Freitag, 15. April 2011
Analyse
Klagen. Klagen. Klagen. Peter. Denken. Denken. Denken. Ich. Und das eine ist so fruchtlos wie das andere, sage ich zu ihm. Wir vertun damit unser Leben. Er, weil er sich so leid tut. Ich, weil ich es gerne aufgeräumt und ordentlich habe in meinem Kopf. Peter muss übernächste Woche für vier Tage in die Klinik zur gründlichen Untersuchung seines Knubbels. Sterben wird er daran so schnell nicht, das haben sie ihm heute schon gesagt. Nicht mehr lange, dann hat er auch seine Lebenskrise überwunden und dann wird das aufhören mit seinem Klagen. Und was mache ich? – Ich klage jetzt auch mal. Darüber, dass ich immer die gleiche Geschichte erzähle. Und die wird nicht interessanter durch wechselndes Personal. Denn – geht schon wieder los mit dem Analysieren – die Hauptperson ist immer die gleiche: das bin ich, der beobachtet, der sich was denkt, sagt, fragt, antwortet, erklärt, der sich was überlegt (denkt), der sich was vornimmt (denkt), der missverstanden wird, wen wundert es, und missversteht (denkt), es im Nachhinein erst merkt (denkt), und am Ende hat es immerhin was zum Schreiben gegeben, denkt er sich, aber es ist immer das Gleiche. – Keine Lust mehr auf den Denker. Keine Lust mehr auf seine Geschichte. Entweder es beginnt jetzt bald eine andere Erzählung oder ich höre auf.
Donnerstag, 14. April 2011
Geduzt
Skins. SPON verspricht das neue Serienwunder. Dieses Mal nicht amerikanisch, sondern britisch. Videoworld. Die drei ersten Staffeln von Skin gibt es. Aber Staffel 1, Disk 1 ist ausgeliehen. Hauptstraße. Die Leute nicht so genau angucken. Wenn die Sonne wieder scheint, werden die alle gleich viel besser aussehen. Und wenn jetzt nichts passiert, dann übernehme ich für das Posting heute den Text vom Vormittag aus dem anderen Blog. Tabakwarenladen. Es arbeitet die junge Frau, die ich gerne sehe. Bitte beachten! Nicht: Sie gefällt mir. Sondern: Ich sehe sie gerne. – Sie ist 21 Jahre alt. Also bitte! Heute hat die junge Frau ein weit geschnittenes graues Kleid mit Gürtel an, dazu wahrscheinlich eine schwarze Hose; darauf habe ich nicht geachtet. Im Winter hat sie einfarbige Kopftücher getragen. Seit letzter Woche trägt sie ein weißes Kopftuch mit einem großen Blumenmuster. Darunter ein schwarzes Untertuch, das bis über den Haaransatz gezogen ist. Das Untertuch fällt mir heute zum ersten Mal auf. Diese Kombination des weißen großgeblümten Kopftuchs mit dem schwarzen Untertuch sieht sehr elegant aus und ich suche ein Wort, eine Umschreibung dafür, während eine verwirrte Frau, die vor mir dran ist, etwas länger braucht: Verwegen elegant? Es hat einen verwegenen Chic? - Dass die junge Frau 21 Jahre alt ist, weiß ich vom letzten Mal. Da hat sie mich ihr Alter raten lassen. Vorher hatte sie erzählt, dass sie mit dem jüngeren der beiden Männer, denen der Laden gehört, zusammen aufgewachsen ist. Sie waren Nachbarkinder. In Kreuzberg. - Auf 23 habe ich sie daraufhin geschätzt. Und nachdem sie erklärt hatte, sie sei erst 21, habe ich gesagt, was der Wahrheit entsprach, keine Schmeichelei war: Wenn sie nicht zuvor erwähnt hätte, dass sie im gleichen Alter ist wie der jüngere der beiden Männer, dann hätte ich sie auf 18 geschätzt. – Da meinte sie: Mit 18 wäre ich sehr zufrieden gewesen. – Als käme sie sich mit 21 Jahren schon so alt vor, dass für 18 gehalten zu werden für sie ein Kompliment ist. – Bei diesem Gespräch hatte sie mich geduzt, während ich sie gesiezt hatte. Das ist mir hinterher aufgefallen und ich habe mir vorgenommen, das nächste Mal nicht so förmlich zu sein und sie auch zu duzen. Heute hat sie mich gesiezt. Darauf habe ich gesagt: Wir können doch du zueinander sagen. – Ja gut, hat sie geantwortet, mich dann aber zweimal kurz hintereinander gesiezt. Nicht betont gesiezt, aber eben zweimal kurz hintereinander und das war deutlich. Das erste Mal, als sie mich fragte: Was für Zigaretten nehmen Sie? Und das zweite Mal kurz darauf in einem Satz, den ich vergessen habe. Vergessen bestimmt auch, weil ich in dem Moment so dumm dastand, dass ich wortlos meinen Fünf-Euro-Schein hingelegt, die 10 Cent Rückgeld eingesteckt habe und nicht mal Tschüss gesagt habe im Rausgehen. Da hat sie bestimmt gedacht, ich sei beleidigt. Dabei habe ich mich nur geärgert über mich und meine Zutraulichkeit, die zu dem Fauxpas geführt hat, der in Wirklichkeit ein Missverständnis war. Aber wie hätte ich ihr das erklären sollen? Doch am besten, indem ich das Gespräch fortgesetzt hätte, um eine Gelegenheit zu bekommen, wieder zum Sie überzugehen, und ihr so zu zeigen, dass ich sie verstanden hatte und das völlig in Ordnung für mich ist, wenn wir uns siezen. Während ich zur Back-Factory gegangen bin und anschließend über die Akazienstraße nach Hause, habe ich mich darüber dann auch noch geärgert, dass ich darauf nicht gekommen bin. Bis mir eingefallen ist, dass ich gerade etwas erlebt hatte und ich jetzt über die gern gesehene junge Türkin in dem Tabakladen schreiben konnte.
