Donnerstag, 24. Mai 2012
Scheibe
Das ist der schöne Tag heute um 15.47 Uhr vor Norberts Laden, wo ich am liebsten stehen geblieben wäre, weil es so entspannend war, aber ich musste nach Hause, die Texte lesbar machen, die übrig geblieben sind von der Geschichte, die nichts geworden ist.
Das ist die üppig bewachsene Baumscheibe vor Norberts Laden. Von ihm bepflanzt und gepflegt und deshalb so üppig bewachsen, weil der Baum genügend Sonnenlicht durchlässt, also nicht so gut dasteht.
Die übrig gebliebenen Texte gibt es ab morgen.
Mittwoch, 23. Mai 2012
Berlin
Die Stadt ist hart. Das meint die Gesprächspartnerin auch. Ich will nicht wehleidig sein und sage: Aber sie ist gerecht, sie ist schlecht zu allen und das sagen auch alle. Auch da stimmt mir die Gesprächspartnerin zu. Aber wer ist die Stadt? Die Gesprächspartnerin weiß nicht, worauf ich hinaus will. Und dann bin ich selbst einen Moment überrascht von der Antwort: Wir! Wir sind die Stadt, die schlecht ist zu uns allen.
Prada
Gestern Premiere in Cannes:
Roman Polanski
Helena Bonham Carter
Ben Kingsley
ein Schuh
ein Traum
ein Mantel
eine Therapie
Question: Oh doctor, what does it mean?
Answer: Prada suits everyone.
Dienstag, 22. Mai 2012
Pingelig
Aufgeregt gewinkt hat sie
und gerufen: Ich möchte Sie einladen. – Einladen? – Nicht nur zu einem Kaffee. Ich meine, richtig einladen. – Weil ich an dem Tag schon genug gesehen und
gehört hatte, habe ich gesagt, ich komme demnächst mal bei Ihnen vorbei und jedes Mal, wenn ich daran dachte, habe ich gerätselt, wozu kann die mich denn einladen, die Frau
aus dem Keramikladen, die Töpferin? Ich habe doch schon über sie und ihren Laden geschrieben.
Sonntag komme ich zufällig
vorbei, Laden geschlossen, aber sofort sehe ich es, wozu sie mich einladen will
- und bin enttäuscht. Natürlich nicht von ihr, wie sie gestern meinte, als ich
ihr das erzählte. Von der Dramaturgie bin ich enttäuscht. Von der zu einfachen
Erklärung und die Ausstellung interessiert mich auch nicht, so wie ich das sehe
in dem Schaufenster. Aber weil ich damals noch keine Kamera hatte, als ich die
Töpferin vorgestellt habe, gehe ich heute hin, um Fotos von ihr zu machen, und
dann kann sie mir erzählen, was es auf sich hat mit der Ausstellung. Doch dann:
So ein kleiner Laden und
eine ganze Woche Vorbereitung für eine Ausstellung?
Das fragt der Richtige.
Mehr als drei Wochen habe ich gebraucht, um zu merken, dass eine Geschichte, an
der ich geschrieben habe, keine ist.
Nicht lange her,
da hast du drei Jahre gebraucht, bis du gemerkt hast, dass eine Geschichte
keine ist.
Keine Liebesgeschichte war das. Jetzt war es keine Schreibgeschichte.
Der Fehler ist trotzdem
immer der gleiche.
Sag ihn mir nicht.
Umstände, Umstände, aber
keine Geschichte.
Was soll das heißen?
Und zu pingelig bist du
auch.
Ich weiß.
Viel zu pingelig. Das ist
der Grund für den Misserfolg.
Wenn es so einfach wäre.
Ist es.
Nicht.
Weil du so pingelig
bist.
Schluchz!
Montag, 21. Mai 2012
5 Euro
Haben Sie es nicht
kleiner, fragt sie angestrengt und wie stets ohne zu lächeln. Nicht, weil sie
für Lächeln nicht bezahlt wird. Ich habe schon gesehen, wie sie gelächelt hat
mit anderen Kunden. Nur für mich gibt es prinzipiell kein Lächeln. Vielleicht
hasst sie ihren Vater und ich bin im gleichen Alter wie er. Keine Ahnung.
Nein, tut mir leid. Ich
habe es nicht kleiner, antworte ich und es tut mir wirklich leid, weil ich
jetzt den 50-Euro-Schein wechseln (anbrechen) muss, was ich gerne noch hinausgezögert hätte. Aber es macht nun mal 2
Euro und ich habe nur 1 Euro 80 klein. Ich vergewissere
mich und dann halte ich ihr zum Beweis mein Kleingeld hin. Das mache ich, weil ich zu ihr
gerne eine ebenso entspannte Geschäftsbeziehung hätte wie zu ihren
Kollegen.
Sie legt den 50-Euro-Schein in die Kasse und entnimmt ihr einen 20-Euro-, zwei 10-Euro-Scheine
und drei Euro in Münzen.
Während sie mir das Geld
gibt, bitte ich sie um eine Tüte. Nicht für das Geld, für die Ware.
Ich habe in der rechten
Hand die Geldscheine und in der linken die Münzen, ein 1-Euro- und ein
2-Euro-Stück. Wegen der Schwierigkeit der Geschäftsbeziehung zu ihr sage ich
nichts. Ich halte ihr nur das Geld hin, das sie mir gegeben hat, damit sie es
selbst sieht.
