Der Münchner Journalist Claus Vester hat vom Axel-Springer-Verlag eine Rechnung über 500 Euro geschickt bekommen, weil er auf seiner Kinderbuchwebsite Erlebnis Lesen ein 397 Zeichen langes Zitat aus einer Buchrezension wiedergegeben hat. Vester ist selbst mal gegen die Verwendung einer Passage aus einem seiner Texte vorgegangen, gerichtlich, und damit gescheitert. Deshalb, so heißt es in einem Text von Telepolis über den Vorgang, denkt er nach eigenen Angaben nicht daran, der automatisiert erstellt wirkenden Forderung nachzukommen und fragt sich stattdessen, wie man im vorliegenden Fall wohl die Schöpfungshöhe und andere rechtlich relevante Umstände geprüft hat. Um diese entspannte Logik kann ich den Münchner Journalisten nur beneiden. Denn noch während ich das lese und mich über das Vorgehen des Axel-Springer-Verlages wundere, bricht bei mir im Hintergrund das panische Denken aus: Wo habe ich Die Welt und die Bildzeitung zitiert? Wie lange liegt das zurück? Was können da für Forderungen auf mich zukommen? Wie beuge ich dem vor? Soll ich die Zitate löschen? Oder soll ich sie, um die betroffenen Postings nicht zu zerstören, nur durchstreichen? Auf jeden Fall muss ich sofort reagieren. Heute darüber schreiben. Klar machen, dass ich nie wieder Die Welt und die Bildzeitung zitieren werde. Ob das dem Axel-Springer-Verlag reichen wird? Sie haben ihre Lizenzforderung an den Münchner Journalisten bemessen nicht an der Länge des Zitats, sondern nach der Dauer der Verwendung: 300 Euro für bis zu 12 Monate, 400 Euro für bis zu 36 und 500 Euro für alles darüber hinaus. Auf welcher Rechtsgrundlage? Da wird ihre Rechtsabteilung schon eine gefunden haben. Es bloß nicht so weit kommen lassen, dass ich mit denen ihrer Rechtsabteilung zu tun kriege. Da nützt es nichts, wenn ich denen erzähle, wovon ich monatlich lebe. Denen geht es nicht ums Geld, denen geht es um die Durchsetzung ihres Rechtsempfindens, das ist eine Kampfmaßnahme gegen die Kostenloskultur im Internet. Kulturkampf. Da kann ich darüber denken, wie ich will, 500 Euro könnte ich nicht bezahlen. Was mache ich? Mit Streichen ist es nicht getan, die Zitate haben in meinem Blog gestanden, das Internet vergisst nichts. Soll ich anrufen bei der Verlagsmitarbeiterin, die mit den Lizenzforderungen betraut ist? Einfach fragen, ob das okay ist, wie ich die Zitate verwendet habe – Kontext bei mir schließlich immer: ich schreibe über mein Leben, und dazu gehört nun mal auch die Lektüre von Artikeln aus Die Welt und der Bildzeitung. Aber das sind für die Spitzfindigkeiten, darauf werden die nicht eingehen, denen geht es nur darum, ihr Rechtsempfinden durchzusetzen, das ist ein Kulturkampf. An dem würde ich auch gerne teilnehmen, aber ich kann es mir nicht leisten. Am Ende mache ich nur aufmerksam auf mich und auf die Zitate aus Springer-Zeitungen in meinem Blog, wenn ich da anrufe. Der teuerste Anruf meines Lebens. Zwei Zitate aus Die Welt sind es, Bild-Zitate überblicke ich nicht. Das Poschardt-Zitat in Zeitraffer ist kurz und ein klarer Fall von ich schreibe über mein Leben, in diesem Fall über meine Morgenlektüre. Anders ist es bei Ballerinarock. Da zitiere ich einen Artikel aus Die Welt, um eine Argumentation zu dokumentieren, der zufolge Mode Kunst ist. Hinterher äußere ich mich lobend über das Welt-Feuilleton: Ein Feuilleton, in dem so etwas steht, kann nicht so schlecht sein, wie es immer hingestellt wird, schreibe ich. Die Rechtsabteilung wird das nicht beeindrucken. Rechtsempfinden. Kulturkampf. Gestern Abend habe ich meinen Facebook-Account gelöscht, weil mich die soundsovielte Benachrichtigung, ich hätte soundsoviele notifications, die ich aber alle schon längst gelesen hatte, genervt hat. Aber das hatte ich ohnehin schon im Kopf, den Account zu löschen, weil ich mich nicht präsentieren will mit einer Facebook-Seite, auf der ich seit fast einem Jahr nicht mehr aktiv bin. Meinen Blog werde ich nicht löschen. Aber wenn ich nicht zahlen kann für die Zitate, dann kriegen sie als Schadensersatz den Titel meines Blogs zugesprochen vom Gericht und versteigern ihn auf eBay und den Betrag, den sie damit erlösen, den stiften sie für einen wohltätigen Zweck, und mein Blog-Titel ist weg und so einen schönen Titel werde ich nicht mehr finden. Und das alles wegen dieses verfluchten Telepolis-Artikels, auf den ich aufmerksam geworden bin auf perlentaucher.de heute Morgen. Die Aufregung, meine ich mit das alles. Denn die Bedrohung bleibt. Das einzige, was ich tun kann: die zwei Zitate durchstreichen; ungeschehen machen kann ich sie nicht. Und künftig werde ich keine Zitate aus Publikationen des Axel-Springer-Verlags mehr verwenden. Meinem Hang zum Trotz folgend, würde ich am liebsten hinzufügen, dass ich sie auch nicht mehr lesen werde, doch das ist wegen der Wichtigkeit der Bildzeitung nicht möglich. Was mir allerdings schon seit längerem durch den Kopf geht, das ist, auf die Feuilleton-Lektüre zu verzichten. Wie viel Nützliches und Schönes könnte ich in der Zeit machen, die ich damit verbringe. - Kein Feuilleton mehr lesen. So am Kulturkampf teilnehmen. Auf eine Art, die ich mir leisten kann.
