Blöde Geschichte. Aber was Besseres ist nicht passiert von gestern auf heute. – Anfang vor 13 Jahren. Café Savigny. Ich unterhalte mich mit Inge. Meine damalige Freundin unterhält sich mit H., enge Freundin Inges und ihres Mannes M. Während ich mit Inge rede, beobachte ich meine Freundin und H. und die gefällt mir besser als meine Freundin. Zwei Monate später trennen sich meine Freundin und ich. Ein paar weitere Monate später erkundige ich mich bei Inge nach H., erfahre, dass sie alleine ist wie ich, und sage Inge, dass H. mir gefällt. Inge meint, dann solltet ihr euch mal kennenlernen. Treffen in der Wohnung von Inge und ihrem Mann. Anwesend die beiden, H. und ich. Es liegt nicht daran, dass Inge und M. dabei sind: innerhalb kürzester Zeit weiß ich, dass es das nicht gibt, was ich bei H. gesehen habe, als ich sie neben meiner Freundin sitzen sah. Und es liegt auch nicht an ihr. Deshalb beschreibe ich nicht, wie H. ist. Es ist nur einfach nicht da, was ich zu sehen glaubte, und was da ist, das interessiert mich nicht. – Heute würde ich meinen Tee austrinken und sagen: ich gehe dann mal und danke für den Tee. Damals bin ich noch mitgegangen in den Biergarten an den neuen See, weil ich glaubte, ihnen das schuldig zu sein: Inge und M., die das Kennenlerntreffen eingefädelt hatten, und H., die sich zu dem Kennenlerntreffen bereit erklärt hatte. Was für ein Krampf! - Zu der Zeit hatte ich noch meine Katze. Ich musste dringend nach Hause, um sie zu füttern. Was habe ich mich gefreut, die Katze zu sehen, und dann habe ich mich den ganzen Abend lang befreit und zugleich schlecht gefühlt. Denn ich konnte es mir nicht anders vorstellen, als dass ich H. gekränkt hatte, indem ich erst interessiert an ihr war und dann – buchstäblich – von jetzt auf nachher nicht mehr.
Neulich habe ich mich wieder einmal an diesen Vorfall erinnert und mir vorgenommen darüber zu schreiben. Ausgehend davon, dass über diesen Nachmittag nie gesprochen worden war. Weder Inge und ich hatten darüber gesprochen bei späteren Treffen. Noch H. und ich, die ich bald häufiger zufällig traf, weil sie in meiner Nähe in einer Buchhandlung arbeitete. - Die Schreibidee war, von dem Nachmittag zu erzählen und dann H. zu treffen und mit ihr über das Unausgesprochene zu reden. Sie sollte die Geschichte mitschreiben damit wie sie reagiert, wenn ich darüber spreche, was ich damals erlebt habe und wie es mir nachgegangen ist als Schuldgefühl, als Peinlichkeit. Das allerdings nicht, um etwas gut zu machen oder um Verzeihung zu bitten und schon gar nicht, um etwas nachzuholen, sondern - ich kann es nur beschreiben als die Schreibaktion, die ich geplant hatte: um zusammen zu erzählen, was wir an diesem Nachmittag erlebt hatten, indem wir darüber sprechen. – Über diesen Plan habe ich im anderen Blog geschrieben und dann darüber, wie ich H. am Dienstag in der Buchhandlung, in der sie jetzt arbeitet, aufgesucht habe, um sie zu fragen, ob sie sich mit mir bei nächster Gelegenheit treffen möchte. Was ich von ihr wollte, hatte ich ihr noch nicht gesagt, weil ich noch nicht wusste, wie ich es ihr erklären sollte. – Das der Stand von gestern Abend. Da nun in meiner Mailbox Eingang eines Kommentars zu dem, was ich im anderen Blog über H., den Vorfall von damals und über meinen Plan geschrieben hatte. Es war ein anonym abgegebener Kommentar. Erst bei genauerem Hinsehen erkannte ich, dass der Kommentar von Inge ist. Sie bezieht sich darin auf eine Formulierung von mir aus meinem Post, in dem ich geschrieben hatte, ich hätte H. verschmäht. Und dazu schreibt sie, dass davon keine Rede sein könne, weil dazu eine gewisse Verfügbarkeit gehöre, die nun aber mal nicht gegeben gewesen sei, das könne sie mir versichern, das weiß ich, hat sie geschrieben. Verfügbarkeit. Das Wort ist mir den ganzen Abend nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Sie war nicht verfügbar. Na, dann ist doch alles gut. Dann hatte ich H. nicht verschmäht, wie ich es - zugegeben, melodramatisch überhöht - formuliert hatte. Und dann hatte ich sie auch nicht gekränkt. Dann hatte das alles vielleicht gar nicht stattgefunden. Dann hatte ich mir das alles nur eingebildet. Dann gibt es jetzt auch gar nichts zu reden. Keinen Grund mehr, mit H. zu sprechen. Nichts Unausgesprochenes. Keine Geschichte, die wir zusammen erzählen könnten. Keine Erzählung, die zum Beispiel davon hätte handeln können, wie H. mir das selbst sagt, dass ich mir das nur eingebildet habe, dass ich sie gekränkt hätte, weil es von ihrer Seite keine Verfügbarkeit gegeben hat, und wie ich darauf beharre, mir das nicht eingebildet zu haben, und das begründe, worauf sie wiederum – ich weiß es nicht. Keine Ahnung, wie das Gespräch ausgegangen wäre. Alles wäre besser gewesen, als der Kommentar von Inge. Blöde Geschichte. Was gebe ich ihr für einen Titel? Verfügbarkeit? – Ich entscheide mich für Herzchen. Und das Herzchen, das bin natürlich ich.
