Samstag, 21. April 2012

Vegetation

Kunst, Kunst, Kunst. Heute Abend schon wieder Kunst. Und gestern Nachmittag bei Uliane, während wir vor ihrem Pracht-Ensemble saßen und Marzipan gegessen haben, fragt sie mich besorgt, ob ich das etwa für Kunst halte, was gezeigt wird in der Guckkasten-Ausstellung im Verein Berliner Künstler. Worauf ich ihr nur sagen konnte, was ich hier über WHITE CUBES update12 geschrieben habe: Die Ausstellung ist amüsant und deshalb sehenswert. Sicher sind einige Beiträge so, dass man merkt, dass sich jemand nur schlank aus der Affäre ziehen wollte; bestimmt mit Abstand am blödesten, in den Guckkasten hinein zu schreiben: Leer.


Aber es gibt sicher auch Betrachter, die das schalkhaft finden werden, und wenn eine Familie am Sonntag da hingeht und hinterher Mutter, Vater, Kinder bei Kaffee und Kuchen sitzen, haben sie einiges zu besprechen. Etwa, was es mit POLITISCH UNKORREKT auf sich hat. 


Der Kasten von Evelyn Sommerhoff hat mir übrigens von allen Arbeiten am besten gefallen: sie auf den Fotos posierend, nur bekleidet mit einem Burka-Schleier, in der Hand das Messer, das nun im Vordergrund liegt des Guckkastens. Und am meisten geärgert hat mich die Verkniffenheit eines Hermann Spörel, der bei der Eröffnung in einer Ecke steht, mürrisch wie immer, weil er sich vielleicht schon seit Jahrzehnten denkt, das gehört sich so für einen Kunstbeamten, aber dann weiß er nicht einmal die Nummer von seinem Beitrag ... 


.... und nachdem ich seine Arbeit endlich gefunden und seinen Ausstellung-in-der-Ausstellung-Bildwitz gesehen habe, da fragt er herrisch: Weißt du, was der Titel ist? – sagt ihn dann aber nicht, sondern lässt mich den Titel umständlich suchen auf der dreiseitigen Liste. Der Titel ist dann WELTWIRTSCHAFTSGIPFEL und er sagt, dort war er nämlich, in Davos bei dem Weltwirtschaftsgipfel, und hat das eine Bild gemalt, was in dem Guckkasten zu sehen ist – oder eine Miniaturisierung davon, ich weiß es nicht, ich will es nicht wissen, weil ob Originalgröße oder Miniatur, das ist stehengebliebenes Zeug, was der macht. 80er Jahre ist das und so, als wäre nichts mehr passiert seither. Während das hier, sage ich zu Uliane und deute auf das Ensemble ihrer vier Bilder: das ist JETZT. Und wenn jemand ankommt und sagt geringschätzig, das ist Bildchenmalerei, dann grinse ich und weiß schon, wie das gemeint ist, aber ich sage auch, das ist mir völlig egal, wenn es großartige Bildchenmalerei ist. – In dem Foto-Format hier nicht mal zu ahnen, wie großartig. Anfang Mai wird Uliane ihr Pracht-Ensemble in einem kleinen Kreis präsentieren und hoffentlich bald darauf allen.


Uliane Borchert, Vegetation 1, 2, 3, 4, Acryl mit Sand auf Leinwand,  4 mal 140 x 180 cm, 2012. 

Kunst: ã Damm, Sommerhoff, Spörel, Borchert. 

Freitag, 20. April 2012

Aemilius



Lindower Reminiszenzen. Lindow wie Lindowerstraße im Wedding. Dort arbeiten Gaby Fox, Claudia Langer und Andreas Merkert regelmäßig unter Leitung ihres Lehrers Peter Hermann, nicht im Bild. Der Mann links im Bild ist Rolf Sellmann vom Künstlerkollektiv des Kunstraum Ko, das die Drei eingeladen hat, in der Galerie in der Meranerstraße auszustellen. 


Gleich beim Reinkommen entdeckt: die Mutter mit dem Säugling. Jetzt sitzen die beiden unter dem Stillleben von Andreas Merkert.


Es ist ein Junge. Er ist 17 Tage alt. Heißt Aemilius und wird sich in der guten Stunde, die ich bleibe, nicht in seinem Schlaf stören lassen.