Samstag, 7. Mai 2011
Freitag, 6. Mai 2011
Heilsam
Die Idee ist: Ich lasse es mir jetzt mal richtig schlecht gehen. Ich lasse mich hängen. Ich wehre mich nicht mehr gegen das Unglück. Ich reiße mich nicht mehr zusammen. Ich versuche auch nicht herauszufinden, woher das Unglück kommt. Das wird es mir dann schon selbst sagen, wenn ich es zulasse. Das ist die Idee.
Das Unglücklichsein ist keine Depression. Es ist keine allgemeine Verstimmung. Keine tiefe Traurigkeit ohne Grund. Es ist ein ganz konkretes Mich-Schlechtfühlen und Schlechtfinden von allem, was ich mache und was ist in meinem Leben. Sollte dieser Zustand der schmerzhafte Anfang einer großen und heilsamen Veränderung sein, dann wird sie sehr groß und sehr heilsam sein. Das ist die Hoffnung.
Das habe ich mir heute Morgen zurechtgelegt und es beschlossen, als hätte ich eine andere Wahl. Auf dem Balkon liegt jetzt ein Bretterboden. Bretter aus hellem Lärchenholz. Gestern hat mir das gefallen. Weil es überraschend war und eine Frische hatte als Eindruck. Heute denke ich, dass es billig aussieht, provisorisch, vorläufig. Das Mindeste, was noch zu erwarten wäre, ist, dass die Bretter gestrichen oder gefirnisst werden. Doch das ist nicht geplant. Sie werden patinieren – grau – und das wird es dann gewesen sein. Angenehm ist der Geruch, den das Lärchenholz verströmt, wenn die Sonne es erwärmt (Duftwolke eines gefällten Baumes auf einer Waldlichtung). – Zwei peinliche Geldmomente. Einer ist wirklich peinlich. Lotto und Zigaretten kosten 13 Euro 50. Ich lege vier zusammengefaltete 10-Euro-Scheinen auf die Theke und zähle aus dem Kleingeld aus meiner Hosentasche 3 Euro 50 ab, die ich Sinan gebe. Darauf nehme ich die 10-Euro-Scheine und stecke sie wieder ein. Worauf Sinan streng sagt: Und jetzt kriege ich noch einen Zehner! Und ich stehe da, als wäre das mit den zur Seite gelegten 10-Euro-Scheinen und den ihm gegebenen 3 Euro 50 ein Versuch gewesen, ihn zu täuschen. Ich sage, ich hätte gedacht, ich hätte ihm die 10-Euro schon gegeben; auch deshalb, weil er nicht zu erwarten schien, noch einen 10-Euro-Schein zu bekommen. Das hätte ich natürlich auch gesagt, wenn ich es tatsächlich darauf angelegt hätte, ihn zu betrügen. Und nachträglich erscheint es mir fast so, dass er es darauf angelegt hat, mich zu testen. Wenn ich einen besseren Tag gehabt hätte, dann hätte ich gesagt: Wenn ich mit so einem im Ansatz ja nicht unraffinierten Trick unterwegs wäre, dann würde ich ihn so ausfeilen, dass er auch wirklich klappt. Dann hätten wir gelacht und er hätte trotzdem geglaubt, dass ich es inzwischen ganz schön nötig haben muss, dass ich so etwas versuche. Da war also nichts mehr zu retten. Doch das war mir egal. Das ist der Vorteil eines Unglücklichseins, wie ich es gerade erlebe, dass es auf so etwas wie diesen Vorfall dann auch nicht mehr ankommt. Kinkerlitzchen.
Der zweite peinliche Vorfall war bei Rossmann und gehört nicht mehr zum Thema. Auch deshalb, weil nicht mir etwas peinlich war, sondern der Frau an der Kasse war es peinlich, als sie meine Reaktion darauf erlebte, dass sie die Schachtel, in der das Produkt verpackt ist, das ich ihr zum Zahlen hingelegt habe, geöffnet und hineingeschaut hat. – Kontrollieren Sie, ob alles drin ist, ob vielleicht jemand etwas daraus geklaut hat? frage ich sie darauf erstaunt, weil ich das noch nie gesehen hatte, dass das eine Kassiererin macht bei diesem Produkt. –
Ausweichend, weil es ihr angesichts meiner Arglosigkeit peinlich ist, erklärt sie: Wir sind angewiesen, das zu überprüfen. – Und jetzt erst klickert es bei mir: Sie gucken nicht, ob der Inhalt vollständig ist. Sie gucken, ob etwas in der Schachtel ist, das nicht hinein gehört. – Sie wiederholt: Wir sind angewiesen, das zu überprüfen. – Weil das immer wieder vorkommt, dass Leute auf diese Art klauen? – Sie nickt und guckt dazu bedenklich über die Ränder ihrer Lesebrille. – Schlau, denke ich, aber nicht schlau genug, sie sind dahinter gekommen. Und dann denke ich noch: Geld ist knapp. Will das auch schon sagen, lasse es dann aber, ohne recht zu wissen warum. Um nicht ihren Eindruck von mir zu irritieren?
Das Unglücklichsein ist keine Depression. Es ist keine allgemeine Verstimmung. Keine tiefe Traurigkeit ohne Grund. Es ist ein ganz konkretes Mich-Schlechtfühlen und Schlechtfinden von allem, was ich mache und was ist in meinem Leben. Sollte dieser Zustand der schmerzhafte Anfang einer großen und heilsamen Veränderung sein, dann wird sie sehr groß und sehr heilsam sein. Das ist die Hoffnung.
