Sonntag, 22. Januar 2012

Annette



Das kann ich nicht leiden, wenn auf einem Foto so viel freie Fläche ist. Ich muss näher an dich ran, Annette.



Annette Falk Lund. Lebt seit 1993 in Dänemark. Erster Mann Däne, zweiter Mann aus Berlin, Kreuzberg. Sie ist Ostdeutsche, wie sie sagt, aber sie sagt nicht, woher, und ich vergesse zu fragen. In Dänemark lebte sie erst in Kopenhagen. Jetzt lebt sie in Jütland, in einem alten Bauernhaus an einem Fjord. Malerin. Malt Menschen und Landschaften. Und wenn das jemand versteht, dass ich leere Bildflächen nicht leiden kann, dann sie – bei dem, was auf ihren Bildern alles los ist. Alleine schon an Farbigkeit. 


Wenn du willst, kann ich dir ein paar Bilder zeigen, sagt sie und ich habe gar nicht mitgekriegt, wie sie das iPad hervorgeholt hat.



Overflod    Öl auf Leinwand     120 x 170 cm    2011


tegning 2006 I    Zeichnung    13 x 13 cm  

Trollwelten, denke ich. Und sie sieht selbst aus wie ein Troll. Das ist ein Kompliment! – Tolle Bekanntschaft, die ich da mache an diesem verregneten dunkelgrauen Nachmittag und dann auch noch Sonntag und gleich ist 16 Uhr, gleich kommt die Sonntagsmelancholie. Aber nicht heute. Annette eine Freundin von Sabine. Sabine Baer, Kunstraum Ko. Dort heute Finissage der 4 vor 12-Ausstellung. Annette verabschiedet sich früh. Wir sehen sie bestimmt bald wieder.


moerderin   Monotypie
 20 x 20 cm   2011

woman in love  Monotypie  
29  x 21 cm  2011

Mehr Bilder von Annette Falk Lund auf ihrer Website.

Kunst: © Annette Falk Lund
Fotos: © w.g. 

Samstag, 21. Januar 2012

Beliebt





Die beliebte Schwimmmeisterin in dem Moment, bevor sie bemerkte, dass ich sie fotografiere, und weghuschte.


Überraschungsgast beim Festakt: der beliebte Nachbar aus der Klixstraße. In welcher Eigenschaft sind Sie denn hier? – Na, als Nachbar.  – Haha. Heute also einsilbig der Herr. Sonst kommt man gar nicht hinterher beim Mitschreiben. Aber bloß keine Klagen über den Mann. Ihm verdanke ich einen meiner Lieblingstexte: Pudel.

Freitag, 20. Januar 2012

Festakt

Gehen Sie da mal weg, damit hier Platz ist für die Behinderten! – In der Eingangshalle des Stadtbad Schöneberg versammeln sich die Gäste des Festakts, der gleich eine Etage höher in der Schwimmhalle stattfinden wird. Es ist Platz genug für alle, auch für die beiden Rollstuhlfahrer im Vorraum der Eingangshalle, die es anscheinend nicht eilig haben hereinzukommen. – Ich frage den energischen Mann im grauen Anzug: Haben Sie vorher was eingenommen? - Keine Antwort. Ich nenne meinen Namen und gebe ihm die Hand. - Lipinsky, stellt der Mann sich vor und ich sage lachend: Ach so! Ja, dann.  - Dr. Klaus Lipinsky ist Vorstandsvorsitzender der Berliner Bäderbetriebe. Er ist der Hausherr. Wenn hier einer so sein darf, dann er. 




Auf der einen Seite das Publikum, im wesentlichen Honoratioren und Presse. Die emsig Notizen machende Frau zum Beispiel von der Morgenpost. Auf der anderen Seite ein Kinderchor, eine Moderatorin (Natascha Cieslak), ein Staatssekretär (Andreas Statzkowski), eine Bezirksbürgermeisterin (Angelika Schöttler), Dr. Klaus Lipinsky und die Ehrengäste: die zahlreich erschienene Familie Rosenthal, wie ein Redner es formuliert und der Sohn von Hans Rosenthal greift das später auf, als er sagt: Wir sind deshalb so zahlreich erschienen, weil es uns eine so große Ehre ist, dass dieses Schwimmbad dem Andenken meine Vaters gewidmet wird. Er erzählt, wie Hans Rosenthal es am Ende seines Lebens bedauerte, dass er keine Filme gemacht hat, die bleiben, sondern nur Quiz-Sendungen wie Dalli-Dalli, die sich mit seinem Namen verbinden. Jetzt wird ein Schwimmbad durch Widmung mit seinem Namen verbunden. Was hat er davon? Seine Familie hat etwas davon. Die Ehre. Und wir haben etwas davon. Die Freude, diese Familie leben zu sehen. Und wenn wir uns klarmachen, was geschehen ist, und trotzdem hat es dazu geführt, dass wir diese Familie hier sehen - vier Generationen: Mutter, Kinder, Enkelin, Urenkel -, dann können wir uns gar nicht genug freuen.