Die Mutter ist die Schwiegertochter von Gaby Fox. Guter Name. So malt sie:


Klaus wird im Sommer 75. Er ist einer meiner liebsten Gesprächspartner im weiten Umkreis und das schon seit vielen Jahren.


Klaus Schumann ist Stylist, Fashion Designer, und das schon gewesen, als es noch Couturier hieß. – Was gefällt ihm am besten in der Ausstellung? Was würde er am liebsten mitnehmen? – Da braucht er nicht lange zu überlegen. Die zwei Papierarbeiten von Andreas Merkert:


Und Claudia Langer? – So hat sie sich selbst gesehen, 2001 war das:


 Und so habe ich sie gesehen gestern:



"Lindower Reminiszenzen"
Malerei von Gaby Fox, Claudia Langer, Andreas Merkert
Bis 13.05.12

Meranerstraße 10
10825 Berlin
0175-5648140
info@kunst-ko.de
Öffnungszeiten siehe Website.

Kunst: ã Gaby Fox, Claudia Langer, Andreas Merkert
Fotos: ã w.g.

Donnerstag, 19. April 2012

Gekünstelt



Wir müssen keine Witze machen. Wenn wir nicht witzig sind, ist das kein Defizit oder eine Schwäche wie zum Beispiel, wenn wir nicht schlagfertig sind. Da stehen wir dumm und stumm da in einem Augenblick, in dem es darauf ankäme, und die Bemerkung, die wir jetzt machen müssten, die  fällt uns erst später ein. Aber wenn wir nicht witzig sind, brauchen wir einfach nur keine Witze zu machen und niemandem fällt etwas auf. 


Als der Galerist den Künstler vorstellte, wollte er das machen, wie er es immer macht: in einem Dialog. Doch nachdem der Künstler das Wort ergriffen hatte, hörte er erst wieder auf zu reden, als selbst er das Gefühl hatte, es könne den Gästen der Vernissage nun zu viel werden. Dabei hätte er noch so gerne weiter gesprochen. Denn als der Galerist darauf zwei Veranstaltungen seiner Galerie ankündigte – eine von beiden eine Podiumsdiskussion mit dem Titel: Kunst und Spekulation: Ist nach dem Finanzmarkt auch der Kunstmarkt durchgedreht?  –, da hat der Künstler sofort wieder das Wort ergriffen und das war dann nicht mehr zum Aushalten, weil er es nun mehr als übertrieben hat mit seiner Redelust, so dass wir schon anfingen, finstere Blicke zu wechseln.


Der Künstler fotografiert auf seinen Reisen. Thematisch. Plakatwände zum Beispiel oder Treppen. Die Fotos benutzt er als Vorlagen zu Montagen. Er überschreibt sie. Die Überschreibungen sind so wie er redet. – Er hat dann erzählt, wie der Galerist ihn eingeladen hat, bei ihm auszustellen, und wie er darauf die Serie Zerrissene Welten gestaltet hat mit seinem Plakatwände-Material. Sein Treppen-Material werde er erst bearbeiten, wenn die Berlinische Galerie ihn einladen wird, sagte er und lachte gekünstelt. Und dann nannte er noch den Namen einer renommierten Potsdamer Galerie, für die er das Treppen-Material auch bearbeiten würde, wenn sie ihn einladen würde. Wieder lachte er darauf geskünstelt. Und wie bei seinem ersten, gab es auch bei seinem zweiten Lachen keine Reaktion bei den Zuhörern. Niemand lachte mit ihm. Dazu war die witzig gemeinte Bemerkung zu ernst. Es war ein Tagtraum, den er da formulierte. Wie sympathisch! Im Grunde genommen.


Merseburger Str. 14
10823 Berlin
0151/56 50 49 67
030/754 555 02
info@galerie-gondwana.de

Ausstellung bis 25.05.2012

Kunst: ã Hans Jörg Mettler
Fotos: ã w.g.

White Cube


Ute Faber  o.T.  Mixed media   26 x 34 x 44 cm   2012

Weißer Würfel. Weiße Zelle. Raumkonzeption für Kunstausstellungen. Zurückgenommenes Ambiente, keine Interaktion mit den ausgestellten Werken. Die Spielidee von Franziska Rutishauser nimmt dieses Konzept wörtlich. Drei weiße Quader sind aufgestellt in den Räumen des Vereins Berliner Künstler. Guckkästen. In ihnen 47 Installationen von 47 Künstlern. Von doof bis geistreich, von gequält bis gewitzt, kindlich verspielt bis – nein, so richtig umgehauen hat mich keine der 47 Positionen. Der abgenutzte Begriff Position, auch er wird wörtlich genommen, inszeniert und zugleich parodiert.  