Mittwoch, 13. April 2011
Mitmachen
Wie Leute sind. Wie Leute einen sein lassen. Leute, die wie im Fußball die Räume eng machen, die mit ihrem Defensivverhalten einen am Kombinieren hindern, das Spiel unterbinden. So einer ist der Kassierer nicht. Als ich meiner Frage vorausschicke, dass ich hypersensibel bin, sagt er, das bin ich auch. Und als ich ihn erinnere an den Moment am Montag, als ich mich verabschiedet habe im Hinausgehen und er so ernst und förmlich reagiert hat, da sagt er nicht, dass er sich daran nicht erinnern kann, weil: Wissen Sie, wie viele Leute jeden Morgen an mir vorbei gehen? Wie soll ich mich da erinnern, wie ich bei jedem Einzelnen geguckt und gegrüßt habe. – Er weiß es noch. Er versteht auch meine Frage, ob möglicherweise etwas gegen mich vorlag, weil er so streng geguckt hat, da er selbst bekennend hypersensibel ist. Und er bestätigt darauf, was ich für eine mögliche Erklärung gehalten habe: dass es an seinem Gesprächspartner und dem Gespräch gelegen hat, das er in dem Moment führte. Er habe sich mit dem anderen Mann nämlich gerade über die Krise des FC Bayern München unterhalten, sagt er. Damit macht er sich jedoch nicht lustig über mich, das mit Bayerns München hat er nur gesagt zur Auflockerung, bevor er mir erklärt, der Mann sei der Vorsitzende eines Saunaclubs gewesen, der sich über Missstände in der Sauna des Hallenbades am Sachsendamm beschwert hat, und er, der Kassierer, musste sich das alles anhören, obwohl er für den Zustand der Saunaeinrichtungen nicht verantwortlich ist. – Weil ich nun dringend ins Wasser musste, habe ich nicht nachgefragt, was ein Saunaclub ist. Das finde ich ein andermal heraus. Jetzt ist erst mal die Frage vom Montag beantwortet. Mein Verdacht hat sich nicht bestätigt. So bleibt nur noch die Frage: Was war mein Verdacht? – Ich weiß, dass mein Blog von Leuten im Hallenbad, Personal und Badegästen, gelesen wird. Darauf gibt es deutliche Hinweise. Darüber habe ich mich gefreut. Aber niemand hat mich dort je auf den Blog angesprochen. Wie mich auch sonst niemand auf den Blog anspricht. - Das kann natürlich daran liegen, dass ich mir die Hinweise nur einbilde, in Wirklichkeit jedoch niemand den Blog liest, wie jemand einwenden könnte, dessen Spiel es ist, die Räume eng zu machen. Aber aufgrund der Blog-Statistik-Funktion weiß ich, dass ich schon mehr Leser habe als die Handvoll Leute, mit denen ich über den Blog spreche. - Zunächst war mir das Stillschweigen der Leser in meiner Umgebung gerade recht, dann fand ich es merkwürdig, inzwischen finde ich es belastend. Weil aus dem Stillschweigen Heimlichkeit geworden ist, die ich mir zu eigen gemacht habe, ohne es zu wollen. Beispiel: Der hier schon mehrfach erwähnte Bernd - nicht Bernd, der Raucher auf der Straße, der Bernd vom Beckenrand. Kein Wort habe ich ihm je über den Blog gesagt, obwohl er regelmäßig darin auftritt. Die letzten vier Wochen ist er nicht mehr zum Schwimmen gekommen. Zuletzt habe ich mich gefragt, ob er vielleicht durch andere von meinem Blog erfahren hat und jetzt in ein anderes Hallenbad geht, weil er nicht will, dass ich über ihn schreibe. Einbildung? Wenn, dann nicht ganz unbegründet. Denn das kommt schon vor, und das ist nun zweifelsfrei, dass mir Leute aus dem Weg gehen, weil sie nicht von mir beschrieben werden wollen. Muss ich akzeptieren, auch wenn es bitter ist, wenn jemand sich dann gleich ganz von mir zurückzieht (Hediye!). Ich akzeptiere auch widerspruchslos, wenn Leute mir sagen, dass sie nicht wollen, dass ich über sie schreibe. Was allerdings noch niemand getan hat, denn die Leute reden ja nicht mit mir über meinen Blog. – Worauf will ich hinaus? – Die Heimlichkeit beenden. Die Nachfrage beim Kassierer heute Morgen war so ein Versuch. Mein Verdacht war, dass es ihm nicht recht gewesen sein könnte, dass ich das mit seinem toten Onkel erwähnt habe. Hätte er rumgedruckst heute Morgen, hätte ich ihn gefragt, ob das der Grund für seinen strengen Blick war. Offenbar war es das nicht. Und Bernd ist heute zum ersten Mal wieder zum Schwimmen da gewesen. Eine schwere Grippe hat er gehabt. Also war es Einbildung von mir, sein Fernbleiben auf mich zu beziehen. Aber nicht unbegründet. Ausgelöst von einem unguten Gefühl. Wegen der Heimlichkeit, die nicht gut ist. Sie ist auch nicht fair. Bernd soll wissen, dass ich über unsere Gespräche am Beckenrand schreibe. Mit diesem Wissen soll er sich überlegen können, was er mir erzählt – er soll sich aussuchen können, was ich über ihn schreibe. Er soll es mitgestalten können. Deshalb werde ich ihm die Blogadresse und dieses Posting mailen. Verstehe gar nicht, warum ich das nicht schon längst gemacht habe, ihm die Blogadresse zu geben. Heimlichkeit ist nicht meine Sache. Ich will die Leute nicht aushorchen und sie vorführen. Ich will, dass sie mitmachen. Freiwillig. Mit Freude daran.
Dienstag, 12. April 2011
Nachspiel
Im Lauf des Tages den Faden verloren. Faden war: Leugnen von Sachverhalten und damit jemandem anderen unterstellen, er habe sich den Sachverhalt nur eingebildet oder ihn konstruiert aus fragwürdigen Motiven. Sagen: Was du behauptest, das stimmt nicht. Und damit meinen: Es stimmt etwas mit dir nicht. – Verarbeitung des Gesprächs, das ich gestern hatte mit der guten Inge. Meine Sympathie für sie unverwüstlich. Daher sehe ich es nicht so grimmig. Ihr Leugnen auch nicht böswillig. Kein Lügen. Eher eine Art von kreativer Gedächtnisleistung. In einer Co-Produktion von Erinnern und Vergessen wird eine Begebenheit nachbearbeitet im Sinne von: dass nicht gewesen sein kann, was nicht gewesen sein soll.
