Samstag, 14. Mai 2011

Gesellschaftsleben

Konversation mit dem Unglück. Wochenrückblick. Anschließend raus und der Erste, den ich treffe, ist Amadeus. Wir freuen uns, dass wir uns mal wieder sehen, bemerken jedoch bald, dass wir uns nichts zu sagen haben. Ich spreche es aus und erkläre es mir bei ihm so, dass er gerade erst aufgestanden ist, nach fast 12 Stunden Schlaf, wie er erzählt, seit langem mal wieder richtig ausgeschlafen. Und so sieht er auch aus. Wie ein kleiner Junge sieht er aus hinter seinem Dreitagebart. – Hast du den eigentlich immer schon gehabt? – Ja. - Mir fällt wirklich nichts ein, was ich ihn fragen könnte. Zum soundsovielten Mal frage ich ihn deshalb, was für ein Jahrgang er ist. – 1950. – Und du bildest immer noch Nachwuchs für die Gastronomie aus? – Ja. – Und die Kinder? – Die Tochter macht gerade ihr Diplom. – In was? - In Biologie. Und der Sohn macht Garten- und Landschaftsbau und hat eine hübsche kleine Wohnung in Zehlendorf. – Hat er denn auch eine kleine hübsche Frau? – Nein, das kommt noch. – Wie alt? – 28. – Da wird es aber Zeit, sage ich nicht. Und: Zehlendorf? Was macht dein Sohn in Zehlendorf? das frage ich auch nicht. – Amadeus fragt, wie es mir geht. Das habe ich zuvor schon ausführlich mit dem Unglück besprochen. Das ist einer der Gründe, warum ich jetzt nichts zu sagen habe. Bemühen Sie sich nicht, ich bespreche das mit meinem Unglück. – Amadeus muss jetzt einkaufen gehen. Das tut er nicht gerne. Ich schon. – Du kaufst auch für dich alleine ein, sagt er. – Während du einen Einkaufszettel in die Tasche gesteckt gekriegt hast? – Ja. – Mit den Wünschen seiner Frau, der Isolde, denke ich mir und sage nicht, dass ich auch dann noch gerne einkaufen würde, wenn ich einen Einkaufszettel in der Tasche hätte von einer Isolde. Ich umschreibe es stattdessen mit einer meiner ältesten Schoten: Einkaufen ist meine Art von Gesellschaftsleben. Und weil ich so verbittert bin, füge ich hinzu: Es ist die einzige Art von Gesellschaftsleben, die ich habe. Und für das muss ich bezahlen.  – Mehr Gesellschaftsleben kann ich mir nicht leisten, weil dafür mein Geld nicht reicht, hätte ich noch sagen können. Aber so verbittert bin ich nun doch nicht, dass ich das sage. Obwohl es so ist.  - Konversation mit dem Unglück:

Nomade
Keine Lust, jetzt auch noch die zwei gestern in DiB geposteten Texte durchzusehen. Hatte schon genug zu tun mit den beiden BzB-Texten. Bei Entwarnung fehlte der erste Absatz (Peters Knubbel-Befund). Nachdem gestern die Störung auf Blogger behoben war, fehlte zuerst sogar der gesamte Text; war nicht mal mehr als Entwurf im Dashboard vorhanden, während der bereits am Mittwoch veröffentlichte Geschnitten-Text auf Entwurf zurückgesetzt war. Nebeneffekt der Text-Wiederherstellung: mir wird deutlich, wie schlecht das Zeug ist, ungelenk, umständlich, zu ausführlich. Wen interessiert das, wer soll sich da durchquälen durch dieses unbeholfen formulierte Zeug, wenn ich selbst schon das Durchsehen der Texte als eine Qual empfinde? – Es liegt am Sujet. Es liegt daran, dass ich das nur schreibe für mich, protokolliere meine soziopathischen Verwicklungen, nur aus einem Grund: weil es sie gibt. Immerhin habe ich damit einen Selbsttherapie-Erfolg erzielt im Laufe der Woche. Der Erfolg war die Lektion über das Nein. Aber scheußlich sind die Texte trotzdem und scheußlich ist, dass ich nichts anderes erlebe als das. Liegt es wirklich nur an mir oder bin ich nur am falschen Ort? Müsste ich einfach nur sagen, ich komme mit den Leuten hier nicht zurecht. Die können mit mir nichts anfangen, ich nichts mit denen. - Also? - Gehe ich woanders hin – und erlebe dort genau das Gleiche. Dann liegt es an mir. Oder ich mache andere Erfahrungen. Dann hat es am Ort gelegen. Ort ist Schöneberg, Zentral-Schöneberg. Sujet ist, womit ich es hier zu tun habe. Ablehnung, Befremden und im besten, im schönsten Fall, wenn es einmal mit Zauber ist, dann ist es so was von verwirrend, dass ich daraus nicht schlau werde und nichts anfangen kann damit. Das auch mal sehen, dass da nicht nur meine Wünsche nicht in Erfüllung gingen, weil es gerade nicht passte oder ich mir sowieso zu viel gewünscht habe, sondern dass ich nichts anfangen konnte damit, wie sie sich aufgeführt hat. Sie. Und auf sie komme ich jetzt nicht schon wieder, weil sie immer im Spiel ist, weil ich immer an sie denke. Auf sie komme ich jetzt, weil das mit ihr auch ein Fall von Soziopathie ist. Der einfachste Umgang zweier Menschen miteinander nicht möglich. Und damit meine ich nicht: Sie gehen mir nicht aus dem Sinn, seit sie mir da und da aufgefallen sind und dies und das gesagt haben. Damit meine ich: Hallo! Lange nicht gesehen. Wo gehen Sie denn jetzt schwimmen? Und kann es sein, dass ich Sie in der Dachwohnung gegenüber meiner Wohnung gesehen habe? Wohnen Sie da oder sind Sie da nur manchmal zu Besuch.– So, und dann wird daraus ein Gespräch und aus dem Sie ein Du oder es ist ihr lieber, wenn es beim Sie bleibt, weil sie mit meiner Art nichts anfangen kann. So wie der Sannyasin aus dem Zeitungsladen nichts mit meiner Art anfangen kann. Und das hat er mir klar gemacht, indem er mir gezeigt hat, dass er mein Duzen als eine Zumutung empfand. Was ich als einen Krampf beschrieben habe, das war tatsächlich das Zurückweisen einer Zumutung. Zumutung des Duzens stellvertretend für die Zumutung, als die er mich empfindet in meiner Art, die nicht die seine ist. Was ich bedauern kann und dann denken, wie klein und eng sind die Köpfe und die Verhältnisse, wo sie einen nur annehmen, wenn man so ist wie sie; wenn man konform ist mit ihrem Common Sense überassimilierter Provinzler, Leuten aus Dörfern und Kleinstädten, die denken, so müsse es sein, wenn man in einer Großstadt lebt. Aber da bin ich schon mittendrin in der Soziopathie, in dem Fall in meiner Soziopathie. Bestehend darin, dass ich mich verkralle in etwas, von dem ich längst hätte erkennen müssen, es geht nicht, und deshalb ziehe ich weiter irgendwohin, wo es geht, und wenn da auch nicht, dann wieder weiter, und werde dabei zum Nomaden, wenn es nirgendwo geht. Aber mache mich doch nicht krampfhaft gemein mit Leuten, die mich nicht wollen so wie ich bin. Also ist der Krampf mein Krampf so wie die Soziopathie meine Soziopathie ist. Alle sind in Ordnung und ich bin es auch, ich muss nur weiterziehen. Oder bleiben in der Rolle des Fremden. Den Einheimischen zuschauen, sie befragen zu ihren seltsamen Gebräuchen und Spaß daran haben. Wenn nicht mit ihnen lachen, dann eben über sie. - Aber warum denn bleiben? fragt das Unglück. Bin ich dir denn immer noch nicht groß genug? – Da weiß ich erst auch nicht, was ich sagen soll. Murmele: Wegen der Häuser und der Straßen? Merke, dass das nicht einmal ein Kalauer ist und dann sage ich: Weil ich noch nicht alles weiß. Weil ich noch nicht alles gesehen habe. Weil ich hier nicht weggehe, bevor ich gelacht habe. Und wohin soll ich denn gehen?

Freitag, 13. Mai 2011

Störung

11.21 Uhr. Auf alles war ich vorbereitet: dass mein Router kaputt geht und ich nicht mehr ins Internet kann oder dass meine beiden Laptops gleichzeitig ausfallen. Aber darauf nicht: Blogger ist zurzeit nicht verfügbar. Bitte entschuldigen Sie diese Störung. Besuchen Sie für weitere Informationen Blogger Status. – Seit gestern Abend 22.30 Uhr steht das da, wo das Dashboard von Blogger erscheinen sollte auf der Website. Ich war gerade dabei die Überarbeitung des Postings von gestern abzuschließen, wollte nur noch den Text in eine Word-Datei kopieren, um ihn mit der Word-Korrekturfunktion zu überprüfen, da hat sich der Dienst in den Read Only Modus verabschiedet: kein Veröffentlichen, nicht mal Editieren mehr möglich. Vorübergehend. Thanks for your patience in the mean time, heißt es auf Blogger Status. – Muss es nicht meantime heißen, um Zwischenzeit zu bedeuten? – Mean time = gemeine, böse Zeit. So kann man es allerdings auch nennen. Ich bin völlig aus der Spur. Es ist, wie wenn Wasser, Gas, Strom und Internet gleichzeitig ausgefallen wären. – Was mache ich jetzt? – In einer kopflosen Aktion habe ich einen Facebook-Account für Biest zu Biest eingerichtet, um dort den Text von gestern als Notausgabe zu posten. Erst, als alles Nötige dafür getan war, ist mir eingefallen, dass das nicht nur voraussetzt, dass meine Leser auf Google nachschauen, wo mein Posting von gestern abgeblieben ist, sondern dass sie außerdem noch bei Facebook angemeldet sein müssen, um Zugang zu bekommen zur Seite von Biest zu Biest, oder falls nicht, sie sich bei Facebook anmelden müssen – und das ausgerechnet jetzt: Facebook schlittert ins PR-Desaster. - Das kann ich nicht erwarten von meinen Lesern, dass sie die gleichen Entzugserscheinungen haben wie ich. Und so bedeutend war das Posting von gestern auch wieder nicht. Obwohl … .

12.20 Uhr. Blogger ist zurzeit nicht verfügbar. Bitte entschuldigen Sie diese Störung. Besuchen Sie für weitere Informationen Blogger Status.

