Montag, 13. Dezember 2010

Stromausfall

Außerdem ist vom Samstag noch zu berichten, dass es bei Videoworld in der Hauptstraße einen Arschlochauftritt gab und das Arschloch war wieder mal ich. Das ist ein abgewandeltes Rainald-Goetz-Zitat (Klage) und der Auftritt von mir ging so: Stromausfall. Räume im Halbdunkel. Rechner außer Betrieb. Der Videoworld-Mitarbeiter muss die Buchungen handschriftlich vornehmen. Lange Warteschlange. Ich stelle mich an. Habe es wie immer eilig. Beobachte den zweiten Mitarbeiter, der mit seinem Handy am Ohr umhergeht – ich könnte auch sagen, sich wichtig macht, statt seinem Kollegen zu helfen. Licht geht wieder an. Rechner werden hochgefahren. Das dauert. Mitarbeiter mit dem Handy telefoniert nicht mehr, sondern steht jetzt hinter dem Tresen und schaut, was die Rechner so machen. Ich verspüre das unbezwingbare Bedürfnis, aus der Warteschlange heraus nach vorne zu treten und den Mitarbeiter zu fragen: Nehmen Sie jetzt auch die Arbeit auf oder wollen Sie, dass wir weiter auf ihren Kollegen warten? An den zweiten Teil des Satzes erinnere ich mich nicht mehr ganz genau. Aber ich denke, was als Affront empfunden wurde, das war die Eingangsfrage: Nehmen Sie jetzt auch die Arbeit auf? – Keine Antwort auf die Frage. Wechsel entsetzter Blicke der beiden Videoworld-Mitarbeiter. Entrüstung! Ich trete zurück in die Schlange. Denke, dass ich das auch hätte weglassen können. Aber: Was ist so schlimm daran gewesen? – Eine Frau, die gerade dran war, mustert mich im Weggehen mit strengem Blick aus den Augenwinkeln: Was ist denn das für einer?! – Ja, was bin ich denn für einer? – Der, der eben – übrigens in gar nicht unfreundlichem Ton – gefragt hat, ob der Mitarbeiter auch seine Arbeit aufnehmen wird. So was macht man nicht. Das sehe ich inzwischen ein. Aber was ist denn Schlimmes passiert? Blutet jemand? Habe ich die Telefonnummer der Geschäftsleitung verlangt? Verliert er wegen meines Auftritts seinen Job? – Die Rechner sind hochgefahren. Geschäftsablauf wie immer. Ich bin dran. Auch das gebe ich zu: Nach gar nicht so langem Warten bin ich dran. Wortlos und ohne seinem Blick begegnen zu können, werde ich von dem Mitarbeiter bedient, der nicht der Angesprochene war. Dieser Videoworld-Mitarbeiter redet mich normalerweise mit meinem Namen und mit Herr an, was mir schon immer übertrieben vorgekommen ist für einen Videoverleih. Ab jetzt hat sich das mit Herr. Das ist der Erfolg meines Auftritts, merke ich gerade, indem ich das schreibe: dass ich ab jetzt nicht mehr unangemessenerweise bei Videoworld mit Herr und Nachname angeredet werde. Während es dann vorgestern so weiter ging, dass ich nach Videoworld durch den Matsch und die Pfützen die Hauptstraße Richtung Akazienstraße hochging und in Gedanken nicht von der Stelle kam: Gut, das hätte ich auch weglassen können. Aber was ist so schlimm gewesen an der Frage? Was ist denn passiert? Das reicht doch nicht mal dafür, dass ich mich jetzt schlecht fühle. Und für eine Entschuldigung hat es auch nicht gereicht. Wofür denn entschuldigen? Dass ich nicht nett war? Dass ich mal wieder ich gewesen bin?

