Von allen Texten, die ich in den letzten drei Wochen über den Schlub geschrieben habe, werde ich nur einen dokumentieren. Text vom Montag. Denn die Texte davor zeigen nur, wie es nicht geht. Auf keinen Fall nach dem Muster: der Schlub ist so und so – hat zum Beispiel einen grobianischen Materialismus. Denn den hat er in meinen Augen, wie er in den Augen von anderen erscheint, weiß ich nicht. Und wie er in Wirklichkeit ist, schon gar nicht. Das weiß nur er. – Es hat auch zu nichts geführt, mich selbst in den Mittelpunkt und zugleich in Frage zu stellen – um nicht zu schreiben über den Schlub, sondern darüber, was mir passiert ist mit ihm, und zu betrachten, was ich für einer bin, dass mir so etwas passiert. Dabei ist mir klar geworden, dass ich in der Zeit, als es losging mit den Unerfreulichkeiten zwischen mir und dem Schlub, ein ganz und gar uninteressanter Mensch war. Und dass das die Erklärung dafür sein könnte, dass der Schlub mit mir nichts anderes mehr anzufangen wusste, als mir zu zeigen, was aus ihm geworden ist. Aber auch dieser Ansatz hat nichts gebracht. Jeden zweiten Tag finde ich einen neuen Ansatz und am Abend habe ich schon wieder ein Unbehagen daran. Ganz hoher Schwierigkeitsgrad. Zu bewältigen wahrscheinlich nur, wenn ich es schaffe, einfach drauf los zu erzählen und keine so große Sache daraus zu machen, wie ich immer denke, dass sie es sein müsste. - Text vom Montag:
Da der Schlub hier (noch) nicht mitmacht, kann ich nicht von unserem gemeinsamen Festhalten an unserer Freundschaft trotz zunehmender Unerfreulichkeit erzählen. Ich kann nur erzählen von meinem Festhalten trotz zunehmender Abneigung. Die Abneigung ausgelöst durch eine Zurückweisung meiner Person, die eine inszenierte Zurückweisung war. – Das war die Pointe des Guggenheim-Ereignisses. Nicht, dass es an diesem Nachmittag etwas Wichtigeres für den Schlub zu tun gab, als seine Zeit mit mir zu verbringen – so dass ich mich als nach Hause geschickt betrachten konnte. Die Pointe war, dass er das vorbereitet, also inszeniert hatte, sich so mir gegenüber zu verhalten: dass er sich nur mit mir verabredet hatte, um mir das zu zeigen. – Zu bemerken, dass ein Muster zu erkennen ist: Bei der Verweigerung der Bitte um Hilfe war die größte Enttäuschung nicht, dass er sie mir verweigert hat, die größte Enttäuschung war, wie er das gemacht hat. Indem er sich entzogen und mich mit einer Lüge (*) abgefertigt hat, die sehr ausgefeilt war und von mir nur deshalb als solche erkannt wurde, weil ich über Erfahrungen mit Fiktion verfüge. Also wieder eine Inszenierung. Er könnte sein, das er häufiger mit Inszenierungen arbeitet. Das ist bemerkenswert, aber darum kann es nicht gehen. Es kann nur darum gehen, dass er mit mir auf diese Art kommuniziert. Um mich kann es nur gehen. Dass mit mir so kommuniziert wird und wie ich damit umgehe, nur davon kann ich erzählen, weil ich nur darüber alles weiß. Über die Motive des Schlub, sich so zu verhalten in einer Kommunikation weiß ich nichts. Dazu müsste ich zum Beispiel wissen, ob er das in anderen Kontexten auch macht, sich über Inszenierungen zu verständigen und so seinen Willen durchzusetzen. Wenn ich das herausfinden wollte, müsste ich es recherchieren, müsste ich Leute befragen, die mit ihm zu tun haben. Aufwendig. Zu aufwendig. Dazu ist der Schlub nicht wichtig genug. Das ist ähnlich wie damals, als er seinen Angebergeburtstag (50 Jahre) auf einer Mittelmeerinsel gefeiert hat (denkt, es war Sardinien, auch wenn es nicht Sardinien war), und ich ihm sagte: Wenn du bei dir zu Hause in Krefeld feiern würdest, da würde ich hinkommen, da es dein 50. Geburtstag ist. Aber mich in ein Flugzeug zu setzen nach Sardinien, mich in einer Pension einzumieten, für all das Geld zu bezahlen, damit ich dabei sein kann bei deiner Geburtstagsfeier dort, wohin Du selbst nur hinfährst mitten im Winter, um deinen Geburtstag zu feiern, also nicht, weil du ohnehin da bist wie im Hochsommer, sondern nur, um dich dort zu präsentieren, ich könnte auch sagen anzugeben, dazu, Schlub, bist du nicht wichtig genug. Mir nicht wichtig genug und überhaupt nicht wichtig genug. – Das habe ich ihm zweimal gesagt. Einmal im Februar, als wir alleine zusammensaßen. Und dann noch einmal im Juni bei einem Mittagessen im Einstein Unter den Linden, bei dem seine Frau zugegen war und ihre vier Kinder. Die habe ich bei dieser Gelegenheit kennengelernt und ich war beeindruckt von der Frau und die Kinder haben mir auch gefallen, mehr noch als die Kinder allerdings die Art, wie die Frau mit ihren Kindern umgegangen ist. Gestandene Frau. Und: Attraktive Frau. So attraktive Frau, dass ich mich schon gefragt habe, wie der Schlub zu so einer Frau kommt. - Sein Geld? Die Versorgung? – Als wir nach dem Essen aufgestanden sind, bei dem die Frau neben mir gesessen hat, da habe ich sie dann auch von hinten betrachtet und bemerkt, dass sie nicht so tolle Beine hat wie sie sonst aussieht (**) Also doch nicht so eine attraktive Frau, habe ich darauf gedacht. So bin ich.
