Dienstag, 18. Dezember 2012

Schmöker


Lesestoff gesucht. Mindestens 500 Seiten, um darin verschwinden zu können. Es vielleicht doch mit dem letzten Roman von Haruki Murakami versuchen? 1Q84. Taschenbuchausgabe mit den ersten beiden Teilen (von dreien). Habenwollenreflex, als ich die schöne Aufmachung sehe. Weggehen. Überlegen. Wieder kommen. Preis? Fünfzehn Euro. Leiste ich ich mir. Aber Alternativweltgeschichte? Wenn schon ambitioniert, dann nicht lieber die neue Übersetzung von Gustave Flaubert, Madame Bovary? Der gesuchte Schmöker ist das nicht und die Mark-Twain-Tagebücher sind es auch nicht. Noch ein Tag Zeit. Das war gestern. Und noch gestern fällt es mir ein: Lion Feuchtwanger. Niemand hat lebhafter, süffiger erzählte historische Romane geschrieben in deutscher Sprache als er. Ja, Jud Süß ist von ihm. Aber sein Roman hat nichts mit dem zu tun, was die Nazi-Filmindustrie daraus gemacht hat. Feuchtwanger war selbst Jude und ist 1933 emigriert. Im kalifornischen Exil war er Nachbar und Freund von Bertolt Brecht. Die Konstellation nicht ganz ohne. Feuchtwanger der Bestsellerautor, dessen Romane sich auch in Übersetzungen ins Englische gut verkauften, Brecht, der in den USA kein Bein auf die Erde gekriegt hat, aber vor ärgster Not bewahrt geblieben sein dürfte durch seinen erfolgreichen Freund, den unermüdlichen literarischen Schwerarbeiter. Was hat Lion Feuchtwanger an Stoffmassen bewegt - und mit welch leichter Hand, so zumindest erscheint es uns Lesern. Nichts von ihm ist schwer zugänglich. Alles von ihm ist empfehlenswert. Mein Favorit das Mittelalterbuch: Diehässliche Herzogin Margarete Maultasch. Jetzt werde ich Goya lesen: Goya oder Der arge Weg der Erkenntnis. Bei Hugendubel in der Schlossstraße war der Titel vorrätig als Taschenbuch. Da war ich mir erst nicht sicher. 661 Seiten. Preis 14, 99 Euro.

Schenkt und lest Feuchtwanger!

Montag, 17. Dezember 2012

Gequetscht


U-Bahn Eisenacher Straße. Der Mann mit der gelockten Perücke will mir die Hand geben.
Ich gebe Ihnen keine Hand.
Warum nicht?
Weil Sie mir meine Hand einmal brutal gequetscht haben. Seither weiß ich, was für ein Unmensch Sie sind.

Heute Erschöpfung und Kräftesammeln. Morgen alles Mögliche vorzubereiten. Ab Mittwoch Unterbrechung. Mal sehen, wie lange. Danach komme ich zurück auf den Handquetscher mit der Perücke und dabei noch auf einen anderen Handquetscher, mit dem ich kurz nach dem ersten Vorfall das Gleiche erlebt habe.

Sonntag, 16. Dezember 2012

Kunstthema


Der Plan basierte auf der Illusion, ich fange an, indem ich Arbeiten der paar Künstler vorstelle, die ich kenne und wirklich gut finde - nicht nur so konzessionsgut, weil du mich unterstützt, unterstütze ich dich. Und dann wird sich das von alleine bewegen. Hinweise, Bewerbungen und ich greife mir das Beste heraus. Suchkriterium: meine ehrliche Begeisterung. Illusion zweiter Teil: Es gibt genug Kunst um mich herum, für die ich mich werde begeistern können. Lektion der Liste Tijanas: wie viel schwache Kunst gibt es. Wie oft werde ich noch ins Leere greifen. Wie viele Mails, Telefonate, Atelierbesuche werden umsonst sein. Nichts bewegt sich von alleine. Ich mache den Job eines Galeristen. Will ich das? Ich bin ein Erzähler. Ich wollte nebenbei Geld verdienen, indem ich andere Geld verdienen lasse. Aber das jetzt ist ein Aufwand für jemand, der nie etwas anderes wollte, als Kunsthandel zu machen.

