Samstag, 21. Juli 2012

Rudi-Dutschke-Straße


Gegenüber eine Vermögensverwaltung. Auch mit goldener Tür.





Tür geschlossen. Also Anruf. Keiner geht ran. Anklopfen. Jetzt habe ich auch mal an eine goldene Tür geklopft und sie hat sich nicht vor mir geöffnet. Fotos. Zweiter Anruf. Gibt es irgendwo ein verborgenes Kameraauge und ich kann noch so lange anrufen, die lassen mich nicht rein, weil es mir allzu deutlich anzusehen ist, dass ich kein Käufer der ausgestellten Hunde- und-Teppich-Bilder sein werde? Wie kommt der überhaupt hierher? Was will der? – Ich weiß es, aber ich sage es nicht. Ich hätte es auch für mich behalten, wenn sie mir Einlass gewährt hätten. Und dass sie es nicht taten, liegt dann doch nicht an mir, sondern an Auflösungserscheinungen, zu denen es gekommen ist, nachdem am Dienstag wie angekündigt die Eröffnung der Ausstellung von SEO stattgefunden hat, oder sie haben heute nur keine Lust. Das könnte natürlich auch sein, meint der freundliche Mann zwei Etagen tiefer, der mich damit so oder so vom Stigma des Ausgestoßenen befreit. Und kann es nicht auch sein, dass sie innerhalb von drei Tagen alle Bilder verkauft haben, und deshalb verstecken sie sich jetzt hinter der defekten Klingel und der Anweisung mit der Telefonnummer? Weil sie nicht wollen, dass dieser Riesenerfolg publik wird, da es vermutlich schon genug Gerede wegen der goldenen Tür gibt.

Ich habe keine Ahnung vom Kunsthandel. Und ich will auch eine goldene Tür haben.

Dennewitzstraße





Freitag, 20. Juli 2012

People Shot




Hope is lost
Faith is broken
A fire will rise
On July 20



Spiegel Online: Grauen in Saal 9

Donnerstag, 19. Juli 2012

Spicer


Die Wohnung von Julie August ist jetzt nicht mehr die 18m Galerie, sondern die Wohnung in der Akazienstraße, in der am 18. jeden Monats um 18 Uhr der 18m Salon stattfindet; im August wegen Ferien übrigens nicht. Gestern mit der Vorstellung von Nancy Murphy Spicer und ihren Zeichnungen Biking in Berlin. Hier steht die Geschichte dazu, hier eine Übersicht:


Die Künstlerin: Nancy Murphy Spicer.


US-Amerikanerin, verheiratet, Mutter zweier Töchter, wohnhaft in England, im bei Künstlern sehr beliebten Bath, und hier erzählt Mrs. Spicer, wie sie sich in ihrer Familie als Künstlerin durchgesetzt hat, indem sie ihre innere Stimme laut nach außen hat dringen lassen, und die innere Stimme rief: NEIN! – Nein, ich werde meine Kunst nicht aufgeben, weil der Mann promovieren will und ich mich so lange mehr oder weniger alleine um die Kinder kümmern soll. Das Ganze verziert mit dem Umstand, dass sie offenbar der Religionsgemeinschaft der Quäker angehört, die entscheidenden Verhandlungen also in einer Quäker-Gemeinde stattfanden. In Boston, Massachusetts. Mehr New England geht nicht. Und dann hat der Mann promoviert, sie ist Künstlerin geblieben, die Töchter sind vermutlich wahre Schätze geworden und Mrs. Spicer erzählt uns das alles auch deshalb, weil sie inzwischen als Coach arbeitet für Frauen, deren innere Stimme nicht so laut ist wie die ihre  und die trotzdem ein von sich selbst erfülltes Leben haben möchten.



Das habe ich nicht erwartet, dass es neben den Biking in Berlin-Zeichnungen auch Installationen geben wird. Die einfachste für mich die schönste. Womit ich die anderen nicht herabsetzen will. Auch nicht mit dem Hinweis, dass sie mich an die Rope Drawings von O`Doherty erinnern. Im Gegenteil: das Wunderbare an den Schöpfungen von Mrs. Spicer ist, wie unangestrengt und unprätentiös sie sind und wie sie ohne das feuilletonistische Geschwalle auskommen, mit dem O´Doherty sich umgibt.


Room Drawings. Raumzeichnungen nennt Mrs. Spicer ihre Installationen aus Gummischnüren (?). Sie entwirft sie situativ, also auf den Ausstellungsraum oder den Raum eines Auftraggebers bezogen. Und sie gibt den Schöpfungen Titel wie Hanging Drawing Loop 11´ oder Hanging Drawing Loop 40´ Wie diese Schöpfung heißt, weiß ich ich nicht, es ist auf jeden Fall das, was Mrs. Spicer zu Julie Augusts Küche eingefallen ist:


Für Julie, die eine neue Freundin gewonnen hat, und für alle anderen Nancy, für mich Mrs. Spicer. Ich habe es nicht geschafft, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Ist in ihrem Fall schon okay. Nur weiß ich jetzt nicht, wie die korrekte Bezeichnung für das Material ist, mit dem sie ihre Room Drawings hängt – lead, rubber, acrylic paint, hooks, steht bei den Materialangaben. Gummischnüre? Habe ich noch nie gehört. Aber auch das macht nichts.







Die Ausstellung ist noch bis ca. 15. August zu sehen. Nach Voranmeldung. Kontaktdaten hier: www.18m salon.de .
Kunst: Ó Nancy Murphy Spicer
Fotos: Ó w.g.
Nachgetragen: lead = Kabel, aber sind das Kabel, so wie die hängen? Mrs. Spicer muss es wissen. Also Kabel. 