Inzwischen habe ich bei anderen Blogs, die auf Blogger erscheinen, nachgeschaut, wie es denen ergeht. Letzte Postings Mittwoch. Die Störung betrifft also nicht nur Deutschland und es ist auch keine gegen mich gerichtete Aktion: Die wollen mich nicht mehr haben! Huhu! – Die Störung ist weltweit. Ein Trost ist das nicht. Und was mache ich jetzt mit dem Facebook-Account für Biest zu Biest? Wieder löschen? Oder wird das am Ende das Gute an dem Störfall gewesen sein, dass ich die Facebook-Seite eingerichtet habe? Das entscheide ich, wenn ich mich wieder eingekriegt habe, wenn die Störung behoben ist.

16.12 Uhr. Blogger ist immer noch zurzeit nicht verfügbar. Aber die Blogger-Status-Meldung lässt hoffen: We expect everything to be back to normal soon. Sorry for the delay.

Nein
Inzwischen war ich draußen, Besorgungen machen. Unterwegs habe ich überlegt, worüber ich gleich schreiben will – mit der Ungewissheit, wann ich es veröffentlichen kann. Ich könnte auf einen Blog auf Blogger hinweisen, den ich täglich verfolge: The Sartorialist. Street-Style Blog. Wahrscheinlich der interessanteste, auf jeden Fall der populärste. Street Style in London, Paris, Mailand, New York, und dort am Osterfeiertag auch schon mal Street Style in Harlem (siehe  On the Street....Easter in Harlem, New York, April 25, 2011). The Sartorialist (*) ist Scott Schuman. Guter Typ. Bitte angucken das Foto von ihm auf Style File blog (**), wo es ein Interview mit ihm gibt: The Sartorialist Ponders Street-Style Blogs As Social Documents. Womit auch schon gesagt ist, dass man sich nicht unbedingt für Mode interessieren muss, um seinen Blog spannend zu finden. Schumans Vorbild ist der deutsche Fotograf August Sander; Menschen des 20. Jahrhunderts heißt dessen epochemachender Bildatlas. Womit mehr nun nicht mehr gesagt werden muss über die Einordnung dessen, was Schuman und seine Kollegen machen. – Im Interview wird Scott Schuman gefragt, ob Leute es manchmal ablehnen, sich von ihm fotografieren zu lassen. Does anyone say no? – Antwort: Yeah, people say no all the time. But that part doesn’t really bother me. When I used to have a showroom and was selling collections, people said no all the time, [too]. It’s just part of the job. – Er kennt es also gar nicht anders. Die Leute sagen ständig nein. Aber das macht ihm nichts aus. Es gehört einfach zum Job, meint er und wenn das wirklich so ist, dass er da drüber steht, kann ich ihn nur dafür bewundern. Denn das ist das Schwerste, ein Nein zu verkraften, vor allem, wenn man es ständig hört wie ein Street-Style Photographer oder wie ich. Huhu! – Im Ernst. Das Nein gehört dazu – zum Leben und zur Arbeit, wenn sie von anderen Menschen abhängig ist. Und statt mich zu bedauern, wenn ich mir mal wieder ein Nein eingefangen habe, oder dann lächerliche Kleinkriege zu führen in meinem Kopf gegen die Neinsager, wäre es doch allein schon, um Energie zu sparen, besser, das endlich mal zu lernen, ein Nein hinzunehmen und mich trotzdem nicht entmutigen zu lassen. In dem Wissen, es gehört zum Job dazu – und zum Leben. Eine der letzten Stufen zum Erwachsenwerdens ist das, denke ich, während ich bei Reichelt einkaufe – denke ich wirklich, während ich bei Reichelt einkaufe. Hinterher treffe ich Michaela, die gerade ihre Kneipe aufschließt. Ich frage sie, wie sie zurecht kommt mit ihren neuen Nachbarn, Oguzhan und seinem Partner, die jetzt den Tabak- und Lottoladen neben dem Felsenkeller haben, und dann will ich es erst nicht glauben, als sie antwortet, gar nicht gut kommt sie mit denen zurecht. – Warum denn nicht? – Weil sie sich von denen ein Nein eingefangen hat, von dem sie sagt, es sei existenzgefährdend. – Mehr darüber, wenn ich mit allen gesprochen habe und mehr weiß.

(*) sartorial = Schneider. Scott Schuman war einer, bevor er The Sartorialist wurde.
(**) Das Foto hat Garance Doré gemacht. Ihr Street-Style Blog hier.

Entwarnung

(Text vom 12.05. - siehe dazu Störung)

15.15 Uhr. Anruf Peters. Er ist gerade von seinem Termin in der Klinik zurück. Befund Knubbel. Es ist ein Haustierkrebs, hat die Ärztin gesagt. – Heißt? – Eine Wucherung, aber nicht streuend. Gutartig. Harmlos. - Hey, Peter! Nix mit Sterben. Jetzt kannst du dir eine neue Rolle suchen. - Weg muss der Knubbel trotzdem, und der kleine Knubbel an der anderen Halsseite auch. Operation am 23. Mai. Der Eingriff nicht ganz ohne, weil hinter dem großen Knubbel liegt die Halsschlagader. – Da müssen die Chirurgen sich eben anstrengen. Und in der Zwischenzeit kannst du schon mal mit dem Saufen aufhören. – Was du immer hast. Du bist der Einzige, der sagt, ich sei Alkoholiker. - Rest des Dialogs lasse ich weg. Ich will nicht über einen Alki schreiben, sage ich zu ihm. Deshalb will ich, dass du aufhörst einer zu sein. Und du willst doch auch kein Alkoholiker sein, sonst würdest du es ja nicht abstreiten, dass du einer bist. – Wenn mich mal jemand mit so einer Idiotenenergie bedrängen würde wegen meiner Rauchsucht, wie ich dem Peter zusetze wegen seines Alkoholismus!