Gestern wieder auf Peter eingeredet, dass er einen Blog schreiben soll. Nachmittags hat die junge Freundin, mit der es schon lange nichts Richtiges mehr war, ihn darüber informiert, dass sie einen neuen Mann hat. Bestimmt ein Arschloch, hat Peter hinterher zu mir gesagt, geweint hatte er auch schon und ihr geschrieben, dass er nun nichts mehr mit ihr zu tun haben will; nichts von wegen nur noch gute Freunde sein. Ich nun gleich wieder: Hör auf, ihr Mails zu schreiben. Fang endlich an mit deinem Blog. Das ist der ideale Moment dafür. - Ich dränge ihn, noch am Abend den Blog einzurichten. Blogger.com aufrufen und in 5 Minuten ist es passiert. – 22.45 Uhr ruft er an im Ton von Stell dir vor: Die wollen meine E-Mail-Adresse haben! Soll ich die denen etwa geben? – Heute Morgen vier Mails von ihm in meinem Posteingang. Er ist völlig durcheinander. Und ich habe schlechte Laune. Als er anruft, kriegt er sie ab. Ich beschwere mich über die vielen Mails an mich und über seine Abschiedsmail an die Ex-Freundin,, die er mir weitergeleitet hat: Ich hätte dafür alle Bäume der Welt ausgerissen, um dir … . Was für ein Kitsch, Peter! - Er sagt: Ich bin eben ein Prolet. – Ich sage: Mache es dir nicht so leicht. Fang endlich an mit deinem Blog. Und vergiss die Polnische. - So nenne ich seine Freundin, weil mir dieser Ausdruck so gut gefällt und ich nicht ihren richtigen Namen nennen will, da er so katholisch ist, und polnischer Katholizismus ist mir unheimlich. Dann hacke ich noch auf dem Foto von ihr rum, das Peter mir geschickt hat. Das ist ein sehr gutes Foto von einer sehr hübschen Frau. Nur leider völlig entstellt von deiner Fotoshop-Bearbeitung. – Er: Das ist nicht mit Fotoshop bearbeitet. – Ich: Peter, du hast mir mal gesagt, dass bei dir kein Foto rausgeht, das nicht mit Fotoshop bearbeitet ist. Kannst du dich nicht mal entscheiden, auf welchem Planeten du leben willst? - Da war der Tag trotz schlechter Laune noch ein guter Tag. Hinterher habe ich im anderen Blog über das Telefongespräch mit Inge geschrieben. Geglaubt, ich könnte daraus was lernen. Zu spät erkannt, dass es besser gewesen wäre, es beim Befremden zu belassen. Deswegen den Faden verloren. Den Tag verloren.
Inzwischen hat die Polnische dem Peter geantwortet. Er liest mir vor, was sie am Schluss ihrer Mail geschrieben hat: Die Welt ohne Bäume? Bitte nicht! Ich drück Dich! - Brillante Kitschkritik. Ich beschließe, sie nicht mehr die Polnische zu nennen, und rate Peter davon ab, den Kontakt mit ihr abzubrechen.
Montag, 11. April 2011
Griesgram
Alles gut? frage ich den Kassierer des Hallenbades, während ich mein Eintrittsgeld zusammensuche. – Sehr gut, antwortet er sinngemäß und freut sich offenbar mich zu sehen. – Und sportlich? – Mit meinem Arm geht es langsam wieder besser, sagt er und meint das als Witz. Denn er weiß schon, dass ich mit ihm über die neueste Entwicklung beim FC Bayern München sprechen will, dessen Fan er ist, dessen Fan ich auch jahrzehntelang war, aber inzwischen überlege mich mir, ob ich das mal ruhen lassen soll. Nicht, weil sie nächste Saison statt Champions League in der deprimierenden Europaliga spielen werden – ein wahrer Fan ist es auch dann noch, wenn es mal schlecht läuft. Da sind sich der Kassierer und ich einig. Nein, es ist wegen der unsympathischen Charakteraufführung des Präsidenten von Bayern München. Gleich, was fußballerisch richtig oder falsch war, es ist doch offensichtlich, dass der Präsident Hoeneß mit dem Rauswurf des holländischen Trainers fünf Spieltage vor Saisonende eine offene Rechnung beglichen hat, weil er sich von dem Größenwahn des van Gaal in seinem eigenen Größenwahn gekränkt gefühlt hat. Dem Kassierer geht es so gut, dass ihm das alles herzlich egal ist, und ich merke bei diesem ersten Dialog des Tages, dass ich aufpassen muss, weil ich scheine heute nicht der Hellste zu sein. In der Garderobe kommt mir der Griesgram entgegen. Er zieht eine dieser fahrbaren Kleiderbügelvorrichtungen hinter sich her, die es im Hallenbad am Sachsendamm gibt, damit man damit den Weg von der Umkleidekabine zum Spind zurücklegen kann. Er geht gerade vom Spind zur Umkleidekabine, trägt seine nasse Badehose und hat seinen Fahrradhelm auf dem Kopf. Das ist ein Bild, das habe ich schon oft gesehen, aber es bringt mich immer wieder zum Feixen. Der bis auf die Badehose nackte Mann, und dann Fahrradhelm auf. Klar, um die Hände frei zu haben. Trotzdem. Ich feixe und sage: Du siehst ja wieder aus!– Er grummelt darauf etwas, das ich nicht verstehe und dann ist da auch schon der lachende Mann mit seiner Entourage. Die drei Männer feixen auch wegen des Anblicks der Griesgrams. Abschließend zum Feixen stellt der lachende Mann fest: Nackt sind wir alle gleich. Obwohl ich gerade nicht der Hellste bin, werde ich spitzfindig im Sinne von: politisch ja, aber sonst? – Der lachende Mann präzisiert: Vor Gott sind wir alle gleich. – Ich lenke ein: Vor dem Tod sind wir alle gleich. – Der lachende Mann, hoch in den 70ern, will vom Tod nichts hören, sagt er und verweist darauf, dass das in der Bibel steht, dass wir vor Gott alle gleich sind. Das hat ihm seine Mutter vorgelesen aus der Bibel, als er noch ein Junge war. – Das ist eine schöne Vorstellung, dass die Mutter des lachenden Mannes ihm aus der Bibel vorgelesen hat, denke ich, während ich mich ausziehe und meine Sachen in den Spind hänge. Danach nehme ich mir vor, gegenüber alten Menschen nicht mehr so achtlos vom Tod zu reden. Denn so lange ist das bei mir auch nicht mehr hin, dass ich in einem Alter sein werde, in dem ich nicht unnötigerweise an den Tod erinnert werden möchte.