Sonntag, 12. Dezember 2010

Einfluss

Es ist nichts Unerwartetes passiert gestern. War aber trotzdem viel Schönes dabei. Später dann noch Anruf von Peter. Aktueller Stand bei ihm, dass sein Sohn nicht vorbeigekommen ist, um für ihn den Wochenendeinkauf zu machen, und auf Nachfrage Peters sich auch nicht anders besonnen hat. So musste der alte Vater in zwei Paar übereinander getragenen Wollsocken und Sandalen (er kriegt seinen rechten Fuß nicht in einen Schuh hinein) durch den Schneematsch und die Pfützen humpeln, um seine Besorgungen selbst zu machen. Der Sohn zeigt anscheinend mit Bedacht Härte dem Vater gegenüber. Peter sagt, dass er ihn versteht, stimmt mir aber zu, als ich Mutmaßungen darüber anstelle, dass der Sohn jetzt wahrscheinlich auch unter dem Einfluss der mütterlichen Freundinnen (Freundinnen seiner verstorbenen Mutter) steht und es nicht auszuschließen ist, dass die ihn aufhetzen gegen seinen Vater. - Peter: Das sind Feministinnen. Die eine übrigens Professorin. Die andere TV-Regisseurin. – Lesben? – Nein, kann man nicht sagen. - Sie leben nur zusammen? – Ja. – Wir haben dann das Thema wegen der uns gemeinsamen Sprunghaftigkeit nicht weiter verfolgt, obwohl es schon interessant gewesen wäre zu ergründen, wie es kommt, dass die beiden Frauen den Sohn bestärken in einer Haltung, die beschrieben werden kann nicht nur als überfällige Lösung vom Elternhaus und als sich absetzen vom (selbstverschuldeten) Elend des Vaters, sondern auch als Hartherzigkeit - wenn man den Fall von Peter aus und mit Mitgefühl für ihn betrachtet. Meines hat er, weil ich ihn mag. Der Sohn mag seinen Vater in seiner gegenwärtigen Lebensphase offenbar nicht. Warum soll er das verbergen? Bei der gelungenen Vorgeschichte der beiden wird das bestimmt auch irgendwann wieder anders sein. Einkaufen gehen für den Vater könnte der Sohn allerdings schon, solange Peter so schlecht zu Fuß ist, denke ich. Der Sohn sieht es anders. Seine mütterlichen Freundinnen bestärken ihn vermutlich in dieser Sicht. Und Peter war endlich mal wieder draußen und konnte schon mal üben für die kommende Woche, wenn er jeden Tag raus muss zu verschiedenen Arztterminen und gleich am Montag zu einen Termin bei einem Psychotherapeuten. Wird er sich mit dem einig über Bedingungen und Aussichten einer Therapie seiner zusammengebrochenen Persönlichkeit, wird er nicht in die Psychosomatische Klinik gehen. Obwohl seine über die ganze Welt verstreuten Freundinnen (Australien, Ecuador, Wien, Neustadt/Weinstr.), mit denen er täglich über Skype kommuniziert, ihn beschwören, den zweimonatigen Klinikaufenthalt auf sich zu nehmen – und ihm hoffentlich die Freundschaft kündigen, wenn er nicht tut, was sie ihm raten. Denn diese Freundinnen sind ein Gespensterhaufen und Teil deiner Illusionen über dich selbst, sage ich zu Peter. Vergiss sie und konzentriere dich auf deine aktuelle Freundin, die ist real. – Die ist aber auch eine Borderline-Persönlichkeit, sagt Peter. – Na und? Du hast immer nur Frauen mit einer Macke gehabt und das mit der Borderline-Störung kann schließlich auch besser werden unter deinem unermüdlichen Einfluss. – Doch da ist er nicht so optimistisch, zumindest heute nicht. Und ich gebe an der Stelle mal zu, dass ich nie länger als fünf Minuten verstanden habe, was eine Borderline-Störung ist – es immer nur so lange verstanden habe, wie es dauerte, um es nachzulesen und dann zu denken: Aha, verstehe. Doch wenn der Begriff irgendwann wieder auftauchte, war ich semantisch wieder völlig blank. Ohne Vorstellung. Vielleicht würde sich das ändern, wenn Peter mich mal mit seiner aktuellen Freundin bekanntmachen würde. Aber das will er nicht oder traut er sich nicht. Vermutlich wegen ihrer Borderline-Störung. – Nun bin ich gar nicht zu meinem Eigenen gekommen. Erlebnisse von gestern. Das Schöne verschweige ich wegen Heimlichkeit ohnehin. Nur soviel: Es war mit der Tess, die nicht nur zauberhaft ist, sondern auch eine richtig tolle Person. Das habe ich schon immer geahnt. Jetzt weiß ich es und möchte noch viel, viel mehr davon. Fortsetzung folgt.