Vor dem Anruf Peters war ich in dem Laden in der Akazienstraße 8. Früher Platten-, jetzt Taschenladen. Auf dem Hinweg habe ich mir überlegt, wie rede ich den Besitzer an. Duze ich ihn? Denn er ist in etwa in meinem Alter und von meiner Lebensart. Oder sage ich besser erst mal Sie zu ihm? Denn er ist Schwabe. Das weiß ich, weil ich habe ihn mal mit dem Besitzer des benachbarten Zeitungsladens schwäbeln hören. Und mit dem, Armin, ist es so gewesen, dass mein Vorschlag, nach langjähriger Geschäftsbeziehung vom Sie zum Du zu wechseln, zu einem solchen Krampf geführt hat, dass ich eines Tages erschöpft zum Bhagwan-Foto hinter Armin hochgeschaut habe, und da habe ich die Stimme von Meister Shree Rajneesh gehört, die mir zuflüsterte: surrender! Scheiß drauf, habe ich da gedacht, jetzt folge ich auch dem Bhagwan, und habe den Herrn Armin wieder gesiezt, bis ich die Geschäftsbeziehung zu ihm abgebrochen habe aus Gründen, die nichts mit Du oder Sie zu tun hatten und jetzt keine Rolle spielen. Jetzt ist nur von Bedeutung, die beiden Nachbarn schwäbeln zusammen und dem einen war das Duzen mit mir nicht selbstverständlich, da wird es dem anderen auch nicht willkommen sein. Sage ich also lieber Sie zu ihm. Zumal unser bisheriger sozialer Kontakt so verlief, dass er konsequent seinen Blick abgewandt hat, wenn er vor seinem Laden stand und mich kommen sah.  Konsequent heißt: nicht zufällig gerade woanders hingeguckt hat und das nächste Mal wieder zufällig woanders hin und das hat überhaupt nichts zu bedeuten, auch wenn das drei-, viermal oder fünfmal so war, zufällig eben - nein, seit er diesen Laden hat, seit zehn oder acht Jahren, guckt er woanders hin, wenn ich an ihm vorbeigehe. Keine Ahnung, warum? Weil er etwas gehört hat über mich, was gegen mich spricht? Oder weil ich mich nicht für seinen Laden interessiert habe? Nichts gekauft, nicht mal rumgestöbert habe in seinen Platten und dem Krimskrams, den er außerdem noch verkauft hat. Schwer vorstellbar, wie er mit dem Sortiment so lange Zeit geschäftlich überleben konnte. Muss ein gewiefter Kaufmann sein. Alleine das schon ein Grund, um ihn mal kennenzulernen. Und bei der Gelegenheit gleich noch rauszukriegen, warum er schon seit Jahren wegguckt, wenn er mich sieht. Das ist mir Anfang der Woche eingefallen, dass ich das jetzt mal rausfinden könnte. Deshalb wollte ich am Dienstag bei ihm reinschauen, bin jedoch nicht dazu gekommen, und dann passierte das mit dem Mann in Weiß und seiner Verachtung. Kombiniert mit der Koinzidenz, dass mir gleich darauf noch der Postmeister mit der schwierigen Grüßbeziehung begegnet ist und am Tag darauf die Frau aus dem Gartenhaus, die meinen Gruß nicht erwidert hat, so dass ich mir einbilden könnte, dass die mich auch verachtet, aber ich denke mir, die mag mich nur einfach nicht, und da ich sie auch nicht mag, ist das völlig in Ordnung. Nun könnte ich denken, dass das kein Zufall war, was ich mit dem Mann in Weiß erlebt habe, dass ich das angezogen habe, weil ich mich gerade mit diesem Thema beschäftigt habe. Und dass ich mich mit diesem Thema beschäftigt habe, das hat seine Gründe in meinem Unbewussten, das dann von mir unbemerkte Signale ausgesendet hat, die dazu führten, dass der Mann in Weiß des Weges kam just in dem Moment, als ich am Dienstagnachmittag das Haus verlassen habe, und ich so seine Verachtung zu spüren kriegen konnte. So starke Signale waren das? – Nä, oder? Wenn das so wäre, dann könnte ich mit dieser Nummer im Zirkus auftreten. Allerdings war der Vorfall mit dem Mann in Weiß und den beiden beiherspielenden Koinzidenzen die beste Vorbereitung für das Gespräch mit dem Besitzer des Taschenladens. Ursprünglich hatte ich nämlich die Absicht, ihn direkt darauf anzusprechen, warum er immer wegguckt, wenn er meiner ansichtig wird. Nach gelungener Verarbeitung des Vorfalls mit dem Mann in Weiß denke ich nun aber, dass mich das nichts angeht, wenn er es mir nicht von sich aus sagt, warum er wegguckt. Das einzige, was ich tun kann, ist, ihm die Gelegenheit zu geben, es mir zu sagen, indem ich mich endlich mal für seinen Laden interessiere, indem ich reingehe und mir die Taschen anschaue, die er neuerdings verkauft. Das habe ich vorhin gemacht und schon gedacht, ich komme zu spät, der hat den Laden gar nicht mehr. Doch dann hat sich schnell aufgeklärt, dass die sympathische Frau hinter der Kasse nicht die neue Besitzerin ist, dass er den Laden immer noch hat und er morgen wieder da ist. Bei der Gelegenheit habe ich gleich noch erfahren, dass er die Taschen nicht neuerdings, sondern schon seit Jahren verkauft, weil das Geschäft mit den Platten nicht so gut gelaufen ist an dem Standort in Schöneberg; das sei eher etwas für Prenzlauer Berg; hier gibt es das Publikum nicht dafür,  meinte die Frau und deutete dann auf die Tür zu einem Nebenraum, wo  die Platten jetzt untergebracht sind; immer noch im Angebot, aber nicht mehr das Hauptgeschäft, wie sie erklärte. – Aha! Da bin ich also die letzten Jahre drei-, viermal die Woche an diesem Laden vorbei gegangen und jetzt erst kriege ich mit, dass da Taschen verkauft werden, weil ich immer nur den Besitzer des Ladens gesehen habe, der weggeguckt hat, wenn er mich kommen sah. – Könnte ich nicht so das Gespräch mit ihm beginnen, indem ich ihm das erzähle? - Mal sehen.