Trotzdem keine verlorene Zeit. Das Jahr, in dem ich in der Schöneberger Kunstszene unterwegs war. Die Wochen, in denen der Plan einer Online Gallery entstand und verworfen wurde. Ich habe es gemacht, ich habe davon erzählt. Von Anfang an ist es hier ums Erzählen gegangen. Das Erzählen hat immer ein Was und ein Wie. In das Kunstthema bin ich hineingeraten, als ich Bilder im Blog haben wollte und auf die Idee kam, deswegen über Künstler zu schreiben, die ich kenne. Alles andere ist hier nachzulesen. Ich habe schon blödere Geschichten erzählt. Wenn ein Film nach einem Drehbuch von mir im Fernsehen gelaufen ist, habe ich ihn mir nicht angeguckt, bin rausgegangen aus der Wohnung, um nicht erreichbar zu sein. Bloß von niemandem darauf angesprochen werden! Es ist eine verdammte Auftragsarbeit, der Grundriss ist von mir, für alles andere kann ich nichts und ich schäme mich dafür. Vierzig Jahre Suche nach meinem Schreiben; für Schreiben setze Erzählen. In den Fernsehjahren war ich am weitesten weg von dem, was ich suche. Für die Schöneberger Kunstgeschichten muss ich mich nicht schämen. 

Samstag, 15. Dezember 2012

Schreck


Tijana lädt zu einer Ausstellung in Charlottenburg ein, wo sie zusammen mit drei anderen Ex-Stipendiaten neuere Arbeiten zeigt. Viele sind es nicht, denn sie muss weiterhin für eine andere Künstlerin malen: Arbeit für die Existenz, wie sie es nennt in ihrer Mail an mich. Sie erkundigt sich, was aus meinem Online Gallery-Plan geworden ist: ausgesuchte Arbeiten zum Verkauf anzubieten über meinen Blog. Anscheinend seien die Künstler nicht wirklich kooperativ gewesen, vermutet sie, nachdem sie bemerkt hat, dass ich das Vorhaben nicht mehr weiterverfolge. Ich antworte ihr, dass das nicht der Grund ist. Sondern dass ich erkannt habe, dass es sehr schwer sein wird, genug Künstler zu finden, deren Arbeiten ich mit ehrlicher Begeisterung vorstellen kann. Ich schreibe ihr nicht, wie ich darauf gekommen bin. Als wir uns zum letzten Mal gesehen haben im August, habe ich sie um Mithilfe bei meinem Vorhaben gebeten. Darauf hat Tijana mir umgehend eine Liste mit mehr als zehn Namen von Künstlerinnen und Künstlern geschickt, die sie von der UDK kennt, einige waren in ihrer Klasse und haben zusammen mit ihr abgeschlossen und von allen meint sie, dass ich mir ihre Arbeit einmal anschauen sollte. Ich beginne damit, indem ich mir ihre Websites anschaue. Erst will ich mir nur ein paar vornehmen und an den folgenden Abenden die anderen. Doch dann höre ich nicht eher auf, bis ich mit der Liste durch bin. Weil ich es nicht fasse, weil das doch nicht sein kann, dass es hier nicht ein einziges Bild oder Objekt oder Konzept gibt, bei dem ich aufmerke, das in mir den Wunsch weckt, mehr sehen zu wollen von dem Künstler, der Künstlerin, sie anzusprechen, ob sie sich mit einer von mir ausgewählten Arbeit in meinem Blog präsentieren will. Ich wüsste nicht, wie ich diese Arbeit finden sollte bei den mehr als zehn jungen Künstlern auf der Liste. Bei drei oder vieren würde es mir gelingen, wenn ich es erzwingen wollte. Aber sonst. Ich lasse alles Kunstkritische beiseite und formuliere es mal so: wenn ich eine Lehrperson wäre oder ein Galerist, bei dem sich die jungen Künstler bewerben, würde ich ihnen allen, auch den drei, vieren, raten, eine zweite Ausbildung für einen Brotberuf zu machen, weil es ihnen an etwas fehlt, das einem keine Akademie geben kann, das dort auch nicht unbedingt als Mangel festgestellt wird, weil es denjenigen, die es feststellen könnten, selbst fehlt, und wenn sie den Mangel erkennen sollten, dann sprechen sie es nicht aus, weil man das nicht macht, weil man das nicht zu jemand sagt: Du bist innerlich leer. Dir fehlt es an innerem Reichtum. Du hast keine Persönlichkeit. Und wenn du jetzt mit Anfang dreissig keine Persönlichkeit hast, dann wird das nichts mehr. Was vielleicht nicht stimmt. Auf jeden Fall hat mir die Liste von Tijana einen solchen Schreck eingejagt, dass ich ohne noch länger darüber nachzudenken, das Vorhaben einer Online Gallery in meinem Blog aufgegeben habe. Ich habe schon genug eigene Zitronen im Angebot, da muss ich nicht auch noch mit denen von anderen handeln. Ein weiterer Grund, ich habe immer wieder darüber geschrieben: die Selbstverliebtheit der Künstlerpersonen, junger wie alter, talentierter und untalentierter, netter und nicht so netter. Ich fand nie ein passendes Verhältnis dazu. Schief lachen darüber, hätte ich mich sollen. Ist mir nicht gelungen, weil ich selbst zu ernst war: Kunst geht nicht ohne Selbstverliebtheit, aber je schwächer die Kunst, desto lästiger das narzisstische Getue darum. So habe ich es mir zurechtgelegt. Nicht gelacht. Zu ernst gewesen. Schließlich die Schnauze voll gehabt von den Künstlern, habe ich Tijana geschrieben in meiner Antwort-Mail an sie und dass sie sich bitte ausgenommen fühlen soll davon. Ihr dann jedoch nicht geschrieben, was ich trotz aller Bewunderung für ihre Malerei ihr wünsche: dass sie eines Tages in ihr Atelier kommt und beginnt, eine Leinwand zu grundieren in den Farben ihrer Gefühle an diesem Tag, um so das Medium, den Äther zu schaffen, in dem sie ein weiteres Paar (oder ist es immer das gleiche?) schweben lassen wird. Doch dann auf einmal innezuhalten, vielleicht erst gar nicht zu wissen, was los ist. Aber schließlich ist es klar: dass sie genug schwebende Paare mit Totenköpfen gemalt hat.  