Samstag, 11. Dezember 2010

Bereit

Heute würde ich am liebsten mal faul sein. Den schönen Gedanken aus den Morgenseiten nachhängen. Einkaufen. Am Nachmittag vielleicht ein, zwei Stunden Heimlichkeiten. Vorher die Küche putzen, später endlich Imperial Bedrooms von Bret Easton Ellis anfangen. Und mich einfach nur bereit halten für den Fall, dass etwas Unerwartetes passiert. -  Ausholbewegung: Nachdem ich nachgehakt hatte, Reaktion von Taewoo auf meinen Text über ihn; Porträt mit Schnappschüssen aus zehnjähriger Bekanntschaft. Taewoo schreibt: Dein Text hat mir sehr gefallen! – Ach? Damit habe ich nicht gerechnet. Wenn das nicht nur Höflichkeit ist, dann freut mich das sehr und dann kann er mir doch auch vertrauen und sich mit mir treffen, um über die Fragen zu sprechen, die ich gestellt habe in dem Text über ihn. Kein Interview. Zu großes Wort. Einfach nur reden, wie wir immer reden. Am liebsten in seinem Atelier, dann könnte ich mir gleich auch seine neueren Arbeiten angucken. Und am allerliebsten würde ich ihm beim Malen zuschauen – schreibe ich ihm zurück und aufdringlich bin ich. Doch fragen kann ich ja mal. Nein kann er dann immer noch sagen. Wenn er nicht will, verstehe ich das sogar gut. In meine Wohnung kommt man auch nicht so ohne weiteres rein. Wer hier schon alles n i c h t war! Und dann noch die Vorstellung, dass mir einer beim Schreiben zuguckt! - Versuche es mir gerade vorzustellen und merke, dass es mir nichts ausmachen würde, wenn das jemandem nicht zu langweilig wäre mir zuzugucken, wie ich da stehe an meinem improvisierten Stehpult, Finger auf der Tastatur; vor mir, auf 12 Uhr, die weiße Wand, auf 9 Uhr Blick über die Wasserpflanze auf den Südbalkon und auf das Dach des sogenannten Gartenhauses, auf dem gerade der Schnee taut; auf 3 Uhr Blick auf die Loggia und auf das Haus gegenüber. - Ja, das Fenster direkt gegenüber, das ist das Fenster des Contessa-Zimmers, des mythenumrankten. – Na klar, gibt es das alles wirklich. So etwas kann man sich nicht ausdenken. Ich jedenfalls nicht. Abschweifung Ende. Weiter mit der Ausholbewegung. Taewoo. Den würde das wahrscheinlich schon irritieren, wenn ich ihm zugucken würde beim Malen. Der will vielleicht im Moment überhaupt keinen Besucher haben in seinem Atelier, weil er in einer Phase ist, in der er eine neue Richtung einschlägt, hat er neulich mal gesagt, und weil ihm das zu intim ist in dieser sensiblen Phase, Ergebnisse herzuzeigen. Dann finden wir eben eine andere Gelegenheit. Am Ende ist es wahrscheinlich wieder das für uns typische zufällige Treffen. Er hat das mal gut beschrieben, als wir festgestellt haben, dass wir beide es vermeiden uns zu verabreden: Weil wir uns immer bereithalten wollen in der Erwartung, dass etwas passiert in der Arbeit, dass uns etwas Wichtiges einfällt, und uns dann nichts davon abhalten soll, sofort loslegen zu können. Ende Ausholbewegung. - Keine Verabredung heute. Post von heute geschrieben. Nichts, das mich abhält, wenn etwas Unerwartetes passiert. Auf Einfälle kann ich heute verzichten. Vielleicht passiert mal was anderes.