Mittwoch, 11. Mai 2011

Geschnitten

So groß wie ich. Hat dicke, lange schwarze Haare, zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Dürfte Mitte 40 sein und kann als gutaussehend gelten. Ein Bild von einem Mann. Trägt bei Sommerwetter, wie wir es gestern hatten, ein weites weißes Muscle Shirt und eine weiße knielange Hose. Seine Haut ist dunkelbraungebrannt, seine Oberarmmuskulatur ist imponierend, aber nicht übertrieben. Er hält seine Tochter an der Hand (fünf Jahre alt, schätze ich, süßes Kind, Stolz eines Vaters). Als ich das Haus verlasse und auf den Bürgersteig trete, kommt er von links und will an mir vorbeigehen, ohne mich anzusehen. Das hat er neulich schon mal gemacht in der Back-Factory in der Hauptstraße und auch einige Wochen vorher, als er vor dem Coffeeshop saß in der Akazienstraße, ich ihn grüßen wollte und er so was von weggeguckt hat, dass ich es gelassen habe. Jetzt sage ich reflexhaft: Sag mal! Warum kennen wir uns eigentlich nicht mehr? – Überrascht bleibt er stehen. Er schaut mich an, ausdruckslos, sein Mund dabei halboffen. Dann wendet er seinen Blick ab und geht weiter.

Ich fasse es nicht. Hole mein Fahrrad aus dem Hof, und als ich es auf den Bürgersteig schiebe, da kommt – blöder Zufall – der Mann daher, der im Nachbarhaus wohnt und mit dem ich so ein schwieriges Grüßverhälnis habe, dass es mir lieber ist, wenn ich ihm nicht begegne. Wenn ich ihn grüße, grüßt er zurück mit einem Gesichtsausdruck, der nur schwer einzuordnen ist: Schmerzverzerrt? Oder doch lächelnd? – Er arbeitet im Postamt in der Hauptstraße. Wenn ich dort einen Brief von ihm wiegen lasse und eine Briefmarke kaufe, ist es der angenehmste Umgang mit ihm. Aber jetzt gerade wieder: Er schaut mich an. Ich schaue ihn an. Ich müsste jetzt grüßen. Mache ich aber nicht. Wenn er nicht grüßt, dann grüße ich auch nicht. Er grüßt nicht.

Während ich zur Bundesallee in die Musikbibliothek fahre, ärgere ich mich. Ich würde lieber an etwas anderes denken als an die Szene mit dem Mann, der mich eben zum dritten Mal hintereinander geschnitten hat und auf meine Nachfrage auf seinem Mich-Schneiden in einer Weise beharrt hat, dass es schon wieder gut war. Sein Gesicht, als er mir gegenüber stand, mit dem halboffenen Mund geht mir nicht aus dem Kopf und ich frage mich, was ihn zu dieser harten Reaktion veranlasst hat. Ich kenne ihn nicht näher. Selbst, wenn ich es wollte, ich könnte nicht schlecht über ihn reden. Wir haben uns vor sieben Jahren kennengelernt im Café Forum. Er unterhielt sich mit Hamida, die an jenem frühen Abend an der Bar gearbeitet hat. Aus seinem Akzent habe ich geschlossen, dass er wie Hamida aus Bosnien kommt, vielleicht sogar aus Srebrenica wie sie. Neben ihm saß seine deutsche Frau und hat in einer Illustrierten geblättert. Ich habe mich an dem Gespräch von Hamida und ihm beteiligt. Von da an haben wir uns gegrüßt. Irgendwann hat seine Frau nicht mehr gegrüßt. Dann hatte ich das Gefühl, dass es ihm auch lieber wäre, wenn wir uns nicht grüßen würden. Ich konnte mir nicht erklären, warum. Inzwischen gab es die Tochter. Als ich ihn einmal mit ihr am Sandkasten auf dem Spielplatz gesehen habe, bin ich zu ihm hingegangen und habe, obwohl sein Widerwille spürbar war, ein Gespräch begonnen. Der Tochter lief die Nase, er hatte kein Taschentuch. Ich habe ihm eins gegeben. Er hat sich höflich bedankt, blieb aber bei seinem mürrischen Ton.