Hans Rosenthal hat erst als 25jähriger schwimmen gelernt, weil ihm als jüdisches Kind ab 1933 der Zutritt zu Schwimmbädern verwehrt war und weil er, als er alt genug gewesen wäre, um in einem der Berliner Seen schwimmen zu lernen, Zwangsarbeit leisten musste und die letzten beiden Jahre der Nazi-Herrschaft in einem Versteck verbrachte. In seiner Autobiografie Zwei Leben in Deutschland beschreibt er, wie er dann 1950 im Stadtbad Schöneberg als Erwachsener schwimmen lernte. Ein Mann, der Volker Meyer-Dabisch heißt, liest die Textpassage vor. Dabei steht er auf dem Drei-Meter-Sprungbrett. Was einerseits naheliegend und praktisch, andererseits ein guter Inszenierungseinfall ist. Nachdem Hans Rosenthal so gut schwimmen gelernt hatte, dass er es sich zutraute, Binnengewässer zu durchqueren, denkt er sich: Zu Rekorden werde ich es gewiss nicht mehr bringen. Aber ich kann mich über Wasser halten – und niemand weiß besser als ich, wie wichtig das ist. Mit  diesem Satz endet die Lesung und der Chor des Carl-Phillipp-Emanuel-Bach-Gymnasiums aus Mitte singt nun Heal the World von Michael Jackson: Heal the world, make it a better place for you and for me and the entire human race. Das ist einerseits sehr rührend, andererseits irrsinnig komisch, weil der Junge, der den Chor auf einem elektronischen Klavier begleitet, einmal gefährlich aus dem Takt gerät, aber dann vom Chor wieder eingefangen wird, so dass alles gut endet und es nun zum Höhepunkt des Festakts kommen kann: der offiziellen Eröffnung des Hallenbades durch Traudl Rosenthal, der Witwe des legendären Showmasters. Und wie die ohnehin schon so sympathische alte Dame das macht, dafür muss man sie verehren: Na denn, Dalli-Dalli! sagt sie in Anspielung auf den Titel der berühmten Quizsendung ihres Mannes – und das ist das Startsignal für den Kinderchor, nun stellvertretend für uns alle ins Wasser zu springen.  




Später enthüllen Traudl Rosenthal und ihr Sohn noch eine Gedenktafel. Ich mache mich mit Rosenthal-Enkelin Beate und mit Urenkel Oskar bekannt. Und als ich schon denke, das war es jetzt, kriege ich einen Programmzettel in die Finger und sehe: 12.00 Uhr freies Baden für alle geladenen Gäste. Ich schnell nach Hause, um meine Schwimmsachen zu holen. So viel Platz im Becken habe ich nie wieder. Denn die meisten Gäste werden diesen Programmpunkt auslassen. Und so ist es. Zwei Gäste außer mir. Zwischendurch springen Schwimmmeister-Azubis vom Drei-Meter-Brett und denen begegne ich später im Duschraum wieder, wo sie unentschlossen herumstehen, denn kalt wollen sie nicht duschen und die warmen Duschen sind so heiß, dass man fürchten muss sich zu verbrühen. Von 60 Grad sprechen die Techniker und sind ratlos. Es ist nicht zu fassen: Jetzt haben sie es tatsächlich geschafft, die Inbetriebnahme mit einer Betriebsstörung zu beginnen, sage ich zu Matthias Oloew, dem Pressesprecher, als ich ihm beim Verlassen des Bades begegne. Bei ihm ist Dr. Lipinsky, der das hört, und sogleich wird er wieder energisch: Gut, dass Sie uns das gesagt haben. Wir werden uns darum kümmern. – Man hilft, wo man kann. Ich bin albern. Ich habe gute Laune. Es ist ein guter Tag. Und danke noch mal für die Einladung. 