Als ich es dem Schlub zum ersten Mal gesagt habe, dass ich zu seinem Angebergeburtstag nicht kommen will, dieses Wort gebrauchte und ihm erklärt habe warum, da hat er geantwortet, genau so hätte sich auch eine alte Freundin von ihm geäußert, und schien dabei auch die frotzelnd gemeinte Bezeichnung Angebergeburtstag gelassen hinzunehmen. Beim zweiten Mal, als ich es in Anwesenheit seiner Frau und seiner angeheirateten Kinder wiederholt habe, dass ich nicht kommen werde (und dabei wegen der Frau und der Kinder darauf verzichtet habe, das Wort Angebergeburtstag zu verwenden), da hat er nur verständnislos den Kopf geschüttelt und schien verbittert. Auf meine als Entgegenkommen gemeinte Bemerkung, wenn er mir das Flugticket bezahlt und ein anständiges Hotelzimmer, dann könnte ich mir vielleicht vorstellen, seiner Einladung nach Sardinien zu folgen, ist er allerdings nicht eingegangen. Worauf ich mir gedacht habe, dann kann es ihm so wichtig auch wieder nicht sein, dass ich dabei bin; dann ist es ihm mal wieder nur darum gegangen seinen Kopf durchzusetzen. An seinem Geburtstag habe ich ihm dann eine Mail geschickt. Die ist mir launiger geraten, als ich es wollte, weil mir keine herzlichen Worte eingefallen sind. Ich habe das Wort Angebergeburtstag aufgegriffen in der Mail, indem ich ihm u.a. schrieb, dass ich ihm viel Erfolg und Freude wünsche bei seinem Angebergeburtstag und ihm wünsche, dass alles so sein wird, wie er es sich vorgestellt hat. - Zwei Wochen später, nachdem er schon längst wieder zu Hause in Krefeld war, hat er geantwortet auf meine Mail, erbost über das Wort Angebergeburtstag und darüber, dass ausgerechnet ich mich so äußere, ich, der ich noch nie eine Feier ausgerichtet hätte. Und gegen Ende hat er geschrieben: Schade. Schade. Schade. – Was mir besonders dämlich vorgekommen ist, diese schade, schade, schade. Und dass ich noch nie eine Feier ausgerichtet hätte, stimmte einfach nicht. Ich hatte noch nie eine große Feier ausgerichtet. Das ist nicht meine Art, obwohl ich schon Spaß daran hätte, nur hat mir bei den passenden Gelegenheiten die Lebensgefährtin gefehlt, mit der zusammen ich vielleicht eine solche Feier ausgerichtet hätte. Alleine nun aber nicht. Allerdings habe ich den Schlub einmal zusammen mit einem Paar, mit dem ich eng befreundet war, zu einer kleinen Feier eingeladen. Zu einem für meine Verhältnisse sehr teuren Geburtstagsessen in einem Restaurant. Unvergessen für mich dabei übrigens das Geburtstagsgeschenk vom Schlub: zwei CDs, in die ich danach mehrfach versucht habe, mich einzuhören, bis mir eines Tages klar wurde, dass er die aus guten Gründen aus seiner umfangreichen CD-Sammlung aussortiert hatte. – In meiner Mail habe ich allerdings seine Behauptung, ich hätte nie Leute eingeladen, nicht richtiggestellt, sondern mich darauf konzentriert, ihm die Freundschaft zu kündigen. Es hatte aus meiner Sicht schon hässlichere Auftritte des Schlub gegeben. Aber die Beschimpfungen in seiner wütenden Mail (ich habe daraus nur den einen Punkt zitiert, weil ich mich nur noch an den erinnern kann), das war für mich der eine hässliche Auftritt zu viel. Da wollte ich den Schlub nur noch hinter mir haben. Einen ganzen Nachmittag lang habe ich an dieser Mail gesessen. Mein Ehrgeiz war, ihn mit keinem Wort anzugreifen, und trotzdem ihn spüren zu lassen, wie dringend es mir ist, fortan nichts mehr mit ihm zu tun haben. Ganz konkret ging es mir auch darum, ihm keinen Anlass zu geben, auf meine Mail zu antworten, weil ich so eine Mail wie seine wütende Mail nicht mehr bekommen wollte. Leider habe ich diese Mail nicht archiviert. Zehn Zeilen Text, für die ich einen ganzen Nachmittag gebraucht habe, weil ich so lange daran feilte, bis ich mir sicher sein konnte, dass ihm nichts anderes übrig bleiben würde, als meinen Wunsch, die Freundschaft zu beenden, hinzunehmen. Das war die einzige und als solche auch geplante Bösartigkeit meiner Mail, ihn daran zu hindern, auf meine Mail zu antworten. Vier Jahre lang habe ich nichts mehr von ihm gehört. Manchmal habe ich an ihn gedacht. Es nie bedauert, keinen Kontakt mehr mit ihm zu haben. Es nicht bereut, ihm die Freundschaft gekündigt zu haben. Allerdings auch keinen Groll mehr gegen ihn gehabt. So dass ich, als eine gemeinsame Freundin in seinem Auftrag vorfühlte, wie ich reagieren würde, wenn er auf mich zukäme, nichts dagegen hatte. Darauf hat er mir einen Brief geschrieben und ein Treffen vorgeschlagen für eine Aussprache. Bereits in seinem Brief wurde klar, warum er diesen Zeitpunkt gewählt hatte. Es ging wieder um eine Feier. Die Bat Mitzwa seiner angeheirateten Tochter, die als einziges seiner angeheirateten Kinder zum Judentum übertreten wollte - um ihrem angeheirateten Vater, dem sie von allen Kindern am nächsten steht, eine Freude zu machen, dabei allerdings auch nicht so viel zu verlieren hatte wie ihre drei Brüder.