Freitag, 10. Dezember 2010

Treffen

Nach langem Hin- und Herüberlegen mich entschieden, nicht zu dem Treffen von Pegasus ins Hotel Michelberger zu gehen. Treffen: Umtrunk mit kleinem Imbiss wegen Weihnachten. Pegasus: meine Agentur. Hingegangen wäre ich - um ganz ehrlich zu sein - auch in der Hoffnung, dass Steffen die lieben Klienten wie im vergangenen Jahr wieder mit einem tollen Moleskine-Kalender beschenkt. Den letzten habe ich zwar nie so richtig in Gebrauch genommen – ich bin einfach nicht der Terminkalender-Typ (mangels Terminen?) -, aber es war das ganze Jahr über ein gutes Gefühl, den gediegenen kleinen Gegenstand immer in Reichweite zu haben, und ein paar Notizen darin habe ich mir schon gemacht. Vor allem aber wäre ich heute Abend zu dem Treffen ins Michelberger gegangen in der Erwartung, Anja zu treffen. Anja, die ich beim letzten Treffen von Pegasus im September kennengelernt habe und mit der ich mich so überraschend gut unterhalten konnte. Die zwei neuen Bekanntschaften des Jahres: Lüder, Musiker, Vater seiner Tochter, Barmann im Gottlob. Und Anja. Mit den beiden ein verblüffend ähnliches Erlebnis: Selbstverständlichkeit des Gesprächs vom ersten Moment an. Offen. Unverstellt. Lebendig. Zu unterstreichen: lebendig - als das Gegenteil von wichtigtuerischer Zurückgenommenheit aka Coolness (aka innere Leere?). - Über Lüder habe ich geschrieben in Lüder. Über Anja in Hotel; über ihr Doppel-Engagement als Schauspielerin und als Mitspielerin in der Gruppe der Michelberger-Freunde. Dazu würde ich sie gerne noch viel mehr fragen, als das letzte Mal möglich war, und überhaupt so ein Gespräch wieder haben mit einer solchen Vertrautheit von Anfang an - zurückzuführen darauf, dass wir vom gleichen Stamm sind oder - auch das war eine Überraschung - dass wir beide täglich Morgenseiten schreiben. - Warum habe ich mich dann aber doch entschieden, nicht hinzugehen zu dem Treffen? - Wenn ich das jetzt so genau wüsste. - Irgendwann gegen 16 Uhr war es klar. Bauchentscheidung. Und jetzt erkläre mal eine Bauchentscheidung: Bleibe heute Abend lieber zu Hause. Wer weiß, vielleicht gibt es gar keine Moleskine-Kalender von Steffen in diesem Jahr. Vielleicht ist Anja gar nicht da, weil sie einen Dreh hat irgendwo weit weg. Oder sie hat keine Lust auf das vertraute Gespräch mit einem fremden älteren Mann heute Abend. Oder ich bin ihr inzwischen zu fremd, nachdem sie meinen Blog gelesen hat, dessen Adresse ich ihr gegeben habe, als wir uns verabschiedet haben beim letzten Mal. Und dann stehe ich wieder nach spätestens zwanzig Minuten in einer Ecke und schaue ständig auf die Uhr, wann es endlich so weit ist, dass ich das völlig an mir vorbeigehende soziale Ereignis verlassen kann, ohne unhöflich zu erscheinen. Jede einzelne Überlegung anfechtbar. Alle Überlegungen zusammen machen die Bauchentscheidung aus. Eine Fortsetzung des Gesprächs mit Anja hoffentlich bald bei anderer Gelegenheit. Vielleicht liest sie den Blog. Dann weiß sie es jetzt, wie sehr mich das freuen würde. Und für den Fall, dass sie den Blog nicht liest, bekommt sie über die Agentur das Link geschickt zu diesem Post. - Das wäre heute Abend nichts geworden, wenn ich zu dem Treffen gegangen wäre. Der ganze Tag war nichts.