Der andere Blog: Ich war überrascht, dass Inge ihn überhaupt gefunden hatte. Wie neulich schon erwähnt, schreibe ich den Blog vorläufig noch heimlich, d.h. ich habe ihn so eingestellt, dass ihn die Suchmaschinen nicht crawlen. Was ich dort schreibe ist eine Mischung aus Tage- und Skizzenbuch. Die richtige Mischung habe ich noch nicht gefunden. Deshalb heimlich. Aus der Blog-Statistik kann ich ersehen, dass der Blog sieben Leser hat, die ihn regelmäßig verfolgen. Eine Leserin wurde von mir eingeladen. Die anderen Leser haben ihn, wie die schlaue Inge, gefunden. - Da es nun schon mal sieben Leser sind, ist es vorbei mit der Heimlichkeit. Allgemein bekannt will ich den Blog trotzdem noch nicht machen. Angebot: Wer ihn lesen möchte, kann mir eine Mail schreiben - Betreff: Zweiter Blog; das genügt - und bekommt von mir dann eine Antwort-Mail mit der Blog-Adresse. Für die Mail einfach nur das Mail-Icon rechts unter dem Post anklicken.
Freitag, 8. April 2011
Donnerstag, 7. April 2011
Brav
Vorhin hat eine Frau, die es eigentlich hätte wissen können, nicht gewusst, wer Nicole Krauss ist. – Da wird es langsam mal Zeit, dass dein Kind erwachsen wird, damit du dich endlich wieder um die Weltliteratur kümmern kannst, habe ich gesagt. – Worauf sie: Ich habe ja auch schon die Kühlpads im BH. – Du kühlst deine Brüste? Wozu? – Um abstillen zu können. – Hört das nicht von alleine auf? – Nein, ich war deswegen jetzt zwei Tage lang richtig krank. – Wie lange hast du denn gestillt? – Zweieinhalb Jahre. – Warum so lange? – Na, mir hat es gefallen und ihm auch. - Gute Mutter, liebevolle Mutter. Da wird er mal ein zufriedener Mann und bestimmt kein Raucher, denke ich, behalte das aber für mich, weil man das so auch wieder nicht sagen kann. Peter raucht schließlich auch, obwohl ihn seine Mutter noch als er drei Jahre alt war, hat mittrinken lassen, wenn sie seinen kleinen Bruder gestillt hat. Auch eine gute Mutter, auch eine liebevolle Mutter. Hat ihn auch nie geschlagen, erzählt Peter immer wieder stolz. War auch nicht nötig. Weil er immer so brav und vernünftig war, wie ihm seine Mutter vor ein paar Tagen am Telefon vorgehalten hat. Vorgehalten! In ihrer Enttäuschung darüber, was aus ihm jetzt geworden ist auf seine alten Tage. Der ganze Sohn nur noch ein einziges Elend. Vielleicht schwer krank, vielleicht auch nur depressiv. Ohne Lebensmut. Ohne Hoffnung. Und dann auch noch die Schulden, die er angehäuft hat in seinem Leben. Tilgung und Zinsen, die ihm sein Gehalt auffressen, so dass es gerade noch für das Nötigste reicht und manchmal nicht mal für das. – Peter, Peter, Peter! Wo wir immer so stolz waren auf dich, hat die Mutter gesagt und nach dem Telefongespräch hat Peter Rotz und Wasser geheult. – Warum? Weil du nicht der brave Junge sein kannst, auf den sie so stolz war? - Ja. - Und das kannst du nicht, weil du dazu zu schwach bist im Moment? Krisenbedingt. - Ja. - Und das tut weh? - Ja.
Habe ich nicht wiederholt angekündigt, dass ich nicht mehr über Peter schreiben will? – Ist schwer, es nicht zu tun, denn was er gerade durchlebt ist spannend und allemal wert aufgezeichnet und verstanden zu werden. Aber ich kann das nicht. Es ist eine Geschichte, die für sich selbst steht. Wenn ich die schreiberisch begleiten wollte, käme ich zu nichts Eigenem mehr. Deshalb will ich Peter jetzt dazu bringen, seine Geschichte selbst zu schreiben und zu verstehen. Und helfen soll ihm dabei, dass er anfängt Morgenseiten zu schreiben. Drei Seiten jeden Morgen, handschriftlich, einfach drauflos, was ihm gerade durch den Kopf geht. Um so einen anderen, tieferen Zugang zu kriegen zu sich selbst und eine andere Art von Schreiben zu lernen, mit der er dann seine Geschichte schreiben kann. – Ich schreibe doch schon morgens meine E-Mails und die sind auch über mich, hält er dagegen. – Peter, das ist was anderes. Das ist Selbstdarstellung. Morgenseiten ist nur für dich, um mit dir ins Reine zu kommen, ohne Eitelkeit, auf die Formulierungen kommt es nicht an, es geht nur darum zu fassen zu kriegen, was in dir gerade vorgeht. – Und wenn ich das mache, dann mache ich als nächstes Tai Chi und hinterher schmiere ich mir die Kräutersalben, die Caro mir in den Kühlschrank gelegt hat, auf den Knubbel? – Peter, Morgenseiten ist nichts Esoterisches. – Tai Chi ist auch nichts Esoterisches. Aber das lasse ich mal lieber weg, um es nicht zu kompliziert und es seinem Widerstand gegen alles Neue nicht zu leicht zu machen. – Morgenseiten ist einfach nur eine Praxis, Peter, um Kontakt mit dir aufzunehmen. Wenn man schreiben will, gibt es kein besseres Training. Die Surrealisten haben das auch gemacht. Breton, Artaud, Eluard. 20er, 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Automatische Niederschrift (écriture automatique). Assoziatives Schreiben. Eine Technik, um mit dem Unbewussten Kontakt aufzunehmen. – Ich bin so vertraut mit Peter, dass ich sogar sein Schweigen am Telefon deuten kann. Jetzt sagt sein Schweigen gerade: Wie schmeichelhaft für mich, dass du es so gut mit mir meinst. Aber das mache ich nie. Genauso wenig. wie ich mich im Morgengrauen auf eine Wiese stellen und Tai Chi machen werde. – Ich gebe auf. Ich merke auch, dass ich nicht überzeugend bin. Das zieht alles nicht, was ich da auf ihn einrede. – Heute Morgen fällt mir ein, was ich vergessen habe bei meiner Erklärung der Morgenseiten. Eine Orientierung beim Drauflosschreiben ist (kann sein, muss aber nicht sein) die Frage: Was will ich? Was will ich eigentlich? Was will ich wirklich? – Das habe ich gestern vergessen ihm zu sagen, dass es darum (auch) geht bei den Morgenseiten, herauszufinden, was man wirklich will. Und dass das doch sehr lohnend wäre, wenn ihm das gelänge. Denn das gibt es doch nicht, dass er in seinem Leben nichts anderes will, als ein braver Junge zu sein.
