Samstag, 19. Mai 2012

Delphi





Zuletzt kommen die Leute von der Galerie. Jetzt sind wir elf Zuschauer. Die beiden Männer hinter mir: hoffentlich hören die gleich auf zu schnattern. Apodiktisch? Sagt man apodiktisch, wenn einer sich so überzeugt äußert und keinen Widerspruch zulässt, fragt der eine.  Ist ja rührend, aber jetzt bitte Klappe halten! – Ja, antwortet der andere mit schon gesenkter Stimme. Denn jetzt wird es dunkel und der Vorhang geht auf. Die beiden Männer verstummen, sind so kultiviert, wie sie aussehen, 


Der Film A Village by the Sea beginnt ohne Titel und er wird enden ohne Credits. Dazwischen: ein Mann wie aus einem Filmmusical der 30er Jahre singt einen Song über eine Liebe wie aus einem Filmmusical der 30er Jahre. Als ich schon unruhig werde – wo ist die Geliebte? –,  erscheint sie erst in einem Spiegel, dann auf einer Couch sitzend und  sie singt den Song weiter, den der Mann angefangen hat. In einem Filmmusical der 30er Jahre wäre sie glamouröser, schöner. Dieser Bruch ist das Ereignis in den vier Minuten, die der Film dauert: dass die Frau aussieht wie eine verkleidete Bekannte des Künstlers, die in einer Galerie arbeitet, denke ich jetzt  im Kino habe ich gedacht, wie eine junge Hausfrau und Mutter aus einem besseren Vorort.

Ideal die Filmlänge. Keine Sekunde Langeweile. Keine Zeit, die Gedanken abschweifen zu lassen – vielleicht hin zu den monochromen Leinwandarbeiten in der Galerie Buchholz. Trotzdem will ich mir den Film von Mathias Poledna nicht noch mal anschauen bei der Wiederholung gleich im Anschluss. Aber seine Ausstellung werde ich mir noch mal angucken. Die beiden kultivierten Männer gehen auch nach der ersten Vorstellung, die acht anderen Zuschauer bleiben. 

A Village by the Sea
Bis 16. Juni 2012


Siehe auch Bel Étage
Kunst: ã Mathias Poledna

Freitag, 18. Mai 2012

Stubenrauchstraße



Weil ich denke, ich bräuchte ein Foto vom Grab Marlene Dietrichs, bin ich auf dem Friedhof am Südwestcorso, Ecke Stubenrauchstraße. Ich will das Foto rückwirkend posten in einem Blogeintrag vom 6. Mai, dem Todestag der Dietrich. Der Blogeintrag hat den Titel Marlene und drei Bilder einer jungen Frau mit diesem Namen gezeigt, die mir gestern eine Mail geschrieben hat, in der sie von mir verlangt, dass ich die Bilder entferne sowie einen Satz, mit dem ich sie zitiert habe, ach, und die Mail, die sie mir geschrieben hat, dürfe ich auch nicht zitieren. Burn after reading! 


Das Gute an der Aktion ist, dass ich jetzt inmitten des frischen Grüns stehe, das in dieser Üppigkeit in keinem öffentlichen Park der Stadt zu sehen ist.  Das Vorhaben, das Grabfoto an die Stelle der gelöschten Fotos zu setzen, gebe ich später auf, sonst glaubt die Mailschreiberin am Ende noch, ich würde ihr was Böses wünschen. Dabei hatte ich sie nur benutzt, um indirekt der Dietrich zu huldigen an ihrem Todestag. Eine Anspielung, die aber sowieso keiner verstanden hat, so unaufdringlich war sie. Wenn ich jetzt jedoch unter dem Datum des 6. Mai ihr Grab zeige, dann ist das plump und kitschig außerdem noch. Also habe ich das Marlene-Posting inzwischen ganz entfernt und zeige das Grabfoto hier. 


Drei Grabstellen weiter: 









Donnerstag, 17. Mai 2012

Bel Étage






Kein Titel. Als eine neue Serie von Leinwandarbeiten bezeichnet der Galerietext die auf drei Räume und vier Wände verteilten 36 monochromen Arbeiten. In der Farbgebung erinnernd an das rosa gefärbte Druckpapier der schönsten Zeitung der Welt. Die La Gazetta dello Sport-Assoziation nicht von mir; nachzulesen im sympathisch unprätentiösen Galerietext (*), sicher inspiriert von einem sympathisch unprätentiösen Künstler: Mathias Poledna. Die monochrom-pink-Serie hat er konzipiert als Gegenstück zu seinem 35 mm s/w Film A Village by the Sea, der stilistisch an eine Musical-Verfilmung der 30er und frühen 1940er Jahre erinnert. Siehe Plakat:


Der Film ist 4 Minuten lang. Er wird bis Mitte Juni jeden Samstag um 13 Uhr im Delphi Filmpalast gezeigt. Jeweils zwei Vorführungen. Eintritt frei. Pünktlicher Beginn. Kann sein, ich gucke mir den Film an. Aus Dankbarkeit für die Freude, die mir die 36 neuen Leinwandarbeiten von Mathias Poledna gemacht haben.