Der Griesgram ist auch schon in den 70ern, den frühen 70ern, und er ist von einem Hauttyp, der nicht anders denn als leichenblass bezeichnet werden kann. Sonst sieht man ihm sein Alter nicht an. Er ist drahtig und mit seinem Gesicht könnte er als Anfang 60 durchgehen. Er äußert sich stets mürrisch und abweisend; unmöglich, etwas zu sagen, dem er nicht widerspricht. Zu Anfang unserer Bekanntschaft habe ich mich noch darüber lustig gemacht, inzwischen habe ich großen Respekt vor seiner Griesgrämigkeit. Wegen der Konsequenz, mit der er sie auslebt, und weil sie ihn nicht daran hindert, auf seine Art freundlich und vergnügt zu sein. Im Winter musste er sich einer Prostataoperation unterziehen, wie er mir mal unter der Dusche erzählt hat. Danach habe er wie ein kleines Kind erst wieder lernen müssen, seine Blase zu kontrollieren, sagte er mit einem verschmitzten Lächeln. Ich habe darauf unwillkürlich auf sein blasses Genital geschaut und war erstaunt zu erfahren, dass man nach einer Prostataoperation nicht irreversibel inkontinent ist. Wenn man, wie der Griesgram, das Glück hatte mit computergesteuerter Laserchirurgie operiert zu werden. Ob seine Potenz dank Hightech die Operation auch unbeschadet überstanden hat, hätte ich gerne noch gefragt, habe es jedoch lieber gelassen. Denn obwohl wir uns seit Jahren in verschiedenen Hallenbädern treffen – gewissermaßen Sportkameraden sind –, legt er Wert darauf, dass wir uns siezen. Heute Früh habe ich ihn unwillkürlich geduzt, wie mir nachträglich erst aufgefallen ist. Da habe ich mir überlegt, dass ich dabei bleiben könnte, um mal auszuprobieren, wie er darauf reagiert. Kleines soziales Experiment. Ich werde darüber berichten.
Beim Verlassen des Hallenbades habe ich den Kassierer mit einem anderen Mann im Gespräch gesehen. Ich habe ihm zugewinkt und Tschüss gerufen. Er hat sich mir mit ernster Miene zugewandt und förmlich Auf Wiedersehen gesagt. Er, der sonst immer ein Lächeln für mich hat und eineinhalb Stunden zuvor noch mit mir gewitzelt hatte. Lag es an dem Gespräch, das er gerade führte? Oder liegt etwas gegen mich vor? In der Zwischenzeit hatte ich mir kein Fehlverhalten zuschulden kommen lassen. Aber vorher? In den letzten Tagen? – Das ist nun entweder mal wieder ein Fall von meiner Hypersensibilität, hat also nichts zu bedeuten, oder es ist interessant. Ich habe einen Verdacht. Dem werde ich nachgehen und auch darüber werde ich berichten.
Der Griesgram ist auch schon in den 70ern, den frühen 70ern, und er ist von einem Hauttyp, der nicht anders denn als leichenblass bezeichnet werden kann. Sonst sieht man ihm sein Alter nicht an. Er ist drahtig und mit seinem Gesicht könnte er als Anfang 60 durchgehen. Er äußert sich stets mürrisch und abweisend; unmöglich, etwas zu sagen, dem er nicht widerspricht. Zu Anfang unserer Bekanntschaft habe ich mich noch darüber lustig gemacht, inzwischen habe ich großen Respekt vor seiner Griesgrämigkeit. Wegen der Konsequenz, mit der er sie auslebt, und weil sie ihn nicht daran hindert, auf seine Art freundlich und vergnügt zu sein. Im Winter musste er sich einer Prostataoperation unterziehen, wie er mir mal unter der Dusche erzählt hat. Danach habe er wie ein kleines Kind erst wieder lernen müssen, seine Blase zu kontrollieren, sagte er mit einem verschmitzten Lächeln. Ich habe darauf unwillkürlich auf sein blasses Genital geschaut und war erstaunt zu erfahren, dass man nach einer Prostataoperation nicht irreversibel inkontinent ist. Wenn man, wie der Griesgram, das Glück hatte mit computergesteuerter Laserchirurgie operiert zu werden. Ob seine Potenz dank Hightech die Operation auch unbeschadet überstanden hat, hätte ich gerne noch gefragt, habe es jedoch lieber gelassen. Denn obwohl wir uns seit Jahren in verschiedenen Hallenbädern treffen – gewissermaßen Sportkameraden sind –, legt er Wert darauf, dass wir uns siezen. Heute Früh habe ich ihn unwillkürlich geduzt, wie mir nachträglich erst aufgefallen ist. Da habe ich mir überlegt, dass ich dabei bleiben könnte, um mal auszuprobieren, wie er darauf reagiert. Kleines soziales Experiment. Ich werde darüber berichten.
Beim Verlassen des Hallenbades habe ich den Kassierer mit einem anderen Mann im Gespräch gesehen. Ich habe ihm zugewinkt und Tschüss gerufen. Er hat sich mir mit ernster Miene zugewandt und förmlich Auf Wiedersehen gesagt. Er, der sonst immer ein Lächeln für mich hat und eineinhalb Stunden zuvor noch mit mir gewitzelt hatte. Lag es an dem Gespräch, das er gerade führte? Oder liegt etwas gegen mich vor? In der Zwischenzeit hatte ich mir kein Fehlverhalten zuschulden kommen lassen. Aber vorher? In den letzten Tagen? – Das ist nun entweder mal wieder ein Fall von meiner Hypersensibilität, hat also nichts zu bedeuten, oder es ist interessant. Ich habe einen Verdacht. Dem werde ich nachgehen und auch darüber werde ich berichten.