Habe ich nicht wiederholt angekündigt, dass ich nicht mehr über Peter schreiben will? – Ist schwer, es nicht zu tun, denn was er gerade durchlebt ist spannend und allemal wert aufgezeichnet und verstanden zu werden. Aber ich kann das nicht. Es ist eine Geschichte, die für sich selbst steht. Wenn ich die schreiberisch begleiten wollte, käme ich zu nichts Eigenem mehr. Deshalb will ich Peter jetzt dazu bringen, seine Geschichte selbst zu schreiben und zu verstehen. Und helfen soll ihm dabei, dass er anfängt Morgenseiten zu schreiben. Drei Seiten jeden Morgen, handschriftlich, einfach drauflos, was ihm gerade durch den Kopf geht. Um so einen anderen, tieferen Zugang zu kriegen zu sich selbst und eine andere Art von Schreiben zu lernen, mit der er dann seine Geschichte schreiben kann. – Ich schreibe doch schon morgens meine E-Mails und die sind auch über mich, hält er dagegen. – Peter, das ist was anderes. Das ist Selbstdarstellung. Morgenseiten ist nur für dich, um mit dir ins Reine zu kommen, ohne Eitelkeit, auf die Formulierungen kommt es nicht an, es geht nur darum zu fassen zu kriegen, was in dir gerade vorgeht. – Und wenn ich das mache, dann mache ich als nächstes Tai Chi und hinterher schmiere ich mir die Kräutersalben, die Caro mir in den Kühlschrank gelegt hat, auf den Knubbel? – Peter, Morgenseiten ist nichts Esoterisches. – Tai Chi ist auch nichts Esoterisches. Aber das lasse ich mal lieber weg, um es nicht zu kompliziert und es seinem Widerstand gegen alles Neue nicht zu leicht zu machen. – Morgenseiten ist einfach nur eine Praxis, Peter, um Kontakt mit dir aufzunehmen. Wenn man schreiben will, gibt es kein besseres Training. Die Surrealisten haben das auch gemacht. Breton, Artaud, Eluard. 20er, 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Automatische Niederschrift (écriture automatique). Assoziatives Schreiben. Eine Technik, um mit dem Unbewussten Kontakt aufzunehmen. – Ich bin so vertraut mit Peter, dass ich sogar sein Schweigen am Telefon deuten kann. Jetzt sagt sein Schweigen gerade: Wie schmeichelhaft für mich, dass du es so gut mit mir meinst. Aber das mache ich nie. Genauso wenig. wie ich mich im Morgengrauen auf eine Wiese stellen und Tai Chi machen werde. – Ich gebe auf. Ich merke auch, dass ich nicht überzeugend bin. Das zieht alles nicht, was ich da auf ihn einrede. – Heute Morgen fällt mir ein, was ich vergessen habe bei meiner Erklärung der Morgenseiten. Eine Orientierung beim Drauflosschreiben ist (kann sein, muss aber nicht sein) die Frage: Was will ich? Was will ich eigentlich? Was will ich wirklich? – Das habe ich gestern vergessen ihm zu sagen, dass es darum (auch) geht bei den Morgenseiten, herauszufinden, was man wirklich will. Und dass das doch sehr lohnend wäre, wenn ihm das gelänge. Denn das gibt es doch nicht, dass er in seinem Leben nichts anderes will, als ein braver Junge zu sein.