Liegen ein kleiner jüdischer Junge und ein anderer kleiner Junge in einem Krankenhauszimmer. Beide sollen sie am nächsten Tag operiert werden und machen sich deshalb große Sorgen. Dem jüdischen Jungen sollen die Mandeln entfernt werden. Tröstet ihn der andere Junge: Ach, das ist doch gar nicht schlimm. Im Gegenteil, da darfst du hinterher ganz viel Eis essen. – Will der jüdische Junge den anderen Jungen auch trösten und fragt: Woran sollst du operiert werden? – Ich habe eine Phimose, antwortet der andere Junge. Ich soll beschnitten werden. – Oh, oh, oh, sagt der jüdische Junge. Das ist schlimm. Ich bin acht Tage nach meiner Geburt beschnitten worden. Hinterher konnte ich über ein Jahr lang nicht laufen.
(*) Lüge nach meiner Ansicht. Ob es wirklich eine Lüge war, das weiß nur der Schlub.
(**) Nicht so tolle Beine in meinen Augen. Wie überhaupt alles hier nur in meinen Augen ist. Auch das Guggenheim-Ereignis. Obwohl ich in diesem Fall auf den Subjektivitäts-Vorbehalt verzichten könnte. Bei unserer Aussprache konnte sich der Schlub nämlich nicht mehr daran erinnern, was er da gemacht hat. Folglich habe ich das Guggenheim-Ereignis exklusiv und könnte nun eigentlich erzählerisch damit machen, was ich will. Was ich aber nicht tun werde. Es ist auch so schon ungewöhnlich genug. Um so verwunderlicher daher, dass der Schlub sich nicht daran erinnert.
Freitag, 14. Januar 2011
Donnerstag, 13. Januar 2011
Warten
Ist das auch mal jemandem anderen passiert in der Eile: Der Einkaufswagen bei Penny ist nicht angekettet. Im Schlitz steckt eine Münze. Ein Einkaufswagen-Chip wäre mir lieber gewesen. Der Euro wird selbstverständlich auch angenommen. – Die Frau, die ich immer gerne gesehen habe und die noch nie zurückgeguckt hat, guckt zu mir her. An der Kasse ist sie vor mir dran. Nachdem sie ihren Einkauf eingepackt hat, blickt sie erst die Kassiererin und dann mich an und sagt – mit einem Lächeln, das als amüsiert bezeichnet werden kann: Tschüss. Ich bin so erstaunt darüber, dass ich nicht auch Tschüss sage. – Als ich die Konditorei betrete, begrüßt mich die Verkäuferin strahlend mit den Worten: Heute habe ich ein Stück Kranzkuchen für Sie. Eben frisch angeliefert. – Sie erinnert sich also daran, dass ich in den letzten Wochen mehrfach keines mehr bekommen habe. Zweimal mit dem Zusatz: Vor wenigen Minuten das letzte Stück verkauft. Deshalb sucht sie mir heute das größte Stück aus. Es ist so groß, dass man damit eine Familie ernähren kann, wie ich feststelle. Oder so groß, dass es für zwei Tage reicht, wie ich dann auch noch sage. Auf dem Nachhauseweg denke ich, wenn das jetzt so weiter geht mit den Glücksfällen, dann kommt der Tag, an dem ich nichts Süßes mehr essen muss. Ich kann es kaum erwarten. – Jetzt muss es nur noch bei Peter gut gelaufen sein. 15.45 Uhr. Wenn er gleich dran gekommen ist bei seinem Termin um 15 Uhr im Virchow, dann weiß er jetzt, was los ist. Ich rechne damit, dass die Knubbel an seinem Hals gutartig sind und dass das Nasenbluten und was er sonst noch hat an Störungen, dass das alles nur psychosomatisch ist. Zwischen 18 und 19 Uhr werde ich ihn anrufen. – Wenn sich meine Erwartung bestätigt, melde ich das später noch.
16.45 Uhr. Telefon. Peters Nummer auf dem Display. Er meldet sich. Darauf Schweigen. – Oh nein! denke ich und warte angespannt, bis er weiter redet. Er lässt sich Zeit. Dann werde ich mal berichten, sagt er. Und wie er das sagt, hört es sich nicht gutartig an. Doch dann stellt sich heraus, dass Professor B., bei dem er das Diagnose-Gespräch haben sollte, kurzfristig zu einem Kongress musste. - Wie kann man kurzfristig zu einem Kongress müssen? Kongress weiß man doch schon lange vorher. Doch immerhin hat die Sekretärin von B. heute Früh angerufen, um den Termin abzusagen. Den Termin, den sie gestern noch bestätigt hatte. Gut, dass Peter trotzdem zur MRT in die Charité gegangen ist. Aber dort haben sie ihm nichts gesagt. Obwohl sie es bestimmt gekonnt hätten. Das sind Techniker, sagt Peter. – Ich: Bestimmt auch Mediziner, aber Medizintechniker. Die haben es nicht drauf, mit Patienten zu sprechen und ihnen dann unter Umständen einen ungünstigen Befund mitteilen zu müssen. – Wie komme ich auf ungünstigen Befund? Was rede ich? Ich wechsle sofort das Thema: Wann ist jetzt dein Termin bei Professor B.? - Dienstag. - Wieder vier Tage banges Warten und Schlafstörungen. Wenigstens ist die MRT jetzt gemacht. Klasse, Peter, dass du da warst.