Red Touch of Poetry, Öl auf Leinwand, 162 x 197 cm, 2012


Gallery der Dorothea Konwiarz Stiftung in Berlin Charlottenburg.

The exhibition lasts from December 15, 2012 to January 16, 2013.

The exhibiting artists are: 
Carola Ernst
Kerstin Serz
Tijana Titin
Myrtia Wefelmeier

Dorothea Konwiarz Stiftung
Schlüterstr.71
10625 Berlin
T/F: (030) 310 17 190

Freitag, 14. Dezember 2012

Maskiert


Nimmermüder Boris Duhm. Im Frühling war er als Murid Bosch Kurator des großen Treptower Künstler Salons Für Hunde in der Zentralgrube. Bei der Documenta hat er im Kreuzberg Pavillon Kassel eigene Arbeiten ausgestellt. Von August bis Oktober hatte er in Lübeck zu tun, keine Ahnung, was, ich weiß nur, dass er so lange sein Zimmer am Boxhagener Platz untervermietet hat. Und jetzt, Vernissage war am Mittwoch, zeigt er eine Werkschau in der Godot Gallery in Budapest. Titel: Emotional Disasters and Masquerades.


Wer schon lange einen zwingenden Grund gesucht hat, um nach Budapest zu reisen, hier ist er. Die Galerie liegt 200 m oberhalb des Gellert Bades, unweit der Donau in Buda.

Boris Duhm
Emotional Disasters and Masquerades
Bis 19.01.2013
(vom 22.12.12 bis 1.1.13 geschlossen)

Godot Galéria
Bartók Béla Út 11
1114 Budapest, Ungarn

 Foto: © Boris Duhm

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Umsatz


Ganze Seite Interview mit Hans Barlach, der einen Anteil von 39 Prozent am Suhrkamp Verlag hält. Nicht zu empfehlen die Lektüre: anstrengend, ohne dass es sich lohnt. An einer Stelle zeigt sich, wie es ist, mit ihm zu streiten. Dass man sich einen Verlag leistet, um die eigenen Bücher herauszubringen - ich bin nicht der Meinung, dass man das muss, sagt er da, nachdem er zuvor die literarische Lebensleistung von Ulla Berkéwicz aka Unseld-Berkéwicz in Zahlen umrissen, man könnte auch sagen, beziffert hat. Man soll im Leben immer nur das machen, was man am zweitbesten kann, hat Marcel Proust einmal sinngemäß formuliert. Könnte es nicht sein, dass die Autorin Berkéwicz ganz froh ist, von den Aufgaben der Verlegerin  Unseld-Berkéwicz abgelenkt zu sein und sich für die Produktion anderer Schriftsteller einsetzen zu können. Was sie in den letzten zehn Jahren mit zunehmendem Erfolg getan hat. Während sie selbst in der Zeit nur einen Text veröffentlicht hat. Überlebnis der Titel; es geht ums Sterben, das Sterben ihres Ehemannes Siegfried Unseld. Und für nächsten Frühling ist angekündigt ein Text mit dem Titel Reine Erfindung. Keine Abrechnung mit ihren Feinden. Für den Zahlenmensch Hans Barlach ist das dann das dreizehnte Buch von Ulla Berkéwicz. Während er im Interview mit der FAZ  noch zwölf Bücher zugrundelegt, die sie geschrieben und seit 1982 bei Suhrkamp veröffentlicht hat. Die Bücher sind in siebzehn Sprachen übersetzt und 2010 hat der Verlag mit ihnen einen Umsatz von 500 Euro gemacht, 2011 waren es 800 Euro Umsatz, wie Hans Barlach feststellt in der Absicht, die Autorin und mit ihr auch die Verlegerin klein zu machen. Unsachlich, billig, unterste Schublade. Aber stimmen werden sie schon, die Zahlen. Und sie sind auch ohne Polemik, nur für sich genommen, bemerkenswert. Einfach so, zum Staunen.