Mittwoch, 6. April 2011
Ton
Von wegen neueröffnet. Schon seit einem Jahr gibt es die WerkstattGalerie für Keramik in der Eisenacherstraße. In den Räumen der legendären Rössli Bar (gut, dass es die nicht mehr gibt; denn war man erst mal drin, ist man vor Morgengrauen nicht mehr raus gekommen). Gedacht, die Galerie wäre neueröffnet, weil ich gestern erst auf sie aufmerksam geworden bin. Vor dem Schaufenster stehen geblieben wegen zwei Frauenfigurinen. Etwa 40 cm großen Plastiken aus braunem und weißem Ton. Das Kleid der einen Frau weiß, der Körper braun. Das Kleid der anderen braun, der Körper weiß. Sie mit dem braunen Kleid zurückgebeugt, kurz vor dem Umfallen, und in ihrem Bauch steckt ein grünes Holzstückchen. – Hä?! Was ist´n das? – Die ebenmäßige Skulptur und dann dieses Hölzchen, als hätte ein mutwilliges Kind sein Spielzeug hineingerammt in den Ton, vor dem Brennen, als er noch weich war. Harte Geste. Dissonanz. Augenfänger. – Guten Tag! Entschuldigen Sie bitte, ich habe eben die beiden Frauenfiguren im Schaufenster angeschaut und wollte fragen … . – Die Ladenbesitzerin und Künstlerin weiß schon, was ich fragen will: Das Holzstückchen, das ist der Schmerz, den ihr die andere zugefügt hat. Immer rein! Rein! Rein! Rein, bis es nicht mehr geht. Bis es einen umhaut. Das ist der Moment. Kurz bevor es sie umwirft. Wenn sie sich noch einen Tick weiter nach hinten biegt, dann fällt sie um. - So war es auch beim Formen des Tons. Wenn sie die Figur noch einen Tick weiter gebogen hätte, dann wäre der Ton gebrochen, sagt die Künstlerin. – Ich: Und die andere Frau hat ihr den Schmerz zugefügt? Ich habe die eher als Beobachterin gesehen. - Sie: Jeder sieht in den Figuren, was er will, und identifiziert sich entweder mit der Täterin oder dem Opfer. – Ich habe mich mit der Frau daneben identifiziert und sie als Beobachterin aufgefasst. – Sie: Ist sie aber nicht, sie tut nur so: Ach, was hat sie denn? – Ich bin beeindruckt. Schöner Laden, sage ich beim Weggehen zum Dank für das Gespräch. Und heute bin ich gleich noch mal hingegangen zu dem Laden von Frau Engelbrecht, Nadja Engelbrecht, so heißt die Künstlerin. Ich erkläre, dass ich die beiden Figuren nicht kaufen will. Ich will sie beschreiben. – Sie sind auch nicht zu kaufen, sagt sie. Das sind ihre ersten Arbeiten dieser Art, die gibt sie nicht her. Die hat sie in einer Nacht gemacht, als es ihr so ging wie der Frau, der sie das Holzstückchen in den Bauch gesteckt hat. Damals, in den 90er Jahren, hat sie in Neuseeland gelebt mit ihrem Mann und ihren Kindern. Dort hat sie mit dem Töpfern angefangen. Eines Tages ist sie in eine Keramik-Werkstatt gegangen – und dann bin ich da nicht mehr raus gekommen, sagt sie. – Zurück in Deutschland hat sie zwei Jahre Keramik-Design studiert und scheint mittlerweile gut im Geschäft zu sein. Nicht nur mit ihren Plastiken, auch mit den Gebrauchsgegenständen aus eigener Fertigung, die sie in ihrem Laden verkauft. - Ich: Beneidenswert. Wenn Ihnen mal die Inspiration ausgeht, dann machen Sie einfach ein paar Tage lang Becher und Schalen und bleiben so in Kontakt mit ihrem Material und dem Handwerklichen. – Sie hat darauf über Erdung gesprochen, die ihr das gibt. Ich habe an der Stelle nicht richtig zugehört, weil ich mir da überlegt habe, wie gut es wäre, wenn ich auch so etwas hätte. Worauf eine innere Stimme zu mir sagte: Du hast deinen Blog. - Stimmt, habe ich gedacht. Aber was ist mit der Inspiration? – Die kommt schon wieder, hat darauf die innere Stimme geantwortet. – Frau Engelbrecht zeigt mir nun, was sie außerdem noch macht. Klangkörper. Die sehen aus wie leckgeschlagene afrikanische Wasserkrüge. Und das ist wohl auch ihr Ursprung. Irgendwann ist einer Frau beim Wasserholen der Krug runtergefallen, und als ihr Mann den Krug mit dem Loch gesehen hat, da hat er mit der Frau geschimpft und vor Ärger auf den Krug geschlagen. Da hat es einen wunderschön satten dunklen Ton gegeben und seither gibt es in Nigeria und Guinea diese krugförmigen Trommeln, die einzigen Musikinstrumente, die von Frauen gespielt werden dürfen. Kennengelernt hat Frau Engelbrecht die Keramiktrommeln, als sie in Afrika an einem Trommelkurs teilgenommen hat. Trommlerin ist sie nämlich auch noch. - Trommlerin? Ach! - Was es damit auf sich hat, das frage ich sie bei meinem nächsten Besuch. Inzwischen ist nämlich eine junge Frau vor dem Schaufenster stehen geblieben und in den Anblick der beiden Frauenfiguren versunken. – Schauen Sie mal, wie sie guckt und lächelt! sage ich. Völlig verzückt ist sie. - Und anscheinend will sie es nun auch genauer wissen. Denn schon geht die Tür auf und sie kommt herein. - Tschüss, Frau Engelbrecht. Das nächste Mal kaufe ich etwas. Und wenn es nur ein Trinkbecher ist oder eine von diesen Schalen mit den afrikanischen Naturfarben.