Donnerstag, 19. Januar 2012

Gold




Kein Männlein steht im Walde, nirgendwo Purpur. Dafür fließt Gold von der Decke im Korridor der 18m Galerie. Sie wollten den Vorhang aus goldfarbenen Ketten erst in den großen Ausstellungsraum hängen; da hat er nicht hingepasst. Jetzt entsteht dort der Eindruck, Vor Lauter Purpur sei eine Ausstellung der Fotos von Janina Wick, da hier nur drei kleine Gouachen  von Katrin Connan zu sehen sind. Schon im Formatvergleich dominiert von den Fotos und viel zu still und in sich selbst versponnen, um anzukommen gegen die plakative Präsenz der Arbeiten Janina Wicks. Fortsetzung ihrer Serie mit Porträts dreizehnjähriger Mädchen. – Autobiografisch oder beobachtet? – Beides. – Gestellt die Szenen? – Empörte Miene. – Inszeniert, meine ich. – Das schon eher. Es sind jedenfalls keine Schnappschüsse. Doch sie lässt ihren Modellen Spielraum zur Selbstdarstellung. Einigen wir uns darauf: die Szenen sind mit den Mädchen zusammen erarbeitet. Und doch erzählen sie von etwas, von dem die Dreizehnjährigen unmöglich wissen können, und während ich mit Janina Wick rede und dabei auf ihre Fotos schaue, wundere ich mich, dass sie davon weiß.



Wenn Janina keine Kunst macht, fotografiert sie für Firmen; aber keine Werbung, betont sie. Katrin verdient ihren Lebensunterhalt als Bühnenbildnerin. Zur Zeit in Graz: Inszenierung der Elektra von Richard Strauss. Ende der Woche ist Premiere. Deshalb kann sie nicht bei der Vernissage dabei sein und deswegen gerät ihr Anteil an der Ausstellung noch mehr in den Hintergrund. – Ich frage Janina, warum sie zusammen ausstellen, schon zum wiederholten Mal. – Wechselseitige Bereicherung, sagt sie und: Inszenierung des Ausstellungsraumes durch die Installationen Katrin Connans. In der 18m Galerie gibt es nur eine, den goldfarbenen Vorhang, der hängt im Korridor. Vielleicht geht mir deshalb das Zusammenspiel der beiden nicht auf, weil es hier nur ein Nebeneinander gibt. Ihr seid bestimmt beste Freundinnen, sage ich. –Nein, gar nicht, antwortet Janina. Und da finde ich es schon wieder gut, dass ich es einfach nicht kapiere, was die beiden künstlerisch miteinander haben. Von Janinas Freund, er ist Musiker, erfahre ich, dass Katrin auch singt und mitmacht bei einem seiner Projekte: Die Roquettes. Heute Morgen höre ich auf der Website der Roquettes  den Song Loulou (?, den ich jetzt nicht mehr finde) und ich staune – über das Französisch von Katrin und ihre Stimme. Zum nächsten Ausstellungstermin in vier Wochen wird sie da sein. Ich bin gespannt. 

Von lauter Purpur
Fotografie von Janina Wick



Installation/Zeichnung von Katrin Connan



Die Ausstellung ist wieder geöffnet am 18. Februar ab 18h sowie am 4. März 2012 von 12–15h. Außerdem können jederzeit telefonisch oder per mail Besichtigungstermine vereinbart werden.
18m Galerie
Julie August   
Akazienstr. 30 
10823 Berlin
030 88 70 29 04 
0163 88 70 29 0
look@18m-galerie.de 










Kunst: © Katrin Connan und Janina Wick
Fotos Vernissage: © w.g.

Mittwoch, 18. Januar 2012

Widmung

Sie wollen uns nicht länger hinhalten oder sie sind sicher, dass das Becken nun wirklich dicht ist. Kein Abwarten mehr, ob es wieder tropft 14 Tage nach dem Befüllen des Beckens: Am kommenden Freitag wird das Bad nach zweieinhalbjähriger Bauzeit eröffnet. 10.30 Uhr Festakt: In Anwesenheit der Familie Rosenthal wird das Stadtbad Schöneberg dem vor 25 Jahren verstorbenen Showmaster gewidmet, der hier schwimmen lernte (*). Und um 14  Uhr geht es los im Stadtbad Schöneberg Hans Rosenthal. Freier Eintritt für alle! Letzter Einlass um 20 Uhr.