Sonntag, 10. April 2011
Über
Frühling Tag 20/21. Notiz von gestern Abend: Der Nachbar macht auf sich aufmerksam. Mehrfach. Was will er? Mir zeigen, dass er da ist und mich damit fernhalten Dann würde ich an seiner Stelle es eher vermeiden, sich mir zu zeigen. Um mir keinen Anlass zu geben, mich mit ihm zu beschäftigen und damit auch gleich wieder mit seiner Freundin, der Nachbarin. Denn wie soll ich sie vergessen, wenn er mich ständig an sie erinnert?
Von heute: Und wenn er genauso verspielt ist wie seine Freundin? Wenn er sich mir nur deshalb zeigt, weil er will, dass ich weiter über ihn und über sie schreibe und darüber, wie ich sie nicht kriege und wie verrückt ich nach ihr bin? - Dann gibt es darauf zwei Antworten. Erstens: Dann gilt für ihn das, was auch für sie gilt - dann muss er mehr machen, als nur Präsenz zeigen; denn das Präsenzzeigen ist mehrfach durchgespielt und beschrieben. Zweitens: Ich bin nicht mehr verrückt nach ihr. Ich denke zwar weiterhin an sie und beschäftige mich mit ihr. Siehe, was ich am Dienstag geschrieben habe. Und hinterher habe ich mir noch lange Gedanken gemacht, ob sie das nicht missverstehen könnte mit dem Krampf, und mir am nächsten Tag überlegt, ob ich das aufklären soll, dass das kein Krampf war, der kam vom Denken an sie, sondern ein Schreibkrampf, den ich hatte beim Verfassen des Posts über das Mädchen. Ich war schon kurz davor, am Mittwoch darüber zu posten, um bei der Gelegenheit gleich auch noch zu schreiben über eine Erinnerung an sie, die mir an diesem Tag nicht aus dem Kopf ging und begleitet war von einem zärtlichen Gefühl für sie, bei dem ich mir gesagt habe, dass ich aufhören sollte, immer so hart zu sein, wenn ich sie erwähne in meinen Texten, dass ich die Härte, die ich gegenüber mir selbst zeige in meinem Bemühen, sie mir aus dem Kopf zu schlagen, nicht gegen sie wenden sollte. – Erinnert habe ich mich an einen Abend im April vor zwei Jahren, als ich sie mit dem Nachbarn auf der Akazienstraße gesehen habe. Er buchstäblich hoch erhobenen Hauptes neben ihr gehend, seine Nase so hoch tragend, dass er nicht mitgekriegt hat, wie sie sich nach mir umgedreht hat und mir über die Schulter einen Blick zugeworfen hat, der so war, dass er mir heute noch nachgeht. Jedes Mal, wenn ich in den vergangenen zwei Jahren aufgeben wollte wegen gerade einmal wieder erwiesener Aussichtslosigkeit meiner Bemühungen, da habe ich mich an diesen Blick erinnert und nicht aufgegeben. Ich hatte sie an dem Abend gar nicht gleich erkannt, da ich sie nur von hinten gesehen habe. Ich hatte beeindruckt auf zwei Beine geschaut, Beine in sehr edlen transparenten schwarzen Strümpfen. Dann habe ich hochgeblickt, um nachzusehen, wer diese schönen Beine hat. Und in dem Moment hat sie sich nach mir umgedreht und ich habe gesehen, dass sie es ist. Zu der Zeit habe ich sie regelmäßig zwei, drei Mal in der Woche beim Schwimmen gesehen. Ich wusste, dass sie Amerikanerin ist, und habe darüber gerätselt, was sie wohl beruflich macht. Botschaftsangestellte? Lehrerin? Erzieherin? CIA-Agentin und im Nebenberuf Profi-Killerin, weil der Geheimdienst so schlecht zahlt? An dem Abend hatte sie einen dunkelblauen Mantel mit Gürtel an, dazu die edlen schwarzen Strümpfe und formelle Schuhe mit kleinem Absatz. Der Mantel der Uniform-Mantel einer Flugbegleiterin? Vielleicht ist sie Flugbegleiterin, habe ich darauf gedacht. Würde auch zu ihr passen. Könnte gut sein. - Aber wenn sie damals Flugbegleiterin war, ist sie es jetzt nicht mehr. Sie hat ein Job-Problem. Und das macht alles komplizierter, als es sein sollte. Denn das macht aus dem Unglück ein Elend, weil es sie finanziell abhängig macht und unfrei. Ende Gedanken vom Mittwoch. - Ich habe es gelassen, darüber zu schreiben, weil ich dachte, es würde sich im Laufe der Woche schon noch eine Gelegenheit ergeben, das mit dem Krampf richtigzustellen, und die Erinnerung wollte ich lieber für mich behalten, weil ich im Erinnern nichts über sie erfahre. Das sollte ich nun aber endlich mal: wenigstens ihren Namen sollte ich in Erfahrung bringen und eine Vorstellung davon bekommen, wer sie ist. Das sollte doch möglich sein, dass ich das bald mal hinkriege, nach mehr als zwei Jahren herauszufinden, wie sie heißt, wer sie ist und wie sie ist. - Mit dem Risiko, dass es mir dann mit ihr vielleicht so ergeht, wie es mir mit H., der Freundin von Inge ergangen ist? - Nach allem, was ich von ihr mitgekriegt habe, ist das nicht zu befürchten: eine uninteressante, fade Person ist sie bestimmt nicht. Eher das Gegenteil. Zu interessant. Und zu – was ist das Gegenteil von fade? – Auf jeden Fall zu viel für mich. Mir über. Das könnte sein. Wie es auch sein könnte, dass sie dem Nachbarn über ist. Dass das der Grund ist, warum sie sich mit ihm langweilt. Wie sie sich vielleicht auch mit mir langweilen würde. Doch das ist keine Aussicht, die mich schreckt. Denn es wird nicht dazu kommen, dass sie sich mit mir langweilen wird. Wenn das möglich wäre, dann hätte es die Gelegenheit dazu schon gegeben. Nachdem es die Gelegenheit in zwei Jahren nicht gegeben hat, wird es sie auch nicht mehr geben. Wenn ich eine Chance hatte, dann habe ich sie vertan. Und weil ich das inzwischen eingesehen habe, bin ich nicht mehr verrückt nach ihr. Nur noch manchmal traurig, wenn ich an sie denke - und entschlossener denn je, endlich rauszukriegen, wer sie ist. - Fortsetzung folgt? Sicher bin ich mir dessen nicht. Denn siehe oben: Es könnte sein, dass sie mir über ist. Heißt: Wenn sie mir ihren Namen nicht preisgeben will, werde ich ihn nie erfahren. Aber wenn sie will, dass wir endlich miteinander bekannt werden, dann wird es der Nachbar auf Dauer nicht verhindern können.