Das grüne Holzstückchen, das im Bauch der Figurine steckt, ist übrigens ein Stück bemaltes Treibholz; vom Meer glattgewaschen, gefunden an einem Strand in Neuseeland. - Auf der Website der Galerie gibt es ein Foto der beiden Frauenfigurinen. Neben vielen anderen Arbeiten zu sehen in der Rubrik Plastik/Skulptur. Bitte Geduld haben beim Durchklicken! Und: Das Rot auf dem Foto ist ein Farbfehler. Die Figuren sind braun und weiß. Am besten hingehen zum Laden und sie dort angucken:
Trialog
WerkstattGalerie für Keramik
Eisenacher Str. 80
10823 Berlin
www.keramik-aus-berlin.de
mail@keramik-aus-berlin.de
0176 78355185
Das grüne Holzstückchen, das im Bauch der Figurine steckt, ist übrigens ein Stück bemaltes Treibholz; vom Meer glattgewaschen, gefunden an einem Strand in Neuseeland. - Auf der Website der Galerie gibt es ein Foto der beiden Frauenfigurinen. Neben vielen anderen Arbeiten zu sehen in der Rubrik Plastik/Skulptur. Bitte Geduld haben beim Durchklicken! Und: Das Rot auf dem Foto ist ein Farbfehler. Die Figuren sind braun und weiß. Am besten hingehen zum Laden und sie dort angucken:
Trialog
WerkstattGalerie für Keramik
Eisenacher Str. 80
10823 Berlin
www.keramik-aus-berlin.de
mail@keramik-aus-berlin.de
0176 78355185
Dienstag, 5. April 2011
Staunen
Schlusssatz, substanziell, behände, Tollpatsch, . - Sie waren doch auch sonst nicht zimperlich bei der Rechtschreibreform. Hätten sie da nicht auch noch das grammatikalische Geschlecht von das Mädchen reformieren können? Der Mann, der Junge, die Frau, die Mädchen (Singular). Dreimal gelesen in der reformierten Fassung und niemand hätte es mehr für möglich gehalten, dass das einmal anders war. Mädchen - Neutrum?! – Fast einen abgebrochen habe ich mir im Posting von gestern mit das Mädchen und dem Personalpronomen es, wo es doch natürlicherweise sie heißen müsste. Dabei hatte ich es auch so schon schwer genug mit dem Text. Weil ich es einfach nicht zu fassen gekriegt habe, worum es ging. Nichts Großartiges. Nur dass es mir gefallen hat, wie das Mädchen auf mich eingegangen ist – dass sie etwas mit meiner Art anfangen konnte. Während ich, nachdem ich sie in ein Gespräch verwickelt hatte, nichts anfangen konnte mit ihr und ihrer Gesprächigkeit. Weil ich ihren Beinahe-Unfall mit dem Kinderwagen und den Dialog mit ihr nur am Rande erlebt habe, dabei aber wo ganz anders war. Dort, wohin ich schon die ganze Zeit hingedacht hatte, während ich im Geschwindschritt durch die Straßen ging, aufmerksam beobachtend, was um mich vorgeht, und doch auf nichts mich eingelassen habe, weil ich mit meinen Gedanken und meinen Empfindungen dort war, wo ich mich hingeschrieben hatte am Vormittag und am Tag zuvor (im anderen Blog). Bei der Contessa-Frau, wie ich sie jetzt nenne, nachdem ich sie zwischendurch nur noch als die Frau von gegenüber bezeichnet habe, und nicht mehr als Contessa oder Tess. Sie nicht mehr so genannt habe, um mir nicht länger etwas vorzumachen. Um mich der Realität zu stellen, dass es trotz aller Versuche - ihrer, meiner - nicht einmal gelungen ist, uns miteinander bekannt zu machen und ich nach mehr als zwei Jahren immer noch nicht ihren richtigen Namen kenne. Das ist jetzt der dritte Frühling mit ihr – mit ihrer Abwesenheit. Der erste Frühling: voller Verwunderung darüber, dass mir so etwas passiert, dass ich mich so verlieben kann. Der zweite Frühling: voller Hoffnung und in der ständigen Erwartung, dass es nicht mehr lange dauert, dass es vielleicht am nächsten Tag schon soweit sein wird, dass ich sie kennenlerne, dass ich mit ihr reden und mit ihr umgehen kann wie mit jedem anderen Menschen auch. Jetzt der dritte Frühling: ohne Hoffnung, ohne Erwartung, nicht einmal Enttäuschung oder Bitterkeit gibt es, nur die Fassungslosigkeit über die Groteske unseres Scheiterns und das Staunen darüber, dass es trotz alledem nicht aufhört – dass sie sich nicht längst ganz zurückgezogen hat und dass ich sie immer noch nicht aus dem Kopf kriege. - Das Scheitern hat etwas zu bedeuten. Dass es trotzdem nicht aufhört, hat etwas zu bedeuten. – Was? – Keine Antwort. Nur die Antwort auf die Frage, wo ich gestern war, während ich alles andere nur am Rande wahrgenommen habe.
Gemerkt, wie ich oben umstandslos von das Mädchen zu sie übergegangen bin? - So einfach geht das. So muss man es machen. Warum habe ich es gestern nicht so gemacht? - Ich korrigiere es nicht nachträglich. Ich lasse es stehen als Dokument des Krampfzustandes, in dem ich gestern war.
Gemerkt, wie ich oben umstandslos von das Mädchen zu sie übergegangen bin? - So einfach geht das. So muss man es machen. Warum habe ich es gestern nicht so gemacht? - Ich korrigiere es nicht nachträglich. Ich lasse es stehen als Dokument des Krampfzustandes, in dem ich gestern war.