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Widerstand

Gestern: Gespräch am Beckenrand. Mit Bernd von der Panzerknackerbande. Wenn der wüsste, dass ich ihn so nenne. Wäre es bestimmt auch in Ordnung, obwohl er noch empfindlicher ist als ich. – Ich bin spät dran. 6.57 auf der Digitalanzeige im hinteren Teil der Halle. Aber Gespräch mit Bernd muss sein. Muss jedes Mal sein, weil er jedes Mal, just wenn ich mich gerade hingesetzt habe und anfange, die Gummibänder meiner Schwimmbrille zu entwirren, angeschwommen kommt. Ich eröffne mit der Bemerkung, dass ich schon beim Betreten der Halle an der Raumtemperatur merke, wie die Temperatur des Wassers sein wird. Heute mal nicht so kühl. Hätte ich gesagt, dass das Wasser mal wieder zu kalt ist, hätte er gesagt, ach was, und hätte mich nass gespritzt. So ist der und deshalb macht es Spaß mit ihm und muss das Gespräch einfach sein, auch wenn ich jetzt so schnell wie möglich ins Wasser will. Denn: wenn die Digitalanzeige 7.45 zeigen wird, müssen wir raus aus dem Becken wegen Wasserball-Training. Bernd war mal Architekt, jetzt bietet er über eine Website die Organisation touristischer Unternehmungen in Berlin an und kann davon leben. Mich interessiert seine Existenz. Deshalb mache ich immer kleine Interviews mit ihm. Heute: Wie ist eigentlich dein Tagesablauf, Bernd? – Ab 8.30 sitzt er am Computer. Sitzt da bis 18 oder 19 Uhr, macht aber mehrere Pausen dazwischen, liest dann Zeitung oder isst was und mittags legt er sich hin und liest in einem Buch. – Was liest du gerade? – Was von jemandem, der heißt I.B.Singer (er sagt Ei, Bi). – Ach ja. Was denn? – Titel ist irgendwas mit feindlicher Liebe. – Feinde, die Geschichte einer Liebe? – Ja. – Ich bin hingerissen und vergesse die Digitalanzeige. Schwärme: Alleine die U-Bahnfahrten im Winter. Von Coney Island in die Bronx. Die überheizte U-Bahn. Wie es riecht in den U-Bahnwagen und den Umsteigestationen. Die Panik im Kopf des Mannes mit dem Doppelleben in Coney Island und in der Bronx. Wir gehen die Charaktere durch: Die polnische Bäuerin, die dem jüdischen Mann das Leben gerettet hat, indem sie ihn versteckt hielt in einer Scheune. Er hat sie geheiratet aus Dankbarkeit, kann aber nicht mit ihr. Und weil er nicht mit ihr kann, hat er eine jüdische Geliebte in der Bronx. Dann taucht eines Tages auch noch die erste Frau des Mannes auf, von der er glaubte, dass sie tot ist, ermordet von den Deutschen, wie die gemeinsamen Kinder. – Wurde übrigens verfilmt der Roman in den 80er Jahren. Von Paul Mazursky, mit Anjelica Huston, der hässlichen Tochter von John Huston, die eine großartige Schauspielerin ist. Film nie gesehen. Müsste mal nachsehen, ob es den gibt in irgendeinem Videoladen. Wenn ja, sage ich dir Bescheid, Bernd. So und jetzt muss ich sofort ins Wasser. – Ich schwimme los, und um meine Mindestdistanz zusammenzukriegen in der verbleibenden Zeit, mache ich gleich mal Tempo, schwimme schneller als sonst. Denke beim Schwimmen an den Plot des Singer-Romans. Geschichte eines Mannes, der zwischen drei Frauen steht. Alles andere als ein Erotomane. Erst verfolgt, jetzt getrieben. Nachhall der Menschheitskatastrophe in einem grotesken Beziehungsdrama. - Wie ging die Geschichte noch mal aus? – Erinnere mich nicht mehr daran. Kann nur heißen, dass die Auflösung des Konflikts keinen Eindruck bei mir hinterlassen hat. Misere des traditionellen Erzählens: die Konfliktauflösung, der dritte Akt. Ist die Auflösung befriedigend, dann ist sie gelogen, zumindest gezaubert, meist Kitsch. Ist sie ehrlich, dann ist sie, wenn nicht tragisch, undramatisch und deshalb unbefriedigend für das Spektakelbedürfnis. Die befriedigendsten Teile eines Plots sind Anfang und Mittelteil – wenn die Charaktere vorgestellt werden, wenn der Konflikt entsteht, und wenn er sich dann verschärft und die Charaktere sich zeigen und beweisen müssen. Der Rest ist