Das habe ich mir heute Morgen zurechtgelegt und es beschlossen, als hätte ich eine andere Wahl. Auf dem Balkon liegt jetzt ein Bretterboden. Bretter aus hellem Lärchenholz. Gestern hat mir das gefallen. Weil es überraschend war und eine Frische hatte als Eindruck. Heute denke ich, dass es billig aussieht, provisorisch, vorläufig. Das Mindeste, was noch zu erwarten wäre, ist, dass die Bretter gestrichen oder gefirnisst werden. Doch das ist nicht geplant. Sie werden patinieren – grau – und das wird es dann gewesen sein. Angenehm ist der Geruch, den das Lärchenholz verströmt, wenn die Sonne es erwärmt (Duftwolke eines gefällten Baumes auf einer Waldlichtung). – Zwei peinliche Geldmomente. Einer ist wirklich peinlich. Lotto und Zigaretten kosten 13 Euro 50. Ich lege vier zusammengefaltete 10-Euro-Scheinen auf die Theke und zähle aus dem Kleingeld aus meiner Hosentasche 3 Euro 50 ab, die ich Sinan gebe. Darauf nehme ich die 10-Euro-Scheine und stecke sie wieder ein. Worauf Sinan streng sagt: Und jetzt kriege ich noch einen Zehner! Und ich stehe da, als wäre das mit den zur Seite gelegten 10-Euro-Scheinen und den ihm gegebenen 3 Euro 50 ein Versuch gewesen, ihn zu täuschen. Ich sage, ich hätte gedacht, ich hätte ihm die 10-Euro schon gegeben; auch deshalb, weil er nicht zu erwarten schien, noch einen 10-Euro-Schein zu bekommen. Das hätte ich natürlich auch gesagt, wenn ich es tatsächlich darauf angelegt hätte, ihn zu betrügen. Und nachträglich erscheint es mir fast so, dass er es darauf angelegt hat, mich zu testen. Wenn ich einen besseren Tag gehabt hätte, dann hätte ich gesagt: Wenn ich mit so einem im Ansatz ja nicht unraffinierten Trick unterwegs wäre, dann würde ich ihn so ausfeilen, dass er auch wirklich klappt. Dann hätten wir gelacht und er hätte trotzdem geglaubt, dass ich es inzwischen ganz schön nötig haben muss, dass ich so etwas versuche. Da war also nichts mehr zu retten. Doch das war mir egal. Das ist der Vorteil eines Unglücklichseins, wie ich es gerade erlebe, dass es auf so etwas wie diesen Vorfall dann auch nicht mehr ankommt. Kinkerlitzchen.
Der zweite peinliche Vorfall war bei Rossmann und gehört nicht mehr zum Thema. Auch deshalb, weil nicht mir etwas peinlich war, sondern der Frau an der Kasse war es peinlich, als sie meine Reaktion darauf erlebte, dass sie die Schachtel, in der das Produkt verpackt ist, das ich ihr zum Zahlen hingelegt habe, geöffnet und hineingeschaut hat. – Kontrollieren Sie, ob alles drin ist, ob vielleicht jemand etwas daraus geklaut hat? frage ich sie darauf erstaunt, weil ich das noch nie gesehen hatte, dass das eine Kassiererin macht bei diesem Produkt. –
Ausweichend, weil es ihr angesichts meiner Arglosigkeit peinlich ist, erklärt sie: Wir sind angewiesen, das zu überprüfen. – Und jetzt erst klickert es bei mir: Sie gucken nicht, ob der Inhalt vollständig ist. Sie gucken, ob etwas in der Schachtel ist, das nicht hinein gehört. – Sie wiederholt: Wir sind angewiesen, das zu überprüfen. – Weil das immer wieder vorkommt, dass Leute auf diese Art klauen? – Sie nickt und guckt dazu bedenklich über die Ränder ihrer Lesebrille. – Schlau, denke ich, aber nicht schlau genug, sie sind dahinter gekommen. Und dann denke ich noch: Geld ist knapp. Will das auch schon sagen, lasse es dann aber, ohne recht zu wissen warum. Um nicht ihren Eindruck von mir zu irritieren?
Donnerstag, 5. Mai 2011
Stichelei
Wenn Peter gar nichts mehr einfällt und er es mir geben will, weil ich es ihm gerade mal wieder gegeben habe, dann stichelt er, dass ich außer ihm keine Freunde habe und nicht einmal eine Frau, die es mit mir aushält. – Darauf habe ich bisher immer geschwiegen, da es ja nicht so ist, dass ich das nicht wüsste, es also nur ein niederer Beweggrund - infantile Regression? - sein kann, der ihn dazu veranlasst, mir das vorzuhalten. Als es heute wieder einmal soweit war und er ironisch feststellte, dass ich ja so viele Freunde hätte, da habe ich zum ersten Mal nicht geschwiegen und geantwortet, was ich sonst nur denke: Lieber alleine als in schlechter Gesellschaft. Diese Bemerkung habe ich bislang immer unterdrückt, a) weil es eine Platitüde ist, b) weil ich nicht den Anschein von Arroganz erwecken wollte. Er hat die Aussage dann aber gar nicht als arrogant, er hat sie als Angriff auf sich empfunden, als abschätzig gegenüber seiner Gesellschaft, und gleich angefangen, seine Gesellschaft zu verteidigen. Was nicht nötig gewesen wäre, denn ich habe gar nicht an seine Gesellschaft gedacht (an die vier Freundinnen aus verschiedenen Lebensphasen, nach neuester Zählung sind es sogar sechs Freundinnen, mit denen er in einer Art Telefon- und Besuchskonkubinat lebt, worauf er sehr stolz ist und deshalb ständig davon redet). Ich habe auch nicht an eine andere Gesellschaft gedacht, die ich nicht haben möchte. Ich habe die Bemerkung nicht in einem triumphierenden, sondern in einem melancholischen Ton gemacht. Weil ich mich inzwischen lange genug von schlechter Gesellschaft ferngehalten habe, vielleicht sogar zu lange, sodass ich die Fähigkeit verloren haben könnte, andere Gesellschaft zu finden. Da Peter aber immer gleich an sich denkt und sei es nur, indem er sich angegriffen fühlt, und er deshalb sofort seine Gesellschaft verteidigt und dann auch gleich noch die Gelegenheit ergriffen hat, auf sie stolz zu sein (auf die vier über die ganze Welt verstreuten Frauen, nach neuester Zählung sechs), kam es nicht dazu, dass ich ihm erklären konnte, wie meine Bemerkung gemeint war. Doch das machte nichts, denn ich wollte das Telefongespräch ohnehin schnell beenden. Es war mir auch zunächst gar nicht klar, warum er angerufen hatte. Willst du einfach nur kuscheln? – Ja. – So war es dann aber doch nicht? Er hatte mir zuvor ein Foto gemailt von einer seiner Freundinnen – mit dem Begleittext: ein halbes Jahr alt, unbearbeitet. Xxxxxx, 57, seit 1973 eigentlich die Wichtigste. Leider nur 1 bis 2 Mal im Jahr hier, ist Musikerin und lebt in Ecuador, aber per skype reden wir fast täglich. - Unbearbeitet! Darüber gab es gleich wieder eine Diskussion, weil der nackte Oberkörper der Frau auf dem Foto völlig entstellt ist von dem Alien-Orangeton, der mir auf Peters Fotos schon häufiger aufgefallen ist, und weil ich meinte, dass er bei Photoshop vielleicht mal nicht so sehr auf die Tube drücken sollte. Er hat darauf bestritten, das Foto bearbeitet zu haben ... . - Gähn! Schon wieder Photoshop! Wenn ich über etwas geschrieben habe, muss ich nicht mehr darüber reden. Ich wollte nur das lange Posting von gestern noch mal durchsehen und habe auf den Mann gewartet, der den Nutzbelag auf den beiden Balkonen verlegen sollte. Das ist mittlerweile geschehen. Peter wartet auf den Befund der Untersuchungen von letzter Woche. Wenn er gerade keine Angst hat, dann langweilt er sich. Ich muss immer bedenken, in was für einer Lebenslage er ist, und Rücksicht auf ihn nehmen. Das fällt mir gerade sehr schwer.
