Sonntag, 6. Mai 2012

Zitrone

Die zwei Männer nehmen ihre Kopfbedeckungen ab, als sie in den Hausgang treten. Bürgerliche Erscheinungen in langen dunklen Regenmänteln, die ihnen gebliebenen grauen Haare kurz geschnitten, nach hinten gebürstet. Der Mann, der vor mir die Treppen hochgeht, trägt zu einer dunkelgrauen Anzugshose braune Schuhe. Er ist entweder Italiener oder der Grunewalder Galerist, den Uliane eingeladen hat zur Präsentation von vier neuen Arbeiten in ihrem Atelier. Ulianes Mann Thomas öffnet uns die Tür. Küsschen, Küsschen mit der strahlenden Gastgeberin, die uns im Berliner Zimmer empfängt. Eine Frau, die ich sowieso schon nicht leiden kann, reicht mir im Vorübergehen ihre linke Hand zur Begrüßung und hat es damit ganz bei mir verschissen. Sie war es, die Uliane bei dem Grunewalder Galeristen eingeführt hat vor zwei Monaten. Doch entweder hat sie sich bei ihm nicht für Uliane eingesetzt oder sie hat sich vergebens bemüht. Denn der Mann, der die braunen Schuhe zum grauen Anzug trägt, ist Italiener. Und der Mann in Schwarz ist übrigens auch kein Galerist.


Es ist nicht so, dass Uliane es sich nicht anmerken lässt, dass sie enttäuscht ist, weil weder der Galerist noch der Malerkollege, der einen Ausstellungsraum kuratiert, ihrer Einladung gefolgt sind. Sie lässt die Enttäuschung gar nicht an sich heran. An diesem Abend nicht. 


Vegetation 1, 2, 3, 4 ist inspiriert von einer Reise nach Ungarn im Frühling letzten Jahres. Naturerlebnis, als es überall um sie herum knisperte, wie Uliane es nannte in ihrer kurzen Einführung. Akzent auf Erlebnis. Denn um Wahrnehmung geht es in den vier Bildern und wie sie sich verändert durch Naturbetrachtung – oder durch das, was mit dem Blick des Betrachters passiert, wenn er sich durch das vierteilige Ensemble Ulianes bewegt und nicht mehr davon loskommt. 


Die Zitrone ist aus Plastik, erklärt Uliane lachend. Die ist immer dabei, weil Gelb immer dabei sein muss. Und gibt es wie hier schon genug Gelb, darf die Zitrone trotzdem nicht fehlen. Denn Gelb steht in Ulianes Farblehre für das Leben  u n d  die Säuernis.

Samstag, 5. Mai 2012

Weitermachen

Und wenn der Blog nur eine Aufregung war, die jetzt vorbei ist? – Dann wird er sich jetzt verändern. Spuren der Veränderung gibt es bereits. Die Bildgeschichten. Und noch einmal ziehe ich mich nicht mehr so runter beim Schreiben wie gestern. Mit Aufregung wäre ich hinterher gerettet gewesen. Aber da ich mich nicht aufregen konnte, in der Szene mit der Künstlerin nicht und beim Schreiben darüber auch nicht, war es Mühsal von Anfang bis Ende und immer wieder musste ich mich zum Weitermachen überreden, obwohl mir längst klar war, dass es ohne Aufregung nur eine Wiederholung der erlebten Szene sein konnte, aber keine Befreiung von ihr.



Wo sind die Kinder?

Freitag, 4. Mai 2012

Kunstmagazin



Und in das Wasser unter der Brücke habe ich die Köpfe von Ertrinkenden gemalt.
Schön, sage ich begeistert.
Die waren doch schon tot, sagt die liebenswürdige Frau, die der gute Geist der Galeristin ist, die mir kurz zuvor entgegenkam und wir haben uns gegrüßt, aber so, dass es nicht zu ertragen war.
Dann trieben da Wasserleichen? frage ich.
Nein, nein, wehrt die Künstlerin ab, die die Ertrinkenden gemalt hat in das Wasser unter der Brücke und damit verfremdet den von einem Fünfeuroschein kopierten Ausschnitt, so wie sie Details aus anderen Euroscheinen verfremdet hat.
Die meisten Besucher der Ausstellung, in der sie diese Arbeiten  zeigte, haben nicht erkannt, dass es Details von Geldscheinen sind. Und eben das wollte die Künstlerin, dass die Leute diese Erfahrung machen: etwas, das sie täglich vor Augen haben, nicht wiederzuerkennen, wenn es ihnen in einem anderen Kontext begegnet. Mit diesem Erlebnis konnte jedoch niemand etwas anfangen und viele wünschten sich, mehr von dem zu sehen, was sie von der Künstlerin kennen und wofür sie sie schätzen: handwerklich fein gearbeitete Zeichnungen und Malerei, und nicht so etwas Konzeptionelles.