16.45 Uhr. Telefon. Peters Nummer auf dem Display. Er meldet sich. Darauf Schweigen. – Oh nein! denke ich und warte angespannt, bis er weiter redet. Er lässt sich Zeit. Dann werde ich mal berichten, sagt er. Und wie er das sagt, hört es sich nicht gutartig an. Doch dann stellt sich heraus, dass Professor B., bei dem er das Diagnose-Gespräch haben sollte, kurzfristig zu einem Kongress musste. - Wie kann man kurzfristig zu einem Kongress müssen? Kongress weiß man doch schon lange vorher. Doch immerhin hat die Sekretärin von B. heute Früh angerufen, um den Termin abzusagen. Den Termin, den sie gestern noch bestätigt hatte. Gut, dass Peter trotzdem zur MRT in die Charité gegangen ist. Aber dort haben sie ihm nichts gesagt. Obwohl sie es bestimmt gekonnt hätten. Das sind Techniker, sagt Peter. – Ich: Bestimmt auch Mediziner, aber Medizintechniker. Die haben es nicht drauf, mit Patienten zu sprechen und ihnen dann unter Umständen einen ungünstigen Befund mitteilen zu müssen. – Wie komme ich auf ungünstigen Befund? Was rede ich? Ich wechsle sofort das Thema: Wann ist jetzt dein Termin bei Professor B.? - Dienstag. - Wieder vier Tage banges Warten und Schlafstörungen. Wenigstens ist die MRT jetzt gemacht. Klasse, Peter, dass du da warst.
Mittwoch, 12. Januar 2011
Stark
Mit vollgepackten Tüten vom Einkaufen zurückkommend hat Peter gestern einen Schwächeanfall gehabt im Treppenhaus und ist gestürzt. Die Treppe runtergefallen. Leute aus dem Haus haben sofort den Rettungsdienst alarmiert, als sie den Peter neben seinen Tüten und dem verstreuten Inhalt auf der Treppe haben liegen sehen. Gleich zwei Notärzte sind darauf angerückt. Sie wollten Peter mitnehmen und in eine Klinik einweisen. Das hat er nicht zugelassen (verstehe ich). Darauf musste er unterschriftlich bestätigen, dass er die Hilfeleistung nicht angenommen hat. Die Unterschrift ist das Einzige, wozu er bereit war. Sonst hat er sich die beiden Notärzte beharrlich vom Leib gehalten. Nicht mal seine Rippen hat er sie abtasten lassen, damit sie feststellen konnten, ob er sie sich gebrochen hat bei dem Sturz (verstehe ich nicht). Inzwischen tun ihm die Rippen so weh, dass es schon gut wäre, wenn mal jemand, der etwas davon versteht, nachschauen würde, ob sie gebrochen oder nur geprellt sind. Zu alledem hat er seit gestern wieder Nasenbluten. Unabhängig von dem Sturz; es fing an, als wir am frühen Abend miteinander telefoniert haben, und tritt seither immer wieder auf. Bluten aus der Nase, wie er es im Herbst schon mal hatte. Auch das wäre gut, wenn mal jemand, der etwas davon versteht, abklären würde, woher das Nasenbluten kommt. Überhaupt wäre gut: Wenn jemand, der etwas davon versteht, sich den ganzen Peter mal angucken würde. – Du brauchst einen Hausarzt, der alles über dich weiß und der sich hauptverwantwortlich um dich kümmert. – Habe ich doch. – Ja, und? – Dem erzähle ich nicht alles. – Wie kann das sein? Stellt er dir keine Fragen? – Ich bagatellisiere eben auch. – Warum, muss ich ihn nicht fragen. Ich weiß es. Und wir müssen auch nicht darüber reden. Denn er weiß es auch: Weil er immer stark sein will. Weil er das älteste von vier Kindern gewesen ist - die beiden jüngsten von einem anderen Vater -, und weil das ein harter Konkurrenzkampf war um die Liebe und die Anerkennung, und er dabei großen Erfolg hatte in der Rolle dessen, der sich nichts anmerken lässt, der sich zusammenreißen kann, der stark ist. drollig, witzig, klug und immer obenauf. Dann hat er jahrzehntelang in seinem Beruf anderen geholfen und war weiter obenauf. Und jetzt ist er nicht mehr obenauf und hat es einfach nicht in seinem Repertoire, die Hand auszustrecken und sich aufhelfen zu lasen. – Weinen hast du doch auch gelernt auf deine alten Tage, habe ich vorhin zu ihm gesagt. Da kannst du doch jetzt auch noch lernen, dir helfen zu lassen. Sonst hat das Weinen nämlich keinen Sinn. Weinen ist dazu da, um Hilfe herbeizurufen. – Ich habe ja Leute, die mir helfen. – Deine Freundinnen und mich. Wir hören dir zu, wir geben dir Ratschläge, wir verstehen dich, du verstehst uns, aber es passiert nichts. Du steckst fest in einem ständigen, immer nur in sich selbst kreisenden Gerede (Vorstellung von etwas, das in sich selbst kreist, ist meine Vorstellung der Woche. Siehe Montag). – Ich habe Peter angeboten ihn zu begleiten, wenn er morgen erst in die Charité geht zur MRT (12 Uhr) und zum anschließenden Diagnose-Termin im Virchow-Klinikum (15 Uhr). Habe mir gedacht, dass ihm das hilft während des bangen Wartens, bis er erfährt, ob die beiden Knubbel an seinem Hals harmlos sind oder nicht. Dass ihn das entspannt, wenn er den vertrauten Dialog mit mir hat, in dem er alles aussprechen kann, was ihm durch den Kopf geht, und dabei seine Witze machen, und jemand mit ihm lacht. Anstatt nach außen den Unerschütterlichen geben zu müssen und in ihm drinnen rast die Panik. - Vorhin hat er mir gesagt, dass er lieber alleine gehen will. Verstehe ich. Bei dem, was er morgen durchzustehen hat, wäre ich auch lieber alleine. Warum eigentlich? - Hoffentlich geht er auch hin!