Von heute: Und wenn er genauso verspielt ist wie seine Freundin? Wenn er sich mir nur deshalb zeigt, weil er will, dass ich weiter über ihn und über sie schreibe und darüber, wie ich sie nicht kriege und wie verrückt ich nach ihr bin? - Dann gibt es darauf zwei Antworten. Erstens: Dann gilt für ihn das, was auch für sie gilt - dann muss er mehr machen, als nur Präsenz zeigen; denn das Präsenzzeigen ist mehrfach durchgespielt und beschrieben. Zweitens: Ich bin nicht mehr verrückt nach ihr. Ich denke zwar weiterhin an sie und beschäftige mich mit ihr. Siehe, was ich am Dienstag geschrieben habe. Und hinterher habe ich mir noch lange Gedanken gemacht, ob sie das nicht missverstehen könnte mit dem Krampf, und mir am nächsten Tag überlegt, ob ich das aufklären soll, dass das kein Krampf war, der kam vom Denken an sie, sondern ein Schreibkrampf, den ich hatte beim Verfassen des Posts über das Mädchen. Ich war schon kurz davor, am Mittwoch darüber zu posten, um bei der Gelegenheit gleich auch noch zu schreiben über eine Erinnerung an sie, die mir an diesem Tag nicht aus dem Kopf ging und begleitet war von einem zärtlichen Gefühl für sie, bei dem ich mir gesagt habe, dass ich aufhören sollte, immer so hart zu sein, wenn ich sie erwähne in meinen Texten, dass ich die Härte, die ich gegenüber mir selbst zeige in meinem Bemühen, sie mir aus dem Kopf zu schlagen, nicht gegen sie wenden sollte. – Erinnert habe ich mich an einen Abend im April vor zwei Jahren, als ich sie mit dem Nachbarn auf der Akazienstraße gesehen habe. Er buchstäblich hoch erhobenen Hauptes neben ihr gehend, seine Nase so hoch tragend, dass er nicht mitgekriegt hat, wie sie sich nach mir umgedreht hat und mir über die Schulter einen Blick zugeworfen hat, der so war, dass er mir heute noch nachgeht. Jedes Mal, wenn ich in den vergangenen zwei Jahren aufgeben wollte wegen gerade einmal wieder erwiesener Aussichtslosigkeit meiner Bemühungen, da habe ich mich an diesen Blick erinnert und nicht aufgegeben. Ich hatte sie an dem Abend gar nicht gleich erkannt, da ich sie nur von hinten gesehen habe. Ich hatte beeindruckt auf zwei Beine geschaut, Beine in sehr edlen transparenten schwarzen Strümpfen. Dann habe ich hochgeblickt, um nachzusehen, wer diese schönen Beine hat. Und in dem Moment hat sie sich nach mir umgedreht und ich habe gesehen, dass sie es ist. Zu der Zeit habe ich sie regelmäßig zwei, drei Mal in der Woche beim Schwimmen gesehen. Ich wusste, dass sie Amerikanerin ist, und habe darüber gerätselt, was sie wohl beruflich macht. Botschaftsangestellte? Lehrerin? Erzieherin? CIA-Agentin und im Nebenberuf Profi-Killerin, weil der Geheimdienst so schlecht zahlt? An dem Abend hatte sie einen dunkelblauen Mantel mit Gürtel an, dazu die edlen schwarzen Strümpfe und formelle Schuhe mit kleinem Absatz. Der Mantel der Uniform-Mantel einer Flugbegleiterin? Vielleicht ist sie Flugbegleiterin, habe ich darauf gedacht. Würde auch zu ihr passen. Könnte gut sein. - Aber wenn sie damals Flugbegleiterin war, ist sie es jetzt nicht mehr. Sie hat ein Job-Problem. Und das macht alles komplizierter, als es sein sollte. Denn das macht aus dem Unglück ein Elend, weil es sie finanziell abhängig macht und unfrei. Ende Gedanken vom Mittwoch. - Ich habe es gelassen, darüber zu schreiben, weil ich dachte, es würde sich im Laufe der Woche schon noch eine Gelegenheit ergeben, das mit dem Krampf richtigzustellen, und die Erinnerung wollte ich lieber für mich behalten, weil ich im Erinnern nichts über sie erfahre. Das sollte ich nun aber endlich mal: wenigstens ihren Namen sollte ich in Erfahrung bringen und eine Vorstellung davon bekommen, wer sie ist. Das sollte doch möglich sein, dass ich das bald mal hinkriege, nach mehr als zwei Jahren herauszufinden, wie sie heißt, wer sie ist und wie sie ist. - Mit dem Risiko, dass es mir dann mit ihr vielleicht so ergeht, wie es mir mit H., der Freundin von Inge ergangen ist? - Nach allem, was ich von ihr mitgekriegt habe, ist das nicht zu befürchten: eine uninteressante, fade Person ist sie bestimmt nicht. Eher das Gegenteil. Zu interessant. Und zu – was ist das Gegenteil von fade? – Auf jeden Fall zu viel für mich. Mir über. Das könnte sein. Wie es auch sein könnte, dass sie dem Nachbarn über ist. Dass das der Grund ist, warum sie sich mit ihm langweilt. Wie sie sich vielleicht auch mit mir langweilen würde. Doch das ist keine Aussicht, die mich schreckt. Denn es wird nicht dazu kommen, dass sie sich mit mir langweilen wird. Wenn das möglich wäre, dann hätte es die Gelegenheit dazu schon gegeben. Nachdem es die Gelegenheit in zwei Jahren nicht gegeben hat, wird es sie auch nicht mehr geben. Wenn ich eine Chance hatte, dann habe ich sie vertan. Und weil ich das inzwischen eingesehen habe, bin ich nicht mehr verrückt nach ihr. Nur noch manchmal traurig, wenn ich an sie denke - und entschlossener denn je, endlich rauszukriegen, wer sie ist. - Fortsetzung folgt? Sicher bin ich mir dessen nicht. Denn siehe oben: Es könnte sein, dass sie mir über ist. Heißt: Wenn sie mir ihren Namen nicht preisgeben will, werde ich ihn nie erfahren. Aber wenn sie will, dass wir endlich miteinander bekannt werden, dann wird es der Nachbar auf Dauer nicht verhindern können.