Mittwoch, 4. Mai 2011
Makellos
Mit den Bauarbeiten ist es so, dass sie sich hinziehen, heute so lange, dass ich nicht wie gewohnt den Entwurf für diesen Text im Stehen schreiben kann, und das ist schon mal schlecht. Mit der Schönheit ist es so, dass sie von vielen mit Vollkommenheit gleichgesetzt wird, während für andere Schönheit nie ohne Makel, heißt: nur da ist, wo auch Makel ist. So sehe ich das auch und seit ich gestern den SZ-Artikel über den Ursprung der Schönheit gelesen habe, weiß ich, dass die Evolution das nicht anders sieht. Trotzdem würde ich nie jemandem seinen Schönheitssinn absprechen, für den Schönheit immer nur makellose Schönheit ist und der deshalb das Foto eines geliebten Menschen mit Photoshop bearbeitet in der Absicht, in dem Foto seinen verklärenden Blick nachzustellen. Das war also nicht der Punkt in dem Streit mit Peter. Der Punkt war, dass ich schlecht drauf war, als ich das Foto gesehen habe, das er verschickt hat am 18. Todestag von Susanne, und dass ich ihm zurück geschrieben habe, dass das Foto mich noch mehr berühren würde, wenn er es nicht mit Photoshop zugeschmiert hätte. Womit ich schon mal nicht so tolerant war, wie ich es gerne wäre - siehe oben: seinen Schönheitssinn nicht absprechen. Peter hat sich darauf angegriffen gefühlt von mir und hat sich gewehrt, indem er behauptet hat, das Foto sei unbearbeitet. Damit waren wir beim Thema Lügen. Ich war beim Thema Lügen. Er hat mir vorgeworfen, ich sei rechthaberisch – und überhaupt, was ich immer hätte, ihm zu unterstellen, er lüge. Das ist eigentlich schon kurz vor Komödie, dass einer den Vorwurf, er lüge, damit pariert, dass er sagt, der andere sei rechthaberisch. Doch da ich immer noch schlecht drauf war, konnte ich keinen Spaß daran haben zusammen mit Peter. Stattdessen habe ich ihm humorlos dargelegt, dass ich keineswegs rechthaberisch bin, sondern nur so erscheine, weil ich mich so bestimmt (apodiktisch) äußere, tatsächlich aber sei ich jederzeit bereit, etwas dazu zu lernen. Und weil ich gerade so humorlos war, habe ich ihn dann noch gebeten, mir nie wieder ein Foto zu schicken, damit wir uns nie wieder darüber streiten müssen, ob bearbeitet oder nicht. Das war nur so dahin gesagt und ließ auch außer acht, dass ich künftig auch stillschweigend darüber hinweggehen könnte, was er mit seinen Fotos macht, mit jedem Foto macht, wie er mir mal gesagt hat: ich gebe kein Foto unbearbeitet raus. Was ich ihm gleich auch noch vorgehalten habe, dass er mir das mal gesagt hat. Denn mir ging es bei alldem nur noch darum, ob er das Foto bearbeitet hat oder nicht und ob er lügt, wenn er behauptet. es nicht bearbeitet zu haben. Ihm ging es um etwas anderes. Aus einer Mail Peters von vorgestern:
Du unterstellst mir öfter,
ich wäre ein Lügner und Betrüger,
aber dem ist nicht so.
Ich versuche nur,
die Welt so schön zu gestalten,
wie sie mir gefällt.
Immer noch schlecht drauf, war ich nicht gerührt von diesem Bekenntnis, sondern mit der Humorlosigkeit, unter der ich von Tag zu Tag mehr leide, habe ich zurück geschrieben: Klarer als mit diesen sechs Zeilen hättest Du Dich nicht zu Deiner Verlogenheit bekennen können. Und die Erklärung der Motivation dazu, die eine sehr sympathische Motivation ist, hast Du gleich noch mitgeliefert. – Das Einlenken am Ende machte es nicht besser für Peter. Er hatte die Schnauze voll von mir. Das Foto sei nicht bearbeitet und ich könne ihn mal. – Du mich auch, dachte ich. Wir telefonieren ohnehin zu oft miteinander. Und der Streit ist einfach lächerlich. – Aber auch interessant, denke ich mir heute Morgen und notiere den Altherrensatz: Auch wenn ich den Lügner nicht verachte dafür, dass er lügt, und wenn ich seine Verlogenheit als seine Eigenart toleriere, dann bleibt immer noch die Schwierigkeit, dass der Lügner nicht als Lügner dastehen will. – Danach schaue ich mir das Foto von Susanne noch mal an – schönes Foto, berührendes Foto, aufgenommen drei Monate vor ihrem Tod, an einem der letzten Tage, als es ihr noch gut ging. Aber kein Zweifel: es ist bearbeitet – keine Pore sichtbar, das Kinn wie bei einer Porzellanfigur, die Wangen, als käme sie gerade von einem Visagisten, der berühmt ist für sein Zuckerguss-Make-up. - Anruf bei Peter. Lass uns nicht weiter streiten, ob bearbeitet oder nicht. Ich will über unseren Streit schreiben. Und am besten wäre es, die Leser könnten das Foto sehen und es selbst beurteilen. – Meinetwegen kannst du es veröffentlichen, sagt er und dann kommt, was ich mit meiner Verbissenheit von vorgestern als ein Geständnis bezeichnet hätte, jetzt aber, da ich nicht mehr so schlecht drauf bin, einfach nur faszinierend finde - wie Peter die Kurve kriegt von seinem Leugnen weg zu dem Bekenntnis: klar, bearbeitet er jedes Foto, hat er auch schon gemacht, bevor es Photoshop und als es noch keine digitale Fotografie gegeben hat, aber er hat es nur ganz geringfügig bearbeitet, und nicht aus dem Motiv, es zu verfälschen, sondern um Susanne auf dem Foto so aussehen zu lassen, wie er sie damals gesehen hat. Und dann sagt er noch: Die Bearbeitung ist so geringfügig, dass es ihm nachträglich so vorkommt, als habe er gar nichts an dem Foto gemacht. Da muss ich lachen und er auch. Zum Beweis, wie wenig er an dem Foto verändert hat, will er mir gleich noch das Original schicken. Und nachdem er das getan hat, ruft er an und bittet mich, wenn ich über unseren Streit schreibe, doch zuzugeben, dass es legitim ist, Fotos so zu bearbeiten, wie er es mit dem Foto Susannes getan hat. Das ist hiermit geschehen. Und hier sind die beiden Fotos - Original und Bearbeitung.