Welt der Oper und man erinnert sich später nicht mehr daran, wie ich mich jetzt nicht mehr erinnere an die Auflösung des Singer-Romans. Während ich mich an die U-Bahnfahrten so gut erinnere, als sei ich dabei gewesen. Und auch nie vergessen werde die rührende Gestalt der Schickse, wie der jüdische Mann die Frau nennt, die ihm jeden Tag Essen in die Scheune gebracht hat. Das Bauernmädchen, das unter Einsatz seines Leben sein Leben gerettet hat, aber schon auch ihren Plan gehabt haben wird: Sie hat sich ihren künftigen Mann rangefüttert, wie die Hexe sich Hänsel und Gretel rangefüttert hat, denke ich und schwimme dabei viel zu schnell - dafür, dass ich aus dem Training bin, zum ersten Mal seit fast zwei Wochen wieder im Hallenbad. Das merke ich, als ich nach der dritten Bahn wende und mit einem Mal einen Widerstand spüre, gegen den ich atme, und es sich gleichzeitig eng anfühlt in meiner Brust. Herz? Wird mir jetzt gleich übel und ich kriege einen Infarkt? Soll ich zum Beckenrand zurück schwimmen? Wenn kollabieren, besser da als mitten im Becken. 50-Meter-Becken. Gerade ziemlich viel los um mich herum. Sehen das die drei Schwimmmeister gleich, wenn einer abtaucht und nicht mehr hochkommt? Wie lange dauert es, bis sie einen rausholen? – Ich schwimme weiter. Wenn ich jetzt einen Herzanfall kriege und tot bin, dann werde ich keine Geldprobleme mehr haben. Angenehmer Gedanke. Beruhigender Gedanke. Gleich wie es ausgeht, ist es gut. Allerdings habe ich eine klare Präferenz für weiter Geldprobleme haben. Deshalb achte ich auch weiter darauf, nicht zu schnell zu schwimmen. Atme immer noch gegen den Widerstand, doch stärker wird er nicht, habe immer noch die Enge in der Brust, aber sie wird nicht enger. Vergesse die Enge, vergesse den Widerstand. Erinnere mich erst wieder daran, als gegen 7.35 der schönste Teil des Frühschwimmens beginnt, wenn wie jetzt nur noch fünf, sechs Schwimmer im Becken sind. Der Widerstand ist weg. Auch keine Enge mehr in der Brust. Also nichts mit Herz. Es war der Widerstand beim Atmen, den ich immer spüre auf den ersten zwanzig Bahnen und wenn der weg ist, kann ich ohne Anstrengung gerade noch mal so lange schwimmen wie zuvor. Nur heute hat sich der (vertraute) Widerstand bedrohlich angefühlt, weil ich mich gleich am Anfang übernommen habe oder am Vorabend zu viele Zigaretten geraucht und/oder weil ich vielleicht mehr auf mein Herz achten sollte. – Ende der Geschichte. Befriedigendes Ende? Für mich natürlich schon. Für die Leser natürlich nicht. Antiklimax. Obwohl es so raffiniert eingefädelt war. Das Unheil bahnt sich ganz harmlos an: Der gern gesehene Bernd, mit dem das Gespräch sein muss, obwohl die Digitalanzeige drängt. Das zu lange Reden aus Begeisterung über den Roman, den er gerade liest. Das zu schnelle Schwimmen, um den Zeitverlust wettzumachen. Der Widerstand. Die Enge. Die Gefahr. Das drohende Unheil. Doch dann: Keine Zuspitzung. Alles nur heiße Luft, die entweicht mit einem Schwall von Geplappere. Eine Pointe könnte das Drama noch retten. Schlusssatz: Doch nur Geduld, lieber Leser. Geduld. Das Unheil nimmt sich nur Zeit. Es wird schon noch kommen. Fortsetzung folgt. – Cliffhanger. Von allen Schluss-Mustern noch immer das ehrlichste. Doch hier zu reißerisch. Das glaube ich mir ja selbst nicht. Will es nicht glauben; siehe oben: meine Präferenz für die Geldprobleme. – Danach habe ich noch lange über die Auflösung von Plots nachgedacht: Befriedigende, unbefriedigende Auflösungen. Das geglückte Ende, das kein glückliches sein muss. Das erzählerische Gewürge in Auflösungen und Schlüssen. Die Kunst des Erzählens als die Kunst des Unehrlichseins. Erzähltechniken des Verrenkens und Hinbiegens. Dagegen die Vorstellung von einer anderen Art zu enden: Einfach aufhören, wenn alles erzählt ist. Schluss. Jetzt.
Isaac Bashevis Singer, Feinde, die Geschichte einer Liebe (Enemies, a Love Story)