Zwölf Bücher. In siebzehn Sprachen übersetzt. Umsatz 2010 500 Euro. 2011 800 Euro. Umsatz.

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Insichgeschäft


Entgegen meiner Gewohnheit setze ich mich in der U-Bahn, um die Telefon-Streichler besser beobachten zu können. Was machen sie, wenn sie mit dem Finger über die Displays ihrer Smartphones streichen? Nicht wischen, wie es immer heißt. Ein Streichen ist das, das bei dazu passender zärtlicher Miene wie ein Streicheln wirkt. Obwohl vielleicht gerade nicht mehr passiert, als dass das Telefonverzeichnis durchgeblättert, präziser: durchstreift wird. Das allerdings Beobachtungen bei einer jüngeren und einer schon etwas älteren Frau, die sich ihre Smartphones gerade erst gekauft zu haben scheinen. Alle müssen eins haben und es werden Jahre vergehen, bis sie gemerkt haben, dass sie nie mehr damit gemacht haben, als zu telefonieren - und es zu streicheln.

Die radioaktiv markierten Zuckermoleküle sind frisch geliefert worden und ich bin der Erste, der welche bekommt. Der Arzt, der sie mir injiziert, trägt eine schmale schwarze Hornbrille, und ist ein guter Typ. Füher hätte einer wie er mir nicht gefallen. Heute morgen wäre ich gerne er. Alleine schon deshalb, weil ich dann der wäre, dem die Bilder aus der Röhre zur Analyse vorgelegt werden und nicht derjenige, der nach zwei Stunden Stillhalten und einatmen, ausatmen, Atem anhalten und jetzt wieder ganz normal atmen immer noch nicht weiß, wie schlimm es ist.

Die Suhrkamp-Verlegerin lässt uns nicht los. Viel Meinung und Tadel heute. Unbestritten: Siegfried Unseld wusste, was er tat, als er den Verlag seiner zweiten Frau anvertraute. Inzwischen steht Suhrkamp so gut da, wie lange nicht. - Ulla Unseld-Berkéwicz, sie kann´s. Schauspielerin, Romanautorin, junge Frau eines alten erfolgreichen Mannes, nur leider viel zu früh verstorben, Witwe. Unterschätzt, angefeindet. Hat sie ausgehalten. Jetzt nur noch der Tölpel Barlach mit seinem Drittel-Anteil. Kein Gegner für sie. Für jemanden wie ihn gibt es Anwälte. Wenn sie jemand zu Fall bringen soll, muss sie das schon selber machen. Mit einem Insichgeschäft (sie vermietet ihre Villa zu Repräsentationszwecken an ihren Verlag), wie es tausendfach gemacht wird, man darf nur nicht dabei erwischt werden, wenn draußen ein Barlach lauert. Jetzt steht ihre Position als Geschäftsführerin auf dem Spiel und der Ruf ist sowieso ruiniert. Durchtrieben, aber nicht durchtrieben genug, die Gier war größer als die Schläue, und das alles zusammen so schandbar und klein, siehe den strengen Tadel von Jürgen Kaube. Leitartikel-Strenge. Doch so ist das Leben nicht. Ich möchte sie nicht gehen sehen. Ich wünsche sie mir in einer wichtigeren Rolle. Suhrkamp ist fein, aber auch zu klein für so eine Frau. Keine Ahnung, was es für sie sein könnte, auf jeden Fall müsste es etwas sein mit mehr Strahlkraft in die Öffentlichkeit, so dass wir mehr von ihr sehen und mehr von ihr haben.  



Foto von 2004 via Wikimedia Commons: Fotografiert von Shannon.