anruf erst wie die Mail: Ich soll das Foto entfernen. Warum er das will, wird er mir irgendwann mal sagen. – Schon rege ich mich auf, aber nicht lange: Es ist sein Foto, er kann darüber verfügen, sage ich. Mir bleibt nichts anderes übrig, ich muss es entfernen, wenn er das will. Ich beuge mich sozusagen der Gewalt, seiner Verfügungsgewalt. - Ich werde laut. Ich übertreibe. Verfügungsgewalt! Ich weiß gar nicht, ob es das Wort gibt. Aber es wirkt. Mit Gewalt gegen mich will er nichts zu tun haben. Er legt ein umfassendes Geständnis ab: Das Foto ist nicht echt, sagt er. – Wie? – Das Foto ist eine Photoshop-Montage aus drei Fotos. Aus einem Foto seiner Mutter, als sie 18 war. Aus einem Foto von Susanne, als sie 21 war. Und aus einem Foto von A.; das ist eine Frau aus Hamburg, so eine Medientante, und da kann es sein, dass sie das Foto in meinem Nebenblog entdeckt und nicht amüsiert ist, wenn sie sieht, was er mit ihr gemacht hat, zum Beispiel mit ihren Haaren gemacht hat. Die Haare auf dem Foto, die sind nämlich von ihr. Die Haare, über die ich so gestaunt habe. Darüber gestaunt habe, dass Susanne eine solche aufwendige Frisur mit so einem akkuraten Scheitel hatte. Aber wenn das gar nicht Susanne ist auf dem Foto, die Haare von A. sind und wer weiß was noch von A., und die Mutter von Peter ist auch in dem Foto und nur Teile von Susannes Gesicht, ja dann Peter, dann ist das doch gar keine Frage. Ich nehme das Foto gleich raus aus dem Blog. Dann erzähle ich aber auch, wie es dazu gekommen ist – und was für ein Lump du bist. Ich lache über diese Wortwahl, sage noch mal Lump. Wir lachen zusammen und ich sage noch ein altes Wort: Lausbube. Da müssen wir noch mehr lachen. Spitzbube hätte ich auch noch sagen können; doch dieses alte Wort ist mir jetzt erst eingefallen. – Nach unserem Gespräch schreibt Peter eine weitere Mail, die schriftliche Fassung seines Geständnisses: Ich hab halt spielerisch versucht, mir meine Traumfrau zusammenzubasteln und später selber geglaubt, das wäre Susanne. Aber für die Öffentlichkeit taugt dieses Bild nicht, weil da Rechte verletzt werden. Im Anhang sind ein paar Bilder von Susanne, die nicht manipuliert sind. - Eines der authentischen Fotos von Susanne stelle ich in den Nebenblog. Und wenn es mir gelingt, Peter seine Zustimmung abzuhandeln, stelle ich auch das manipulierte Foto rein. Dass A. aus Hamburg dadurch ihre Persönlichkeitsrechte verletzt sieht, kann ich mir nicht vorstellen. Es ist doch auch gar nicht A., die auf dem Foto zu sehen ist. Es ist ein Foto von Peters Traumfrau.
Inzwischen habe ich mit Peter verhandelt. Ergebnis: Kein Verhandlungsspielraum. Es ist zu viel A. aus Hamburg in der Fotomontage. - Blöde Geschichte. Sowieso schon blöd. Und jetzt auch noch ohne Illustration, ohne die Anschauung des Fotos, um das es in der Geschichte geht.
Inzwischen habe ich mit Peter verhandelt. Ergebnis: Kein Verhandlungsspielraum. Es ist zu viel A. aus Hamburg in der Fotomontage. - Blöde Geschichte. Sowieso schon blöd. Und jetzt auch noch ohne Illustration, ohne die Anschauung des Fotos, um das es in der Geschichte geht.