Schöne Idee die Widmung. Großzügige Geste der freie Einlass. Aber da würde ich noch mal drüber nachdenken: Die Bäder-Betriebe bitten stattdessen um eine Spende für die Hans-Rosenthal-Stiftung. Da sie keinen Eintritt zahlen müssen, sollen die Leute etwas spenden. Für eine Stiftung, von der sie wahrscheinlich wie ich zum ersten Mal hören und über deren Ziele sie sich auf die Schnelle nur schwer informieren können bei dem Gedränge und dem fröhlichen Kindergeschrei, das es geben wird im Vorraum des Hallenbades in der Hauptstraße am Freitagnachmittag. Bitte mal vorstellen: Mutter oder Vater mit einem Kind an jeder Hand und die Kinder zerren und ziehen: Komm doch, Mama/Papa! Weil sie es kaum erwarten können ins Wasser zu kommen zu den anderen Kindern, die bestimmt auch nicht gespendet haben. Ist doch frei heute. Haste doch gesagt, Mama / Papa. Und bitte weiter vorstellen: Was das für die Mama oder den Papa für eine Erleichterung ist, dass sie/er den Eintritt spart für sich und die beiden Kinder. Großzügiges Geschenk. Kann die Mama, kann der Papa gut brauchen, um nach dem Schwimmen den ausgehungerten Kindern was zu  knabbern zu kaufen auf dem Nachhauseweg. Zum Beispiel. Aber hinterher wird es dann wieder heißen: Wie blamabel! Wie beschämend, dass so wenig gespendet wurde! Dabei war es einfach nur eine blöde Idee, nicht zu Ende gedacht die Großzügigkeit. Entweder der Eintritt ist frei =  unentgeltlich und Punkt. Oder Ihr verlangt Eintritt und spendet dann die Tageseinnahmen an die Hans-Rosenthal-Stiftung. Entweder Ihr seid großzügig zu den Badegästen oder zur Stiftung. Beides zusammen geht nicht. Beides zusammen ist kleinlich. 

(*) Es war nicht Hänschen, der im Stadtbad Schöneberg schwimmen lernte, wie ich fälschlich behauptet habe in Stadtbad 3. Hans Rosenthal hat erst als Erwachsener schwimmen gelernt. Als Kind durfte er wegen seiner jüdischen Herkunft das Stadtbad Schöneberg gar nicht betreten und schon gar nicht an einem Schwimmkurs teilnehmen. 

Netzstreik



Fünf Gründe für den Netzstreik

Dienstag, 17. Januar 2012

Schlampen

Einen Mann sehe ich, ob ich will oder nicht. Die Kontur seines Lebens wird sichtbar in Bruchstücken. Mehr will ich nicht wissen. Es geht mich nichts an. Nur, dass bei ihm ständig das Fernsehgerät eingeschaltet ist, damit werde ich nicht fertig. Von da aus mache ich mir Gedanken über ihn, ob ich will oder nicht: Dass das Prollige des Dauer-TV gar nicht zu seiner äußeren Erscheinung passt. Warum er seit einigen Wochen fast immer zu Hause ist? Ob er als Kind nicht fernsehen durfte? Von was für Strapazen er sich gerade erholt? Um die Feiertage herum war er einmal fast drei Wochen weg. Seither denke ich, dass er Steward sein könnte auf einem Kreuzfahrtschiff oder Flugbegleiter. Pilot, habe ich auch schon gedacht. Denke ich jetzt aber nicht mehr, dass er Pilot ist. Ich beobachte auch nicht, ob er tatsächlich fernsieht oder nur das Gerät eingeschaltet hat, um sich nicht alleine zu fühlen oder weil er die Stille nicht erträgt. Je weiter man von den Fernsehgewohnheiten weg ist, desto absonderlicher erscheinen sie. Ein kleiner fetter Mann und eine Frau, die aussieht, als würde sie ihren Freiern K.O.-Tropfen in die Getränke träufeln, reißen im australischen Dschungel gallige Witze über einen Haufen Halbprominenter und die Witze werden geschrieben von Autoren in Deutschland, die vollgestopft sind mit lebensgefährlichen Vitaminpillen, um einer   Grippe vorzubeugen, die sie gerade jetzt überhaupt nicht brauchen können, solange die Sendung läuft. Woher ich das alles weiß, wenn ich so weit weg bin vom Fernsehen? Von den Schlagzeilen auf Bild.de, wo nur die Havarie des Kreuzfahrtschiffes vor Italien in den letzten Tagen so wichtig war wie die Ereignisse in Australien. Aktuell:  Dschungelmoderator lästert im TV/ Dirk Bach: "Es sind beides Schlampen. Ailton und Micaela"

Unverständlicher als die Popularität der RTL-Show ist mir nur der gespenstische Erfolg, den Harald Schmidt vor einigen Jahren hatte, als er bis in höchste Feuilleton- und Schriftstellerkreise für intellektuell wichtig gehalten wurde. Im Grunde habe ich damals gebrochen mit dem etablierten deutschen Geistesleben. Wenn ich zum Beispiel einen Rainald Goetz sehe oder einen Frank Schirrmacher, muss ich sofort daran denken, dass die Harald Schmidt gut gefunden haben und das auch noch haben heraushängen lassen als Attitüde, und dann ist es mir unmöglich, die noch so ernst zu nehmen, wie es gut wäre. Denn wen sonst soll ich ernst nehmen?