Samstag, 9. April 2011
Aufmerksam
Frühling Tag 20. Eine Frau, über deren sexuelle Vorlieben ich informiert bin, als wäre ich schon mal dabei gewesen (ich übertreibe), sitzt vor der Feinbäckerei an einem Tisch mit drei Männern und grüßt mich freundlich, nachdem sie mich jahrelang nicht gegrüßt hat. Ganz zu Anfang unserer entfernten Bekanntschaft haben wir uns freundlich gegrüßt, dann hat sie nicht mehr zurückgegrüßt. Bis ich sie auch nicht mehr gegrüßt habe. Ohne mir vorstellen zu können, was gegen mich vorlag und so schwerwiegend war, dass sie unsere Grußbekanntschaft beendet hatte. Genauso wenig, wie ich mir nun erklären kann, weshalb sie auf einmal wieder grüßt, nachdem wir uns so lange nicht mehr gesehen haben, dass ich mir einen Augenblick lang unschlüssig war, woher ich sie kenne. Aus dem Kneipenleben, aus dem ich auch den Mann kenne, der sich anerkennend über ihre sexuellen Vorlieben ausgesprochen hat. Kann sein, dass es das nächste Mal, wenn wir uns sehen, schon wieder vorbei sein wird mit dem Grüßen, wenn sie das hier liest und sich gemeint fühlt. Daran wird sich zeigen, ob sie Format hat. Das mit dem Format ist ein Witz.
Mit einer Frau, die mir wegen ihrer stromlinienförmigen schwarzen Badekappe schon seit Jahren auffällt, habe ich vor ein paar Wochen zum ersten Mal kurz am Beckenrand gesprochen. Von da an haben wir uns jedes Mal, wenn wir uns im Wasser oder in der Garderobe begegnet sind, zugelächelt und zugenickt. Die letzten beiden Male hat sie ein verschlossenes Gesicht gemacht und meinen Gruß so verhalten erwidert, dass ich hinterher beim Verlassen der Garderobe zum Kassierer gesagt habe: Das ist für mich eines der großen Geheimnisse des Lebens, warum Leute, die einem bisher immer freundlich begegnet sind, es plötzlich nicht mehr tun, ohne dass es dafür einen erkennbaren Grund gibt. – Vielleicht jemand gestorben, sagte der Kassierer darauf, ohne eine Miene zu verziehen. Und nachdem ich aufgehört hatte zu lachen über seine Antwort, hat er mir erzählt, dass sein Onkel in Hamburg vor zwei Wochen tot in seiner Wohnung gelegen hat, und dass er, der Kassierer, nun die vom Onkel gewünschte Seebestattung organisieren wird. Danach habe ich mir erklären lassen, wie das im Einzelnen abläuft bei einer Seebestattung, und währenddessen kam die Frau, die beim Schwimmen eine stromlinienförmige Badekappe trägt, an uns vorbei und hat wieder ein verschlossenes Gesicht gemacht zu mir her.
Der Jura-Professor schreibt ein juristisches Fachbuch nach dem anderen und ich kann mir nicht erklären, wie er das schafft, weil er nämlich immer, wenn wir uns treffen, gerade aus Brasilien kommt oder aus Argentinien oder Japan oder aus einem afrikanischen Land und dort ein paar Monate gelehrt hat. Heute habe ich ihn vor Reichelt an der Rolltreppe getroffen mit seiner jungen Frau. Ich habe gesagt, dass ich dieses Mal schon weiß, von woher er gerade zurückgekommen ist, da ich vor zwei Tagen seine Frau getroffen habe und sie mir schon alles erzählt hat. – Dann ist ja schon alles gesagt für heute, hat er geantwortet mit seinem kleinen trockenen Humor. Darauf habe ich über die sich hinziehenden Bauarbeiten im Stadtbad Schöneberg in der Hauptstraße gesprochen, wo wir miteinander bekannt geworden sind und uns im Schwimmbecken jedes Mal mit einem solchen förmlichen Zunicken zu begrüßen pflegten, dass nicht viel fehlte, dass wir aufeinander zugeschwommen wären und uns die Hand gegeben hätten. Ich habe erzählt, dass ein mir auch vom Schwimmen bekannter Architekt erklärt hat, dass es aufwendiger ist und deshalb länger dauert, in ein bestehendes Gebäude hineinzubauen als ein neues zu errichten. Worauf der Jura-Professor meinte, das sei ja nun hinlänglich bekannt. Da das eine Art von brüsker Bemerkung war, wie ich sie auch jederzeit machen könnte, habe ich ihm das nicht übel genommen. Habe dann allerdings festgestellt, dass dieser Sachverhalt, so bekannt er sein mag, nun mal eine Erklärung für das Sichhinziehen der Bauarbeiten im Stadtbad Schöneberg ist. Wogegen er nichts einwenden konnte. Auch wenn er es gerne getan hätte, denn er war, glaube ich, schon etwas angefressen von meinem Eröffnungssatz, mit dem ich ihn von seinem Lieblingsthema abgehalten habe.