Die Betrachter haben hier richtig was zu tun. Auch weil neben den Gucklöchern nur Zahlen angebracht sind, mit denen man auf einer dreiseitigen Liste die Werktitel und die Namen der Künstler suchen kann. Nach der Hälfte der Rundgänge wurde es mir zu mühsam und ich habe nur noch gezielt geguckt - nach den Nummern der mir bekannten Künstler, deren Beiträge ich sehen wollte. 

Ina Lindemann   KOMFORTZONE  Mixed media 24 x 34 x 44 cm  2012

Hermann Spörel "Weltwirtschaftsgipfel" Mixed media 24 x 34 x 44 cm 2012

Evelyn Sommerhoff  POLITISCH UNKORREKT (ich ohne Gesicht
mit Messer) Mixed media  24 x 34 x 44 cm  2012

Helga Wagners Beitrag ist mir verloren gegangen. Von ihr ein Foto mit dem schön entrückten Zuhörgesicht, das sie macht bei der Rede von Projektleiterin Franziska Rutishauser.


Das war nicht leicht für Franziska Rutishauser sich durchzusetzen mit ihrer Ausstellungsidee – gegen all die Bildchenmaler hier, sagt Helga Wagner verächtlich.


Franziska Rutishauser (rechts im Bild), Schweizerin, lebt seit einem Jahr in Berlin. In der Ausstellung ist ein Video zu sehen, in dem die beteiligten Künstler Statements abgeben zu ihren Beiträgen – Positionen, meine ich. Der Wortgebrauch ist zu affig. Die Ausstellung hingegen – vergesst mein Gemäkele! – ist amüsant, sehenswert und: kinderfreundlich. Für alle, die nicht hochreichen bis zu den Gucklöchern wird ein Tritt bereitgehalten.


White Cubes update 12
19.April - 3.Juni 2012, Gallery Weekend 27.-29- April 2012
Galerie Verein Berliner Künstler 
Schöneberger Ufer 57
10785 Berlin
Di-Fr 15-19 Uhr, Sa-So 14-18 Uhr
www.vbk-art.de


Kunst: ã die ausstellenden Künstler
Fotos: ã w.g.

Mittwoch, 18. April 2012

Mundgeruch

Im nächsten längeren Text möchte ich einmal ein Glück berühren. Ein Glück heißt, es muss nicht mein Glück sein. Und es soll auch gar nicht um das Glück selbst gehen. Nur berühren möchte ich das Glück beim Schreiben. Nach der langen Qual von Bezaubert 1, 2, 3, 4. Sage ich zu Uliane und die gleich wieder in ihrer aufbauenden Art antwortet: Aber das Glück ist doch immer da in deinen Texten. – Stimmt.

Die Wände vollgehängt mit Malerei, Grafik, Fotografien. Ein Tisch vollgestellt mit Gläsern. Nicht, weil sie wieder einmal poliert werden sollen oder benutzt heute Abend, wenn die anderen Gäste kommen. Ausgestellt die Gläser. Geschliffenes Glas, edle Farben, bestimmt sehr wertvoll, wenn es noch jemanden gibt, der sich so etwas ins Haus holt. Auch ein Sammler müsste der sein. – Sammeln Sie das alles oder Ihr Freund? – Ich. – Der Freund ist der Lebenspartner. Nicht Mann. Wir sind nicht verheiratet, hat er gesagt, als ich einmal von seinem Freund als seinem Mann gesprochen habe. Rührende zwei Leute und das Sitzen in einer Polstergarnitur am runden Kaffeetisch ist zwar nicht so meine Sache, doch die Unterhaltung ist lebendig und schnell, wie ich es mag. Nur über die Gläser und die anderen Sammlungen darf ich nicht nachdenken, sonst werde ich aggressiv, und der Mundgeruch des Pudels durchkreuzt meinen Plan, den beiden Männern so lange zuzuhören, bis ich ihr Glück gefunden habe und es berühren kann in einer Geschichte über die beiden, in der es um alles Mögliche gehen kann, um was, das weiß ich noch nicht, das finde ich heraus beim Zuhören, hatte ich mir gedacht. Und dann kam ich in die Wohnung, düstere Wohnung, aber mit einem Blick zu erkennen, wie penibel aufgeräumt alles und gerade erst gestern war die Putzfrau da und trotzdem war da der süßliche, faulige fade Geruch, zu fad, um ihn Gestank zu nennen.  Überall war der Geruch, in der Diele, in dem Zimmer mit der Gläsersammlung, in dem Zimmer mit dem Kaffeetisch. 