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Schmetterling

Dächer dick mit Schnee bedeckt. John Lennon vor 30 Jahren erschossen. Trotz Verehrung und DD-Artikel in der taz heute Morgen höre ich The Doors, Strange Days (1967). Digitally remastered; aus der Bibliothek mitgenommen. Before I sink/ Into the big sleep/ I want to hear/ I want to hear /The scream of the butterfly. Da hat die beste Freundin Claudia schon vor 30 Jahren gesagt, dass das Oberschülerlyrik ist. - Na und? - Amerikanische Lyrik-Zeitschrift Poetry. Vormals von vier Leuten gemacht in einem fensterlosen Zimmer, das ihnen die Bibliothek von Chicago kostenlos zur Verfügung stellte. Dann hat jemand Poetry 100 Millionen Dollar vererbt. Jetzt sind es zwanzig Leute, die die Zeitschrift machen in feinster Umgebung, und sie wissen nicht wohin mit ihrem Geld, weil es so viel Lyrik gar nicht gibt, wie sie fördern könnten. Artikel in der NZZ darüber, der Freude macht wegen der Großzügigkeit. Website von Poetry. Aktuelle Ausgabe mit Fotos der Lyriker, die darin publizieren. Fotos angeguckt, dann wollte ich die Gedichte nicht mehr lesen. Kein einziges. Das kann nicht sein, dass man aussieht wie diese Lyriker und dann relevante Lyrik schreibt. Jim Morrison hat nicht nur vom Schrei des Schmetterlings gesungen, der hat auch so ausgesehen. Bin in einer gefährlichen Stimmung. Könnte mich so über die Absonderlichkeiten der Tess aufregen, dass ein neuer Kalter Krieg ausbricht zwischen ihr und mir, wie es noch keinen Kalten Krieg gegeben hat in unserer mittlerweile nun auch nicht mehr so kurzen Bekanntschaft. Aber war es denn schon mal anders als absonderlich? - Also bloß nichts schreiben, was ich morgen bereue. Man muss eben wissen, was man will, nicht wahr, Tess! Ach, und das mit den Haaren, das verbraucht sich jetzt allmählich. Mach doch mal was Neues mit ihnen. Abschneiden?  - Während ich das Nudelwasser abschütte und gleich die Tomatensoße aufkochen will für das Abendessen, ruft Peter an und ich bin ihm also nicht zu nahe getreten mit Vater und Verlust, indem ich seinen Sohn reingezogen habe in mein Schreiben über ihn. Er hat ihm die Links zu den Texten gemailt. Er hat nichts dagegen, wenn ich mit ihm spreche. Jetzt muss nur noch der Sohn wollen. - Bei Videoworld zwei Filme zurückgeben. Ich mache einen Fehler. Die Videoworld-Mitarbeiterin kritisiert mich mit einer Bemerkung, wie ich sie auch hätte machen können. Beruft sich in ihrer Kritik auf Logik. Ich nehme die Kritik an, erkläre aber, dass ich gerade nicht logikfähig bin, weil ganz wuschig vom Schneetreiben, aus dem ich komme. Sie sagt: Logik ist alles. - Ich sage: Wer nur mit Logik vorgeht, begreift das Leben nicht. Da stimmt sie mir zu. Wir beschließen, den Dialog demnächst fortzusetzen. Mit Logik II, sage ich.   - Logik II, bestätigt sie vergnügt. Stellvertretende Geschäftsführerin. Videoworld wird immer besser. - Was ich ursprünglich für heute hatte, gibt es morgen; vielleicht. Weil ich im Moment nicht entscheiden kann, ob ich den Text überarbeiten oder wegwerfen soll. Ich bin in einer gefährlichen Stimmung.
John Lennon, Instant Karma
Instant Karma Live mit strickender Yoko Ono
The Tea Maker. By Yoko Ono
The Doors, When the Music´s Over