Montag, 4. April 2011
Abwechslung
Am Nachmittag ein weiter Weg. Alle möglichen Leute gesehen und viel erlebt, aber keine Geschichte. Weil ich mit den Gedanken woanders war. Wo, verrate ich nicht. – Einmal habe ich laut lachen müssen. Das war in der Winterfeldstraße. Als ein Mädchen, elf oder zwölf Jahre altes Mädchen, mit dem Kinderwagen, den es schob, beinahe mit einem Werbeaufsteller zusammengestoßen ist, der ohne Vorwarnung auf dem Bürgersteig stand. Keine Ahnung, was daran zum Lachen war. Ich habe mich dann auch gleich umgedreht und das Mädchen um Verzeihung gebeten dafür, dass ich gelacht hatte. Darauf hat das Mädchen abgewinkt. Macht nichts, meinte es. Ich habe ja zum Glück noch rechtzeitig bremsen können. – Aber das Kind ist jetzt aufgewacht von dem Ruck, sage ich besorgt, zugegeben übertrieben besorgt, weil ich mit dem Mädchen ins Gespräch kommen will (Interview?). Ich verlangsame meine Schritte, bis mich das Mädchen mit dem Kinderwagen eingeholt hat, und jetzt sehe ich, dass der Kopf des Kindes zur Seite gesunken ist und seine Augen geschlossen sind. – Ach, es schläft ja immer noch, sage ich. – Mädchen: Nein, nein, sie schläft nicht. Sie hat geschlafen, als ich sie im Kindergarten abgeholt habe. Und jetzt ist sie immer noch müde. – Ich betrachte das Kind mit seinen dicken Backen und der tief in die Stirn gezogenen Wollmütze noch mal genauer. Sein Kopf ist zur Seite gesunken. Es hat die Augen geschlossen. So wie ich das sehe, schläft es. Aber die große Schwester wird es schließlich wissen. Wenn sie es sagt, dann ist es nur schläfrig, aber es schläft nicht. – Mädchen: Ich habe einfach nicht aufgepasst, weil ich zur Seite geguckt habe. – Ich: Zu mir? – Mädchen: Ja. – Ich: Dann bin ich also schuld? – Mädchen: Nein, nein, Sie waren nicht schuld. – Ich war nur der Auslöser. - Mädchen: Ja. – Ich hätte jetzt sagen können, dass wenn jemand schuld war, dann derjenige, der den Werbeaufsteller auf den Bürgersteig gestellt hat. Ich hätte mich auch gerne noch weiter unterhalten. Alleine schon, weil es eine Abwechslung war, neben dem Mädchen und dem Kinderwagen herzugehen. Aber deswegen einen Blödsinn daher reden, das wollte ich auch nicht, und schweigend neben dem Mädchen und dem Kinderwagen herzugehen, wäre merkwürdig gewesen. – Dann macht es noch gut, ihr beiden, sage ich und beschleunige meine Schritte. - Und Sie, machen Sie es auch gut, ruft mir das Mädchen hinterher. – Später habe ich mir vorzustellen versucht, was für ein Leben das Mädchen hat: Nach der Schule die kleine Schwester vom Kindergarten abholen. Sie versorgen und beaufsichtigen, bis ihre Mutter von der Arbeit kommt. Der Kinderwagen sah alt und ärmlich aus. Die weiße Wollmütze des Kindes war verwaschen und angegraut. Vielleicht hat das Mädchen schon in dem Kinderwagen gelegen und hatte die Wollmütze auf, die damals noch strahlend weiß war. Oder ist das Mädchen gar nicht die Schwester des Kindes? Ist es der Babysitter? Das ist ein Job, den es macht nach der Schule, das Kind abzuholen vom Kindergarten und es zu beaufsichtigen? Aber können sich Eltern mit so einem alten, ärmlichen Kinderwagen einen Babysitter leisten? Und warum habe ich das Mädchen nicht gefragt, ob das Kind seine Schwester ist? - Weil es mir nicht eingefallen ist, und es ist mir nicht eingefallen ist, weil es unwichtig ist. Weil es nur darum ging, dass das Mädchen beinahe mit dem Kinderwagen den Werbeaufsteller umgefahren hat, ich darüber gelacht habe und wir uns sympathisch waren.
Sonntag, 3. April 2011
Somewhere
Frühling Tag 14. Taewoo. Kommt aus dem Internet-Telecafé in der Hauptstraße, als ich dort vorbeigehe. Entgegen meiner Gewohnheit sehr langsam, denn ich bin nicht passend angezogen für die sommerliche Wärme und will nicht ins Schwitzen kommen. – Hat er gelesen, was ich neulich über ihn geschrieben habe? Über die Enttäuschung, die er war als Freund und über das Phlegma, das ich ihm nachgesagt habe? – Verhaltene Begrüßung. Abwarten, wie sich der andere verhält. Aber dann ist es gleich wieder so wie es immer ist, wenn wir uns treffen. Wir stellen einander Fragen in der Art von: Wo kommst du her? Wo gehst du hin? Was macht die Malerei? Und rauchst du noch? – Ich antworte ausführlich. Er noch zurückhaltender als sonst und ausweichend, als ich ihn nach seiner Arbeit frage. Schade, denn ich höre ihm gerne zu, wenn er über seine Malerei redet. Er hat in letzter Zeit viel Papierarbeiten gemacht, sagt er. Also gezeichnet. Und er hat sich gerade neue Farben gekauft. Mehr ist nicht aus ihm raus zu kriegen. Nur noch, dass er heute lieber schwimmen geht als in sein Atelier. Zum Schwimmen geht ins Hallenbad Fischerinsel in Mitte. – Und die Freundin? Bist du immer noch die meiste Zeit bei ihr? – Nein, nicht mehr so oft. Aber wenn wir zusammen sind, ist es sehr gut. – Da gibt es nichts nachzufragen. Und so rede die längste Zeit ich. Die Frage nach dem Rauchen beantworte ich zweimal. Ein Mal, indem ich eine bekümmerte Miene aufsetze und sage: Leidenschaftlich rauche ich. Und dann noch mal beiläufig, als ich über den Film spreche, den ich gerade bei Videoworld abgegeben habe: Somewhere. Von Sofia Coppola. – Wie ist der? fragt Taewoo. – Langweilig. Aber das ist okay. Denn darum geht es auch in dem Film. Die Daseinsleere eines Filmstars, der in dem berühmten Hotel Chateau Marmont rumhängt. Und immer, wenn es ihm ganz besonders langweilig ist, dann raucht er, sage ich zu Taewoo und gucke ihn dabei bedeutsam an. Da kannste mal sehen, soll das heißen. Rauchen aus