Die Künstlerin hat heute ihre Haare zu einem Zopf geflochten. Ich frage sie, ob ich sie fotografieren darf. - Bloß nicht! Sie sagt, ich könnte für ein Kunstmagazin schreiben, und meint damit, dass sie möchte, dass ich über sie schreibe wie ein Kunstmagazin. Ich antworte, dass ich nicht wie ein Kunstmagazin schreiben will, und meine, wenn sie nicht einmal bereit ist, sich von mir fotografieren zu lassen, dann schreibe ich auch nicht über ihre Arbeiten. Das hatten wir mit anderem Text (*) vor ein paar Monaten schon einmal. Wir sind uns treu geblieben. Am besten wäre, wir würden uns diese Treue mit einem Strick an unsere Hälse binden wie einen Stein von der Brücke auf dem Fünfeuroschein, um uns dann gemeinsam im Wasser unter der Brücke zu ertränken.

(*) Inga und Brrrrrrrrr.

Donnerstag, 3. Mai 2012

Tomboy


Rita Pavone
  
Mit neun ist heute Schluss mit Kindheit, da beginnt die Vorpubertät als eine eigenständige Lebensphase, sagt Céline Sciamma im Interview mit Christina Nord für die taz und ich lese das und denke, da kannste mal sehen, wie sich alles beschleunigt, jetzt sogar die Kindheit, aber dann fällt mir ein, dass meine Kindheit auch schon mit neun beendet war und ich von da an nur noch erwachsen werden wollte - Mannsein war gar nicht so wichtig, auf Mädchensein bin nicht gekommen, Erwachsensein war der Punkt.

Außerdem hat Sciamma noch beobachtet, dass konträr zur zunehmenden Gleichstellung der Geschlechter die Unterschiede zwischen den Geschlechtern in Aussehen und Attitüde immer stärker hervorgekehrt werden. Was schon beim Angebot an Kinderbekleidung beginnt, sagt sie und muss es wissen, denn sie hat für ihren Film Kinderkleidung eingekauft. Und dennoch: Wann sagt endlich mal ein Regisseur, hier eine Regisseurin, zu einem Interviewer, hier eine Interviewerin: Hören Sie, Madame Nord, ich bin Filmemacherin, wenn Sie sich für soziologische oder psychologische Fragen interessieren, kann ich ihnen die Titel von ein paar Büchern nennen, die ich bei der Vorbereitung meines Films gelesen habe, aber wäre es nicht lächerlich, wenn ich hier als Expertin für Gender-Forschung posieren würde? Dabei habe ich so viel zu erzählen, wie das war, mit all den Kindern zu arbeiten bei Tomboy. Und wussten Sie, dass ich meinen Film mit einer Canon 7D gedreht habe, einer Digitalen Spiegelreflexkamera, also einem Fotoapparat mit Videomodus?  - Darüber haben Céline Sciamma und Christina Nord dann auch noch gesprochen im Interview für die taz: Die Kindheit ist heute kürzer. Zuvor jedoch haben sie die bei der journalistischen Vermarktung von Kinofilmen übliche Expertengesprächs-Posse aufgeführt, als wäre der Film so uninteressant, dass es sich nicht lohnt, länger über ihn zu reden. Aber so ist es ist nicht. 

Tomboy = burschikoses Mädchen, Range, Wildfang. 





Mittwoch, 2. Mai 2012

Übersozialisiert

Eine noch junge türkische Frau war so fett, dass ihr die nackten Füße aus den Ballerinas zu quellen schienen und sie nur geradeaus gehen wollte. Da sie in jeder Hand auch noch eine prall gefüllte Plastiktüte trug, hätte ich einen weiten Bogen um sie herum machen müssen, um ihr auszuweichen. Ich blieb stattdessen stur stehen und während ich wartete, bis sie sich murrend an mir vorbei gewälzt hatte, habe ich eingesehen, dass ich ein größeres Problem bin als die fette Frau in dem Gedränge und bei der sowieso schon aggressiven Stimmung unter den Leuten auf der Hauptstraße; am Montagnachmittag war das, als viele Leute frei hatten und alle zur gleichen Zeit einkaufen gegangen sind. Nach der fetten Frau wollte ich mich zusammenreißen und habe besonders freundlich gelächelt, als ich eine mir entfernt bekannte Frau mit ihrem Sohn vor dem Bauch und ihrer Mutter an der Seite auf mich zukommen sah. Sie hat mich auch bemerkt, dann aber schnell weggeguckt, und darüber habe ich mich geärgert, weil ich mir so blöd vorkam mit meinem strahlenden Lächeln, das mir nun im Gesicht gefror wie in einem schlecht geschriebenen Roman. Und noch mehr geärgert habe ich mich, weil ich danach über eine halbe Stunde lang gegrübelt habe, weshalb diese mich nichts angehende Person nicht gegrüßt hat wie sonst.  