Auf dem Rückweg von der Musikbibliothek gestehe ich mir ein, dass ich mich nicht nur über den Vorfall ärgere, weil ich mich immer noch mit ihm beschäftige. Das war Verachtung, der ich da begegnet bin und die hat mich getroffen. Die Absicht beim Schneiden von jemandem ist, dem Geschnittenen Verachtung zu zeigen so, dass er sie spürt. Doch da ich sie nun einmal gespürt habe, möchte ich auch wissen. warum. Deshalb werde ich Gertrud, die ehemalige Besitzerin des Café Forum, anrufen, nehme ich mir vor, um sie nach der Telefonnummer von Hamida zu fragen und mit deren Hilfe herauszukriegen, womit ich mir die Verachtung ihres Landsmanns und dessen Frau zugezogen habe. So könnte mir der Vorfall sogar noch Spaß machen, weil er Hamida einen Auftritt in meinem Blog verschafft. Ich habe aus verschiedenen Gründen großen Respekt vor Hamida und sie hat einmal etwas gesagt, das mich so beeindruckt hat, dass ich eine ganze (erfundene) Geschichte aufbauen wollte auf einer Frauenfigur, die das sagt. Als ich Gertrud von dem Vorfall erzähle, weiß sie sofort, um wen es geht, obwohl sie wie ich weder den Namen des Mannes noch den seiner Frau kennt. Mit der Frau hat sie ein ähnlich schwieriges Grüßverhältnis wie ich mit dem Postbeamten. Und als ich sie frage, ob sie meint, dass der Mann gefährlich sei (gewalttätig), sagt sie, mit dem solle ich mich lieber nicht anlegen, und weist auf seine Oberarm hin: Wenn der dir eine auf die Glocke haut, dann legst du dich flach, sagt sie. Doch das ist nicht der Grund, warum ich mir inzwischen überlegt habe, dass ich keinen Gebrauch von der Telefonnummer Hamidas machen werde, die mir Gertrud gegeben hat.

Als ich heute Mittag in den Hof gegangen bin, stand eine Frau im Durchgang am Briefkasten, die im Hinterhaus wohnt. Sie ist in meinen Augen ein Freak. Ein Freak der Normalität. Es bereitet mir jedes Mal Unbehagen, wenn ich ihr begegne. Ich habe sie förmlich gegrüßt wie immer. Doch anders als sonst hat sie heute nicht zurückgegrüßt. Draußen haben wir dann nebeneinander am Straßenrand gestanden und gewartet, bis wir die Straße überqueren konnten. Ich wollte sie schon fragen, warum sie meinen Gruß nicht wie sonst erwidert hat, habe aber den Impuls unterdrückt und danach sofort gemerkt, dass das viel besser war, als wenn ich sie gefragt hätte, und dass es auch besser als jede Antwort war, die ich von ihr hätte bekommen können. Ich kann es nicht erklären, warum das so ist. Genau so wenig, wie ich es mir erklären kann, warum ich es auf einmal mit diesem Thema zu tun habe. Verachtung. Da es sich nun aber mal aufgedrängt hat, werde ich es weiter verfolgen – und dabei versuchen das anzuwenden, was ich jetzt gelernt habe: Nicht fragen, warum ich verachtet werde, sondern lieber danach, wie ich damit umgehen kann.

Ohne Beziehung zu diesem Verhaltenstraining. Hamida. Sie hat bei dem Massaker von Srebrenica 1995 ihre Brüder und den Vater ihres Kindes verloren. Als sie im Café Forum zu arbeiten begann, wurde sie von zwei anderen Bedienungen gemobbt. Als es ihr zu viel wurde, hat sie zu ihnen gesagt: Ich habe einen Krieg überlebt. Wenn ich will, dann wische ich mit euch beiden den Boden hier auf. – Das hat mich so beeindruckt, dass ich mich immer wieder daran erinnert habe, bis ich einen Charakter erfunden und mit ihm eine Geschichte entwickelt habe, in der dieser Charakter die beiden Sätze sagt: Ich habe einen Krieg überlebt. Wenn ich will, dann wische ich mit euch beiden den Boden hier auf. - Der Charakter war ein ernster Charakter, die Geschichte aber sollte eine Komödie sein.

Dienstag, 10. Mai 2011

Kollege

Riesenkerl. Muss runtergucken, wenn er mir gegenüber steht und mit mir redet. Jetzt hastet er erst mal an mir vorbei. Nickt mir zu.
Na, Großer! Hast es eilig?
Muss zum Arzt.
Was haste?
Kommt die drei Schritte zurück, die er schon weiter gegangen ist: Muss Krebs nachgucken lassen, sagt er.
Du hast Krebs?
Nein, Vorsorge.
Ich schaue auf den dunklen Fleck auf seinem rechten Unterarm.
Er winkt ab: Das ist nichts. Habe ich schon ewig.
Bist du noch an der Volksbühne?
Nickt und sagt: Kollege, 62, hier (fasst sich an den Hals), alles zugewachsen. Halsschlagader. Nichts mehr zu machen. Ist nie zum Arzt gegangen.
Wie alt bist du?
46.
Da musst du doch noch nicht zur Krebsvorsorge.
Ich mach das jetzt.
Wegen dem Kollegen?
Die Ärzte haben zu ihm gesagt, wäre er fünf Jahre früher gekommen, hätten sie ihm noch helfen können.
Das ist ja auch blöd, dass sie ihm das gesagt haben. Jetzt stirbt er nicht nur, jetzt muss er sich auch noch darüber ärgern.
Und wie geht es dir?
Schlecht.
Mir auch.
Tschüs, Großer.