Dienstag, 11. Januar 2011
Hamburger
Ich kann nur vor mir warnen. Nach dem Tai Chi am frühen Nachmittag denke ich, dass ich heute am liebsten mal nicht über mich schreiben würde, dass es gut wäre, wenn ich so wen wie die Frau mit dem Selbstgespräch treffen, oder wenn sonst was passieren würde, was mich eigentlich nichts angeht. Danach in die Bibliothek, um einen Brief an die GEZ auszudrucken. Hinterher zur Post. Nachdem ich die lange Warteschlange dort gesehen habe, beschließe ich, mir bei Sinan und Sülo eine Briefmarke zu kaufen. Was allerdings ein Umweg wäre. Deshalb will ich mal fragen, ob der Hamburger auch Briefmarken hat, und Zigaretten kann ich dann auch gleich bei ihm kaufen. Wenn er nicht schwerer erkrankt ist, müsste er seinen Laden wie angekündigt ab heute wieder geöffnet haben. Doch dann sehe ich schon von weitem, dass der Rollladen am Schaufenster immer noch runtergelassen ist. Der Rollladen an der Tür allerdings nur halb runtergelassen. Mal nachsehen, was da los ist. Ob es vielleicht einen neuen angeklebten Zettel gibt mit einem Hinweis, wann er wieder öffnen wird. Vor dem Laden steht die Sonderschullehrerin, mit der ich so einen unkomplizierten Gesprächskontakt habe. – Was ist los? Ist er immer noch krank. – Nein, gestorben. – Was?! – Die sympathische Lehrerin weiß nichts Genaues; sie verweist mich an Michaela, die gerade aus dem Felsenkeller kommt und einkaufen gehen will (für alle, die nicht in Schöneberg leben: Michaela ist die Wirtin des Felsenkellers). – Ich sage, dass ich den Hamburger immer geärgert habe, weil er ein Feind von mir war, und füge kleinlaut hinzu: Hoffentlich habe ich damit nicht zu seinem Tod beigetragen. – Michaela erklärt vergnügt, dass sie ihn auch immer geärgert hat, obwohl sie sich gut mit ihm verstanden hat. Am Montag vor einer Woche war er noch bei ihr in der Kneipe und hat die Post abgeholt, die sie für ihn entgegengenommen hatte. Am Tag darauf hat er einen Herzinfarkt gehabt und war tot. – Und der Zettel, der seit letzten Montag am Rollladen klebte? Wegen Krankheit geschlossen. Was hatte er da?– Nichts. Das hat er nur hingeschrieben, damit es kein Gerede gibt, wenn der Laden mehrere Tage geschlossen ist, bis er ihn an die neuen Eigentümer übergeben hat. – Neue Eigentümer? – Die türkische Familie mit dem Kiosk gleich um die Ecke in der Hauptstraße, die wird den Laden übernehmen. – Da bin ich immer hingegangen, wenn es mir beim Hamburger zu lange gedauert hat. Sehr angenehme Leute. Jedes Mal, wenn ich da war, habe ich mich gefragt, warum ich nicht immer die paar Schritte weiter gehe, statt mir das mit dem Hamburger anzutun. - Jetzt hast du es näher, meint Michaela trocken. Sie erzählt dann noch, dass der Hamburger mehrere Bypässe hatte. Das weiß ich; von Gesprächen mit ihm aus der Zeit, als wir noch nicht verfeindet waren. Und seit zwei Jahren litt er außerdem noch an einer Borreliose infolge eines Zeckenbisses. Das wusste ich nicht. - Wegen all dem ist es ihm sowieso schon nicht gut gegangen. In den letzten Wochen ging es ihm noch schlechter. Und an dem Abend letzte Woche, als er die Post bei Michael abholte, war es ihm deutlich anzusehen, wie schlecht es ihm ging. – Zu Hause fällt mir ein, dass ich vergessen habe, Michaela nach seinem Alter zu fragen. Rufe deswegen ihren Mann Günter (Wirt des Felsenkellers) an: Wie alt war euer verstorbener Nachbar? – 69, sagt Günter. – Ich bin überrascht. – Günter: Ja, er hat sich gut gehalten. – Ich: Äußerlich. – Seine Frau mochte ich immer sehr gerne. Mein Beileid!
Montag, 10. Januar 2011
Angekettet
Vormittags über den Schlub und mich. Und jetzt wieder nichts über Peter. Nur, dass er eine wichtige Woche vor sich hat mit Terminen am Donnerstag in der Charité, MRT seiner beiden Knubbel am Hals, und anschließend Diagnose im Virchow-Klinikum. Mehr nicht über Peter, weil mir dazu die Konzentration fehlt. Weil es am Nachmittag eine Szene gegeben hat in der Wohnung gegenüber, die unbedingt beschrieben und analysiert werden müsste. – Müsste? – Ich habe keine Lust dazu, obwohl die Szene außerordentlich gut gemacht war. Abgefahrene Szene. Trotzdem: Ich will nicht. Blöd insofern, weil irgendwann in den nächsten Tagen werde ich sie doch beschreiben müssen. Werde ich auch den Lesern erklären müssen, warum ich keine Lust mehr habe, diese oder eine andere Szene zu beschreiben, die sich in der Dachwohnung gegenüber ereignet. Besser, ich würde die Szene beschreiben, so lange der Eindruck noch frisch ist. Aber ich will nicht. Ich will nicht. Ich will nicht. Heute nicht. Ich bin es leid. Ich werde müde alleine schon bei dem Gedanken an die Sätze, in denen ich wieder mal nicht weiß, ob das die Tess war, die da stand und – unverwandt – rüber geschaut hat zu mir, regungslos da stand, als ich mein Telefon in den Telefonport im hinteren Zimmer stellte. Oder ob es die Professor-Frau aus London war. Wegen des Halbdunkels im Zimmer habe ich nämlich nicht erkennen können, ob die da stehende Frau in einem dunkelgrünen Pullover lange Haare hatte oder kurze wie die Tess neuerdings. Ich bin es auch leid, mal wieder darauf hinzuweisen, wie