So ist es, wenn ich im Sitzen schreibe. 17. 52 Uhr: Der Dachdecker ist immer noch nicht fertig. 18.15 Uhr: Jetzt aber. Dämmung auf beiden Balkonen komplett. Tolle Arbeit! Hat mich gefreut, Sie kennenzulernen. - Er geht weiter zur nächsten Baustelle. - Was? Noch kein Feierabend? - Ich mache das auch, um mich abzulenken. - Verstehe. Viel Glück, Daniel!
Du unterstellst mir öfter,
ich wäre ein Lügner und Betrüger,
aber dem ist nicht so.
Ich versuche nur,
die Welt so schön zu gestalten,
wie sie mir gefällt.
Immer noch schlecht drauf, war ich nicht gerührt von diesem Bekenntnis, sondern mit der Humorlosigkeit, unter der ich von Tag zu Tag mehr leide, habe ich zurück geschrieben: Klarer als mit diesen sechs Zeilen hättest Du Dich nicht zu Deiner Verlogenheit bekennen können. Und die Erklärung der Motivation dazu, die eine sehr sympathische Motivation ist, hast Du gleich noch mitgeliefert. – Das Einlenken am Ende machte es nicht besser für Peter. Er hatte die Schnauze voll von mir. Das Foto sei nicht bearbeitet und ich könne ihn mal. – Du mich auch, dachte ich. Wir telefonieren ohnehin zu oft miteinander. Und der Streit ist einfach lächerlich. – Aber auch interessant, denke ich mir heute Morgen und notiere den Altherrensatz: Auch wenn ich den Lügner nicht verachte dafür, dass er lügt, und wenn ich seine Verlogenheit als seine Eigenart toleriere, dann bleibt immer noch die Schwierigkeit, dass der Lügner nicht als Lügner dastehen will. – Danach schaue ich mir das Foto von Susanne noch mal an – schönes Foto, berührendes Foto, aufgenommen drei Monate vor ihrem Tod, an einem der letzten Tage, als es ihr noch gut ging. Aber kein Zweifel: es ist bearbeitet – keine Pore sichtbar, das Kinn wie bei einer Porzellanfigur, die Wangen, als käme sie gerade von einem Visagisten, der berühmt ist für sein Zuckerguss-Make-up. - Anruf bei Peter. Lass uns nicht weiter streiten, ob bearbeitet oder nicht. Ich will über unseren Streit schreiben. Und am besten wäre es, die Leser könnten das Foto sehen und es selbst beurteilen. – Meinetwegen kannst du es veröffentlichen, sagt er und dann kommt, was ich mit meiner Verbissenheit von vorgestern als ein Geständnis bezeichnet hätte, jetzt aber, da ich nicht mehr so schlecht drauf bin, einfach nur faszinierend finde - wie Peter die Kurve kriegt von seinem Leugnen weg zu dem Bekenntnis: klar, bearbeitet er jedes Foto, hat er auch schon gemacht, bevor es Photoshop und als es noch keine digitale Fotografie gegeben hat, aber er hat es nur ganz geringfügig bearbeitet, und nicht aus dem Motiv, es zu verfälschen, sondern um Susanne auf dem Foto so aussehen zu lassen, wie er sie damals gesehen hat. Und dann sagt er noch: Die Bearbeitung ist so geringfügig, dass es ihm nachträglich so vorkommt, als habe er gar nichts an dem Foto gemacht. Da muss ich lachen und er auch. Zum Beweis, wie wenig er an dem Foto verändert hat, will er mir gleich noch das Original schicken. Und nachdem er das getan hat, ruft er an und bittet mich, wenn ich über unseren Streit schreibe, doch zuzugeben, dass es legitim ist, Fotos so zu bearbeiten, wie er es mit dem Foto Susannes getan hat. Das ist hiermit geschehen. Und hier sind die beiden Fotos - Original und Bearbeitung.
So ist es, wenn ich im Sitzen schreibe. 17. 52 Uhr: Der Dachdecker ist immer noch nicht fertig. 18.15 Uhr: Jetzt aber. Dämmung auf beiden Balkonen komplett. Tolle Arbeit! Hat mich gefreut, Sie kennenzulernen. - Er geht weiter zur nächsten Baustelle. - Was? Noch kein Feierabend? - Ich mache das auch, um mich abzulenken. - Verstehe. Viel Glück, Daniel!