Das Unglück sagt: Du interessierst dich gar nicht für andere Menschen. Du interessierst dich nur für Geschichten.
Stimmt das?
Für sie habe ich mich interessiert, sage ich.
Zu sehr, sagt das Unglück.
Auf die falsche Art, sage ich.
Dir zu viel gedacht dabei.
Zu viel erwartet.
Geträumt.

Montag, 9. Mai 2011

Euter

Der Lacher vom Morgen, den ich im Posting von gestern erwähnt habe. Nicht vergessen, nur keine Kraft mehr gehabt. Deshalb jetzt. Ich habe an mehreren Stellen lachen müssen beim Lesen des GQ-Artikels über Werner Herzog: Mad German Auteur, Now in 3-D! Um nicht zu übertreiben, hier nur die Stelle (*), über die ich am lautesten gelacht habe. Es geht um Fähigkeiten, von denen Herzog meint, dass man sie haben sollte beim Filmemachen. Eine dieser Fähigkeiten ist, eine Kuh melken zu können. Wenn ein Schauspieler in der Lage ist, eine Kuh zu melken, dann wird es nicht schwierig sein mit ihm zusammenzuarbeiten, erklärt Werner Herzog dem Interviewer von GQ. Und jetzt kommt es: Herzog behauptet von sich, dass er beim Betreten eines Raumes sofort erkennen kann, wer der Anwesenden in letzter Zeit mit seiner Hand ein Euter berührt hat. Oder zumindest eines berührt haben könnte. – Ich kann das schon von weitem erkennen, bekräftigt er. Woody Allen wird niemals eine Kuh melken.


(*) Another skill Herzog has advocated for filmmakers (and, I suspect, pretty much anyone else whom he considers truly worthy of respect) is the ability to milk a cow: "If an actor knows how to milk a cow, I always know it will not be difficult to be in business with him." Herzog has also previously claimed that when he walks into a room, he can tell who in there has previously had hand to udder. Or, at the very least, would. "I can tell from miles away, yes," he confirms. "Woody Allen is not ever going to milk a cow."