Das dauert. Nach Abschluss
des Zahlungsvorgangs hat sie sich nämlich gleich ihrem Terminal zugewandt und
guckt nun ganz konzentriert, weil sie da vielleicht was Wichtiges zu tun hat und
weil sie keine Sekunde länger sich mit mir abgeben will, schon gar nicht,
indem sie Tschüss sagt, wenn ich mich verabschiede.
Aber nun stehe ich da immer
noch mit dem Geld in der Hand und sage nichts, und das kann ihr trotz ihrer
Konzentration auf den Bildschirm nicht entgehen, dass ich etwas will, und das ist
jetzt nicht die Tüte.
Sie weiß auch sofort, wo
sie hingucken muss, als sie ihre Augen vom Bildschirm abwendet. Da schaut sie
mir nicht ins Gesicht: Was gibt’s noch? Da blickt sie sofort auf meine Hände
mit den Geldscheinen und den Münzen. Fragend der Blick: Was ist da? – Jetzt
sieht sie es und gibt mir wortlos die fehlenden fünf Euro - einen Schein - und
wendet sich sogleich wieder ihrem Terminal zu mit der wichtigen Sache, die sie
da zu tun hat.
Ich stecke das Geld ein und wiederhole meine Bitte um eine Tüte.
Ach so, die Tüte, sagt
sie, gibt mir eine und zieht sich wieder zurück in ihre wichtige Sache,
indem sie ihrem Kollegen nun eine Frage zu der Sache stellt.
Froh, es sofort gemerkt zu haben, dass sie mir fünf Euro zu wenig herausgegeben hat, und nicht der Trottel zu sein, für den sie mich vielleicht hält, verzichte ich darauf, Tschüss zu ihr zu sagen und ihr damit weiteren Stress zu machen, wo sie sowieso schon jedes Mal an ihren Alten erinnert wird, wenn sie mich nur sieht. Aber vielleicht
hat sie auch ihren Vater nie kennengelernt und sie ist in einem Waisenhaus aufgewachsen, wo
Kinder, die ein anderes Kind bestohlen hatten, von der Heimleitung der Gerichtsbarkeit der Kinder überlassen wurden und das glaubt niemand, der nicht selbst in
einem Heim war, was die dann mit den Dieben angestellt haben. Vielleicht erinnere
ich sie an jemand aus dem Heim. Vielleicht hat sie sich auch einfach nur
vertan.
Sonntag, 20. Mai 2012
Feuilletonistin
Sie hat mir erzählt, dass
sie jetzt ein iPhone hat und übermorgen fliegt sie zur Frieze, die dieses Jahr zum ersten Mal in New York stattfindet. Ich habe meinen Blog erwähnt, als sie mich fragte,
was ich so mache, und habe ihr meine Karte mit der Blogadresse gegeben. Vor
drei Wochen war das.
Heute kommt sie mir
strahlend entgegen und ich weiß gar nicht mehr, ob sie Hallo gesagt hat, bevor sie mir eilends mitteilte, sie sei noch nicht dazu gekommen,
meinen Blog zu lesen. Da schon hätte ich ihr am liebsten den Ton abgedreht,
denn sie zu unterbrechen ist mir nicht gelungen, einen solchen Drang hatte sie,
mir zu erzählen, dass sie meine Karte mit der Blogadresse sich so hingelegt hat
auf ihren Schreibtisch, dass sie sie immer vor Augen hat, aber sie sei einfach
noch nicht dazu gekommen, in meinen Blog reinzuschauen, denn wenn sie es tut,
dann will sie sich dafür Zeit nehmen. – Jetzt endlich ich: Dass
ich sie mag. – Und jetzt nicht mehr? – Nein, das geht
parallel weiter. Aber unabhängig davon muss ich feststellen, wie dämlich das von dir ist, mir zu sagen, dass du meinen Blog n
i c h t gelesen hast. Sag mir, wenn du
ihn gelesen hast, oder sag nichts, aber bitte nicht, dass du ihn nicht gelesen
hast. Ich begrüße dich ja auch nicht mit den Worten: Ich habe den Artikel, den
du über die Frieze geschrieben hast in der taz nicht gelesen. Das mit ihrem Artikel habe ich in Wirklichkeit nicht gesagt, es ist mir eben erst
eingefallen, nachdem mir klar geworden ist, wie es tatsächlich war. Nicht dämlich.
Geschickt war es von ihr. Eine dieser kleinen Alltagsverlogenheiten, die das Leben von
Leuten wie ihr so viel leichter machen. Sie hatte im Blog gelesen, genug,
um eine Meinung zu haben. So wie ihre Meinung ist, wollte sie sich aber lieber nicht
auf einen Dialog mit mir einlassen. Zu anstrengend. Daher wollte sie
verhindern, dass es zu diesem Dialog kam, als sie mich sah. Daher die Dringlichkeit, daher
der Energieaufwand, mit dem sie mir mitteilte, dass sie den Blog nicht gelesen
hatte. Blöd und lästig bleibt es dennoch für mich. Genauso wenig, wie ich hören
will, dass sie meinen Blog nicht gelesen hat, will ich miterleben, wie routiniert
sie mit Leuten wie mir umgeht als gestandene Feuilletonistin.
Gerade weil meine Sympathie für sie parallel weiterbesteht.
Es war ein Fehler, ihr die
Karte mit der Blogadresse zu geben und den Eindruck entstehen zu
lassen, es wäre mir wichtig, dass sie liest, was ich schreibe, wo ich selbst
höchstens alle drei Jahre mal einen Artikel von ihr lese.
Gäste
Rauchen ist cool. Garten von Clärchens Ballhaus.
Setzt du bitte mal deine Sonnenbrille auf, Charly?
Charlotte macht gerade Abitur in Heidelberg.
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