Dienstag, 1. Mai 2012

Jenny



Aufgewachsen in Neuholland. – Wo ist das? – Tief im Osten. In der Nähe von Oranienburg. Dort Lehre als Köchin. Abgeschlossen. Aber hinterher sagte ihr Lehrherr, sie soll gucken, dass sie ihr Geld auf eine andere Art verdient, Kochen sei nicht ihr Ding. – Wie? – Na ja, ich kann schon kochen, aber ich werde es nie zu was bringen damit, meinte er. – Weil dir die Genialität fehlt. – Beim Kochen. – Sonst nicht? – Sie lacht. Nein, sonst nicht. Und als ich einmal die Seite wechsle beim Fotografieren und feststelle: Du hast zwei gute Seiten, da antwortet sie trocken: Nicht nur zwei.



Sie ist dem Rat des Lehrherrn gefolgt, hat nur noch für sich gekocht und gearbeitet hat sie als Verkäuferin im Sportartikelfachhandel. Zuletzt bei Karstadt Sport in der Joachimstaler Straße. Und gewohnt in Schöneberg in der Grunewaldstraße, in einer Wohngemeinschaft, die sie gegründet hatte. In der WG wohnt sie immer noch und Grunewaldstraße ist wichtig für das, was dann geschah: Job bei Karstadt verloren. Arbeitsuchend und das zieht sich. Dem Hauswart zur Hand gegangen, auch geputzt, und dann sagt der Hauswart zu ihr eines Tages: In dem Laden schräg gegenüber, da suchen sie jemanden. Sie fragt: Was machen die da? – Er: Bilderrahmen. – Und sie: Damit kann man Geld verdienen? – Eine Woche zur Probe gearbeitet in dem Laden und schnell gemerkt: Das ist es. Das kann ich und das mache ich gerne. Der Laden: Art Rahmen, wo sie jetzt seit dreieinhalb Jahren arbeitet.



Wenn du in der U-Bahn mit jemandem ins Gespräch kommst und gefragt wirst, was du machst … – … dann sage ich, Bilder einrahmen. – Und weiter? – Weiter fragen die Leute dann nicht mehr.  


Jennys Geschichte vom Bildereinrahmen ist, dass sie als Mädchen Dekorateurin werden wollte, aber ihre Mutter meinte, das soll sie sich aus dem Kopf schlagen, dazu seien ihre  Noten nicht gut genug. Darauf ist sie was geworden, was sie gar nicht werden wollte, und damit ging es ihr so, wie es vielen Leuten geht. Das, was sie nicht werden wollte, hat sie dann jedoch an einen Ort geführt, wo ihr eine Arbeit angeboten wurde, für die sie sich nur deshalb interessiert hat, weil sie in einer misslichen Lage war wegen der Arbeit, die ihr nicht so gelegen und auch nicht so gut gefallen hat. Anders wäre sie nie darauf gekommen, dass sie ein Talent hat für das Bildereinrahmen und wie viel Freude es ihr machen wird – weil sie nicht einmal wusste, dass es diese Arbeit gibt. Das ist ein großes Glück, das Jenny da hatte, und etwas, das nicht so vielen Leuten passiert. 




Ausgemacht war: Wir reden nur über deine Arbeit hier bei Art Rahmen. Dann wurde es aber ein Gespräch über alles Mögliche. Wir haben viel gelacht, ich habe Jenny erzählt, was Courtney Love macht, vielmehr nicht macht, damit sie auf der Bühne zum Rock´n´Roll-Tier wird, und Jenny hat erzählt, was sie macht, wenn sie nicht arbeitet, und was sie gerne machen würde. Viel hat sie erzählt und trotzdem möchte ich noch mehr wissen. Am liebsten sie noch einmal fotografieren und dann nur über Jenny privat reden. Obwohl die Fotos, die ich letzten Freitag von ihr gemacht habe, reichen würden, um eine 500-Seiten-Biografie zu illustrieren. Und fast alle sind sie was geworden. Wie bei einer Frau mit vielen guten Seiten auch nicht anders zu erwarten.








Montag, 30. April 2012