Langeweile. – Ich führe das nicht aus, obwohl ich gerade gestern Abend den Beweis dieses Zusammenhangs erlebt habe beim Ansehen des Films. Normalerweise rauche ich nicht, wenn ich einen Film angucke. Aber weil ich mich stellenweise so gelangweilt habe bei Somewhere, hatte ich am Ende drei Zigaretten geraucht. – Taewoo fragt nach: Kein guter Film? – Doch, doch. Ein sehr schöner Film. Sehr integer, sehr konsequent. Und wenn man Kinder mag, ist er auch nicht mehr so langweilig, wenn dann die elfjährige Tochter des Filmstars auftaucht. Da ist es auch ihm nicht mehr so langweilig, weil er auf seine Tochter eingehen muss. Da wacht er auf, kriegt einen anderen Blick auf sein Leben. Erkennt seine Nichtigkeit, die wir die ganze Zeit schon gesehen haben. Aber das passiert alles fast unmerklich, ohne sich überstürzendes Drama. Nur der Schluss ist eine Pose. Wenn er aus der Stadt rausfährt mit seinem schwarzen schnellen Auto; bis der Tank leer gefahren ist, und er es abstellt am Rande einer verlassenen Landstraße, Zündschlüssel stecken lässt und weggeht ins Offene Ende. - Autofahren spielt übrigens eine wichtige Rolle in dem Film. Straßen in Los Angeles, Alleen zum Beispiel, die ich noch nie gesehen habe im Kino, und dann die Freeways, die Auffahrten zu den Freeways, das Einfädeln in diesen gemächlich fließenden amerikanischen Verkehr. Vor 12 Jahren habe ich meiner damaligen Freundin bei der Trennung mein Auto überlassen, erzähle ich Taewoo. Seither bin ich nie wieder selbst Auto gefahren, es hat mir auch nie gefehlt. Gestern bei dem Film habe ich zum ersten Mal wieder Lust gekriegt Auto zu fahren. Es müsste dann aber schon in Los Angeles sein. - Mit der gleichen Ausführlichkeit rede ich dann noch über das Schreiben (ich mache zur Zeit nichts anderes), über das Älterwerden (gestern habe ich mir mal klar gemacht, dass ich im Sommer 59 werde und nächstes Jahr 60. Sechzig!), über französische und amerikanische Erwachsenenfilme und über die Porno-Darstellerin Sasha Grey (über die will ich demnächst mal schreiben, aber wahrscheinlich nicht hier, weil das nicht so hinzukriegen ist, dass die kleinen aufgeweckten Mädchen das auch lesen können; deshalb voraussichtlich im anderen Blog, den ich seit zwei Monaten heimlich schreibe). Während ich ihn vollquassle, habe ich immer Taewoos Fahrrad im Blick, früher silberfarben, jetzt schwarz - umgespritzt oder ist das ein neues Fahrrad? Und halte ich ihn denn nicht auf? Will er nicht los, nach Mitte? - Doch er scheint es nicht eilig zu haben, stellt immer wieder Zwischenfragen. Neugierig, keineswegs nur höflich. - Schließlich wird mir mein Redefluss unheimlich und ich höre auf. Der Redefluss war wohl meine Art, Wiedersehensfreude zu zeigen. Beim Verabschieden würde ich am liebsten kurz den Arm um seine Schultern legen. Doch da ich weiß, dass ihn so etwas irritiert, halte ich mich zurück und klopfe ihm nur zweimal unbeholfen, aber herzlich auf die rechte Schulter.
Samstag, 2. April 2011
April
Frühling Tag 13. Der Mensch im Frühling bin heute ich. Staub gewischt. Meinen Schreibladen aufgeräumt. Erste Überraschung: Endlich passt alles zusammen, endlich ist alles an seinem Platz. – Draußen. Ein Junge im weißen T-Shirt und kurzen Hosen. So warm ist es heute. Zweite Überraschung: Was habe ich auf einmal für einen Ton? So habe ich noch nie geredet mit den Leuten. Zu früh, um den Ton zu beschreiben. Wenn er bleibt, kann ich mich freuen und alle, die mit mir zu tun haben, auch. – Wer möchte an so einem Frühlingstag in der Vergangenheit leben? – Erboste Mail von Peter. Reaktion auf mein Posting von gestern und auf das, was ich ihm gesagt habe abends am Telefon. Als er wieder anfing, mir zu erklären, wie schön das ist mit der Vergangenheit. Da noch mein alter Ton. Gepresst, grimmig, aufgeregt, scharf. Botschaft: Peter, ich kann es nicht mehr hören. Deine Geschichten von früher nicht und die Rechtfertigungen, warum es so schön ist in der Vergangenheit zu leben, gleich gar nicht. Es gibt so viel anderes, über das wir reden können. Aber jetzt lass uns eine Pause machen. Lass uns aufhören damit, täglich zu telefonieren. Ich rufe dich an, wenn du mir fehlst. Und du ruf an, wenn du mich brauchst. Ich bin weiter dein guter Freund. – Bin ich. Bleibe ich. Fällt ihm jetzt nur schwer, mir das zu glauben. Enttäuschung. Verbitterung. Wolfgang, manchmal bist du wirklich ein Depp, trotz deiner zur Schau gestellten Klugscheißerei. Als ob 3000 Meter schwimmen besser wäre, als mit Menschen zu tun zu haben, denen man vertraut (…). – So war das mit den 3000 Metern nicht gemeint, Peter. Das war Selbstironie. Und wenn ich tatsächlich 3000 Meter schwimme, dann nicht, weil es besser ist als etwas anderes, sondern um das Beste zu machen aus meiner Not. – Kümmere dich weiter um alle Kassiererinnen von Lidl und Aldi oder um Nachbarinnen, die auch nichts mit dir anfangen können. Hauptsache du hast recht und kannst darüber schreiben. (…) Fazit, und da ist er nicht der Erste, der mir das sagt: mein Leben gefällt ihm nicht. Glücklichsein sieht anders aus und das Leben geht unaufhaltsam vorüber. – Ja nun. Was soll ich machen? Es ihm jetzt zeigen? Keine Kassiererinnen mehr? – Von wegen! Jetzt gerade! Jetzt noch mehr Supermarkt-Geschichten. Das ist mein Markenzeichen. – Und die Nachbarinnen? – Da ist was dran. Die Nachbarinnen ziehen unaufhaltsam vorüber. Wie das Leben. – Mal gespannt, was ich nachher mache. Darüber hinweg gehen, wie es meine Art ist? Oder ihn anrufen und ihn überraschen mit meinem neuen Ton.