Mehr Fotos hier: Gastgeberin.

Mittwoch, 18. Juli 2012

Erleichterung



Ein Freund ist Polizist und es ist allein schon gut, mit ihm über die Sache zu reden, mit der ich bisher alleine war. Die Sache ist das elende Hacker-Thema in meinem Leben. Das Gespräch findet bei Milchkaffee und Cola Light in dem türkischen Frühstückscafé auf der Ecke Potsdamer/Großgörschenstraße statt, wo es sogar Raucherkabinette mit extra starker Entlüftung gibt.


In dem Raucherkabinett, in dem wir sitzen, gibt es hinter einer Sichtblende noch einen zweiten Tisch, an dem zwei junge Frauen Platz nehmen, die ich ganz vergesse, als ich dann  meinen Fall schildere, sehr anschaulich und daher ziemlich laut.




Als die beiden Frauen später aufstehen und gehen, bemerke ich, wie die Frau ohne Kopftuch mich im Weggehen mustert mit einer Miene, in der sich Neugier und Entsetzen mischen, doch das Entsetzen überwiegt. In einer für mich charakteristischen Reaktion denke ich: na, so schlimm ist es nun auch wieder nicht. Obwohl es ein unerträglicher Zustand ist, mit dem ich nun so lange schon lebe und alle Versuche, den Zustand zu beenden, fehlgeschlagen sind, so dass ich mir alleine nicht mehr zu helfen weiß, deshalb jetzt das Gespräch und dabei die Überraschung, dass der Freund viel mehr für mich tun kann, als mir nur zu raten. Gefühl der Erleichterung hinterher. Aber dabei geht mir der Blick der jungen Türkin nicht aus dem Sinn. Was hat sie so entsetzt? Der unerträgliche Zustand oder wie ich über ihn geredet habe? Ich hätte ihr meine Karte mit der Blogadresse geben sollen für den Fall, dass sie sich noch mehr und öfter entsetzen möchte. 

Vorhaut


Zwei kleine Jungs, der eine christlich, der andere jüdisch, teilen sich ein Zimmer in der Klinik. Beide sollen am nächsten Tag operiert werden und fürchten sich sehr.
Fragt der christliche Junge den andern: Was soll denn bei dir gemacht werden?
Ich habe vergrößerte Mandeln. Die wollen sie mir herausschneiden, antwortet der jüdische Junge.
Ach, das ist gar nicht schlimm, sagt der christliche Junge. Im Gegenteil. Hinterher kriegst du nämlich ganz viel Eis zu essen.
Nun würde der jüdische Junge den christlichen Jungen auch gerne trösten und fragt ihn, weshalb er operiert werden soll.
Ich habe eine Phimose, antwortet der christliche Junge. Bei mir soll die Vorhaut weggeschnitten werden.
Oh, oh, oh, oh, sagt darauf der jüdische Junge. Das ist wirklich schlimm. Ich bin am achten Tag nach meiner Geburt beschnitten worden und danach konnte ich ein Jahr lang nicht laufen .

Dienstag, 17. Juli 2012

Packpapier



Kauft, Leute! Kauft! Dann macht Uliane auch gleich wieder ein freundlicheres Gesicht.


Das Märchen von der Blume. Text von Ronald M. Schernikau. 1980 hat Uliane ihn gemalt, zum ersten Mal Texte von ihm gelesen. Bald darauf ist er in die DDR übergesiedelt. Begeisterter Kommunist. In der DDR als Schriftsteller so unbekannt geblieben wie in der BRD. Bekennender Schwuler, als das noch nicht so leicht zu haben war. Kurz nach dem Mauerfall ist er an AIDS gestorben.


Dass eine Blume nicht weg kann, dem ist schwer zu widersprechen, sage ich mürrisch und deute dann auf das Hellblaue links: Aber was für eine tolle Illustratorin du bist, Uliane!


Ich krittele weiter am Text rum: von wegen Anstrengung braucht Mut. Pfff. Aber gegen Ulianes Verehrung für Schernikau komme ich nicht an. Sie blättert die Seite um und zeigt mir strahlend, wann Mut möglich ist ... . - Ja, das ist gut, lenke ich ein.


1990 hat Uliane Das Märchen von der Blume heraus gebracht. Gedruckt auf feinem Packpapier. Wegen der Farbe. (Hell)Braun ist die Erde oder der Sand, in dem die Blume wächst. Für eine Überlegung wie diese könnte ich sie knutschen.


Von 100 gedruckten Exemplaren hat Uliane damals 40 gebunden. Die sind alle weg. Aus Anlass eines Seminars über das Werk Schernikaus hat sie im Frühjahr vier neue Exemplare gebunden. Bleiben 56 Exemplare, die in Druckbögen vorliegen und auf Anfrage von ihr gebunden werden, also noch zu haben sind. – Was kostet denn so ein Buch, frage ich und jetzt bitte nicht erschrecken. – 900 Euro! antwortet sie. Ich schlucke und sie sagt: Handgedruckt! Handgebunden! Was glaubst du, was für eine Arbeit in jedem einzelnen Buch steckt! – Ich verstehe. Aber ist das ein Verkaufsargument? Ich habe ein besseres: Exklusiv! Jedes Buch ein Kunstwerk. Kunst zum Durchblättern. Kauft, Leute! Kauft!


Anfragen an Uliane Borchert über ihre Website oder über Mail an Biest zu Biest.