unerklärlich es mir ist, dass die immer genau wissen, wann sie mit ihrer Darbietung beginnen müssen, also wann ich im hinteren Zimmer sein werde. – Die? – Die Tess oder die Professor-Frau. Und der Professor. Der Professor, der - jetzt beschreibe ich die Szene doch – just in dem Augenblick auftauchte, als ich an mein Fenster trat und der unverwandt zu mir herüber schauenden Frau mit einem Handzeichen – mehrfaches Tippen der mittleren Finger gegen den Daumen - signalisiert habe: Lass uns reden! – Nachdem ich das gemacht hatte, ohne dass die Frau in dem grünen Pullover auch nur die geringste Reaktion gezeigt hatte, ist überraschend der Professor aufgetaucht. Aus dem Nichts – tatsächlich aber aus der Versenkung ist er aufgetaucht. Er muss vorher am Boden gekauert haben und hat sich dann zu seiner vollen Größe erhoben vor der hinter ihm stehenden Frau und vor meinen Augen und dann zu mir rübergeblickt. Die da stehende Frau muss vorher zu ihm gesagt haben: jetzt gibt er mir Zeichen – und darauf hat er sich aufgerichtet, denn so wie er da zunächst kauerte, konnte er mich nicht sehen. – Abgefahren! – Trotzdem, ich bin es so leid. Denn nun müssten als nächstes die Sätze mit den alternativen Deutungen kommen. Soll ich? Muss ich? – Kurz: Wenn die Frau nicht die Tess war, dann könnte es sein, dass er mir zeigen = sagen wollte, dass er mit all dem, was mit der Tess und mir nicht so läuft, wie ich es mir wünsche, dass er mit all dem nichts zu tun hat. Und: dass ich ihn aus dem Spiel lassen soll und aufhören, weiter über ihn zu schreiben. Wenn das so sein sollte: Nichts lieber, Herr Professor! – Wenn es aber die Tess war und nicht die Professor-Frau aus London, dann gibt es wiederum zwei Möglichkeiten. A) Der Klassiker: Da bin ich, da ist der Professor. Ich kann dich nicht treffen. Wir können nur das Spiel mit deinem Schreiben und meinem Licht spielen. - Diese Botschaft mal wieder fällig gewesen, weil ich ihr gestern geschrieben habe, dass ich die Geschichte mit ihr leid bin. Dass ich sie nicht fortsetzen möchte, wenn die Geschichte nicht bald weitergeht damit, dass wir endlich bekannt werden miteinander. Und dass ich auch nicht mehr über die Geschichte schreiben will, wenn sie immer nur weiter in sich kreist. Dass ich nicht der Typ sein will, der so eine Geschichte erlebt, die immer nur in sich selbst kreist. Und dass ich nicht der Typ sein will, der über so eine Geschichte schreibt. Womit wir bei Deutungsmöglichkeit B) sind: Die Tess will, dass ich weiter an sie/weiter über sie schreibe. Deshalb hat sie mir heute richtig was geboten. Ein Schreibangebot gemacht, das ich nicht ablehnen konnte. Und der Professor hat da mitgespielt? – Nä! Oder doch? - Das ist ein Grund, warum ich es so leid bin. Diese ständige Undurchsichtigkeit. Diese ständige Verwirrung. Das ewige Multiple Choice. Der andere Grund: Zwei Jahre, nachdem wir aufeinander aufmerksam geworden sind, weiß ich immer noch nicht ihren richtigen Namen. Deshalb habe ich ihr gestern geschrieben, ich will nicht mehr, wenn wir uns nicht endlich kennenlernen und wenn es immer nur so weiter geht mit Begegnungen, bei denen sie gleich wieder verschwindet und außer einem Blick, den ich hinterher nicht aus dem Kopf kriege, ist nichts gewesen. Gleich, wie eindrucksvoll der Blick war, es war nur ein Blick. Und gleich, wie sehr ich mich gefreut habe, sie endlich einmal wieder aus der Nähe zu sehen, es ist nichts daraus gefolgt. Es sollte auch nichts daraus folgen. Das ist mir am Wochenende klar geworden. Und weil mir auch noch etwas anderes klar geworden ist durch eine Beobachtung, die ich Samstag auf Sonntag gemacht habe – dass die Tess vielleicht gar nicht so gefangen ist beim eifersüchtigen Professor, wie es mir immer vorkommt, sondern dass sie macht, was sie will, nur nicht mit mir -, deshalb habe ich ihr gestern zum Schluss noch das geschrieben: Tess, ich habe auch keine Lust mehr, ständig danach zu schauen, ob das Licht an oder aus ist und wie sehr es an ist. Ich komme mir dabei vor wie ein im Hof angeketteter Hund, der sehnsüchtig zu dem Haus schaut, in dem sein Herrchen wohnt oder das kleine Mädchen, dessen Lieblingstier der Hund ist. Wenn ich noch lange weiter nach dem Licht gucke, fange ich eines Tages noch an zu winseln oder heule voll enttäuschter Sehnsucht den Mond an, wenn ich wie gestern Abend wieder mal das Gefühl haben sollte, dass das kleine Mädchen mich an der Nase herumführt.
Sonntag, 9. Januar 2011
Selbstgespräch
Später Samstagnachmittag. Da es Winter ist, wird es schon dunkel. Frau, Mitte oder Ende 30, norddeutscher Gesichtstyp, nicht hübsch, nicht hässlich, nicht einmal unscheinbar, angezogen wie zum Einkaufengehen, kommt aus dem Haus. Alleine. Sie überquert vor mir den Bürgersteig, tritt auf die Straße. Geht zu einem Auto. Bleibt da aber nicht stehen, guckt nur was nach und sagt: Bald ist mein Auto wieder frei. - Geht weiter und fügt hinzu: Dann kann ich wieder fahren. He-heee! - Das sagt sie wie ein Mädchen, das sich über etwas freut. Und nachdem sie He-heee! gesagt hat, macht sie noch drei Gaumenknacklaute wie ein Mädchen.