Freitag, 4. Februar 2011
Mutter
Anruf bei Peter. Sein Sohn geht ran: Peter ist gerade in der Küche. – Ich rufe morgen noch mal an. Wenn du da bist, will ich nicht stören. – Sohn: In 15 Minuten kannst du wieder anrufen. – Bist du dann wieder weg? – Sohn: Ja. – Wie geht es deinem Vater? – Sohn. Den Umständen entsprechend gut. – Hm. Und wie geht es dir? – Sohn: Ich wohne jetzt in Neukölln. – Ich weiß. Und sonst? – Sohn: Klausuren im Moment. – Dann hast du viel zu tun? – Sohn: Ich schreibe dieses Semester nicht so viele Klausuren. - Ja, dann. Alles Gute … . – Den Umständen entsprechend gut. Er ist so spröde. Er kann aber auch ganz anders sein. Wenn ich wüsste, wie ich es anstellen muss, damit er ganz anders ist. – Im Dezember wollte ich mit R., dem Sohn Peters, reden. Über seinen Auszug und warum es ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt sein musste, in einer Phase, in der sein Vater Beistand nötig gehabt hätte, und sei es nur, dass jemand da ist, dass er, der Sohn da ist. – Ich bin damals nicht rangekommen an R., habe es auch nicht energisch genug versucht. Weil ich eine Scheu hatte. Weil ich wie sein Vater nicht wollte, dass er sich schlecht fühlt bei seinem Entschluss, von zu Hause auszuziehen. Mit 25 Jahren längst überfällig. Aber wenn er es so lange ausgehalten hat, warum konnte er nicht ein, zwei Monate warten, bis sein Vater sich wieder berappelt haben würde? Wollte ich ihn fragen. Nicht nur aus Neugier, sondern weil ich dachte, ich könnte zur Verständigung zwischen den beiden beitragen, wenn ich mit R. ins Gespräch komme. Weil ich auch annahm, dass Peter den Helden spielt vor seinem Sohn und ihm nicht zeigt, wie sehr ihn sein Auszug schmerzt. – Sie sind ohne mich klar gekommen. R. wird schon wissen, warum er keinen Tag länger bleiben wollte. Und Peter reißt sich zusammen: Am Neujahrstag hat er R. angerufen. Wegen der Hintergrundgeräusche hatte Peter den Eindruck, R. sitzt mit seinem Laptop in einem Café. Er hat ihn gefragt, wo er gerade ist. Darauf hat er geantwortet: Zu Hause. – Also in seiner Wohnung in Neukölln, in der WG, in der er untergekommen ist. – Zu Hause! - Während sie weiter redeten hat Peter sich noch zusammengerissen. Aber nachdem sie sich verabschiedet hatten, da hat er zu weinen angefangen. Zu Hause, hatte R. gesagt und damit seine neue Wohnung gemeint, in der er gerade mal seit 14 Tagen lebte, nachdem er 25 Jahre bei ihm, bei Peter zu Hause war. - Von diesem bitteren Moment hat Peter mir immer wieder erzählt. Gerührt von sich selbst (verstehe ich gut. ich bin manchmal auch gerührt von mir selbst). Vielleicht wollte er auch, dass ich darüber schreibe. Aber es hat nie gepasst. - Peter ordnet seit Wochen sein Foto-Archiv und blickt dabei zurück auf sein Leben. Ab und zu schickt er mir Fotos – Jugendfotos von sich, Fotos seiner Ex-Freundinnen, die immer noch Freundinnen sind. – Gestern hat er mir ein Foto von Susanne geschickt und dazu geschrieben: R.`s Mutter, in meinen Armen 1993 elend an AIDS gestorben. – Ich schaue das Foto lange an und schreibe dann ehrlich, aber etwas hilflos zurück: Sehr, sehr schönes Foto von der beeindruckenden Frau. Ich habe sie nur einmal gesehen. Wann war das? - 1981, 82? – Aber Peter: R.´s Mutter, in meinen Armen elend an AIDS gestorben. - Manchmal bist Du schon sehr melodramatisch. - Ich gucke mir an, was ich gerade geschrieben habe. Ich lösche das mit melodramatisch ab Aber Peter und beschließe, das Foto in den anderen Blog zu stellen, weil es mich so beeindruckt - und um Peter eine Freude zu machen. - Hier das Foto.
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