Mittwoch, 16. Februar 2011

Unsterblich

Unterschied: Wenn ich rauskriege, dass jemand mich angelogen hat, bin ich böse auf ihn. Wenn mir aber jemand sagt, ich flunkere eben ab und zu, dann kann ich damit umgehen, auch wenn ich annehme, dass das häufiger vorkommt als ab und zu. Peter hatte morgen einen Termin in einer medizintechnischen Praxis zur MRT in der Eisenacher Straße. Der Termin wurde abgesagt von der Praxis, erzählt Peter; verschoben der Termin, weil vorher erst eine Blutuntersuchung gemacht werden muss zur Ermittlung des Kreatininwerts. Mit dem lässt sich beurteilen, ob die Nieren funktionieren, so wie sie zum Beispiel funktionieren müssen, damit ein Patient das Kontrastmittel verträgt, das ihm gespritzt wird vor der MRT. – Warum geht der Peter jetzt in die Praxis in der Eisenacher Straße zur MRT? Sollte die nicht in der Charité gemacht werden, in der Luisenstraße bei einem Dr. S.? Und überhaupt, ist Peter da nicht schon mal gewesen? Nur, dass die Aufnahmen nichts geworden sind, zumindest nicht so waren, dass sie Prof. B., bei dem Peter nun auch schon mehrfach gewesen ist, gefallen haben und er entscheiden konnte, ob die Knubbel am Hals von Peter harmlos sind, aber trotzdem irgendwann mal entfernt werden sollten, oder ob sie bösartig sind und deshalb so schnell wie möglich weg müssen. Denn sind sie bösartig, dann streuen die auch in den ganzen Körper und dann hilft alles Reden nichts und dann hilft auch kein Flunkern mehr - wenn man wie Peter nicht an die Unsterblichkeit der Seele glaubt. – So wie es sich jetzt darstellt, ist Peter aber nie bei Professor B. gewesen, weil keine MRT bei ihm gemacht wurde. Nicht gemacht werden konnte, da kein Kreatininwert vorlag, nicht vorliegen konnte, da er nicht zur Blutuntersuchung war. Bei irgendeinem Arzt, denn im Prinzip  könnte er das auch an einem medizinischen Kiosk machen lassen: Blut abnehmen, dann schicken sie die Blutprobe in ein Labor und drei, vier Tage später liegen die Werte vor. Doch so einfach ist das nicht gewesen bei Peter. Den Termin für die MRT am Montag musste er daher erneut absagen. Darauf hat es denen in der Charité gereicht: Wenn Sie an die Unsterblichkeit Ihrer Seele glauben, dann viel Erfolg! Aber die MRT können Sie woanders machen lassen. - Zum Beispiel in der Eisenacher Straße. Angenommen, Peter hat da angerufen und tatsächlich von Montag, nachdem die in der Charité abgewinkt hatten, von Montag auf Donnerstag einen Termin gekriegt, was selbst bei einem Privatversicherten erstaunlich fix ist. Nur mal angenommen. Da haben die ihm gesagt: Kreatininwert, also Blutuntersuchung. Nun weiß er allerdings jetzt schon, dass er diese Blutuntersuchung nicht gemacht hat und bis morgen auch nicht mehr hinkriegt (inklusive Laborergebnisse), also hat nicht die Praxis den Termin abgesagt, wie er mir vorhin erzählt hat, sondern er hat es getan, oder er behauptet mir gegenüber, es getan zu haben, und er wird den Termin nachher noch absagen oder morgen erst oder gar nicht. Mit der Folge, dass die in der Praxis in der Eisenacher Straße auch bald die Schnauze voll haben von ihm. – Nun waren wir uns neulich einig, dass er Angst hat vor der Diagnose der Knubbel an seinem Hals, und zwar nicht nur, weil er ein Feigling ist, sondern weil er das schon mal erlebt hat, die schlimmstmögliche Nachricht zu bekommen (die Ärztin, die ins Zimmer kam, den Daumen hob, Bingo sagte und damit meinte: Zungenbodenkarzinom). So gesehen relativiert sich auch das, was er Flunkern nennt und ich Lügen. Wenn er auf meine strengen Nachfragen wahrheitswidrig antwortet, dass er bei der MRT und bei Professor B. war, dann ist das nichts anderes als ein verständliches Abwehrverhalten, mit dem er seine Angst schützt vor mir. Vor mir, der will, dass er die Angst, es könnte etwas Schlimmes sein, ersetzt durch die Erleichterung, dass es nichts Schlimmes ist, oder durch die Gewissheit, es ist was Schlimmes, aber so schlimm vielleicht auch wieder nicht, denn wahrscheinlich kann man noch was dagegen machen. – Morgen hat Peter einen Termin beim Amtsarzt. Keine Frage, dass er da hingeht. Nachher kommt sein Sohn und bringt ihm den neuen Rasierapparat, den er bei seinem Auszug mitgenommen hat. – Fehlt nicht viel, dass du dir eine Krawatte anziehst zu dem Termin, sage ich. – Ich habe gar keine, antwortet er. – Peter, das war ein Witz. – Witz darüber, wie er alles tut, um morgen einen guten Eindruck zu machen. Er hat heute sogar schon den Dialog geübt mit dem Amtsarzt. Bloß nichts dem Zufall überlassen! Er will so rüberkommen, dass der Amtsarzt gar nicht anders kann, als ihm die Arbeitsfähigkeit zu bescheinigen, so dass er spätestens ab 1. April wieder arbeiten gehen kann. Dass er arbeiten kann noch dreieinhalb Jahre bis zu seiner Pensionierung, das ist das Wichtigste. Dass er bis dahin noch lebt, das ist nicht so wichtig. – Auch eine sehr deutsche Einstellung, die du da hast, sage ich zu ihm. Da lacht er. - Es  kann natürlich sein, dass Peter flunkert, wenn er sagt, dass er nicht an die Unsterblichkeit seiner Seele glaubt. Je länger ich es mir überlege: er flunkert. – Also überhaupt kein Problem, wenn man es weiß, dass jemand lügt, auch wenn er Wert darauf legt, dass das Lügen Flunkern genannt wird, dass es nur ab und zu vorkommt, und wenn er nicht nur andere anlügt, was für böswillig gehalten werden könnte, sondern auch sich selbst, so dass das Anlügen der Anderen nur eine unvermeidliche und deshalb verzeihliche Folgeerscheinung ist.  – Jetzt muss ich nur mal so konsequent sein, endlich mit dem Rauchen aufzuhören. Denn ich glaube nicht an die Unsterblichkeit meiner Seele. Und ich lüge nicht.