Der mir als Platz angebotene Sessel neben der Couch. Auf die ist der Pudel gesprungen, um mir die Gelegenheit zu geben, mit ihm spielen zu wollen, so dass er sich zieren, zurückweichen konnte vor meiner Hand, bevor ich ihn berührte, und als wir das durchgespielt haben, hörte er auf mit dem Gekläffe, mit dem er mich durch die Wohnung begleitet hatte bis zu dem Sessel. Und jetzt, da er mir gegenüber saß auf der Couch, bemerkte ich, dass der fade Geruch aus dem Maul des Pudels kam und nicht die ganze Wohnung davon erfüllt war, dass ich nur diesen Eindruck haben musste, weil der Hund auf meinem Weg durch die Wohnung kläffend um mich herum gesprungen war und mit dem Gekläffe seinen Mundgeruch um sich verbreitet hatte. Das Gute an dem Gespräch mit den zwei Männern ist auch, dass es nichts gibt, worüber man nicht mit ihnen sprechen kann. Sie versuchten auch gar nicht erst, den Mundgeruch ihres Haustieres herunterzuspielen. Sie erklärten nur, dass der Geruch daher komme, dass der Hund zu Mittag Huhn gegessen habe und die Trockenfutterkekse (vom Tierarzt empfohlen), die auf dem Kaffeetisch in einer Glasschale für ihn bereitstanden und dem Pudel gereicht wurden, als wir mit dem Kuchenessen begannen, diese Kekse würden seinen Mundgeruch noch verstärken. Dass der Geruch dann stärker wurde, nachdem der Hund von den Keksen gefressen hatte, konnte ich nicht feststellen. Es war dann auch so, dass ich den Pudel als Geruchsquelle gar nicht mehr brauchte. Den ganzen restlichen Tag, noch Stunden, nachdem ich mich von den zwei Männern und ihrem Hund verabschiedet hatte, hatte ich den süßlichen, fauligen faden Geruch in der Nase und es war nicht so, dass ich mich vor ihm ekelte, es war mir auch nicht schwer gefallen, in Anwesenheit des Hundes und seines Mundgeruchs Kuchen zu essen, aber zuwider war er mir dennoch, der Geruch, so dass ich, noch während ich an dem runden Tisch saß, betrübt dachte, dass aus meinem Plan, von den beiden Männern zu erzählen und dabei ihr gemeinsames Glück zu berühren nichts werden wird, weil ich nicht so viel Zeit mit ihnen verbringen kann in ihrer Wohnung, um ihnen so lange zuzuhören, wie es nötig ist, um mir ihr Glück vorstellen zu können. Dadurch, dass der widerwärtige Geruch mir stundenlang nicht aus der Nase ging, dachte ich auch keine Sekunde daran, das für eine Überempfindlichkeit zu halten und den Entschluss zu fassen, mich darüber hinwegzusetzen, da mir der Hund sonst sehr sympathisch war. Wenn ich einen Hund hätte, würde ich einen Pudel haben – wegen der Katzenähnlichkeit der Pudel. Weil sie schlau sind, einfühlsam und zugleich sehr eigenwillig. Und könnte es deshalb nicht sein, frage ich mich jetzt, dass es nur so kam, wie es gekommen ist, weil der Hund es so wollte. Nicht Plan gegen Plan. Natürlich ahnte er nichts von meiner Absicht, über seine zwei Menschen zu schreiben und zuvor deswegen lange Gespräche mit ihnen zu führen. Er wollte nur – wie stets und unter Aufbietung aller seine Kräfte – alles von seiner Gemeinschaft mit den zwei Menschen fernhalten, was ihr Glück stören könnte. Unvermutet, ganz ohne langes Suchen hatte ich also ein Glück berührt. Das Glück des Hundes, als er es gegen mich verteidigte. 