Unterdessen habe ich mich zweimal umgedreht, um nachzuschauen, ob entgegen meinem ersten Eindruck doch jemand bei ihr ist. Vielleicht ein kleines Kind, das ich hinter den parkenden Autos nicht sehen kann. Ihre Feststellung, dass ihr Auto wieder frei ist, erkläre ich mir so, dass sie es wegen des angehäuften gefrorenen Schnees am Straßenrand während der ganzen vergangenen Woche nicht ausparken konnte. Doch spätestens am Montag, wenn der Schnee restlos geschmolzen ist, wird sie wieder mit dem Auto fahren können. Zum Beispiel zur Arbeit. Vielleicht zu einer Schule.
Die Frau geht jetzt auf dem Bürgersteig gegenüber in die gleiche Richtung wie ich und es ist zweifellos niemand bei ihr. Ich erreiche kurz vor ihr die Ecke Vorbeck-/ Akazienstraße. Da das mein Weg ist, überquere ich die Straße. Ich habe es mir nicht vorgenommen, aber nun, da die Frau auf mich zukommt, spreche ich sie an:
Entschuldigen Sie, dass ich so aufdringlich bin. Darf ich Sie etwas fragen?
Ja.
Führen Sie Selbstgespräche?
Nein.
Aber eben haben Sie doch gesagt: Bald ist mein Auto frei. Dann kann ich wieder fahren.
Ach das.
Sie geht weiter. Die Frage scheint sie nicht irritiert zu haben und die Nachfrage auch nicht. Bevor ich die Akazienstraße überquere, drehe ich mich noch mal um:
Leben Sie alleine? frage ich ihr hinterher rufend.
Ja, ruft sie zurück.
Manchmal führe ich auch Selbstgespräche. Doch sobald ich das bemerke, unterbreche ich mich, indem ich laut zu mir sage: Hör auf, mit Dir selbst zu reden! – Das will ich mir nicht durchgehen lassen. So einer will ich nicht sein, der Selbstgespräche führt. Dafür spreche ich mittlerweile bedenkenlos fremde Menschen auf der Straße an. Das ist in Ordnung. Und in diesem Fall war mir die Person auch gar nicht so fremd, da sie offenbar unter den gleichen Bedingungen lebt wie ich. Hinterher habe ich mir noch vorgestellt, wie es bei der Frau zu Hause zugehen mag. Was sie alles mit sich bespricht in ihrem mir nun bekannten Selbstgesprächsstil an einem Samstag, an dem sie erst gegen halb fünf das Haus verlässt. Aber das hat zu nichts geführt, mir das zu vorzustellen.
Unterdessen habe ich mich zweimal umgedreht, um nachzuschauen, ob entgegen meinem ersten Eindruck doch jemand bei ihr ist. Vielleicht ein kleines Kind, das ich hinter den parkenden Autos nicht sehen kann. Ihre Feststellung, dass ihr Auto wieder frei ist, erkläre ich mir so, dass sie es wegen des angehäuften gefrorenen Schnees am Straßenrand während der ganzen vergangenen Woche nicht ausparken konnte. Doch spätestens am Montag, wenn der Schnee restlos geschmolzen ist, wird sie wieder mit dem Auto fahren können. Zum Beispiel zur Arbeit. Vielleicht zu einer Schule.
Die Frau geht jetzt auf dem Bürgersteig gegenüber in die gleiche Richtung wie ich und es ist zweifellos niemand bei ihr. Ich erreiche kurz vor ihr die Ecke Vorbeck-/ Akazienstraße. Da das mein Weg ist, überquere ich die Straße. Ich habe es mir nicht vorgenommen, aber nun, da die Frau auf mich zukommt, spreche ich sie an:
Entschuldigen Sie, dass ich so aufdringlich bin. Darf ich Sie etwas fragen?
Ja.
Führen Sie Selbstgespräche?
Nein.
Aber eben haben Sie doch gesagt: Bald ist mein Auto frei. Dann kann ich wieder fahren.
Ach das.
Sie geht weiter. Die Frage scheint sie nicht irritiert zu haben und die Nachfrage auch nicht. Bevor ich die Akazienstraße überquere, drehe ich mich noch mal um:
Leben Sie alleine? frage ich ihr hinterher rufend.
Ja, ruft sie zurück.
Manchmal führe ich auch Selbstgespräche. Doch sobald ich das bemerke, unterbreche ich mich, indem ich laut zu mir sage: Hör auf, mit Dir selbst zu reden! – Das will ich mir nicht durchgehen lassen. So einer will ich nicht sein, der Selbstgespräche führt. Dafür spreche ich mittlerweile bedenkenlos fremde Menschen auf der Straße an. Das ist in Ordnung. Und in diesem Fall war mir die Person auch gar nicht so fremd, da sie offenbar unter den gleichen Bedingungen lebt wie ich. Hinterher habe ich mir noch vorgestellt, wie es bei der Frau zu Hause zugehen mag. Was sie alles mit sich bespricht in ihrem mir nun bekannten Selbstgesprächsstil an einem Samstag, an dem sie erst gegen halb fünf das Haus verlässt. Aber das hat zu nichts geführt, mir das zu vorzustellen.