Dienstag, 3. Mai 2011
Kaltgestellt
Der Helfer des Dachdeckers heißt Hans, er ist aus Leipzig, lebt in Neukölln, kommt mit der S-Bahn, ist deshalb pünktlich, und während er auf seinen Kollegen wartet, liest er in dem Buch, das er dabei hat: Ken Kesey, Demon Box. Er hat es schon mal in deutscher Übersetzung gelesen. Jetzt liest er es noch mal in Englisch. Ich staune: Sie lesen Ken Kesey! Einer flog über das Kuckucksnest hat der geschrieben und er war eine der herausragenden Gestalten der amerikanischen Underground-Literatur. – Er hatte seine eigene Hippie-Kommune, sagt Hans. – Wie hießen die? Die Pranksters? – The Merry Pranksters. – Genau. Und Tom Wolfe hat ein berühmtes Buch über sie geschrieben. The Electric Kool-Aid Acid Test. – Habe ich auch gelesen, sagt Hans. - Ich bin zu müde, um ihn zu fragen, wie er auf diese 60er-Jahre-Bücher kommt und was er sonst noch liest. Ich nehme mein Laptop und gehe ins andere Zimmer. Dort schreibe ich an einem Text herum, mit den ich dem anderen Blog eine neue Richtung geben will, denn der andere Blog hat am Wochenende den Geist aufgegeben, was in diesem Fall keine veraltete Redensart ist, sondern wörtlich zu verstehen. Gegen 13 Uhr stelle ich den Text als Entwurf in den Blog, und während ich danach am Küchenfenster eine Zigarette rauche, überlege ich, dass ich ihn nicht veröffentlichen sollte und dass es sein könnte, dass der andere Blog nicht mehr zu retten ist. Der Kollege von Hans, der Dachdecker, hat inzwischen die Dämmung auf dem großen Balkon verlegt und die Dämmfolie verklebt. Das soll es für heute gewesen sein. Der Dachdecker und Hans machen eine Zigarettenpause. Ich frage den Dachdecker mit Blick auf die auf der Balkonbrüstung gestapelten Ziegel, warum er die entfernt hat. Er sagt, er hat die Ziegel zu seiner Sicherheit von der Dachschräge genommen, bevor er hinauf geklettert ist (um das Gerüst für die Plane abzubauen, die über den Balkon gespannt war). Und er fügt hinzu: Früher wäre er auch so hochgeklettert, doch das hat sich geändert, seit er Vater ist. – Ach! Ich frage mehr höflich als neugierig nach seinem Kind. Drei Monate alt, Nele Julee - und er kann an einer Hand abzählen, sagt er, wie oft er sie gesehen hat seit ihrer Geburt. – Oh! – Seine Verlobte, mit der er sieben Jahre zusammen war, hat sich von ihm im vierten Monat ihrer Schwangerschaft getrennt. Die Begründung habe ich nicht ganz verstanden, er auch nicht. Es sei ihr alles zu schnell gegangen, sie brauche Zeit für sich, um sich zu entwickeln oder so. – Das Kind war nicht seine Idee gewesen. Sie nahm die Pille, wurde trotzdem schwanger, konnte es sich auch nicht erklären. Er hat es so genommen, wie es war, obwohl er auch noch Zeit gebraucht hätte, weil er sich selbständig machen, ein eigenes Geschäft aufziehen will. Er ist 29, sie 24. Es gab Reibereien zwischen ihnen, weil sie sich hängen ließ in der Schwangerschaft, in Lethargie verfiel. Aber deswegen trennt man sich doch nicht. – Hat sie einen anderen Mann? – Er hat es vermutet. Seit Sonntag weiß er es. Nachdem er den ganzen Tag vergeblich darauf gewartet hatte, dass sie ihm wie verabredet das Kind bringt, und sie nicht gekommen war, ist er zu ihr hingegangen und da hat er sie mit seiner Tochter und ihrem neuen Mann gesehen. Im Auto des anderen Mannes, indem sie sich eingeschlossen haben, als er ankam. Sie hat dann ihren Vater angerufen und erst, als der eintraf, hat sie mit dem Kind das Auto verlassen und war bereit mit ihm zu reden. - Ich habe schon einige Geschichten von kaltgestellten Vätern gehört, doch das ist die härteste und die ungewöhnlichste: Trennung im vierten Monat wegen einem anderen Mann! – So ungewöhnlich ist das nicht, das kommt öfter vor, sagt Hans, der Ken-Kesey-Leser. - So oft kann das nicht vorkommen, sonst hätte ich vorher schon davon gehört, entgegne ich bissig und mache damit deutlich, wie ich heute drauf bin.
Montag, 2. Mai 2011
Handwerker
Der Tag beginnt mit einer historischen Rede des US-Präsidenten, gehalten gestern am späten Abend im Weißen Haus. O - s - ama. O - b - ama. Das ist mir heute erst aufgegangen. Er ist trotzdem Präsident geworden. Und er wird es auch bleiben; die nächsten Wahlen hat er so gut wie gewonnen nach der Kommandoaktion in Pakistan, schreiben die ersten Kommentatoren. Einen Zauderer und Feigling werden sie ihn jetzt jedenfalls nicht mehr nennen und ihm nun auch nicht mehr Professoren-Außenpolitik nachsagen können, heißt es dann in der zweiten Welle der Kommentare, in denen nun darauf hingewiesen wird, dass die nächsten Wahlen in den USA erst im November 2012 sind und es auch noch andere Handlungsfelder der Politik gibt, auf denen der Präsident der USA sich zu bewähren hat. Ach! - Gestern mal bemerkt, dass ich von der deutschen Kanzlerin und ihrem Vizekanzler lange nichts mehr gehört habe. Das ändert sich heute prompt mit dem fälligen Verlautbaren, Begrüßen, Bekräftigen, und auch das wird von mir gelesen. Denn ich habe nichts anderes zu tun, da ich auf die Handwerker warte, die um 8.40 Uhr anrufen, dass sie im Verkehr feststecken wegen neu eröffneter Baustelle auf der Avus. Um 10.30 Uhr sind sie da. Ein Dachdecker, sein Helfer und der Chef der Firma, die beauftragt ist, die Böden meiner beiden Balkone zu erneuern, damit bei den Leuten in der Wohnung darunter nicht mehr literweise das Wasser durch die Decke fließt. Nach 5 