Vorher im Supermarkt hatte ich an der Kasse gestanden und es ging nicht voran. Da kam ein kleiner Junge her und sagte: Sie können auch an die Kasse nebenan gehen. Die ist geöffnet. – Das hatte ich nicht bemerkt, weil dort keine Warteschlange war. Der Junge ging darauf zurück zu der Kasse, wo die Kassiererin, die vorher kurz weg gegangen war, gerade wieder Platz nahm. – Du bist ja freundlich und aufmerksam, habe ich gesagt, als ich mich hinter dem Jungen anstellte, der schon mit dem Einpacken seiner Einkäufe beschäftigt war und keine Notiz mehr von mir nahm. Inzwischen war die Frau, die an der anderen Kasse vor mir gestanden hatte, auch hergekommen, und da ich mich gar nicht einkriegen konnte wegen der Freundlichkeit des Jungen, das bei ihm aber nicht loswerden konnte, sagte ich zu der Frau auf den Jungen deutend: Das haben wir ihm zu verdanken. – Sie nickte anerkennend, und als ich mit meinem Korb an ihr vorbei gehen wollte, um ihn auf den Korbstapel zu stellen, da nahm sie ihn mir ab und machte das für mich. Das Leben war so, wie es immer sein sollte. Kurz darauf habe ich den Jungen noch mal gesehen. Vor der Back-Factory. Er trug einen Fahrradhelm und sagte Tschüss zu mir, bevor er mit seinem Fahrrad losgefahren ist. Wie alt mag er sein? 12 Jahre wahrscheinlich. Als ich mir dann überlegt habe, warum ich mich so gefreut habe über das Verhalten des Jungen, da kam ich schließlich darauf, dass es sein könnte, dass ich auch einmal wie dieser Junge gewesen bin.
Mit einer Frau, die mir wegen ihrer stromlinienförmigen schwarzen Badekappe schon seit Jahren auffällt, habe ich vor ein paar Wochen zum ersten Mal kurz am Beckenrand gesprochen. Von da an haben wir uns jedes Mal, wenn wir uns im Wasser oder in der Garderobe begegnet sind, zugelächelt und zugenickt. Die letzten beiden Male hat sie ein verschlossenes Gesicht gemacht und meinen Gruß so verhalten erwidert, dass ich hinterher beim Verlassen der Garderobe zum Kassierer gesagt habe: Das ist für mich eines der großen Geheimnisse des Lebens, warum Leute, die einem bisher immer freundlich begegnet sind, es plötzlich nicht mehr tun, ohne dass es dafür einen erkennbaren Grund gibt. – Vielleicht jemand gestorben, sagte der Kassierer darauf, ohne eine Miene zu verziehen. Und nachdem ich aufgehört hatte zu lachen über seine Antwort, hat er mir erzählt, dass sein Onkel in Hamburg vor zwei Wochen tot in seiner Wohnung gelegen hat, und dass er, der Kassierer, nun die vom Onkel gewünschte Seebestattung organisieren wird. Danach habe ich mir erklären lassen, wie das im Einzelnen abläuft bei einer Seebestattung, und währenddessen kam die Frau, die beim Schwimmen eine stromlinienförmige Badekappe trägt, an uns vorbei und hat wieder ein verschlossenes Gesicht gemacht zu mir her.
Der Jura-Professor schreibt ein juristisches Fachbuch nach dem anderen und ich kann mir nicht erklären, wie er das schafft, weil er nämlich immer, wenn wir uns treffen, gerade aus Brasilien kommt oder aus Argentinien oder Japan oder aus einem afrikanischen Land und dort ein paar Monate gelehrt hat. Heute habe ich ihn vor Reichelt an der Rolltreppe getroffen mit seiner jungen Frau. Ich habe gesagt, dass ich dieses Mal schon weiß, von woher er gerade zurückgekommen ist, da ich vor zwei Tagen seine Frau getroffen habe und sie mir schon alles erzählt hat. – Dann ist ja schon alles gesagt für heute, hat er geantwortet mit seinem kleinen trockenen Humor. Darauf habe ich über die sich hinziehenden Bauarbeiten im Stadtbad Schöneberg in der Hauptstraße gesprochen, wo wir miteinander bekannt geworden sind und uns im Schwimmbecken jedes Mal mit einem solchen förmlichen Zunicken zu begrüßen pflegten, dass nicht viel fehlte, dass wir aufeinander zugeschwommen wären und uns die Hand gegeben hätten. Ich habe erzählt, dass ein mir auch vom Schwimmen bekannter Architekt erklärt hat, dass es aufwendiger ist und deshalb länger dauert, in ein bestehendes Gebäude hineinzubauen als ein neues zu errichten. Worauf der Jura-Professor meinte, das sei ja nun hinlänglich bekannt. Da das eine Art von brüsker Bemerkung war, wie ich sie auch jederzeit machen könnte, habe ich ihm das nicht übel genommen. Habe dann allerdings festgestellt, dass dieser Sachverhalt, so bekannt er sein mag, nun mal eine Erklärung für das Sichhinziehen der Bauarbeiten im Stadtbad Schöneberg ist. Wogegen er nichts einwenden konnte. Auch wenn er es gerne getan hätte, denn er war, glaube ich, schon etwas angefressen von meinem Eröffnungssatz, mit dem ich ihn von seinem Lieblingsthema abgehalten habe.
Vorher im Supermarkt hatte ich an der Kasse gestanden und es ging nicht voran. Da kam ein kleiner Junge her und sagte: Sie können auch an die Kasse nebenan gehen. Die ist geöffnet. – Das hatte ich nicht bemerkt, weil dort keine Warteschlange war. Der Junge ging darauf zurück zu der Kasse, wo die Kassiererin, die vorher kurz weg gegangen war, gerade wieder Platz nahm. – Du bist ja freundlich und aufmerksam, habe ich gesagt, als ich mich hinter dem Jungen anstellte, der schon mit dem Einpacken seiner Einkäufe beschäftigt war und keine Notiz mehr von mir nahm. Inzwischen war die Frau, die an der anderen Kasse vor mir gestanden hatte, auch hergekommen, und da ich mich gar nicht einkriegen konnte wegen der Freundlichkeit des Jungen, das bei ihm aber nicht loswerden konnte, sagte ich zu der Frau auf den Jungen deutend: Das haben wir ihm zu verdanken. – Sie nickte anerkennend, und als ich mit meinem Korb an ihr vorbei gehen wollte, um ihn auf den Korbstapel zu stellen, da nahm sie ihn mir ab und machte das für mich. Das Leben war so, wie es immer sein sollte. Kurz darauf habe ich den Jungen noch mal gesehen. Vor der Back-Factory. Er trug einen Fahrradhelm und sagte Tschüss zu mir, bevor er mit seinem Fahrrad losgefahren ist. Wie alt mag er sein? 12 Jahre wahrscheinlich. Als ich mir dann überlegt habe, warum ich mich so gefreut habe über das Verhalten des Jungen, da kam ich schließlich darauf, dass es sein könnte, dass ich auch einmal wie dieser Junge gewesen bin.
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