Von gestern noch: Ich habe niemanden in den April geschickt und mit mir hat das auch niemand versucht. Am nächsten kam dem noch der Auftritt zweier Bettler auf der Akazienstraße. Den einen sehe ich von der Hauptstraße kommend auf dem rechten Bürgersteig. Er geht an Krücken, der rechte Fuß scheint verkrüppelt, verdreht, nach innen gebogen, so dass der Mann nicht die Sohle aufsetzen kann, sondern über den Außenrist geht. Dafür geeignetes orthopädisches Schuhwerk hat er nicht; er trägt Adidas-Schuhe und spricht gerade Leute an, die an einem Tisch vor der Creperie sitzen. Sie ignorieren ihn und deshalb wendet er sich nun mit schmerzverzerrtem Gesicht und klagender Stimme an mich. Ich gebe ihm nichts. Keine Sekunde erwäge ich es und denke hinterher auch nicht darüber nach, warum ich ihm nichts gegeben habe. Bis ich an der Ampel Ecke Beltziger auf die andere Straßenseite wechsle und dort einen Mann sehe, der am Stock geht – gebeugt wäre eine Untertreibung. Sein Oberkörper befindet sich in der Waagrechten. Wie bei einer alten Frau mit langer krummer Nase und großer Warze drauf in einem Bilderwitz. Der Mann bettelt gerade andere Passanten an, als ich vorbeigehe. Dabei sehe ich in sein Gesicht. Und das ist nicht das Gesicht eines Mannes mit einer solchen Behinderung. Dazu ist es zu entspannt, zu glatt, zu heiter. Mitte 40 ist der Mann. Betteln ist sein Beruf. Sein Einsatz ist artistisch. Der Auftritt ist nicht ohne Witz, auf jeden Fall nicht so penetrant wie der Auftritt seines über den Rist gehenden Kollegen auf der anderen Straßenseite, dem zuzusehen weh tut. Selbst dann noch, wenn man sich vorstellt, wie wohltuend es für ihn sein muss, wenn er am Ende des Tages nach getaner Arbeit wieder normal gehen kann. – Das sind Profis. Wenn die mit ihrer Nummer nicht Erfolg hätten, würden sie das nicht machen. Ob es Schulen gibt, wo man so etwas lernt? Und ob die junge Bettlerin, die große dünne blonde Frau, die immer wie frisch gewaschen aussieht, ob die so eine Art Vorhut war? Sie hat das Terrain sondiert und vorbereitet, indem sie die Leute in der Akazienstraße auf ihre unscheinbare Art an die Gegenwart von Bettlern gewöhnt hat. Erst kam sie und jetzt kommen die Meisterbettler. Denke ich, denke wahrscheinlich mal wieder zu viel und freue mich, dass es doch noch so etwas wie einen Aprilscherz gegeben hat und ich nicht darauf reingefallen bin.
Von gestern noch: Ich habe niemanden in den April geschickt und mit mir hat das auch niemand versucht. Am nächsten kam dem noch der Auftritt zweier Bettler auf der Akazienstraße. Den einen sehe ich von der Hauptstraße kommend auf dem rechten Bürgersteig. Er geht an Krücken, der rechte Fuß scheint verkrüppelt, verdreht, nach innen gebogen, so dass der Mann nicht die Sohle aufsetzen kann, sondern über den Außenrist geht. Dafür geeignetes orthopädisches Schuhwerk hat er nicht; er trägt Adidas-Schuhe und spricht gerade Leute an, die an einem Tisch vor der Creperie sitzen. Sie ignorieren ihn und deshalb wendet er sich nun mit schmerzverzerrtem Gesicht und klagender Stimme an mich. Ich gebe ihm nichts. Keine Sekunde erwäge ich es und denke hinterher auch nicht darüber nach, warum ich ihm nichts gegeben habe. Bis ich an der Ampel Ecke Beltziger auf die andere Straßenseite wechsle und dort einen Mann sehe, der am Stock geht – gebeugt wäre eine Untertreibung. Sein Oberkörper befindet sich in der Waagrechten. Wie bei einer alten Frau mit langer krummer Nase und großer Warze drauf in einem Bilderwitz. Der Mann bettelt gerade andere Passanten an, als ich vorbeigehe. Dabei sehe ich in sein Gesicht. Und das ist nicht das Gesicht eines Mannes mit einer solchen Behinderung. Dazu ist es zu entspannt, zu glatt, zu heiter. Mitte 40 ist der Mann. Betteln ist sein Beruf. Sein Einsatz ist artistisch. Der Auftritt ist nicht ohne Witz, auf jeden Fall nicht so penetrant wie der Auftritt seines über den Rist gehenden Kollegen auf der anderen Straßenseite, dem zuzusehen weh tut. Selbst dann noch, wenn man sich vorstellt, wie wohltuend es für ihn sein muss, wenn er am Ende des Tages nach getaner Arbeit wieder normal gehen kann. – Das sind Profis. Wenn die mit ihrer Nummer nicht Erfolg hätten, würden sie das nicht machen. Ob es Schulen gibt, wo man so etwas lernt? Und ob die junge Bettlerin, die große dünne blonde Frau, die immer wie frisch gewaschen aussieht, ob die so eine Art Vorhut war? Sie hat das Terrain sondiert und vorbereitet, indem sie die Leute in der Akazienstraße auf ihre unscheinbare Art an die Gegenwart von Bettlern gewöhnt hat. Erst kam sie und jetzt kommen die Meisterbettler. Denke ich, denke wahrscheinlich mal wieder zu viel und freue mich, dass es doch noch so etwas wie einen Aprilscherz gegeben hat und ich nicht darauf reingefallen bin.
Abonnieren
Posts (Atom)