Sonntag, 8. Mai 2011

Verschweigen

Wieder nichts über den schönen Mann auf der Carl-Zuckmayer-Brücke, obwohl er an seinem Platz stand an der Brüstung. In einem blauen Sommerhemd. Im Gespräch mit einem Mann mit Basecap. Da hätte ich mich daneben stellen können, zuhören. Wollte ich nicht. Heute lieber über den Lacher vom Morgen schreiben: Werner Herzog und das Kuhmelken. Weiter gefahren. Ecke Innsbrucker Straße/Heylstraße. Feuerwehrauto auf dem Mittelstreifen. Im Hintergrund ein Rettungswagen. Feuerwehrmann raucht Zigarette.
Warum steht ihr hier mit laufendem Motor?
Um die Luft mit Kohlenmonoxid anzureichern, antwortet ein Feuerwehrmann aus dem Inneren des Fahrzeugs durch die offene Seitentür.
Ich will gerade seinen Ton aufgreifend fragen: Seid ihr deswegen gerufen worden? - da erklärt der rauchende Feuerwehrmann: Der Motor läuft wegen der Geräte im Wagen.
Die Frage war nicht so grimmig gemeint. Ich wollte damit nur ins Gespräch kommen mit euch, weil ich neugierig bin, was ihr hier macht.
Das dürfen wir Ihnen nicht sagen.
Ihr habt einen Einsatz gehabt?
Das kannst du ihm ja sagen, sagt der Kollege im Inneren des Fahrzeugs, der leider nicht der für mich zuständige Sprecher ist.
Sie müssen ja keine Namen nennen, ermuntere ich den Sprecher.
Wenn wir nicht gekommen wären, dann würde das Haus da drüben jetzt nicht mehr stehen, sagt der Sprecher und deutet mit einer Kinnbewegung zu dem Kastenbau schräg gegenüber.
Wie? Abgebrannt?
Es ist nichts passiert, weil wir rechtzeitig da waren.
Hat jemand was ankokeln lassen und ihr habt es gelöscht?
Gas! sagt der aufgeschlossener Feuerwehrmann.
Gasexplosion!? Habt ihr eine Gasexplosion verhindert?
Der Sprecher nickt. Und ich hätte nichts dagegen, wenn er jetzt mal kurz weg müsste und ich mich mit seinem Kollegen alleine unterhalten könnte.
Hat jemand den Gashahn aufgedreht, weil er sich umbringen wollte?
Der Sprecher macht ein verschlossenes Gesicht. Sein Kollege nickt.
Aber, sage ich und will sagen, dass das Haushaltsgas nicht giftig genug ist, um sich umzubringen. Doch da kapiere ich, dass es auch anders geht: Die Person wollte sich in die Luft jagen und das Haus gleich mit? frage ich.
Der Kollege nickt. Der Sprecher wirft seine Kippe weg und wendet sich blicklos von mir ab, um einzusteigen. Ich spüre Verachtung. Das kommt vor. Ich danke dem aufgeschlossenen Kollegen für die Antworten auf meine Fragen. Er lächelt und sagt Tschüs. Tür zu. Abfahrt. Der Rettungswagen hat sich auch in Bewegung gesetzt. Ich lasse ihn vorbei, bevor ich aufs Fahrrad steige und losfahre; der Fahrer dankt es mir. Vor dem Haus schräg gegenüber stehen zwei Polizeiautos. Polizeibeamte im Gespräch mit Zivilisten, wahrscheinlich Hausbewohner. Eine Ecke weiter, Voßbergstraße, ein Mannschaftswagen der Polizei. Davor zwei junge Polizisten, Frau und Mann. Hin zu den beiden: Ich bin neugierig, stelle ich mich vor. Darauf sage ich ihnen, was ich schon weiß, und frage, was sie bei dem Feuerwehreinsatz zu tun hatten.
Absperren, antwortet der Polizist. Wir mussten die Straße hier sperren.
Na, klar. Ich verziehe das Gesicht weil ich da nicht selbst drauf gekommen bin.
Das werden Sie heute Abend alles aus dem Fernsehen erfahren, beruhigt mich der Polizist.
Ich schreibe einen Blog sage ich. Ich will das exklusiv haben.
Der Polizist lächelt fein. Es ist nicht zu erkennen, ob er weiß, was ein Blog ist. Falls nicht, hat ihm ich schreibe  schon genügt, um seinen Ton zu ändern und nun offiziell zu verlautbaren: Wir haben die Straße gesperrt, weil Explosionsgefahr bestand, und jetzt warten wir auf neue Anweisungen.
Ich bedanke mich, wünsche noch einen schönen Sonntag. Während ich zurück fahre zu dem Haus, das jetzt auch als rauchende Ruine im Sonnenlicht stehen könnte, mokiere ich mich über meinen Satz: Ich schreibe einen Blog und hätte es gerne exklusiv. – Was exklusiv? Und wieso überhaupt exklusiv? Die Presse, das Fernsehen, die haben es doch auch. Klar haben die es auch. Ich sehe nur niemanden, der aussieht wie Presse oder Fernsehen. Sind vielleicht schon wieder weg. Ich könnte mich schief lachen über meine Ansage mit Blog und exklusiv. Aber mal nicht immer so streng sein mit mir! Wenn ich rauskriege, was ich wissen will, ist es doch egal, was ich für eine Figur dabei mache. In dem Fall habe ich mit meiner Wichtigtuerei allerdings das Gegenteil erreicht. Ohne die Ansage hätte ich mehr erfahren. Es noch mal versuchen? Bei den Polizisten und Zivilisten, die vor dem Haus stehen und reden? Entspannt wirken die. Gefahr abgewendet. Aufregung vorbei. So eine Szenerie. Denen möchte ich mich jetzt nicht zumuten. Ich fahre am schönen Mann auf der Carl-Zuckmayer-Brücke vorbei nach Hause. Über Polizei- und Feuerwehreinsätze bei Selbstmorden oder Selbstmordversuchen wird nicht berichtet, hat mir mal jemand gesagt, der es wissen muss. Damit nicht bekannt wird, wie viele Selbstmorde und Selbstmordversuche es gibt? Um niemanden zur Nachahmung anzuregen? Sind Leute so blöd? - Ja. - Spekulationen über die Motive der Person, die den Gashahn aufgedreht hat. Wollte mit größtmöglichem Krachwumm aus dem Leben scheiden? Wollte noch ein paar andere mitnehmen? War so verzweifelt, dass ihr das egal war? Hat sich zum Glück dumm genug angestellt, dass es nicht geklappt hat. Wenn die Person einsam war, ist sie es jetzt nicht mehr. Der Rest des Tages wird ausgefüllt sein mit Gesprächen mit Polizisten, einem Haftrichter oder einem Psychiater, dem Personal der Haftanstalt oder der psychiatrischen Einrichtung, in die sie gebracht wird, die Person.

Als die Feuerwehr abrückte, war es 15.10 Uhr. Im Polizeibericht Berlin: 14.00 Uhr Aufgebrachte Personen versuchen in Spätkauf einzudringen (Friedrichshain-Kreuzberg). 15.10 Uhr Fahrgast verletzt (Charlottenburg-Wilmersdorf). 15.15 Uhr Sachbeschädigung an Parteibüro (Treptow-Köpenick). 16.30 Uhr „Elendiges Hundeleben beendet“ – Polizei stellt Vierbeiner sicher (Neukölln). – Der Vorfall in der Innsbrucker Straße wird nicht gemeldet. Der Schweigekodex? – Und warum halte ich mich nicht an den? - Weil ich auf den Schweigekodex hinweisen will. Weil es gut ausgegangen ist für die Bewohner des Hauses und die Anwohner. Weil sich wieder einmal gezeigt, dass man es besser lassen sollte, wenn man nicht die Mittel und Kenntnisse dazu hat, sich selbst zu töten, ohne anderen damit zur Last  fallen oder sie sogar noch zu gefährden. Weil ich mir nicht vorstellen kann, dass die mitleidlose Neugier, mit der ich auf den Vorfall reagiert habe, jemanden motiviert, es der Person aus der Innsbrucker Straße nachzumachen. Weil ich mir nicht vorstellen kann, dass etwas besser wird, indem man es verschweigt.