Dienstag, 17. April 2012

Teddy



Der Bär ist so alt wie ich. 
Und wie heißt der?
Teddy.
Klar.
Mein Bruder ist zwei Jahre älter als ich und bei meiner Geburt hat er den Bären geschenkt bekommen.
Damit er sich nicht grämte, weil er die Eltern nun nicht mehr für sich alleine hatte?
Wahrscheinlich.
Das war sehr einfühlsam von Ihren Eltern, ihm zum Trost den Bären zu schenken.
Aber lange hat er ihn nicht gehabt. So bald ich konnte, hab ich mir den Bären gegrapscht und dann habe ich ihn nicht mehr hergegeben. 

Er und der Bär Jahrgang 1938.


Wohnung wie ein Museum. Die Puppenabteilung:

Montag, 16. April 2012

Illustriertenleserin




Post Rüstung. Zwei Kommentare fragen gleichlautend: Und weiter? - Antwort: Einmal hat sie erzählt, dass sie am Montagabend im Kino waren, im Cinema Paris. Wir haben uns Eine dunkle Begierde von David Cronenberg  angeguckt, sagte sie. Mit Keira Knightley und Michael Fassbender als Carl Gustav Jung und Viggo Mortensen  als Sigmund Freud. Und als sie über Freud sprach, hat sie gesagt: Freud gehörte ja zum auserwählten Volk. Da habe ich aufgehorcht, weil wenn jemand nicht einfach sagen kann, Freud war Jude oder Freud war jüdisch, dann ist das entweder ein Zeichen für antisemitische  Neigungen oder ein Zeichen für Philosemitismus oder keins von beidem, wenn die Person auch sonst zu gewundenen Formulierungen neigt. Philosemitisch, das habe ich bei ihr sofort ausgeschlossen. Dass sie sich nur geschwollen ausgedrückt hatte, das war schon eher möglich. Und antisemitische Neigungen? Darauf wäre ich bei ihr von alleine nicht gekommen. Aber nun, da die Frage gestellt war, dachte ich: Ach ja! – Sie sprach dann über Freud wie viele uninformierte Gebildete. Die Traumdeutung gelesen im Studium und: Freud ist überholt. Dass die Neurophysiologen inzwischen Freud lesen als einen Schriftsteller, der wie niemand sonst psychisches Geschehen beobachtet und beschrieben hat, behalte ich in solchen Momenten lieber für mich und genieße es mitzuerleben, wie der Widerstand, der Freuds Theorie in ihren Anfängen entgegengebracht wurde, bis heute ungebrochen ist. In bestimmten Kreisen des Bürgertums. Denen sie angehört? Hätte mich mal interessiert. Aber sie sagte nichts mehr über Freud, sie erzählte nun, dass sie – wir – nach dem Kino Thilo Sarrazin auf dem Kurfürstendamm gesehen haben. Ohne Bodyguards sei der da gegangen, erzählte sie und  machte dabei vor, wie er gegangen ist: erhobenen Hauptes, breit lächelnd. Da habe ich gleich noch mal Ach ja! gedacht, war mir aber wieder nicht sicher, wie ich das verstehen sollte. Imponierte ihr einfach nur das unbefangene Auftreten des Prominenten in der Öffentlichkeit? Oder imponierte ihr, wie furchtlos und selbstbewusst der bürgerliche Extremist sich gezeigt hat? So wie sie es wahrgenommen hat. Als eine Sympathisantin von ihm? Oder als Fernsehzuschauerin und Illustriertenleserin? Das ist sie nämlich auch noch. Wenn sie ihre Wäsche gewaschen hat in einem Waschsalon, den sie schon seit mehr als 30 Jahren aufsucht, geht sie danach in ein benachbartes Café und liest die dort ausliegenden Gala- und BUNTE-Hefte. Das macht sie alleine. Keine Rede von Wir im Waschsalon oder anschließend im Café. Und deshalb habe ich mir überlegt, ob die zweite Person des Wir vielleicht doch keine Frau ist, sondern ein Mann: ein als Philosemit getarnter Antisemit, Jungianer, Sarrazin-Sympathisant und die Lebensgefährtin hat sich um seine Wäsche zu kümmern, alleine. Witz! Um zu zeigen, dass es hier nicht um eine reale Person geht, sondern um ein Konstrukt - Protokoll meines psychischen Geschehens beim Anhören einer Erzählung. Die Erzählung allerdings authentisch. Schade nur, dass sie abgebrochen ist und keine Nachfragen möglich sind, weil wir nicht mehr miteinander reden, uns nicht einmal mehr angucken. Also: nichts weiter.