Samstag, 8. Januar 2011
Überwacht
Wie oft schon habe ich bei Google eingegeben: Bluetooth deaktivieren, ohne einen brauchbaren Treffer zu bekommen. Vorgestern endlich die richtigen Worte gefunden: Windows XP Bluetooth deaktivieren. Treffer! So einfach. Und genau so einfach geht das Deaktivieren. Lauter Jubel, als ich erstmals an meinem Samsung Laptop Bluetooth ausschalten konnte. Anders als bei meinem Sony Laptop gibt es dafür beim Samsung nämlich keinen physischen Schalter. Ich musste dazu eine Einstellungsänderung bei Windows Services vornehmen. Für alle, die auch die Wahlfreiheit haben und die voreingestellte Bluetooth-Aktivierung an ihrem Laptop zurücksetzen möchten, hier die Anleitung. Bei mir hat das jetzt eine ganz neue Situation geschaffen, allerdings ohne dass sich dadurch etwas verändert hat. – Hä? – Willkommen in meinem Leben mit der Tess! –Die Tess ist bei mir über Bluetooth eingehackt. Das habe ich vor mehr als einem Jahr rausgekriegt. Da war ich erst baff. Habe mich jedoch nicht lange gewundert. Habe ihr Eingehacktsein genutzt, um an sie zu schreiben. Habe mich geehrt gefühlt von ihrem Interesse. Habe allerdings auch ein paar Mal nach Luft geschnappt, als mir nach und nach klar wurde, was sie dadurch schon alles mitgekriegt hat von mir. Doch so schlimm sind meine Geheimnisse nicht, dass ich sie nicht mit ihr teilen könnte. Es hat mich nur gewurmt, dass ich sie nicht auch mal rausschmeißen konnte, wenn ich mich über sie geärgert hatte. Dass sie die Macht hatte und mir nichts anderes übrig blieb, als damit einverstanden zu sein. Doch nachdem ich den Ein/Aus-Schalter gefunden habe, ist die Tess kein Eindringling mehr in meinem Rechner, sondern mein Gast. Lieber Gast. Liebster Gast. Als guter Geist betrachtet seit langem schon. Und deshalb habe ich das am Morgen abgeschaltete Bluetooth am Abend gleich wieder aktiviert. Auch deshalb aktiviert, weil ich ihr schreiben wollte, nachdem ich den Post Kinnlang fertig hatte. Ihr geschrieben über die verpasste Gelegenheit vom Nachmittag: Ob es an mir lag, weil ich nicht gleich hinter ihr her gelaufen bin, oder an ihr, weil sie nicht auf mich gewartet hat. Schließlich: Dass ich mich deswegen nun aber nicht gräme. Denn wieder sind wir uns einen kleinen, dieses Mal aber ganz wichtigen Schritt näher gekommen. So dass es jetzt nur noch einen winzigen weiteren Schritt braucht usw. Während ich das schrieb, hatte ich die Vorstellung, wie die Tess und ich zusammen die Akazienstraße lang gehen, - wie es hätte sein können schon an diesem Nachmittag und wie es nun eben ein anderes Mal sein wird, das hoffentlich nicht mehr fern ist. Und dann bin ich sozusagen auf dieser Assoziation ausgerutscht, ausgeglitten, und – wie auf dem Arsch – bei der Vorstellung gelandet, dass jetzt der Professor in der gegenüberliegenden Dachwohnung sitzt an seinem PC-Platz und das alles mitliest, was ich der Tess gerade schreibe. – Hä? – Willkommen in meinem Leben mit der Tess! – Der Professor hat mir nämlich vor ein paar Wochen zu verstehen gegeben, dass er das lesen kann, was ich der Tess schreibe. Das hat er mir gezeigt, indem er sich vor meinen Augen (ich an meinem Stehpult, rüberblickend zum Contessa-Zimmer) hingestellt hat vor den Tisch, auf dem das aufgeklappte Laptop der Tess stand, und ostentativ auf den Bildschirm geschaut hat. - Überinterpretiert von mir die kleine Szene? – Das schließe ich aus. Allerdings glaube ich, dass die Szene rein didaktisch zu verstehen ist und dass er es gar nicht mehr nötig hat, im Laptop der Tess rumzuschnüffeln, zumindest nicht, um meine Texte an sie zu lesen. Weil er nämlich, so mein Eindruck, inzwischen die gleiche Infrastruktur hat wie die Tess (Bluesnarfing) und von seinem PC aus mitverfolgt, wenn ich an sie schreibe. Das würde dann bedeuten, dass er auch bei mir eingehackt ist (nicht aus Interesse an mir, versteht sich, sondern um seine Freundin zu überwachen). Es bedeutet außerdem, dass das ohne mein Einverständnis geschieht. Doch erstens weiß ich das nicht definitiv, und wenn es so ist, kann ich nichts dagegen tun - außer: mein Bluetooth schließen. Was nun aber genau das ist, was er will, weil ich dann nicht mehr mit der Tess kommunizieren würde. Schon schlau: Er entwertet mein Schreiben an die Tess, indem er ihm die Heimlichkeit nimmt. Spielverderber-Strategem. An einem schlechten Tag von mir, könnte er mich damit auch kriegen. Doch in Normalform bin ich dafür zu hemmungslos und zu schamlos. Dann liest er es eben. Was ist schon dabei? Was schreibe ich ihr denn? – Bestimmt nicht meine erotischen Phantasien. Die würde ich ihr auch nicht schreiben, wenn ich mir sicher wäre, dass wir unter uns sind – obwohl ... , nein, dazu kennen die Tess und ich uns noch nicht gut genug. Und eben deshalb schreibe ich ihr nur eine unendliche Paraphrase meines Wunsches, sie endlich näher kennenzulernen, und dazu noch alles Mögliche, das ich ihr von mir erzähle, weil ich es mit ihr teilen möchte. Das ist alles so harmlos, dass ich zwischendurch vergesse, dass der Professor mitliest. Doch dann fällt es mir auf einmal wieder ein wie vorgestern Abend. Und dann ist es schon blöd. Aber ich kann es nicht verhindern. Und die Tess auch nicht. Aber wenn ich es nicht verhindern kann, habe ich mir gestern überlegt, vielleicht kann ich es dann überbieten und damit ad absurdum führen. Indem ich fortan gleich öffentlich an die Tess schreibe (in Das alte Biest oder auch hier). Indem ich den Blog dahin zurück führe, wo er herkommt: vom Schreiben an die Tess. Reizvoller Plan. Aber dann habe ich gemerkt, dass das doch nicht so eine gute Idee ist, weil ich das Schreiben an die Tess damit dauerhaft – zu einer noch festeren Einrichtung mache, statt ans Ziel des Schreibens zu kommen: ihr nicht mehr schreiben zu müssen, weil wir endlich miteinander reden können.
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