A Village by the Sea
Bis 16. Juni 2012

Fasanenstraße 30
10719 Berlin
030 88 62 40 56




(*) Zitat Galerietext: Während die spezifische Ikonographie und der Gefühlsreichtum im Film "A Village by the Sea" eine unmittelbare Zugänglichkeit evozieren, bleiben die monochromen Bilder der Ausstellung entschlossen undurchsichtig und widersetzen sich einer direkten Zuordnung. 


Kunst: Ó Mathias Poledna
Fotos: Ó w.g.

Parterre


Cerith Wyn Evans Untitled (Perfect Lovers +1)
wall clocks  Æ 24 each  2008
      

Wie die Uhren gehört die Pflanze zur Ausstellung. Hat der Künstler gesehen in dem Antiquitätenladen nebenan. Wollte er auch haben so eine Pflanze, um sie auf einer elektrisch betriebenen Drehscheibe zu präsentieren als ein objet d´art:
Dérive 2012
revolving platform with plant (monstera deliciosa)
dimensions variable

Dérive ein Begriff der Situationisten. Dériver = herleiten, herkommen, abstammen, vom Ufer abtreiben (rive = Ufer) oder situationistisch: das Erkunden einer Stadt durch zielloses Umherstreifen. Und was man von der Erkundung mitbringt in die Galerie, ist ein Dérive? Das auch der Titel der Ausstellung im Nebenraum - ist es nicht, Kabinett, ist es auch nicht, was ist es? Ein Gelass? Das noch am ehesten, das kleine Zimmer und die Diele dazu im Erdgeschoss des Hauses in der Fasanenstraße 30, in dessen 1. Etage sich die zur Zeit ganz besonders schönen Haupträume der Galerie Buchholz befinden.

Cerith Wyn Evans Untitled white paper with
ink drawing, alphabet cout out 130 x 99 cm 2012

"Dérive"
Bis 16. Juni 2012


Kunst: Ó Cerith Wyn Evans
Fotos: Ó w.g.

Mittwoch, 16. Mai 2012

In&On



Ausschnitt: Iggy Pop in New York 2003. Das vollständige Foto ist zu sehen bei Camera Work in der Kantstraße:
Anton Corbijn
Inwards and Onwards
Bis 9. Juni 2012


Im Hintergrund ein Porträt des Finanzmagiers Damien Hirst von 2011 und hier Mick Jagger, wie ihn nur seine Familie kennt, von 1996: 




Camera Work
Kantstraße 149
10623 Berlin


Fotos bei Camera Work: Ó Anton Corbijn

Affären

Kunst und Spekulation: Ist nach dem Finanzmarkt auch der Kunstmarkt durchgedreht? – Gestern Abend nicht zur Diskussion bei Gondwana gewesen, weil es schüttete, als ich hätte losgehen müssen. Das war jedoch nur ein Vorwand. Am Morgen hatte ich die genaue Anfangszeit nachgeschaut und gesehen, dass neben Christine Meixner vom Tagesspiegel und Heinz Stahlhut von der Berlinischen Galerie auch der Künstler teilnehmen sollte, den ich bei seiner Vernissage vor vier Wochen schon kaum ausgehalten hatte wegen durchfallartiger Redebeiträge und seiner Selbstverliebtheit, und ich wollte nicht noch einmal über ihn herziehen müssen. Schon gar nicht wegen seiner Selbstverliebtheit, seiner leidenschaftlichen Selbstverliebtheit. Wie schön für den Mann so eine heftige Affäre mit sich selbst zu haben, könnte ich denken, so großzügig wie ich sonst denke. Doch da bin ich kleinlich, weil meine Affäre mit mir selbst ein Hintertreppenverhältnis ist. Sex ja, aber keine Küsse. Und niemand soll davon erfahren. Wenn wir uns in der Öffentlichkeit begegnen, tun wir so, als würden wir uns nicht kennen. Das jetzt ein Witz. Im Ernst: So lange ich mit meiner Affäre mit mir selbst nicht ins Reine komme, indem ich mich entweder zu ihr bekenne oder sie beende, gehe ich Menschen lieber aus dem Weg, die so über beide Ohren in sich verliebt sind wie der aktuell bei Gondwana ausstellende Künstler.

Dienstag, 15. Mai 2012

Viktoria-Luise-Platz



So nah lässt sie mich heran, ohne wegzufliegen. Weil sie nicht kann. Verletzt.


Junges Paar kommt vorbei. Wären die beiden Vögel, wären sie auch Tauben und bestimmt auch in einem Viertel wie diesem: Viktoria-Luise-Platz
Stirbt, sagt die Frau zu ihrem Begleiter, als sie die Taube am Boden sieht. Sie schaut zu mir her, bemerkt meine Kamera. 
Ich versuche, ihrem Blick zu begegnen, doch sie schaut weg. Ich hätte gerne etwas gesagt dazu, warum ich das auf den Tod wartende Tier fotografiert habe. Natürlich nicht die Wahrheit.