Dienstag, 7. Dezember 2010

Verlust

Beim Überarbeiten des Vater-Posts gestern: Der Sohn hat seine Mutter sterben sehen. Er war ein Kind, sieben Jahre alt. Schutzlos ausgeliefert dem Verlust, der auch schmerzlich gewesen wäre, wenn er kein Kind mehr gewesen wäre. Er hat darauf eine Therapie gemacht. (Peter fragen: Was war mit dem Sohn damals? Was hat ihn dazu veranlasst, den Sohn in eine Therapie zu schicken?) In der Therapie hat der Sohn gelernt, mit dem Verlust seiner Mutter umzugehen. Er ist im Umgehen mit einem solchen Verlust vielleicht in seiner Persönlichkeit kompetenter als jeder andere, der in seiner Kindheit nicht eine vergleichbare Erfahrung machen musste. Jetzt erlebt er die Lebenskrise seines Vaters: Krebserkrankung, Zusammenbruch seiner Persönlichkeit, Evidentwerden seines Alkoholismus und jetzt auch noch das mit dem Fuß. – Der Junge, der seine Mutter hat sterben sehen. Der therapeutisch gelernt hat, mit dem Verlust seiner Mutter zu leben, der erlebt nun wie sein Vater – nicht stirbt, aber - dahinsiecht. Er will das nicht noch einmal aus nächster Nähe mit ansehen, was er erlebt hat, als seine Mutter gestorben ist. Wie sich die geliebte Person, der ihm am nächsten stehende Mensch aufgelöst hat vor seinen Augen – nicht mehr für ihn da sein konnte, nur mehr mit sich selbst beschäftigt war und der Auflösung seiner Existenz. Sterbend, zusammenbrechend in seiner Persönlichkeit, das ist nicht das Gleiche und trotzdem eins: die gleiche Erfahrung. Nur dass er jetzt erwachsen ist. Selbständig genug, stark genug, um sagen zu können, das will ich nicht haben. Das habe ich schon einmal erlebt. Ich weiß, wie das ausgeht. Ich weiß, was das mit mir macht. Ich kann es auch nicht aufhalten. Das habe ich erlebt, dass ich es nicht aufhalten kann. Es geschieht unabhängig von dem, was ich will und was ich mir wünsche. Und deshalb gehe ich. - Nicht ganz weg. Zwei-, dreimal die Woche kommt er. Kümmert sich um den Vater. Er will sich dem nur nicht aussetzen, wie der Vater sich auflöst, wie er sich entfernt in eine andere Welt, wie er nicht mehr er selbst sein kann, die geliebte Person, die er immer war, wie seine Mutter es war und es dann nicht mehr sein konnte, als sie gestorben ist. – Das Wenige, was Peter erzählt hat davon, was für eine Haltung der Sohn ihm gegenüber einnimmt. Vielleicht auch deshalb so wenig, weil es ihm so wenig schmeichelt. Der Sohn hat ihm vorgeworfen, sich hängen zu lassen. Nichts zu machen gegen sein Elend. Nicht in die Klinik zu gehen, um sich entgiften zu lassen. Nicht am Samstag in die Notaufnahme des Urbankrankenhauses zu gehen, wenn ihm der Fuß so wehtut, dass er nicht mehr gehen kann. – Doch Peter sagt, warum soll ich da hingehen an einem Tag, an dem die richtigen Ärzte in ihrem Wochenende sind, und mir von einem PJler sagen lassen, was ich selbst schon weiß: dass das Durchblutungsstörungen sind. Nun gut, es waren keine Durchblutungsstörungen, es ist ein doppelter Zehenbruch. Aber die Entgiftung, die hat er selbst hingekriegt; da brauchte er keinen Klinikaufenhalt dazu; seinen Blutdruck überwachen während des Entzugs, das wie alles andere, was zu tun und zu lassen war, das konnte er selbst. Und so einen schlimmen Alkoholismus hat(te) er auch gar nicht, wie er sagt. Er war nie betrunken, er hatte nie einen Kater, behauptet er. Er war ein sogenannter Spiegeltrinker. Und jetzt ist er keiner mehr. Aus eigener Kraft hat er das geschafft. Deshalb weiß er auch noch nicht, ob er am 16. Dezember in die psychosomatische Klinik gehen soll, wenn sie ihm eine zweite Chance geben wollen nun, da er entgiftet ist. Denn er will möglichst alles selbst machen, mit eigenen Mitteln, wenn es irgendwie geht. Wenn es nicht gerade ein Zungenbodenkrebs ist und komplizierte Operationen notwendig sind, um ihn so zu entfernen, dass die Zunge erhalten bleibt und die Fähigkeit zu sprechen. In diesem Fall hat Peter, wie die meisten anderen auch, ohne langes Verhandeln zugelassen, was notwendig war. Aber sonst ist es Peters Konzept und ein elementarer Bestandteil seines Persönlichkeitsentwurfs, alles selbst zu machen. Daran hat die Erfahrung der Krebsbehandlung nichts geändert. Er hat sie erduldet, aber sie hat ihn nicht gefügig gemacht gegenüber dem medizinisch-therapeutischen Komplex. Er will von niemandem abhängig sein. Er will sich nur auf sich selbst stützen. Allenfalls noch auf seinen Sohn. Dem will er zwar auf keinen Fall zur Last fallen, aber seine Hilfe nimmt er an. Doch der Sohn hat einen anderen Entwurf. Er vertraut den für Leid und Elend zuständigen Stellen. Schließlich hat er es selbst erlebt, wie eine solche zuständige Stelle ihm (therapeutisch) geholfen hat, als er ein Kind war. Wie weit geht diese Haltung? Wenn sein Vater eines Tages stirbt, wird er ihn zu Hause sterben lassen, so wie seine Mutter zu Hause gestorben ist? Wird er bei ihm sein, so wie er und sein Vater beim Sterben seiner Mutter dabei waren? Oder soll das Sterben dann auch bei einer der dafür zuständigen Stellen geschehen, begleitet von dafür zuständigen Fachkräften? – Ich denke, dass er bei ihm sein wird.