Minuten wird mir klar, dass sich die Bauarbeiten die ganze Woche hinziehen werden, einschließlich Samstag, wenn die neue Nutzplatte verlegt werden soll. Einer der Gründe, warum ich so gerne mit Handwerkern zu tun habe, ist ihre Sprache. Ein anderer ist, dass die meisten Handwerker so angenehm unneurotisch sind. Aber daher gibt es sonst nichts zu berichten von ihnen. Und deshalb wird voraussichtlich überhaupt nicht viel zu berichten sein in den nächsten Tagen - fürchte ich, weil meine Hauptaufgabe ist es diese Woche, die Handwerker morgens in die Wohnung herein zu lassen (schwimmen gehen kann ich da schon mal vergessen) und anwesend zu sein, solange sie da sind, für den Fall, dass sie etwas von mir wollen (Haben Sie mal einen Lappen oder so etwas Ähnliches zum Aufwischen?). - Auch daraus wird sich was machen lassen und kann ich nicht froh sein über die Abwechslung, weil sie mich auf andere Gedanken bringt, nachdem es mir gestern so schlecht gegangen ist? – Nein, kann ich nicht. Denn nach dem Aufwachen ging es mir schon wieder viel besser und ich bin von selbst auf die anderen Gedanken gekommen. Rettende Gedanken, zu denen ich gestern nicht fähig war, weil es mir so schlecht ging. – Warum eigentlich? – Ich weiß es. Ich habe es auch gestern schon gewusst. Es hat nichts genutzt. es zu wissen. Es nutzt auch nichts, die Gründe zu nennen. Ich will lieber davon berichten, was ich unternehme, damit es besser wird. – Das noch? Obwohl auch unbefriedigend für die Leser, da ich mich an den Traum selbst nicht mehr erinnern kann, um den es geht. Nur daran dass es ein sehr fein gesponnenes Traumgeschehen war. Irgendwie thematisch verknüpft mit den Gründen dafür, dass es mir so schlecht gegangen ist, dachte ich, als ich aufgewacht bin aus dem Traum im Morgengrauen. Und bevor ich mich auf die andere Seite gedreht habe und wieder eingeschlafen bin, habe ich noch gedacht: So geht es auch. Denn es kam mir so vor, als hätte ich mit dem Traum die schlechte Stimmung von gestern überwunden. Und so war es dann auch, als ich wieder aufgewacht und aufgestanden bin.
Sonntag, 1. Mai 2011
Maikundgebung
Es geht mir schlecht. Ich lasse mich nicht hängen. Doch davon wird es nicht besser. In meinem Zustand betrinken sich Leute. Das kann ich mir finanziell nicht leisten. Das würde ich auch nicht ertragen, in meinem Zustand auch noch einen Kater zu haben, und damit von vornherein zu verhindern, dass es mir morgen schon wieder besser geht. - Der hier schon einmal erwähnte Adelsexperte sitzt um 14 Uhr vor der Feinbäckerei, trinkt ein großes Bier und hat seine neue Sonnenbrille mit großen tropfenförmigen Gläsern auf, von deren Kauf ich ihm abgeraten hätte. Als er mich bemerkt, wird sein Gesicht noch länger und er schaut an mir vorbei. Auch eine Art von Leserkommentar. Hat er also meine Bemerkungen über ihn im anderen Blog inzwischen auch gelesen. So schlimm? Ich könnte mein Fahrrad anhalten vor der Feinbäckerei, Hallo sagen und abwarten, was er dann macht, und wenn er dann auffallend verhalten reagiert, könnte ich ihn fragen, was er hat, als ob ich das nicht wüsste. Das wäre aasig. Und zu einfach, mich von mir abzulenken, indem ich auf andere losgehe. Wäre ich 40 Jahre jünger, würde ich heute Abend an den 1.Mai-Unruhen in Kreuzberg teilnehmen. Da sind die Anderen Profis; sie werden dafür bezahlt, wenn auch sehr schlecht. Und da sie von Berufs wegen schon einmal da sind, würden sie sich nur langweilen, wenn nach Einbruch der Dunkelheit nicht endlich der Straßenkampf ausbräche. Alles junge Männer, die sich auch gerne mal austoben. Und bitte einmal darauf achten: Es scheint Grenzen zu geben, die in stiller Übereinkunft der feindlichen Lager nicht überschritten werden. Hoffentlich ist das heute Abend auch so. Allen Beteiligten viel Glück und viel Spaß!
Was ich dann gemacht habe, ich bin nach Kreuzberg zu Peter gefahren. Unangemeldeter Besuch. Denn hätte ich mich angemeldet, hätte er abgewinkt. So rufe ich ihn an und sage: ich stehe 50 Meter von deinem Haus entfernt, kommst du runter? Mein Rest bürgerlicher Anstand besteht also darin, dass ich nicht erwarte, dass er mich in seine verwahrloste Wohnung bittet. Wir haben uns acht Monate lang nicht gesehen, immer nur telefoniert. Jetzt bin ich überrascht, was für eine Wampe er hat, und frage ihn, ob er zugenommen hat. – Ja, irgendwann habe ich sicher mal zugenommen, meint er und will damit sagen, in letzter Zeit nicht. Abgenommen hat er aber auch nicht. So sieht kein Krebskranker im fortgeschrittenen Zustand aus wie du, Peter. Dazu bist du einfach zu fett. Meine Art von Trost, eine andere habe ich heute nicht für ihn. Wir gehen Richtung Landwehrkanal. Nach dreihundert Metern bleibt er stehen. Röchelt. – Atemnot? – Er nickt. – Ich will nicht dabei sein, wenn du stirbst, sage ich. Und du musst auch nicht denken, dass ich darüber schreiben werde. Wenn du stirbst, werde ich im Blog weiterhin so tun, als würdest du noch leben. – Weil sonst dein Ruf im Eimer ist? – Genau. Weil ich immer behauptet habe, dass das alles nur psychosomatisch ist, was du hast. – Das Röcheln hört sich nun aber gar nicht psychosomatisch an. Und die Entzündung, die er hat unter der Zunge, die kommt von dem Eingriff am letzten Donnerstag im Virchow Klinikum. Unter Vollnarkose (mit Propofol) haben sie ihm da ein Loch in den Zungenboden gebohrt, um von da aus – invasiv diagnostisch – zu seinem Knubbel vorzudringen und Gewebe zu entnehmen. Da sie ihn schon mal unter Narkose hatten, haben sie auch gleich noch eine Magen- und eine Darmspiegelung gemacht. Befund kriegt er mitgeteilt am 11. Mai. Wieder Warten. Jetzt sehe ich zum ersten Mal den Knubbel an seiner unteren rechten Halsseite, und befühlen lässt er ihn mich auch mal. Harter taubeneigroß angeschwollener Lymphknoten. Psychosomatisch? - Mensch, Peter! Aber du siehst nicht krank aus. Nicht gerade rosig deine Gesichtsfarbe, aber fahl auch nicht. Wenn du nicht so übergewichtig wärst, könnte man sagen, du siehst kerngesund aus. – Auch das keine Trostworte. Ausdruck der Verwunderung. Und als er sagt, dass er sich immer hinfälliger fühlt, schon seit drei Monaten nicht mehr in der Bergmannstraße war, weil er den kurzen Weg dorthin nicht mehr schafft, sage ich lieber nichts. Wir sitzen in der Sonne auf einem Mäuerchen vor einem Gebüsch, dahinter der Kanal. Wir lachen viel. Von Angesicht zu Angesicht ist Peter noch witziger als am Telefon. Zwei junge Männer kommen vorbei. Einer der beiden lächelt mich an und schlägt sich mit der zur Faust geballten rechten Hand gegen die Brust (Herzgegend). - Was wollte er mir mit dieser Geste zeigen? Dass er seinen Hund liebt? - Als ich ihm hinterhergucke, sehe ich, dass der Hund ein Kampfhund ist, und dass sie ihn ohne Maulkorb und unangeleint rumlaufen lassen. Auf dem Rückweg kommen uns eine junge Mutter und ihre kleine Tochter entgegen, die feuermelderrote Haare hat. Ich schaue die junge Frau an - wegen der Eleganz, mit der sie eine einfache graue Decke um ihre Schultern gelegt hat, um sich vor dem kühlen Wind zu schützen. Die Frau erwidert lächelnd meinen Blick, neugierig, wem sie so gut gefällt. Ich sage, in Kreuzberg sind die Frauen anders als in Schöneberg. – Das habe ich schon immer gewusst, sagt Peter.
Was ich dann gemacht habe, ich bin nach Kreuzberg zu Peter gefahren. Unangemeldeter Besuch. Denn hätte ich mich angemeldet, hätte er abgewinkt. So rufe ich ihn an und sage: ich stehe 50 Meter von deinem Haus entfernt, kommst du runter? Mein Rest bürgerlicher Anstand besteht also darin, dass ich nicht erwarte, dass er mich in seine verwahrloste Wohnung bittet. Wir haben uns acht Monate lang nicht gesehen, immer nur telefoniert. Jetzt bin ich überrascht, was für eine Wampe er hat, und frage ihn, ob er zugenommen hat. – Ja, irgendwann habe ich sicher mal zugenommen, meint er und will damit sagen, in letzter Zeit nicht. Abgenommen hat er aber auch nicht. So sieht kein Krebskranker im fortgeschrittenen Zustand aus wie du, Peter. Dazu bist du einfach zu fett. Meine Art von Trost, eine andere habe ich heute nicht für ihn. Wir gehen Richtung Landwehrkanal. Nach dreihundert Metern bleibt er stehen. Röchelt. – Atemnot? – Er nickt. – Ich will nicht dabei sein, wenn du stirbst, sage ich. Und du musst auch nicht denken, dass ich darüber schreiben werde. Wenn du stirbst, werde ich im Blog weiterhin so tun, als würdest du noch leben. – Weil sonst dein Ruf im Eimer ist? – Genau. Weil ich immer behauptet habe, dass das alles nur psychosomatisch ist, was du hast. – Das Röcheln hört sich nun aber gar nicht psychosomatisch an. Und die Entzündung, die er hat unter der Zunge, die kommt von dem Eingriff am letzten Donnerstag im Virchow Klinikum. Unter Vollnarkose (mit Propofol) haben sie ihm da ein Loch in den Zungenboden gebohrt, um von da aus – invasiv diagnostisch – zu seinem Knubbel vorzudringen und Gewebe zu entnehmen. Da sie ihn schon mal unter Narkose hatten, haben sie auch gleich noch eine Magen- und eine Darmspiegelung gemacht. Befund kriegt er mitgeteilt am 11. Mai. Wieder Warten. Jetzt sehe ich zum ersten Mal den Knubbel an seiner unteren rechten Halsseite, und befühlen lässt er ihn mich auch mal. Harter taubeneigroß angeschwollener Lymphknoten. Psychosomatisch? - Mensch, Peter! Aber du siehst nicht krank aus. Nicht gerade rosig deine Gesichtsfarbe, aber fahl auch nicht. Wenn du nicht so übergewichtig wärst, könnte man sagen, du siehst kerngesund aus. – Auch das keine Trostworte. Ausdruck der Verwunderung. Und als er sagt, dass er sich immer hinfälliger fühlt, schon seit drei Monaten nicht mehr in der Bergmannstraße war, weil er den kurzen Weg dorthin nicht mehr schafft, sage ich lieber nichts. Wir sitzen in der Sonne auf einem Mäuerchen vor einem Gebüsch, dahinter der Kanal. Wir lachen viel. Von Angesicht zu Angesicht ist Peter noch witziger als am Telefon. Zwei junge Männer kommen vorbei. Einer der beiden lächelt mich an und schlägt sich mit der zur Faust geballten rechten Hand gegen die Brust (Herzgegend). - Was wollte er mir mit dieser Geste zeigen? Dass er seinen Hund liebt? - Als ich ihm hinterhergucke, sehe ich, dass der Hund ein Kampfhund ist, und dass sie ihn ohne Maulkorb und unangeleint rumlaufen lassen. Auf dem Rückweg kommen uns eine junge Mutter und ihre kleine Tochter entgegen, die feuermelderrote Haare hat. Ich schaue die junge Frau an - wegen der Eleganz, mit der sie eine einfache graue Decke um ihre Schultern gelegt hat, um sich vor dem kühlen Wind zu schützen. Die Frau erwidert lächelnd meinen Blick, neugierig, wem sie so gut gefällt. Ich sage, in Kreuzberg sind die Frauen anders als in Schöneberg. – Das habe ich schon immer gewusst, sagt Peter.
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